Montag, 24. Dezember 2012

Frohe Weihnachten

ggg

Ich wünsche allen meinen Bloglesern Frohe Weihnachten, erholsame Feiertage und
alles Gute für ein gesundes, erfülltes Jahr 2013.



Dienstag, 11. Dezember 2012

Hat dein Weg ein Herz?

Heute morgen öffnete ich eine E-Mail mit folgendem Inhalt, den ich gerne mit euch teilen möchte:

Aus dem gelebten Wissen der indigenen Völker, hier der Hopi-Indianer:

Jeder muss seinen eigenen Weg gehen.
Es gibt tausende Wege, auf denen man sich selbst entdecken und zu sich finden kann.
Lass Dir Deinen Weg von niemandem vorschreiben.    

Jeder Weg ist nur einer von Millionen  Wegen.
Deshalb musst Du immer daran denken, dass ein Weg nur ein Weg ist.
Wenn du glaubst, ihm nicht folgen zu dürfen,
dann darfst du unter keinen Umständen  auf diesem Weg bleiben.

Jeder Weg ist nur ein Weg.

Du beleidigst weder Dich noch andere, wenn du ihn verlässt, weil dein Herz es dir befiehlt.
Aber Dein Entschluss, auf dem Weg zu bleiben oder ihn zu verlassen, muss frei sein von Furcht und Ehrgeiz.

Prüfe jeden Weg gewissenhaft und gründlich.

Erprobe ihn, sooft Du es für nötig hältst.

Dann stelle Dir, und nur Dir selbst, die  Frage:

Hat dieser Weg ein Herz?
Alle Wege gleichen sich.
Sie führen nirgendwo hin.
Es sind Wege, die durch das Dickicht, in das Dickicht, oder unter das Dickicht führen.

Die einzige Frage ist, ob dieser Weg ein Herz hat.

Wenn ja: beschreite diesen Weg
Wenn nein: Dann ist der Weg wertlos  

Sonntag, 9. Dezember 2012

Lob und Tadel

Meine Freundin Julia kam kürzlich von einem Seminar zurück mit der Behauptung, dass "sich erklären" nicht integer sei. Da ich ein Gefühlsempiriker bin, kann ich Dinge, die ich nicht selber "durchfühlt" habe, zwar stehen lassen, aber nicht annehmen. Ich brauche ein gefühltes Wissen zu Behauptungen, sonst bleiben sie in ihrer Bedeutung leer für mich.
Und so gibt mir das Leben immer wieder Gelegenheiten mein eigenes Wissen zu erweitern.

Als ich am Samstag in eine Diskussion um Sinn- und Zweckhaftigkeit bestimmten Tuns geriet, glitt ich selber in eine Erklärungshaltung, warum ich bestimmte Dinge gerade nicht mache. Ich bemerkte meine Haltung, konnte jedoch nicht aufhören, bis ich meine Erklärung zu Ende gebracht hatte. So verhält es sich in letzter Zeit immer öfter. Ich bemerke, dass meine Aktion oder Reaktion ziemlich daneben ist und führe sie zu Ende, weil ich zum Schluss erkennen kann, was meine wahren Beweggründe sind.
In diesem Fall war es das Bedürfnis nach Bestätigung.
Obwohl ich davon ausgehen konnte, dass mein Gegenüber kein Verständnis dafür hat, dass ich bestimmte Dinge gerade nicht mache, wollte ich von ihm hören, dass es in Ordnung ist.

Und mir wurde klar, dass wir sehr oft in dieses kindliche Verhalten rutschen und von einem anderen hören möchten, dass unser Verhalten völlig okay ist, wenn auch absolut unverständlich. Es braucht viel innere Stärke Dinge zu tun, die sich aus einem Selbst heraus richtig anfühlen, von der Umgebung jedoch mit Unverständnis, vielleicht sogar Ablehnung, quittiert werden.
"Bin ich richtig? Mache ich das richtige? Kann es wirklich richtig sein, nur weil es sich für mich richtig anfühlt und für keinen anderen sonst?"
Wir haben gelernt auf Lob zu reagieren, genau so wie auf Tadel. Lob und Verständnis bringen uns vorwärts, Tadel oder Unverständnis blockieren uns.
Daraus gilt es hervorzutreten. Und dafür braucht es Selbstvertrauen, Vertrauen in das, was sich in mir richtig anfühlt und wenn auch nur in mir und in keinem anderen sonst.
Auf Bestätigung verzichten zu können heißt sich seiner selbst sicher zu sein. Selbstsicherheit ist ein Aspekt der persönlichen Integrität.
"Ich bin mir sicher", das bedeutet in sich sicher und geborgen zu sein, Zweifel ist der Sturm, der uns manchmal beutelt, ist unsere Basis stabil, bleiben wir standhaft.

Als ich vor Jahren begann Kampfkunst zu praktizieren, war ich irgendwann frustriert, da mich mein Trainer weder lobte noch kritisierte. Ich wusste nicht wo ich stand.
Da fiel mir bei einem Freund das Büchlein "Krieger des Lichts" von Paolo Coelho in die Hände und ich fand die richtige Passage. Da stand: Ein Krieger des Lichts braucht weder Lob noch Tadel, denn beides bringt ihn von seinem Weg ab.
Und da verstand ich, dass ein anderer nicht darüber urteilen kann, ob du etwas gut oder schlecht machst. Du machst es, wie es für dich eben möglich ist. Alles, was du tust, tust du für dich. Deswegen bedarf es auch keiner Bestätigung. Du alleine kannst für dich beurteilen, ob das, was du tust, für dich gut ist. Meine Kata kann den einen berühren und den anderen nicht. Das ist unwichtig. Alles was zählt ist, wie ich mich dabei fühle. Das gilt auch fürs Leben. Wichtig ist, wie du dich bei dem fühlst, was du tust. Wichtig ist, die Motivation für das, was wir tun, aus uns selbst zu holen. Dann werden wir unabhängig. Und ehrlich.

***

Eine Zusammenfassung zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Ist die Aufgabe von Erfolg Verrat?".



Montag, 3. Dezember 2012

Integrität

Die Themen, die zur Zeit beschäftigen, sind Neutralität und Akzeptanz.
Akzeptanz bedeutet die Dinge so zu nehmen, wie sie sind. Wenn wir aufhören in gut und böse einzuteilen, in richtig und falsch zu werten, wenn wir die Dinge stehen lassen können wie sie sind ohne ständig irgendwas oder irgendwen verändern zu wollen, kommen wir in die Neutralität. Alles hat einen Wert, denn es gibt nur Erfahrung und mit Neutralität werden die Dinge gleich wertig. Wir müssen den Schmerz nicht mehr verdammen und das Glück nicht mehr lobpreisen. Es ist gut, so wie es ist.
Je mehr wir wegkommen von Werturteilen, desto mehr können wir bei uns bleiben. Wenn alles gleichwertig ist und alles gut so wie es ist, was gibt es dann noch zu tun? Das, was es für jeden einzelnen von uns zu tun gibt - sich selber treu zu bleiben. Das ist Integrität. Neutralität bedeutet  nicht die Hände im Schoß zu falten und abzuwarten wie sich alles entwickelt. Es geht nicht darum passiv zu werden. Es gilt alles loszulassen, von dem wir dachten es tun zu müssen. Dieses Loslassen ist wie ein Erlischen und kann in einer sinnentleerten Leere münden, die uns oft in Desorientierung zurücklässt, da alles, was bisher gültig war, seine Gültigkeit verliert. Ist alles in uns erloschen, für das wir einmal gebrannt haben oder dachten brennen zu müssen, darf das aufflackern, was schon lange tief in uns glimmt und nur darauf wartet zum Aufleuchten gebracht zu werden. Das gilt es zu hüten. Dem gilt es treu zu bleiben. Denn wir sind hier um das Leben zu lieben und die Liebe  zu leben. Nicht mehr und nicht weniger.


Integrität bedeutet dir selber zu vertrauen und dein eigener Lehrer sowie dein Schüler zu sein.
Integrität bedeutet auf Lehrer aus dem Außen zu verzichten, durch die du dich selber zum Schüler ohne inneren Meister degradierst.
Integrität bedeutet dein eigener Meister zu sein, denn dann bist du frei von äußerlichen Manipulationen und jede andere Meinung, die dich etwas lehren will, ist Manipulation, da sie dir eine Richtung vorweist.
Du kannst dir von anderen Motivation und Inspiration holen, selten jedoch Antworten auf deine innersten Fragen.
Nur du kannst herausfinden, was für dich passt und was du tun musst, um dir selber treu zu sein.
Treue sich selber gegenüber kann auch bedeuten, sich für Schwächere einzusetzen. In der U-Bahn oder woanders.
Es kommt auf den Impuls an, der aus deinem Inneren kommt.
Sagt er "Geh" dann geh, sagt er "Stop" dann halte ein.
Nichts muss getan werden, es kann getan werden, wenn du es tun willst.
Das ist alles.
Höre auf dich und hör auf auf andere zu hören.
Der Meister ist in dir, nirgendwo sonst.
Ein Meister ist respektvoll, aber nicht gefällig.
Gefälligkeit ist das, was uns letztendlich zu Fall bringt.
Bleibe aufrichtig, in deiner inneren sowie in deiner äußeren Haltung.
Manchmal bereuen wir, dass wir etwas getan oder dass wir vermieden haben etwas zu tun.
Integrität bedeutet auch die volle Verantwortung für die Konsequenzen zu übernehmen, die sich aus unserer Entscheidung zum Handeln oder zum Nicht-Handeln ergeben.
Integrität bedeutet: Ich stehe voll und ganz zu mir.
Höre dir zu.
Manchmal müssen wir dafür in die Stille gehen, weil der Lärm um uns herum so laut ist,
dass wir unsere leise innere Stimme nicht mehr hören und sie ist der wahre Wegweiser.

***

Eine Zusammenfassung zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Ist die Aufgabe von Erfolg Verrat?".




Dienstag, 27. November 2012

Weiblichkeit und Männlichkeit


A mysterious woman

who wants to maintain
her charismatic appearance
needs to do things
no man on earth
will ever understand


Diese Zeilen habe ich heute auf der Seite von Mizzie Morawez gefunden und sie geben mir die Antwort auf eine Frage, die ich schon lange mit mir herum trage.

Ich komme gerade von einem viertägigen Kampfkunstseminar. Das Praktizieren von Karate ist im fortgeschrittenen Bereich noch immer überwiegend eine Männerdomäne und dementsprechend geprägt. Es wird behauptet, dass nicht unterschieden wird zwischen Männerkarate und Frauenkarate und doch sehe ich Unterschiede. Das Leben auf der Matte spiegelt in einem kleinen Kosmos genau das wieder, was draußen auf anderen Plätzen stattfindet. Viele Frauen, die sich der Kampfkunst widmen, haben einen großen männlichen Anteil in sich. Im Laufe der Zeit werden sie männlicher als so mancher Mann, da sie denken sich anpassen zu müssen, um mithalten zu können.

Meine Entwicklung ist gegenläufig und ich frage mich oft, wohin ich gehe.
Ich musste auf die Matte, um zwischen all den Männern zu erkennen, dass ich kein Mann bin. Heute fühle ich mich weiblicher denn je und verstehe, dass ich einen anderen Weg als den männlichen gehen muss, um bestehen zu können. Es gilt den weiblichen Weg zu gehen in einer männlichkeitsdominierten Welt. Frauen erfahren in der Männerwelt immer wieder Unverständnis, das oft einer männlichen Verunsicherung entspringt, die dann versucht die Weiblichkeit klein und nichtssagend zu machen. Aber Weiblichkeit ist bezwingend. Mehr als alles andere. Haben Männer Angst davor?
Ich fühle mich oft missverstanden in diesem männlich orientierten Kosmos und möchte gerne verstanden werden. Mizzie lässt mich erkennen, dass ich nicht verstanden werden muss, vielleicht sogar nicht verstanden werden kann, wenn ich meinen weiblichen Anteil leben will. Denn Frauen werden für Männer immer ein Mysterium bleiben. Vielleicht soll es so sein.

Ich sehe in dieser Welt einen großen Bedarf an echter Weiblichkeit, die sich am Gefühl statt am Verstand orientiert. Ich sehe einen großen Bedarf an Weichheit statt Härte, an Sanftmut statt Aggression, an Miteinander statt Gegeneinander, an Zärtlichkeit statt Abwehr durch Kontrolle.
Es würde auch den Männern gut stehen sich zu ihrem weiblichen Anteil zu bekennen, der in jedem vorhanden ist und bisher nur den Homosexuellen zugestanden wird. Der weibliche Anteil im Mann bedeutet Güte. Und wer möchte behaupten, dass es davon genug in unserer heutigen Gesellschaft gibt? Güte bedeutet nicht gutmütig. Güte bedeutet Milde statt Häme, Verständnis statt Intoleranz, Gelassenheit statt Konkurrenz, Friede statt Kampf.

Ich kann hier nicht für Männer sprechen, ich kann für mich als Frau sprechen und ich sage: 
Wir Frauen brauchen echte Männer um zu unserer echten Weiblichkeit zu gelangen. 
Und umgekehrt dürfte es genau so sein. Für Echtheit braucht es Ganzheit. Sprich Akzeptanz aller Anteile, die in uns sind. Ganzheit bedeutet Präsenz.
Das hat nichts mit Gleichmacherei zu tun, sondern mit Annäherung und Wertschätzung für alles, was ist und wie  es ist. Anerkennung des Unterschiedlichen aus dem sich die Anziehung und Vielfalt nährt, die den Reichtum unseres Lebens ausmacht.

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Bjørn Thorsten Leimbach bringt es ganz gut auf den Punkt "Herzenskrieger oder Wo die echten Kerle seminaren"

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Dieser Beitrag ist Teil einer Themenzusammenfassung, die Sie unter "RaumZeiten" auf meiner Homepage finden.




Donnerstag, 1. November 2012

Skyfall oder Der Bond in uns


Barbara Broccoli ist James Bonds wahre Chefin, denn sie bestimmt den Hauptdarsteller, die Story und das Girl.
Sie ist eine der mächtigsten Hollywood-Produzentinnen der Welt und übernahm 1995  die Londoner Bond Produktionsfirma EON, die ihr Vater gegründet hatte.
James Bond ist für sie so etwas wie ein Held des Zeitgeistes, daher auch die wechselnden Darsteller mit ihren unterschiedlichen Charaktermerkmalen, die dem aktuellen Zeitgeschehen angepasst werden.
Daniel Craig spiegelt als angeschlagener Bond die angeschlagene Welt des 21. Jahrhunderts, ein andersgearteter Einzelkämpfer, der das Publikum an seinem Innenleben teilhaben lässt. Dieser Bond zeigt Gefühle, körperlichen und emotionalen Schmerz. Er ist der Bond, dessen Anzug nach einem Handgemenge nicht mehr unversehrt aussieht, der Bond, dem man nach einem Kampf die Strapazen ansieht, der Bond, der am authentischten wirkt. Der Bond, der sagen könnte "Weißt du überhaupt, was das mit mir macht?"

Barbara Broccolis Vater pflegte zu sagen, dass die Figur James Bond größer sei als ihre Darsteller.
Was ist es, das diese Figur und den jeweiligen Darsteller für Frauen und Männer gleichermaßen attraktiv macht? Was macht einen Helden aus, der jedem Zeitgeist gerecht wird? Was macht einen Helden aus, der alles überlebt?
Bond mag die Regeln seines Jobs immer wieder unterlaufen, aber er darf nie korrupt sein. Er muss ein harter Kämpfer sein, aber nicht zu brutal und nie sadistisch. Er ist verletzlich und psychologisch tiefer geworden. Aber er ist kein Weichling.
Ist das nicht die Art von Mann, den sich Frauen wünschen und ist das nicht die Art von Mann, die Männer gerne wären?
Was wäre die Welt voller Bonds?
Wie heißt es so schön in der deutschen Sprache "Es ist noch kein Bond vom Himmel gefallen", aber einen winzigen Aspekt dieses aktuellen Zeitgeist-Helden in uns wachzukitzeln, wäre schon klasse.



Montag, 29. Oktober 2012

Sag einfach alles ab

So stand es auf dem T-Shirt eines jungen Mannes und diese Worte fielen mir sofort ins Auge, als ich bei unserem ersten frühjährlichen Biergartenbesuch auf einer Bierbank saß und ein Radler trank.
Es war nicht der Rat eines Arztes, den ich wegen Erschöpfung hätte aufsuchen müssen oder der wohlmeinende Tipp eines Freundes, bei dem ich mich über Stress in meinem Leben beklagte.

Nein, es war der Druck auf einem quietschgrünen T-Shirt eines sehr lebendig und lebensfreudig aussehenden Jünglings, der eher danach aussah, als ob er nichts auslassen würde.
Vielleicht war dieser Widerspruch der Anlass dafür, dass mich diese Worte das ganze Jahr über begleiteten. Sie kamen mit einem durchaus positiven Ausdruck.
Es war Frühjahr, das Leben spross überall hervor und ein Event folgte dem anderen, wie auch Termine und Verpflichtungen.
Jedes Mal, wenn ich den Ansatz von Überforderung spürte, tauchten diese Worte vor meinem inneren Auge auf  "Sag einfach alles ab", sie kamen freundlich und lebensbejahend mit einem Schmunzeln und Zwinkern. Ich sagte ab, was immer sich nicht gut anfühlte und abzusagen war. Und ich merkte, dass es wenige Dinge gibt, die getan werden müssen.

Nun ist es Herbst, die Umstellung auf Winterzeit will noch nicht ganz gelingen, die Tage sind kurz und werden immer kürzer. Ich habe mich das Jahr über trainiert im Absagen und statt wochenendlicher Events gab es viele stille Momente im Garten. Nun genieße ich die ruhigen Momente mit einer wärmenden Decke und einer heißen Tasse Tee auf dem Sofa.

Das Wort "Stress" mochte ich noch nie. Zwischendurch habe ich viel zu tun und bin gut beschäftigt. Fühle ich mich nach Ruhe, dann sag ich einfach alles ab.

Probiers mal und
Sag einfach alles ab


Sonntag, 28. Oktober 2012

Eigentum schafft Eigentümlichkeit

Gestern las ich einen Artikel über Jean Améry (1912 - 1978). Der Artikel trug die Überschrift "Die Vielen und ihr Eigentum".
Beschrieben wurde ein Hafterlebnis von Améry, das ihn zu der Erkenntnis brachte, dass wir aus Eigentum unsere Eigentümlichkeiten entwickeln. Wird uns unser Eigentum genommen, verlieren wir unsere Eigentümlichkeiten und damit unsere Identität.
Das Leben in Haft unterscheidet sich vom Leben in relativer Freiheit.
Ich kenne Leute, die alles Materielle verloren haben. Letztendlich bleiben die, die ein wirkliches Interesse an der Person haben. Familie und Freunde, die bereit sind einem die Hand hinzuhalten. Mit ihrer Hilfe können wir wieder aufstehen. Und das ist was zählt.
Nicht auf der Strecke bleiben, sondern aufstehen, neu beginnen, weitermachen. Leben.

Améry sagte, dass ihm durch das Nehmen von Kleidern, Schuhen, Haaren sein "phänomenaler Raum" zerstört wurde. Der Raum, in dem er durch Eigentum Gebärden und Gewohnheiten, eben seine Einzigkeit, entwickeln konnte. Und dass das Verlangen nach wahrhaft unveräußerlichem Eigentum, nach Ausschließlichkeit eines je so und nicht anders gearteten Besitzes, in der Grundkondition der Körperlichkeit wurzelt. Weil am Anfang nicht das Wort, sondern die Erfahrung ist, nicht der Geist, sondern der Leib.
Eigentum schafft Identität. Identität definiert unser Ego. Ohne Eigentum also kein Ego.
Wie wichtig ist unser Ego und damit unser Besitz?

Am Ende des Artikels wurde folgendes zitiert:
So wie ich meinen Körper habe, der den anderen Körper zwar unter Umständen ersehnt, ihn aber allerwegen auch scheut, so verlange ich auch nach einem phänomenalen, diesen Körper in die Weite führenden Raum.
...
So wie ich an anderer Stelle den Freiheitswunsch auf das Bedürfnis nach Atemfreiheit glaubte zurückführen zu dürfen, so meine ich, dass die Forderung nach Eigentum ein Derivat des Dranges nach physischer Bewegungsfreiheit ist - und: nicht zuletzt Sublimierung des Verlangens, mir etwas einzuverleiben, denn auch in der Zuführung von Speisen erweitere ich meinen Körper, diesen letzten und äußersten Bezugspunkt meines Ich.
In einer meiner Ausbildungen haben wir die kosmischen Gesetzmäßigkeiten durchgenommen. Eine dieser Gesetzmäßigkeiten lautet:
Wie im Innen so im Außen und wie im Außen so im Innen oder Mikrokosmos gleich Makrokosmos und Makrokosmos gleich Mikrokosmos.
Was bedeutet: In einem jeden kleinsten Teil von uns ist alles enthalten, was das große Ganze ausmacht. Eine Zelle spiegelt das Universum.
In einer Gruppe stellte ich einmal die These auf, dass jeder von uns ein Planet in seinem eigenen Universum ist. Wie die Erde, auf der wir wohnen, drehen wir uns immerwährend um die eigene Achse, sind wir nicht zentriert, fangen wir das Eiern an. In unserer Selbstzentrierung versuchen wir alles zu halten, was zu uns gehört, was uns zu dem Planeten macht, der wir sind. Wir üben unsere Anziehung aus. Ereignet sich auf unserem Planeten ein Tsunami, können wir anderen Planeten davon berichten und ihnen einen Rat geben, wie sie es vermeiden oder managen können. Es kann aber immer nur ein Rat bleiben, denn auf jedem Planeten herrschen unterschiedliche Zustände. Keiner gleicht dem anderen.

Wenn wir eine Abbildung des großen Ganzen sind, dann es ist für uns nur natürlich, dass wir genau so in der Ausdehnung sind, wie es das Universum ist. Wohin sich das Universum auch ausdehnt, wir tun es ihm gleich. Wie ist Ausdehnung, das Vergrößern unseres phänomenalen Raums möglich, wenn wir mit anderen Universen überschneiden? Kann es sein, dass sich, so wie sich unsere phänomenalen Räume in einer überbevölkerten Welt überschneiden (müssen), auch Universen überschneiden? Keinem von uns ist der phänomenale Raum eines anderen wirklich ersichtlich. Der materielle Raum ja. Wir sehen das Ausmaß eines Grundstücks mit Pool und zwei Doppelgaragen, in denen vier Autos geparkt sind. Ist es nur der materielle Raum, den wir uns schaffen müssen um uns zu identifizieren oder gibt es da auch etwas wie einen "geistigen phänomenalen Raum", in den wir uns ausdehnen wollen?
So wie sich die Körperumfänge vieler Menschen auf dieser Erde ausdehnen und sie damit, laut Améry, ihre äußersten Bezugspunkte weiter stecken, könnte es doch auch ein Bestreben nach Ausdehnung der innersten Bezugspunkte geben. Ein Bestreben nach Ausdehnung all dessen, was uns innerlich definiert, was nicht wirklich sichtbar ist. Wohin könnte es sich ausdehnen? Und was sind die maximalen Bezugspunkte bevor wir explodieren oder implodieren?




Donnerstag, 25. Oktober 2012

Petition zur Aufhebung des Glühbirnenverbots


Sind Sie umweltbewusst und haben Ihren Haushalt bereits mit Energiesparlampen ausgerüstet? Oder betrachten Sie diese Lampen mit einem unbehaglichen Gefühl? Ihr Gefühl hat recht.
Was uns unter "umweltbewusst" verkauft wird, schädigt uns auf allen Ebenen.
Bitte schauen Sie sich diese Informationen an und bilden Sie sich Ihre eigene Meinung.

Bulb fiction, Inhalt des Films, Die Geschichte von Max

Was muss passieren bis wir aufwachen?

Liebe Blogleser,
diesen Beitrag habe ich bereits im Mai geschrieben.
Heute möchte ich Sie auf eine Seite aufmerksam machen, auf der Sie eine Petition zur Aufhebung des Glühbirnenverbots unterzeichnen können.
Der Aufruf zur Petition darf ausdrücklich verlinkt werden.

Montag, 8. Oktober 2012

Amazonen der Moderne - Kämpferinnen gegen den Brustkrebs


Uta Melle ist eine wunderschöne Frau. Ihr fehlen beide Brüste. Nachdem 2009 bei ihr Brustkrebs diagnostiziert wurde, entschied sie sich beide Brüste abnehmen zu lassen.
Aus dieser Erfahrung heraus trommelte sie 20 brustkrebskranke Frauen zusammen und startete das Amazonenprojekt.

Nach Großstädten wie Hamburg, Düsseldorf, Berlin und Wien kommt die Ausstellung zu diesem Projekt in die Metropolregion Nürnberg-Fürth-Erlangen und ist vom 13. - 26. Oktober 2012 im Rahmen der FrauenGesundheitstage im Facharzt Forum Fürth zu sehen.
Am 23. Oktober um 17 Uhr wird Uta Melle persönlich anwesend sein und einen Vortrag zum Thema "Sexualität und Brustkrebs" halten.

Mehr Informationen hier.

Erfolg ist eine Illusion


Liebe Blogleser,

auf Anregung meiner Freundin Julia poste ich hier einen Beitrag, den ich heute morgen in einem Forum für EFT-Anwender geteilt habe. Er ist für alle, die zur Zeit frustriert sind und das Gefühl haben, dass andere an ihnen vorbeiziehen. Er ist für alle, die hart arbeiten und keinen sichtbaren Erfolg vorzeigen können. Er ist für alle, die sich momentan in einem Vakuum fühlen, in dem es nicht wirklich vorwärts geht. Für alle, die eine innere Unruhe spüren und meinen, sie müssten noch mehr tun als bisher. Für alle, die sich fragen, was sie in ihrem bisherigen Leben getan haben um nun an einem Punkt zu sein, den sie nicht angestrebt haben. Ihr seid nicht alleine.


Ich beobachte gerade folgendes.
Es gibt Leute, die sehr aktiv dabei sind ihre Ziele zu verfolgen und auch erfolgreich zu sein scheinen.
Und dann gibt es welche, die sehr viel getan haben und nun äußerst frustriert sind, da sie sich scheinbar von ihren Zielen entfernt haben. Wo die Leute rauskommen, die erfolgreich zu sein scheinen, darüber kann ich nichts sagen. Ich kann etwas zu denen sagen, die frustriert sind, weil es bei all den anderen so gut zu klappen scheint und bei einem selber nicht.
Die, die denken, dass sie zwar wo hingekommen sind mit all ihren Bemühungen, aber nicht dahin, wo sie hinkommen wollten und eben nicht das Ziel erreicht haben, das sie ansteuerten, die sind wesentlich näher an ihrem wahren Ziel dran, als sie denken.

Es herrscht gerade so etwas wie eine bedeutungsvolle Pause in einer Zeit, die ihre Bedeutung verliert.
Es gilt nichts zu tun, sondern einfach nur zu sein.

Schwer für uns, die dazu erzogen wurden immer tätig zu sein und tun zu müssen und und und ... wer gerade frustriert ist, dass er nichts (erreicht) hat und deswegen nichts ist, ist auf genau dem richtigen Weg. Es gilt nicht in Aktionismus zu verfallen, sondern das zu beklopfen, was uns frustriert fühlen lässt, um wieder in unsere Mitte zu kommen. Jeder von uns hat unglaublich viel erreicht und ein Ergebnis, das bisher unter erfolgreich verbucht werden konnte, verliert seinen Wert und seine Bedeutung.
Es gilt im Moment aus der Unruhe, die der gefühlte Stillstand oder vielleicht sogar Rückschritt oder Rückfall in uns auslöst, in die Ruhe zu kommen und einfach nur das zu sein, was wir sind.
Deswegen dranbleiben - den Frust und oft auch die Angst klopfen und ganz viel ausruhen. Aktionismus ist gerade nicht erforderlich, es gilt die Ruhe zu halten, in sich hineinzuschauen, zu hören, bei sich zu bleiben.

Die bisher gesetzten Ziele werden sich als Illusion erweisen, einzig und allein dazu da uns Erfahrungen machen zu lassen. Wichtig ist es Ziele in der eigenen Vervollkommnung anzustreben. Ziele wie Toleranz, Respekt, Wertschätzung, Dankbarkeit durch permanente Überprüfung unserer Gedanken. Und zur Zeit wichtig: Mitfreude. Oft ist von Mitgefühl die Rede, Mitgefühl können wir mit Menschen haben, denen es vermeintlich schlechter geht als uns. Mitgefühl zu haben ist eine leichte Übung im Vergleich zur Mitfreude für Menschen, denen es vermeintlich besser geht als uns, denen Dinge vermeintlich besser gelingen als uns. Es gilt den Konkurrenzgedanken auszuschalten und Ziele im Sein anzustreben und weniger im Tun und damit Erreichen. Das Sein führt uns zum Erfolg, zum wahren Ziel, das nicht von unserem Ego bestimmt wurde. Alles andere ist Illusion.

Das mag ein wenig abgehoben klingen, aber ich weiß, dass es bei dem ein oder anderen etwas zum Klingen bringen wird. Deswegen teile ich es.




Mittwoch, 3. Oktober 2012

Der Einfluss unserer Ahnen

Wenn unser Fokus auf etwas gerichtet ist, werden wir fündig.
Mein Interesse gilt den transgenerationalen Traumata und mir fiel ein Buchtipp in unserer Tageszeitung auf, der in der aktuellen Beilage sechs+sechzig/Ausgabe 3/2012 für Senioren steht.
Es geht um das aktuelle Buch "Die geheimen Ängste der Deutschen" von Gabriele Baring. Die Bildunterschrift zum Foto der Autorin lautet "Gabriele Baring wirft einen völlig neuen Blick auf unsere Gesellschaft".
Naja, so völlig neu ist der Blick nicht, da sind dem Autor des Artikels wohl die Bücher von Sabine Bode entgangen, die bereits 2004 mit dem Buch "Die vergessene Generation - Kriegskinder brechen ihr Schweigen" einen Auftakt startete, der mit "Kriegsenkel - Die Erben der vergessenen Generation" und "Die deutsche Krankheit - German Angst" (2006) seinen Lauf nahm.
Frau Bode ist Journalistin, Frau Baring ist Familientherapeutin.

Kann ein Krieg Menschen zerstören, die erst viele Jahre später geboren wurden?

Das ist die zentrale Frage. Und nicht nur Frau Bode, Frau Baring und Altbundeskanzler Helmut Schmidt sind sich einig darüber, dass die Deutschen zum Zweifeln und Zaudern neigen und oft depressiv sind.

Zitat Helmut Schmidt
Die Deutschen haben die Neigung sich zu ängstigen. Das steckt seit dem Ende von Nazizeit und Krieg in ihrem Bewusstsein.
Zitat aus dem Artikel
Nach den Erkenntnissen der Autorin und Familientherapeutin sind es vor allem unbearbeitete Themen, der Schmerz, die Trauer, der Schock der früheren Generation, die so lange nachwirken. Positive wie negative Eindrücke hinterließen ihre Spuren in der Familie. Nichtaufgearbeitete Traumata der Vor-vor-Generationen hätten Einfluss auf das Hier und Jetzt. Vergewaltigungen, Verletzungen, alle erlebten Gräuel der Kriege würden weitervererbt. Ein Beispiel für die gewagte These: Wenn der Vater die Tochter misshandelt, liege es auch an der Mutter, die auf diese Weise die nicht erfüllte Sexualität des Mannes auf das Kind übertrüge. Baring behauptet, die Mutter gibt das weiter, was sie nicht erfüllen kann, sie schaut nicht weg, wie so oft gesagt werde, sie trägt zur Tat bei. Die Angst bleibt innerhalb der Familie, sie bleibt geheim
Und ich frage mich, wie viele Geheimnisse welcher Art hinter jeder einzelnen Haustüre schlummern. Was in unseren Familien wirkt, ohne im Bewusstsein der einzelnen Mitglieder zu sein.

Zitat Autorin
Ohne den Blick auf die tiefere Dynamik der eigenen Familie, ohne die Einsicht in das dichte Gewebe von Individual- und Kollektivgeschichte sind weder Erkenntnis noch Heilung möglich. Durch die Auseinandersetzung mit dem Schicksal unserer Ahnen könne verhindert werden, dass die folgenden Generationen seelischen Schaden nehmen
Und die Familientherapeutin, Autorin und Mutter zweier Kinder tut etwas, was bisher nicht durchgedrungen ist. Sie hat den eigenen Anspruch ihrer Familie so wenig unbearbeitete Themen wie möglich zu hinterlassen.

Mehr von diesen Büchern und es dringt vielleicht ins Bewusstsein, dass wir nicht nur ein materielles, sondern auch ein emotionales Erbe an unsere Nachfahren weitergeben, für das wir die Verantwortung tragen.

Im Buch von Gabriele Baring wird mit Stammbaumbeispielen die Verdrängung in den Familien prominenter Politiker wie Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, Ex-Bundespräsident Christian Wulff oder Ex-Verteidigungsminister Theodor zu Guttenberg beschrieben.

Zitat Autorin zu Guttenberg
Man kann sein Verhalten auch so deuten, dass dieser brillante Mann unbewusst sein eigenes Scheitern organisierte, weil er dem Familienauftrag von Ruhm und Glanz nicht mehr folgen wollte
Zu Guttenberg schaufelte sich unbewusst sein eigenes politsches Grab, um anders leben zu  können, als es die Familie vorgab?

Der Artikel schließt mit
Eine spannende Neuerscheinung mit vielen interessanten Aspekten und Denkansätzen. Möglicherweise hat die Autorin damit eines der wichtigsten Sachbücher der letzten Jahre geschrieben. Ein Plädoyer für die offensive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, damit die Deutschen sich selbst wieder annehmen können
In meinen Posts "German Angst" und "Ein System, für das es noch keinen Namen gibt"  habe ich mir bereits Gedanken zu diesem Thema gemacht.

Ich freue mich über dieses Buch von Frau Baring, das weitere Aufschlüsse darüber gibt, wie die Vergangenheit unser heutiges Leben beeinflusst. Den Blick nach vorne richten kann man eben oft nur dann, wenn man das, was hinter einem liegt, verstanden hat. Und das geht über die eigene Vergangenheit manchmal weit hinaus.
Ich lebe jetzt und muss die Vergangenheit verstehen, um die Zukunft leben zu können. Sonst bleibe ich ein Spielball von Einflüssen, die unbewusst in meinem Leben wirken.



Montag, 1. Oktober 2012

Bundesvision Song Contest - Deutschland macht Musik


und das erfrischend anders.

Taugt das als familienfreundliches Schunkellied?
Horst + Monika

Pickers, Vierkanttretlager und Der König tanzt. So heißen die jungen Bands, die Musik machen, die nichts mehr mit dem zu tun hat, was zu Zeiten von Ralf Siegel an deutscher Musik geboten war. Nicht immer war früher alles besser.

Mein Favorit
Morgens immer müde

Am Ende blieb doch wieder alles beim Alten. So überraschend die Musik der Bands aus allen Bundesländern,  so wenig überraschend der Ausgang des Contests. Am Ende gewinnt doch immer der Mainstream. Sehr schade.


Donnerstag, 30. August 2012

Liebe - gleichgeschlechtlich


Im ZEIT-Magazin Nr. 33 gibt es einen Bericht, der heißt "Wir Kinder vom Busbahnhof".
In dem Artikel geht es um junge, homosexuelle Palästinenser, die aus ihrer Heimat nach Tel Aviv geflüchtet sind. Dort werden sie genau so geächtet, nicht weil sie schwul sind, sondern weil sie als potentielle Terroristen gelten. Um zu überleben müssen sie sich prostituieren oder kriminell werden.
Saleh, ein 28-jähriger aus Hebron erzählt seine Geschichte:

Es war Herbst, in den Bergen um Hebron, wo er mit seinen Eltern in einem Vorort wohnte, wurden die Weintrauben geerntet. Ein Nachbar bat den Zwölfjährigen zu sich ins Haus. Er sagte, er wolle ihm etwas zeigen, ein Geschenk. Der Junge folgte ihm, ein Geschenk bekam er nicht, stattdessen wurde er vergewaltigt. Weinend rannte Saleh nach Hause, Blut lief über seine Beine.
»Dann explodierte alles«, sagt er.
Eine Stunde später stand sein Vater vor der Tür des Nachbarn. Die Männer redeten, der Nachbar gab Saleh die Schuld. Er habe ihn verführt. Der Nachbar war ein angesehener Mann im Vorort, der Vater glaubte ihm. Die Ehre der Familie, so sah es der Vater, war zerstört. Der Sohn war schwul. Dass er noch ein Kind war, dass er misshandelt wurde: Nebensache.
Vergewaltigt als Kind, größerer Schrecken ist kaum denkbar. Doch für Saleh kam es noch schlimmer. Seine Stimme wird brüchig, als er weitererzählt. Seine Finger umklammern eine Windsor, sie ist schon bis zum Filter geraucht.
Als sein Vater damals von dem Nachbarn zurückkam, rief er die Brüder, die Mutter und die Schwester zusammen. Dann zog er den Draht aus einem Stromkabel. Die Brüder nahmen Stöcke. Die Schläge prasselten auf Saleh nieder, bis er das Bewusstsein verlor. Als er wieder aufwachte, konnte er nicht mehr aufstehen. Beide Beine waren gebrochen, knapp über den Knöcheln.
Einen Monat lang sperrten ihn seine Eltern in den Keller, er wurde weiter geschlagen. Saleh zieht seinen Pullover hoch, sein Oberkörper ist übersät von Narben. Narben von Schnittwunden, von Stichwunden, von Brandwunden, von Platzwunden. Manche sind einigermaßen verheilt, sie bilden nur noch helle Striche auf seiner Haut. Die meisten jedoch sind schlecht verheilt, weil sie niemand verarztet und gepflegt hat. Als dicke Geschwülste ziehen sie sich über die Haut. Saleh schaut auf seinen Oberkörper hinab. »Meine eigene Familie.« Dann vergräbt er sein Gesicht hinter beiden Händen. Ganz still sitzt er so da, eine ganze Weile.
Ihm gelang die Flucht nach Jerusalem. In Israel gibt es kein Asyl für Palästinenser und für Saleh keinen Platz, weder zuhause und auch nicht in Israel.

Nach sechs Monaten in Jerusalem fand ihn seine Familie. Er weiß nicht, wie, aber auf einmal standen sie vor ihm, sein Vater und seine Brüder. Sie zerrten ihn in ein Auto und brachten ihn zurück nach Hebron. Dort sperrten sie ihn wieder in der Wohnung ein. Über das, was knapp ein Jahr zuvor passiert war, sprach niemand.
Nach einer Woche durfte er aus dem Haus, zur Schule. Es dauerte ein paar Tage, dann wurde er in der Schule verprügelt, und in seiner Straße verbreiteten sich Gerüchte: Jemand wollte gesehen haben, wie er wieder in das Haus des Nachbarn ging. Was nützte es, dass er es bestritt? Einem Schwulen wie ihm glaubten sie nicht.
Diesmal rammte ihm sein Bruder einen Schraubenzieher zwischen die Rippen. Saleh findet die Narbe sofort. Diese Wunde hätte ihn fast das Leben gekostet, sagt er.
Er verlor viel Blut, sehr viel Blut, aber sie brachten ihn nicht zu einem Arzt, sondern sperrten ihn wieder ein. In der Nacht flüchtete er, rettete sich in ein Krankenhaus. Als man ihn fragte, wer das getan habe, sagte er, er könne sich nicht erinnern.
Erneut gelingt ihm die Flucht, diesmal nach Tel Aviv. Er kommt nach einer Razzia für ein Jahr ins Gefängnis, wo Prügel von Mithäftlingen und Wärtern auf ihn warten. Der erste Selbstmordversuch. Nach der Haft wird er von Soldaten am Grenzübergang abgeladen. Er geht zurück zur Familie mit dem Gedanken: Dann sollen sie mich halt töten. Als die Familie vom Gefängnisaufenthalt im Land des Feindes erfährt, scheint er rehabilitiert.

An einem Abend nach zwei oder drei Wochen fiel dem Vater ein Tattoo auf, das Saleh auf der Schulter trug. Der Vater war der Meinung, nur Schwule ließen sich tätowieren. Wer schwul ist, muss mit dem Feind kollaborieren.
Vater und Brüder schlugen Saleh bewusstlos. Als er zu sich kam, auf dem Boden liegend, hielten ihn die Brüder fest, sein Vater stand über ihm, in der rechten Hand ein Bügeleisen, damit brannte er seinem Sohn das Tattoo von der Haut. Eine Brandnarbe, die sich über die ganze Schulter zieht, zeugt bis heute davon.
Erneute Flucht nach Tel Aviv um sein Leben zu retten, das er dann in mehrmaligen Selbstmordversuchen beenden wollte.
Vor einem Jahr hat er das letzte Mal versucht, sich umzubringen. Er besorgte sich einen Strick und befestigte ihn am Deckenbalken eines verfallenen Hauses. Als er mit dem Fuß die Kiste wegtrat, auf der er stand, brach der Balken. Saleh lacht. »Noch nicht mal der Tod will mich haben."
Nachdem ich diesen Artikel gelesen hatte, fragte ich mich, wie viel Schmerz ein Körper erträgt. Anscheinend sehr viel. Die Wunden verheilen, manche mehr und manche weniger gut. Saleh humpelt, da sein rechtes Bein noch immer schmerzt. Und ich fragte mich wie viel Schmerz eine Seele verträgt und wie die Wunden der Seele verheilen und was seelisches Narbengewebe mit uns macht. Salehs Körper ist übersät mit Narben, seine Seele auch. Vielleicht werden es auch immer offene Wunden bleiben. Was braucht ein Körper um zu heilen und was braucht eine Seele. Was bräuchte Salehs Seele um heil zu werden?
Ich schätze mal, das, was wir alle brauchen: Toleranz, Verständnis, Akzeptanz, Würde, Trost.
Das ist es, was eine verletzte Seele braucht, ob hetero- oder homosexuell.

Diese Geschichte spielt ja so weit weg. Palästina - Israel.

"Was haben wir falsch gemacht"
Das ist der Titel eines Artikels in unserer heutigen Tageszeitung (online nachzulesen in der NZ, mit Datum vom 31.5.2012)

Keine Normalität in Sicht: Ein Vierteljahrhundert nach Gründung der "Elterngruppe homosexueller Söhne und Töchter" bei Fliederlich muss Inge Breuling (71) betroffenen Müttern und Vätern immer noch die gleichen Sorgen ausreden wie vor 25 Jahren.
"Was haben wir nur falsch  gemacht" oder "Wie kann er mir das antun?" bekommt die Ex-Lehrerin heut ebenso oft zu hören wie vor Jahren. Die Verzweiflung und das Unverständnis, die viele befallen, seien genau so groß wie vor 25 Jahren.
Den Schritt zur Bildung der Selbsthilfegruppe machten 1987 laut B. Eltern eines schwulen 16-jährigen, die nach einem Blick in ein altes Lexikon erschreckt feststellten, dass Homosexualität als verwerflich und strafbar dargestellt wird. Der berüchtigte Paragraf 175 des Strafgesetzbuchs, der homosexuelle Beziehungen zwischen Männern unter Strafe stellt, sei schließlich erst 1994 abgeschafft worden.
In den Köpfen von Eltern hat die Änderung ebenso wenig bewirkt wie die Präsenz von Homosexuellen im öffentlichen Leben.
"Das ist keine Frage der sozialen Schicht oder der Bildung", hat sie beobachtet.
Die Gründe sind vielfältig. Bei einigen ist es schlicht Unwissen, das zur Ablehnung der sexuellen Orientierung des eigenen Kindes führt, andere stört, dass ihre eigenen, "normalen" Rollenmuster nicht übernommen werden. Wieder andere fürchten negative Reaktionen ihrer Umwelt.
Breuling: Die Verzweiflung der Einzelnen ist die gleiche geblieben. Dazu muss ich sagen, wir haben die Eltern von bewusst lebenden Kindern, vorwiegend Söhnen. Viele übergehen die Homosexualität nach wie vor und outen sich bewusst nicht. Viele Eltern wussten es damals nicht, viele wollen es auch heute noch gar nicht wissen. Dabei zieht sich das durch alle sozialen Schichten. Es ist keinesfalls eine Frage der Bildung oder des Sozialstatus. Diese Menschen gehen damit weiß Gott nicht besser um. Es ist für alle gleichermaßen katastrophal.
NZ: Eltern wollen ja auch immer, dass ihr Nachwuchs gut durchs Leben kommt. Welche sind heute noch die größten Hürden für Homosexuelle?
Breuling: Es ist wider die Natur! Wobei man bedenken muss, dass Sexualität immer sehr unterschiedliche Ausprägungen hat, auch bei Homosexuellen. Dieser Ekel ist das eine – religiöse Gebundenheit das andere. Je frömmer die Menschen, desto mehr Schwierigkeiten haben sie mit gleichgeschlechtlicher Liebe.
Breuling: Der Staat hat seine Schritte gemacht, um die Strafbarkeit abzuwenden. Für viele ist es vielleicht seltsam, aber in Ordnung. Viel wichtiger ist, dass weltanschauliche Gruppierungen wie die katholische Kirche oder die Evangelikalen nicht so tun, als könnte man die Bibel wörtlich auslegen und Homosexualität daher einfach verdammen. Eltern sollten die guten Seiten ihrer Kinder nicht vergessen und ihre Vorstellungen vom Lebensweg ihrer Kinder über Bord werfen.
Das ist bei mir um die Ecke.
Wie steht es bei uns mit Toleranz, Verständnis, Akzeptanz, Würde, Trost? Mit Mitgefühl und Menschlichkeit?




Dienstag, 28. August 2012

Synästhesie

Kürzlich las ich einen Artikel über die Sängerin Beth Jeans Houghton.
Darin sagte sie, dass sie Töne sieht und Farben spürt. Der Grund für diese außergewöhnliche Wahrnehmung ist eine Kopplung der Sinne, was man Synästhesie nennt.
Das Wort Synästhesie kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet so etwas wie "Zusammenempfinden", erklärt wird es als Miterregung eines Sinnesorgans bei Reizung eines anderen. Es gibt unterschiedliche Arten von Synästhesie, darunter Menschen, die Buchstaben fühlen oder Worte schmecken können.
Mich hat das fasziniert, es klingt spannend, aber auch nicht einfach, da ja alles, was nicht dem Durchschnitt entspricht, als nicht normal gesehen wird.
Gut ist es immer dann, wenn das Kind einen Namen hat und somit einsortiert werden kann. Was aber, wenn ein Kind Probleme im Matheunterricht hat, weil es Zahlen mit Buchstaben verbindet und davon so abgelenkt wird, dass es die Schulaufgaben versemmelt? Wenn der Mathelehrer das Wort Synästhesie bisher nicht gehört hat und nicht weiß, was es bedeutet, kann man sich ganz gut vorstellen, welche Meinungen über das Kind gefällt werden. Dabei ist es so, dass sich diesem Kind ein weiterer Kanal der Wahrnehmung öffnet, den wir "normalen" Menschen eben nicht offen haben.

Und glücklicherweise gibt es seit 2005 eine "Deutsche Synästhesie-Gesellschaft e.V.", an die man sich wenden kann, wenn jemand meint, dass dieses Kind "spinnt".


Der ideale Ort zum Auswandern

Unseren Urlaub verbrachten wir dieses Jahr in der Steiermark.
Zuerst waren die Ziele Schottland, dann Türkei, später Teneriffa, bis mein Mann und ich feststellten, dass keiner von uns diesmal in ein Flugzeug steigen wollte. Dann also Auto, wohin? Dahin, wo wir schon immer hinwollten und es nicht geschafft haben - in die Steiermark.
Wir mieteten ein betagtes, liebevoll renoviertes Häuschen mit altem Feuerherd auf einem Weingut östlich von Graz. Als wir den Reiseführer lasen, stellten wir fest, dass es nichts Spektakuläres gibt, das man unbedingt gesehen haben muss. Wir fuhren mit niedrigen Erwartungen los und es wurde einer unserer schönsten Urlaube.
Unsere gastfreundlichen Vermieter luden uns nicht nur zum "Backhendl" ein, sie versorgten uns auch mit Obst aus der Region, in fester und in flüssiger Form.
Dreiviertel unserer Familienmitglieder sind Pollenallergiker mit Kreuzallergien zu Kernobst. Sogar Äpfel aus rein biologischem Anbau verursachen oft ein pelziges Gefühl im Mund. Es gibt alte Sorten von Äpfeln, die gut verträglich sind, doch leider kommen Boskop und Cox Orange aus der Mode und es gibt viele neue Züchtungen, auf die wir verzichten müssen.
In der Stube unseres Hauses stand eine Schale mit frischen Pfirsichen und ich konnte nicht wiederstehen. Pfirsiche sind neben Kirschen das Obst, das ich sehr vorsichtig genießen muss und bei den geringsten Anzeichen von Pelzigkeit bleibt das Obst liegen.
Ich vertrug die Pfirsiche, sie waren herrlich saftig und geschmackvoll. Das machte mir Mut und ich probierte Zwetschgen und Äpfel. Alles hervorragend und absolut verträglich.
Am Samstag besuchten wir sehr früh den Markt in Graz, einem Städtchen, das mittendrin im Altehrwürdigen ein freundliches Alien beherbergt. Dieser Markt war ein Freudenfest für die Sinne. Obst und Gemüse aus der Region, das Weißkraut wurde frisch gehobelt, Freilandhähnchen angepriesen. Sonnenblumen, Dahlien und Trockenblumensträuße machten das Ganze noch bunter und daneben duftete frischgebackener Apfelstrudel mit frischgebackenem Zwetschgenkuchen um die Wette. Es gab selbstgebrannten Schnaps und Käferbohnen in allen Farben, die wie kleine bunte Kieselsteine aussahen. Daneben wurden schon die ersten Schöppchen Wein getrunken, aber auch frischgespresste Säfte und viele Verlängerte (gestreckter Espresso).
Zur Heimfahrt bekamen wir eine Tüte voll mit grünen Birnen, frisch vom Baum und eine Woche verzehrten wir die nun gelb gewordenen saftigen, süßen Früchte und verspüren ein bisschen Wehmut nach dem Ausblick vom Schlafzimmerfenster über Weinreben und eine harmonische Hügellandschaft.
Mein Mann und ich haben ein ranking für Orte, die zum Auswandern taugen. Die Hitliste wird neuerdings angeführt von der Steiermark.
Kein Wunder, dass Arnie (Arnold Schwarzenegger) dort so gut gedieh. Er stammt aus der Nähe von Graz.

Montag, 16. Juli 2012

Food Fighters - Genuss statt Überfluss

Hinter den Food-Fighters stehen vier Mainzer Köche, die sich dazu entschieden haben Lebensmittel, die nicht normgerecht sind und daher auf dem Müll landen würden, zu verwerten. Mit dem Motto "Teller statt Tonne" werden zu stark gekrümmte Gurken oder zu groß gewachsene Kartoffeln geschnippelt und vakuumverpackt oder auf dem Mainzer Wochenmarkt als Gericht angeboten.
Ab September gibt es den Film "Taste The Waste" in den Kinos. Er handelt von der globalen Essensvernichtung.


Freitag, 6. Juli 2012

Beziehungen sind wie ein freier Raum, in dem Geschichten erzählt werden


Heute las ich einen sehr interessanten Artikel des Münchner Paartherapeuten Wolfgang Schmidbauer. Es geht um Tipps zum Thema Rechthaberei.
Zuerst bringt er ein Beispiel aus der Paartherapie. Rechthaberei anhand einer Szene aus dem Ehe- und Familienalltag. Und er rät zu Humor, denn
Humor schafft Abstand. Abstand erleichtert es, die Komik zu erkennen, welche darin steckt, das Teilgute zu missachten, um das Absolutgute zu gewinnen, das - welcher Zufall - mich im Glanz des Rechthabens sonnt und den Gegner in den tiefen Schatten von Schuld und Beschämung stellt
Unter dem Teilguten versteht er den Vater, der sich zwar vor dem Elternabend drückt, aber mit den Kindern ins Schwimmbad geht. Dafür könnte er auch gelobt werden, denn so ein Vater ist immerhin besser als gar keiner. Und eine Mutter, die den Laden schimpfend zusammenhält, verdient Anerkennung und keine Schelte für ihre Überlastung. Stattdessen wird auf dem Absolutguten, sprich dem Rechthaben beharrt, indem dem anderen Leistungsversagen vorgeworfen wird, wo doch alle nur Anerkennung für das haben wollen, was sie in ihrem Rahmen beitragen können.

Wie er am Anfang erwähnt, suchen sich Paare nach den Gesichtspunkten aus, dass sie am Partner attraktiv finden, was sie denken selbst nicht zu haben. Und statt uns als Ergänzung zu erkennen, fangen wir nach dem Ende der Verliebtheit an zu streiten, weil der andere die Welt anders betrachtet als wir selber. Das, was uns anfangs verzückt hat, nervt irgendwann.
Der romantische Musiker, der uns mit seinen Gitarrenklängen becircte, will keinerlei Verpflichtungen eingehen und die raffinierte Gourmetliebhaberin, die den Geliebten mit Leckereien verwöhnte, kocht plötzlich mit derselben Leidenschaft nur noch vollwertig, weil das gesünder für alle ist.
Und er schafft es, dass ich mir das Paar im Streit vorstelle, der im Lachen endet. Sie mit Lappen und Putzeimer und er latscht mit einem glücksstrahlenden, unbekümmerten Lächeln vom Fußball spielen mit den Jungs und dreckigen Gartenclocks durch den frischgewischten Flur. Sie plärrt ihn an und er blafft  zurück. Der Streit ist perfekt und während sich beide hochschaukeln, schauen sie sich an und müssen lachen. Sie tauscht den Wischmob gegen seine Gartenclocks und während er den Dreck aufputzt, holt sie den Jungs ein Eis und hinterlässt eine extra Dreckspur.

Sehr spannend finde ich seine Bemerkung
Beziehungen sind wie ein freier Raum, in dem Geschichten erzählt werden
Was stellt er sich darunter vor??
Er gibt ein Beispiel für das, was er aus vielen Jahren Therapiearbeit für sich erkannt hat und das finde ich richtig gut.
Wir meinen viel zu oft Gutes zu tun, wenn wir ein Gegenüber mit Werturteilen verproviantieren.
Kinder sind selten so, wie ihre Eltern sie sich gewünscht haben – und Eltern ebenso wenig so, wie sie sich Kinder wünschen. Aber es wäre auch schrecklich, die Illusion vollständig aufzugeben, dass etwas von dem, was uns kostbar ist, in unseren Kindern weiterlebt. So denkt der Vater, der sich Gymnasium und Studium erkämpfen musste, sein Sohn wäre glücklich und dankbar, wenn er ihm den Weg in eine akademische Laufbahn ebnet. Aber sein Sohn zieht es vor, sich als Punk zu gebärden und nicht auf seine Noten, sondern seine Piercings stolz zu sein. Die Werte eines Aufsteigers und eines Punks sind unvereinbar. Wenn jetzt der Vater darauf beharrt, seinem Sohn zu sagen, was richtig ist – und der Sohn den Vater ignoriert oder als Spießer entwertet, scheitert die Beziehung zwischen beiden. Sie haben keinen Raum gefunden, in dem sie die Werte zurückstellen und sich gegenseitig Geschichten erzählen können. Einen Punk im Haus zu haben, der aus seinem Leben erzählt, kann sehr interessant sein. Wie es auch das Leben eines Aufsteigers ist, der sich mit unterschiedlichsten Jobs das Studium finanzierte und schließlich vorankam.
Und ich stelle mir vor, wie in den Haushalten freie Räume für Geschichten geschaffen werden und jeder seine Geschichte so erzählen kann, wie sie in ihm ist. Ohne abgeurteilt oder verurteilt zu werden. Diese Geschichten sind jede für sich einzigartig und eine Bereicherung für alle. Wenn wir nicht mehr rechthaben müssen mit unserer eigenen Geschichte, sondern es wagen über unseren Horizont zu schauen, dann wird unsere Welt größer und bunter.

Beziehungen sind wie ein freier Raum, in dem Geschichten erzählt werden.


Mittwoch, 4. Juli 2012

symphatische Unperfektheit

Perfektion ist der Zustand, den viele von uns anstreben.
Wir wären gerne perfekte Partner, perfekte Eltern, perfekte Töchter und Söhne und oft genug auch noch perfekte Arbeitnehmer oder Unternehmer. Frauen haben gerne eine perfekte Umgebung, einen perfekten Haushalt und einen perfekten Garten. Und der Aufwand für eine perfekte Erscheinung ist oft groß.
Warum?
Was ist das Gute an Perfektheit?
Auch ich zähl(t)e mich zu dieser Kategorie (es lässt einen wohl nie ganz los) und strebte Perfektion auf ganzer Linie an. Heute ist mir klar, dass zum Einen die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Zuneigung dahinter steht. Was wir mit Perfektheit verbinden, ist: Machen wir alles gut, vielleicht sogar mehr als gut, besser, geben wir unser Bestes, dann gehören wir dazu, werden wertgeschätzt und gemocht.
Und zum Anderen denken wir, dass Perfektheit uns unverletzlich macht. Perfektion soll unserem Schutz dienen. Wenn wir keine Schwachstellen mehr haben, keine Fehler machen, uns keine Blöße geben, absolute Selbstkontrolle beherrschen, dann sind wir nicht mehr angreifbar. Dann werden wir nicht mehr ausgelacht, nicht mehr verspottet, nicht mehr runtergemacht, nicht mehr klein gemacht, denn dann sind wir cool, aalglatt, alles prallt und perlt an uns ab, dann werden wir ernst genommen, dann sind wir wer.

Perfektion ist das Drachenblut, in dem Siegfried badete und das ihn unverwundbar machte. Doch es bleibt immer eine Schwachstelle und nach der wird gesucht.
Wer die Dinge perfekt hinbekommt, der wird bewundert. Da jedoch keiner von uns die vollkommene Perfektheit erreicht, die ein Idealzustand ist, den wir lediglich anstreben können, geht mit Bewunderung oft auch Neid einher. Und dieser Neid treibt uns an, die Schwachstelle zu finden. Wo ist das Loch in der Hülle der Perfektion, das den anscheinend perfekten Menschen verletzlich zeigt, ihn vom Sockel stürzt und somit wieder zu unsresgleichen macht? Wo können wir hineinstochern, um eine menschliche Reaktion hervorzurufen?

Schön zu sehen ist das bei Brangelina.
Dieses Paar ist zu schön um wahr zu sein. Sie sehen beide fantastisch aus, haben großartige Karrieren und dazu eine große Familie. Angelina setzt sich als UN-Botschafterin für Menschen in Not ein, Brad spendet viel Geld und baut Häuser für Flutopfer. Sie sind einfach perfekt. Aber so ganz können wir das nicht stehen lassen, denn sie sind doch auch Menschen wie du und ich. Und so saugen wir die Artikel auf, in denen steht, dass sie Eheprobleme haben oder Angelina mal wieder magersüchtig ist. Ha - sogar die schaffen es nicht. Kein perfektes Leben. Es gibt nichts besseres für die Boulevardpresse als Menschen auf den Sockel zu stellen, um sie dann genüsslich zu demontieren, damit wir einmal bewundern, dann beneiden und danach schadenfroh feststellen können, dass die anderen es auch nicht besser hinbekommen.
So funktioniert der menschliche Kleingeist.

Was ist also das Schlechte an (augenscheinlicher) Perfektion?
Sie ruft Neid hervor. Neid spaltet ab. Haben wir den Zustand erreicht, den wir angestrebt haben - Perfektion, dann erhalten wir das, was wir vermeiden wollten. Wir gehören nicht mehr dazu. Denn Schwächen, Fehler und Fehlverhalten sind das, was uns menschlich macht, was den anderen signalisiert: Ich bin einer von euch. Schwächen, die wir nicht mehr verstecken müssen, die wir zugeben können, vielleicht sogar mit einem Lächeln, machen uns symphatisch. Und sie sagen: Schau her, so bin ich, unperfekt, und weil ich so bin, darfst du es auch sein. Das ist es, was die Herzen erobert.

So geschehen bei Frankreichs neuem Präsidenten Hollande und der Frau an seiner Seite.
Valérie Trierweiler, Politikjournalistin, dreifache Mutter, wunderschön, elegant, klug, nun auch noch First Lady, setzte ihren Francois während des Wahlkamps auf Diät und der speckte tatsächlich zehn Kilo ab. Und sie gibt zu, dass sie selber fünf Kilo zunahm.

Gönnen Sie sich also ab und an eine Prise symphatischer Unperfektheit.

Donnerstag, 14. Juni 2012

Die unfriedfertige Frau - Ein Nachruf

Margarete Mitscherlich ist gestorben.
Sie war eine der größten deutschen Psychoanalytikerinnen und eine erklärte Feministin.
Mit ihrem Mann, Alexander Mitscherlich, veröffentlichte sie in den sechziger Jahren das Buch "Die Unfähigkeit zu trauern", in dem die unzulängliche Aufarbeitung des Dritten Reichs und die Abwehr jeder Mitschuld in der deutschen Nachkriegsgesellschaft thematisiert wurde.
In den achziger Jahren veröffentlichte sie ihr Buch "Die friedfertige Frau" und legte dar, dass Frauen kein geringeres Aggressionspotenzial als Männer und ihr ausgleichendes Wesen nur erlernt haben.
Ich habe immer vertreten, dass Frauen sich nicht nur gegen Männer, sondern auch gegen sich selbst durchsetzen müssen. Eine emanzipierte Frau ist in der Lage, sich von vorgefundenen Werten und Vorstellungen über ihre Rolle zu distanzieren
Wie wahr.
Vor zwei Jahren erschien ihr Buch "Die Radikalität des Alters" und von der Frau, die Schönheits-Operationen für neurotisch hielt, kamen Sätze wie
Das Leben ist nicht leicht, es ist immer wieder schwer und am Schluss ist es zu Ende. Das Leben hat keinen Sinn, es muss auch ohne gehen
Da sie jedoch mit Selbstironie von sich selber behauptete
Meine Thesen stimmen immer irgendwo auch, sind aber mit einer großen Lust an der Provokation verbunden
bleibt der Eindruck einer unverwechselbaren, lebendigen, freiheitsliebenden, couragierten Frau, die mit der Lust am Denken gelebt und gestritten hat.
Ich wünsche mir viele unfriedfertige Frauen in unserer Gesellschaft. Ihre Ehe wird als jahrzehntelange Lebens- und Denkgemeinschaft bezeichnet, von der sie sagt, dass sie nicht immer harmonisch verlief. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen war es eine fruchtbare Partnerschaft und auch hiervon kann es mehr geben.


Dienstag, 12. Juni 2012

Gute Laune Musik - Groove & Swing


Ich bin ein Fan von Parov Stelar und sein Album "The Princess" läuft bei uns rauf und runter. Es gibt Stücke, die an Caro Emerald erinnern, z.B. Booty Swing, absolut in die Füße geht für mich Jimmy`s Gang, und ich mag Nobody´s Fool genau so wie You Got Me There.
Dieses Album beschwingt mich und lässt mich so etwas wie Weite fühlen. Das haben bisher noch zwei andere Musik-Künstler geschafft - Laurie Anderson und Moby. Dazwischen lag viel Zeit. Danke Parov.


Sonntag, 3. Juni 2012

Fütter deinen Dämon


Lust auf eine spannende Reise in Ihren eigenen Schatten?
Dann gehen Sie Ihren inneren Dämon füttern und beobachten Sie ihn bei seiner Transformation. Mit Dämon ist alles gemeint, was Sie belastet - Krankheiten, Süchte, Probleme, Gefühle.
Den Dämon füttern ist eine buddhistische Technik zur Konfliktlösung, sie entstammt dem Chöd-Ritual und wurde von der Amerikanerin Tsültrim Allione, die viele Jahre tibetische Nonne war, überarbeitet und in eine westlich verständliche Form gebracht. Dazu gibt es ein Buch und einen interessanten Artikel, der die psychologischen Hintergründe erklärt.


Mittwoch, 30. Mai 2012

Bruttonationalglück

Zum Glück gehört viel mehr als Geld
Macht Wachstum glücklich? Dann müssten die Chinesen mit ihren satten Zuwachsraten am glücklichsten sein. Sind sie aber nicht. Weltweit hat daher ein Nachdenken darüber begonnen, wie sich der Zustand von Nationen besser messen lässt als mit dem rein ökonomischen Bruttoinlandsprodukt BIP
So las ich es heute morgen in unserer Tageszeitung. Interessant, dass dieser Artikel in der Sparte "Politik" zu finden war.
"Glück und Wohlbefinden - Definition eines neuen ökonomischen Paradigmas", das war das Thema einer Konferenz der Vereinten Nationen, zu dem das kleine arme asiatische Königreich Bhutan eingeladen hatte, in dessen Verfassung das Recht auf Glück steht und dessen Einwohner angeblich am glücklichsten sind.
Es gibt ein Land, in dessen Verfassung das RECHT auf GLÜCK steht.
Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen und es langsam ins Herz vordringen lassen. Ein Recht auf Glück. In Bhutan wird nicht das Bruttoinlandsprodukt gemessen, sondern das Bruttonationalglück! Ist Glück messbar?
Ich denke, dass vielen Menschen in den Industrienationen klar wurde, dass Geld und materieller Wachstum, das Ziel, dem wir nachjagen, nicht unbedingt glücklicher und zufriedener macht. Da gibt es ein kleines Teufelchen und das flüstert mir ins Ohr "Es ist nicht mehr in dem Maße verfügbar, wie es sein sollte. Es gibt kein Geld mehr für den Großteil der Leute und auch keinen Wachstum. Deswegen muss jetzt etwas anderes propagiert werden. Wie wäre es mit "Armut und Stillstand machen glücklich". Deswegen steht der Artikel auch nicht unter "Lifestyle", sondern unter Politik. Damit kann jeder Politiker das Sparen durchsetzen und uns auch noch glauben machen, dass es uns glücklich macht, wenn für nichts mehr Geld da ist".
Ich stelle das Teufelchen ruhig und lese weiter
Das Bruttoinlandsprodukt verfehlt das Ziel, die Faktoren zu erfassen, die im Leben der Menschen Bedeutung haben und zu ihrem Glück beitragen - wie Sicherheit, Freizeit, Einkommensverteilung und eine saubere Umwelt. Glück kann nicht durch ökonomisches Wohlbefinden erreicht werden, wie es das BIP misst
Das sagten der Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stieglitz und Kollege Jeffrey Sachs auf der UN-Tagung. Einleuchtend, denn das BIP steigt auch dann, wenn die persönliche Zufriedenheit sinkt. Bestes Beispiel ist die Reaktorkatastrophe von Fukushima, das die Wachstumsrate durch massive Wiederaufbauproramme emporschnellen ließ, wohl aber nicht den Glücksfaktor in der Bevölkerung.
Rund 80 Prozent der Deutschen, das zeigen Umfragen, sind unzufrieden mit der Art, wie wir wirtschaften. Die Bevölkerung hat weitgehend verstanden, dass die bisherige Art unseres Wachstums noch tiefer in die Krise führt und nicht aus ihr heraus. Wir müssen weg von der Fixierung aufs Wachstum und hin zu Werten, die Glück und Zufriedenheit schaffen: Bildung, Gesundheit, gute Arbeit mit einer ausgewogenen Work-Life-Balance, soziale Beziehungen, Freundschaften - darauf kommt es an
Das sagten Jesuitenpater Jörg Alt und Wirtschaftsprofessor Karlheinz Ruckriegel, die auch in Deutschland erfreut ein allmähliches Umdenken der tätigen Ökonomen registrieren.
Interessiert und wohlwollend wird eine kleine Gemeinde im Schwarzwald beobachtet, die sich "Glücksgemeinde" nennt. Sie eifern ihrem Partnerschaftsland Bhutan nach und haben sich das Ziel gesteckt
Nach dem Vorbild Bhutans will Schömberg das Glück seiner Bürger in den Mittelpunkt seiner Entscheidungen stellen. Harte und weiche Standortfaktoren sollen so gestaltet werden, dass Glücksempfinden für jede und jeden individuell erlebbar wird. Langfristig sollen Entscheidungen des Gemeinderates nicht nur nach finanziellen Aspekten getroffen werden, sondern vor allem unter dem Aspekt, was den Bürgern nachhaltig ein glücklicheres Leben ermöglicht
Ich bräuchte ein Beispiel. Was wird in Schömberg inzwischen anders entschieden unter dem Aspekt des Bürgerglücks? Dass endlich die Umgehungsstraße gebaut wird? Mehr Tempo-30-Zonen? Welche Gemeindeentscheidungen machen den Bürger glücklich?
Das klingt doch alles gut, sagt eine andere Stimme in mir, sieht so aus, als ob sich was bewegt. Etwas in mir fühlt sich unwohl. Das, was sich unwohl fühlt, denkt zurück an die Zeit, als PISA in den Medien war und Finnland an erster Stelle stand. Es wurden Pläne gemacht, alle waren überzeugt, dass ganz schnell Reformen nötig sind, es sollten Testphasen eingeführt werden, die dann über den Haufen geworfen wurden und Hals über Kopf wurde das G8 aus der Taufe gehoben, Schüler verheizt, Eltern durch die Mangel gedreht, Lehrer ausgesaugt, der Abiturschnitt des ersten G8-Jahrgangs auf Anweisung des Kultusministeriums geschönt. Heute weiß man, dass von den Politikern etwas Wichtiges übersehen wurde.  Finnland hatte völlig andere Grundbedingungen, wie kleine Klassen, so gut wie keine Schüler mit Migrationshintergrund (ich liebe diese Wortschöpfung, sie taucht überall auf, vor allem in den Fußballstadien), andere Lehrpläne. Übereifrig, übereilt, undurchdacht wurde über Nacht eine Struktur geändert, wie so oft nicht zum Besten. Leidtragende sind die Bürger, in diesem Fall alle, die mit Schule zu tun hatten.
Wenn nun das eher philosophische Wort "Glück" bereits in der Politik angekommen ist, werden es die Politiker schaffen, auch hier wieder eine völlig verfehlte Entscheidung zu treffen.
Szenario: Glück steht als Recht in der Verfassung, es wird von einem "Amt für durchgesetztes und gelebtes Glück" überwacht, dass die Bürger ihr Recht auch leben und vor allem einfordern. Das könnte einen neuen Boom in der Juristenszene auslösen "Fordern Sie Ihr Recht auf Glück ein" und es gibt Prozesse, in denen unglückliche Bürger klagen, weil sie ihr versprochenes Glück nicht bekommen haben. Zum Glück gezwungen dank Verfassung. Glück als Konsumartikel. Vielleicht in Dosen? Heute schon glücklich gewesen? Nein - na da gibt es doch Abhilfe, bestellen Sie ihr tägliches Glück als Minipille. Erhältlich auch in Mehrwegflaschen.
Wer verdient dann am Glück? Dieselben, die heute am Unglück verdienen?
Wenn ich etwas verstanden habe, dann die Lektion, dass Glück eine Einstellung ist. Ratsam wäre es, die Leute aus Bhutan zu besuchen, versuchen ihr Leben und ihre Einstellung zum Leben zu erfassen, ihre Bräuche und Werte, ihre Spiritualität, eventuell spielt ja auch die Religion oder Lebensphilosophie eine Rolle.
Die Frage ist: Was würde uns Deutsche zu glücklichen Menschen machen? Oder: Was hält uns davon ab glücklich zu sein? Wären wir es, dann hätten wir die Konferenz einberufen können. Wir können viel, aber im Glücklichsein stehen wir nicht an der Weltspitze.
Und ich glaube, dass diese Antwort keiner für uns beantworten kann. Das individuelle Glück, das in Schömberg angestrebt wird, kann jeder nur für sich suchen und finden. Was macht mich glücklich? Was brauche ich zu meinem Glück? Müssen wir auch hier wieder Statistiken vertrauen, die uns einen Durchschnittswert vermitteln, der dann als allgemeingültig gesetzt wird, um dann durchschnittlich glücklich zu sein? Und was, wenn wir wieder nicht dem Durchschnitt entsprechen und unser individuelles Glück so auseinanderdriftet, dass es nicht in einem Wert, Index oder Faktor gemessen und festgelegt werden kann. Ich will nicht in die Statistik des BNG (Bruttonationalglück), das nun den BIP ablöst. Ich will keinen Fragebogen zum Glück ausfüllen.
Es würde mich glücklich machen, wenn die Politiker und auch die Bürger dieses Landes versuchen würden die Dinge zu durchdringen, die sie propagieren. Wenn jeder es schaffen würde, mehr bei sich zu bleiben, bei sich zu schauen, sich über sein individuelles Glück Gedanken zu machen, davon wegzukommen alles einfach nur konsumieren zu wollen.
Wir können uns nicht die Schablone von Bhutan auflegen und davon ausgehen, dass wir dann auch glücklich sind. Glück ist eine Einstellung. Diese Einstellung gilt es zu finden, durch inneren Wachstum.

Montag, 28. Mai 2012

Deutsche = Inländerfeinde?


Gestern fuhren wir ins Muttodayakloster, das im Frankenwald liegt, ein Waldkloster, das thailändischen Buddhismus praktiziert.
Unser Sohn interessiert sich für die buddhistische Lehre und während seine Klassenkameraden das alljährliche heimische Bierfest besuchen, hat er sich für Stille, Einsamkeit und Meditation entschieden. In dem Mönchskloster kann sich jeweils eine Frau aufhalten, die allerdings nicht im Haupthaus schlafen darf, sondern in einer kleinen Holzhütte am Waldrand untergebracht ist. Während ich mich mit dem einzigen weiblichen Gast vor der Hütte über ihre Erfahrungen unterhielt, beobachtete ich meinen Sohn, wie er still auf der Stupa vor dem Buddha saß, in sich versunken und ich fragte mich, wie er fünf Tage ohne virtuelle Welten, Laptop, Fernseher und iPod, nur sich selber überlassen, zurecht kommt.

Aus der Abgeschiedenheit und Stille des Klosters fuhren wir zur diesjährigen Landesgartenschau des Weltkulturerbes Bamberg.
Ich freute mich auf Farbenpracht und Duft unterschiedlichster Blumen, stattdessen gab es viel Konstruiertes zwischen vereinzelten Beeten von Stiefmütterchen, Phlox, verwelkten Tulpen und Ziertabak. Kleine Hütten, in denen virtuell für heimische Produkte geworben wurde, um dann an einem der Getränkeausgaben einen halben Liter Apfelsaftschorle in der PET-Flasche zu erhalten. Grün waren die integrierten Schrebergärten, bereits vor der Landesgartenschau ansässig, und die Blumenverkaufsstände. Dazwischen Werbeflächen von Sponsoren, Mitmachplätze wie Beachvolleyballsandplatz und Basketballfläche. Außerdem viele Kinderspielplätze mit und ohne Wasser. Zwei Bühnen, auf denen Kabarettisten krakeelten. Event und Werbung, wohin das Auge schaut.
Einzige Oase ein historischer Garten, dessen Rasenflächen verziert mit knallbunten Hängematten eines Sponsors. Wir freuten uns über den kleinen Ort der Stille, ohne Musik, Sams oder Lautsprecherkabarettistenwitze. Die Hängematte hielt tatsächlich zwei Leute aus und wir blickten von unten in das Laubwerk einer uralten Linde. Unser Fazit: Ein bisschen Land, wenig Garten, viel Show auf der Landesgarten-"Show".

Als wir an der Bushaltestelle auf den Bus warteten, der die Leute zum P+R-Parkplatz brachte, stand vor uns eine badisch sprechende Familie. Oma, Tochter, Schwiegersohn und zwei kleine Kinder. Die Großmutter, bewaffnet mit einem Regenschirm, versicherte ihren Enkelkindern immer wieder, dass sie diesen auch einsetzen würde, wenn sie diesmal nicht im Bus mitkämen, so wie bei der Hinfahrt, als sie auf den nächsten warten mussten, weil der Bus überfüllt war. Sie sprach laut ihre Drohungen gegen alle Umstehenden, so wie gegen den Busfahrer aus, damit auch ja keiner auf die Idee käme, ihnen ihren Platz wegzunehmen. Das erinnerte mich an die Geschichte einer Kollegin, die mir erzählte, dass auf einer Ausstellungseröffnung ein Mann im Rentenalter lautstark in der ersten Reihe während der Rede mit seinem Mobilfunktelefon telefonierte. Diese Kollegin ist Mitte zwanzig und fand das Benehmen des älteren Herren respektlos. Auch mich befremdete das Verhalten der Großmutter.
Ich fragte mich, welche Bezeichnung diese beiden Herrschaften für das Verhalten, das sie an den Tag legten, wählen würden, wenn Jugendliche in ihrer Gegenwart bei einer Eröffnungsrede lautstark mit dem Handy telefonierten. Rücksichtslos? Wichtigtuerisch? Ohne Manieren? Oder wenn sie in einer Menge unter lautstarken Drohungen mit einer "Waffe" rumfuchteln und ihren Platz einfordern. Ellenbogenmentalität? Aggressiv? Feindlich?

Im Zeitmagazin gibt es eine wöchentliche Deutschlandkarte, auf der die Antworten zu Fragen anschaulich grafisch dargestellt werden. Im Heft Nr. 20 lautet die Frage: Wer hasst wen?
Die Karte zeigt deutlich: In Deutschland hasst so ziemlich jeder jeden.
Der Text dazu heißt:
Die Deutschen mögen sich nicht besonders. Sich selbst im Ganzen nicht, und untereinander leben sie in geradezu familiärer Zwietracht. Kaum eine Region, die nicht von einer anderen Region gehasst wird. Anders als die Ausländerfeindlichkeit ist die Inländerfeindlichkeit in fast allen Schichten beliebt.

Unter den Gästen im Kloster konnte ich niemanden im Rentenalter ausfindig machen.
Und ich frage mich, was würde mit diesen beiden älteren Herrschaften passieren, wären sie sich fünf Tage selber ausgeliefert?

Sonntag, 20. Mai 2012

Viele Wege führen nach Rom

Und alles in dieser Stadt ist bombastisch.
Ob es das Nationaldenkmal für Viktor Emanuel II. ist, dessen ewige Flamme von ewig bewachenden Soldaten gehütet wird, der ausladende, pompöse Brunnen Fontana di Trevi oder die größte Kirche der Welt, Petersdom genannt.
So viele Wege auch in die Ewige Stadt führen, so sehr erstaunt es, dass diese Stadt lediglich zwei Metrolinien hat, die nicht an die Sehenswürdigkeiten angebunden sind. Um dort hinzukommen, muss man sich in das Gewirr der Gassen werfen, denen so ziemlich kein Stadtplan gewachsen ist (wir hatten drei zur Auswahl). Oder man ersteht in einem der Tabakläden einen Busplan, dessen Ausarbeitung so gar nicht dem deutschen Ordnungssinn entspricht. Aber schließlich ist Urlaub ja auch immer ein bisschen Abenteuer.
Einer der kleineren Umschlagplätze für Busse und Straßenbahn ist der Largo Argentina. Und für mich ist dieser Platz bezeichnend für Rom. Dort, wo in anderen Städten ein kleiner Park angelegt wäre, ein Minieinkaufszentrum, ein Kiosk oder ein Spielplatz, dort gibt es in Rom antike Ausgrabungen. Vier Tempel wurden offengelegt, auf einem Areal, das halb so groß wie ein Fußballfeld ist. Je tiefer gelegen, desto älter der Tempel und ich kann mir bildhaft vorstellen, wie jedes neue Bauvorhaben für eine Metrostation vereitelt wird durch Funde von Säulen, Kapitellen, Münzen. Und wer viel zu Fuß abläuft, findet an jeder Ecke Antikes, das ins moderne Leben hineinragt.
Fast jede der Ausgrabungen liegt tiefer als die moderne Stadt Rom und es ist, als ob eine Stadt auf einer Stadt aufgebaut wurde. Das ist normal, dass Städte auf den Trümmern der Vergangenheit aufgebaut wurden und werden, aber hier, in Rom, ist es so offensichtlich. Offensichtlich zur Schau gestellt deswegen, weil das, was darunter liegt, von Wert ist. Man könnte ja all den alten Bauschutt mit einem Bagger ausgraben und das bauen, was gebaut werden soll. In der Metropolregion, in der ich lebe, werden zur Zeit beim U-Bahnbau alte Bomben gefunden, die entschärft werden müssen und dann wird weitergebuddelt.
Aber Rom ist Rom und das, was hier offenbart wird, zeigt, wie das, was von Menschenhand erschaffen wird, aufeinander aufbaut.
Etwas muss vergehen, damit Neues entstehen kann.
Und was für Pflanzen und Lebewesen gilt, das gilt auch für Erschaffenes. Alles ist vergänglich. Was bleibt sind Reste, Spuren, manchmal auch nur Erinnerungen oder Interpretationen.
Und ich frage mich, was irgendwann einmal auf dem aufbaut, was wir geschaffen haben und zu Schutt und Asche zerfallen ist. Ob ein Teil des Eiffelturms aufgestellt wird, Überreste der Berliner Mauer, ein Bruchteil des Opernhauses von Sydney, das 22. Stockwerk eines Wolkenkratzers.
In einem alten Lied von Ludwig Hirsch (1928) erzählt er die Fantasie eines alten Mannes, der sich vorstellt wie uns eines Tages Wesen von einem fremden Planeten besuchen. Sie hätten Pillen gegen die Traurigkeit für uns dabei gehabt, aber leider gab es uns nicht mehr. Sie fanden einen alten Filmprojektor, in dem noch ein Micky Maus Film eingespannt war. Sie sahen sich den Film an und fanden, dass die Menschen lustig waren und ihre Pillen nicht gebraucht hätten.
Wird Rom, die Ewige Stadt noch stehen, wenn es uns vielleicht gar nicht mehr gibt? Vielleicht liegt sie einmal unter Wasser, wenn die Gletscher abgeschmolzen sind und wird zum Mythos - so wie Atlantis oder sie wird von Unterwasserwesen bewohnt. Wesen, die aus der ehemaligen Gattung der Säugetiere, die aus dem Wasser an Land gingen, widerum zu Wesen mutiert sind, die im Wasser überleben können. Oder Wesen, die gegen radioaktiv- und giftmüllverseuchte Lebensbedingungen resistent sind?
Das einzig Beständige ist die Veränderung.
Was bleibt? Letztendlich?

Freitag, 11. Mai 2012

rückläufige Venus

Gute Nachrichten!
Wer nun die Nase voll hat vom rückläufigen Mars, der darf auf die rückläufige Venus hoffen. Passend zum Wonnemonat Mai bringt sie wieder Schwung in unser Leben und lädt ein zum munteren Austausch mit vielen Chancen und Möglichkeiten.
Und hier noch Infos bezüglich unserem Liebesleben unter der rückläufigen Venus, allerdings in Englisch. Wundert euch also nicht, wenn alte Lieben auftauchen. Was nicht geklärt wurde, darf jetzt geklärt werden.

Dienstag, 8. Mai 2012

Umweltschutz oder Zerstörung?

Sind Sie umweltbewusst und haben Ihren Haushalt bereits mit Energiesparlampen ausgerüstet? Oder betrachten Sie diese Lampen mit einem unbehaglichen Gefühl? Ihr Gefühl hat recht.
Was uns unter "umweltbewusst" verkauft wird, schädigt uns auf allen Ebenen.
Bitte schauen Sie sich diese Informationen an und bilden Sie sich Ihre eigene Meinung.

Bulb fiction, Inhalt des Films, Die Geschichte von Max

Was muss passieren bis wir aufwachen?

Montag, 7. Mai 2012

Einladung zum Kaffeeklatsch


Als ich heute Morgen die Kolumne von Harald Martenstein im aktuellen Zeitmagazin las, musste ich schmunzeln.
Der Kolumnist schreibt über die Kolumne einer Kolumnistin auf Spiegel online.
Und so wie die Kolumnistin austeilt, was Männer betrifft, so gibt Martenstein zurück, was ihm nicht geschmeckt hat an ihren "feministischen Thesen". Zickenkrieg unter Kolumnisten, denn es gibt auch männliche Zicken.
Zitat Martenstein, was Frau Berg geschrieben hat:
Langt es doch, dass sie (die Männer) sich durch den Anblick einer Frau ständig an die Peinlichkeit der eigenen Geburt erinnern lassen müssen.
Finde ich auch ziemlich weit hergeholt.
Martensteins Antwort :
Wenn aber ein Mann eine Frau betrachtet, dann denkt er mal an dieses, mal an jenes, aber er denkt, verehrte Frau Berg, so gut wie nie an die Peinlichkeit seiner eigenen Geburt. Meine Geburt war übrigens total schön, ich denke da gerne dran.
Das interessiert mich. Erinnern Sie sich an Ihre Geburt, Herr Martenstein? So wie an den letzten Urlaub? Ach ja, war total schön, denke ich gerne dran zurück.
Da ich kürzlich ein Foto von Ihnen gesehen habe, kann ich nicht glauben, dass Sie zu der Generation gehören, deren Geburt als großer Event im Kreissaal gefeiert wurde mit Videokameras, Camcorder oder zur Not mit der Kamera des Handys und dann für alle sichtbar auf youtube gestellt.  Dann wäre es nachvollziehbar, dass Sie denken, sich an Ihre Geburt erinnern zu können.
Auch wenn Ihre Familie oder Ihr Vater Fotos im Kreissaal gemacht haben, hmmm.... würde ja noch lange nicht heißen, dass Sie sich an die "Geburt" erinnern, denn die Geburt ist ja das Abenteuer der ersten Wehe über die Reise durch den Geburtskanal bis hin zum ersten Erblicken der Welt.
Wer kann schon von sich behaupten, dass er sich an seine Geburt erinnert?
Oder ... Herr Martenstein, mal ganz ehrlich, waren Sie auf einem dieser Seminare, an denen man seine Geburt durchläuft, um sich dann noch einmal neu zu gebären? Haben Sie Rebirthing praktiziert?

Das ist die erste Frage, die mich beschäftigt: Wie kann es sein, dass Herr Martenstein sich an seine eigene Geburt erinnert? Wäre er mein Nachbar, würde ich ihn gerne auf eine Tasse Kaffee einladen.
Die zweite Frage ist: Was werden all die Kinder, deren Geburt als großes Ereignis unter Zuhilfenahme aller zur Verfügung stehenden Elektronikspielzeuge digital gebannt wurde, deren Eltern bereits vor der Geburt Blogs einrichteten, um dann täglich der ganzen Welt die Wunder der Fortschritte ihres Sprösslings zu senden, all die Kinder, die in "Upps! Die Pannenshow" ihre Auftritte hatten, die für Lacher oder Schadenfreude sorgten oder auch einfach so auf youtube veröffentlicht werden, was werden all diese Kinder mit ihren Daten machen?
Vielleicht gibt es in Zukunft ein digitales Medium, auf dem alles gespeichert wird und das dann jeder zum Kaffeeklatsch mitnimmt und in der Runde vorzeigt "meine dramatische Geburt" "mein peinlichster Auftritt mit einem Jahr" "mein Tagebuch von -256 Tagen vor der Geburt über die ersten Ultraschallaufnahmen bis hin zu 370 Tage nach meiner Geburt über detaillierte Blogeinträge, in denen meine Eltern glaubten meine Gedanken lesen zu können". Weder die Zeit im Bauch der Mutter, noch die Geburt, noch die ersten Kinderjahre bleiben im Dunklen wie bisher. Es gibt dann keine Geheimnisse mehr, alles ist dokumentiert, aufgezeichnet, protokolliert.
Ich bin gespannt auf diese Zeit.
Ich habe mir gerne mein Kinderalbum angeschaut, das mein Vater kreiert hat. Kein Geburtsfoto, nichts Unappetitliches. Immer schön rausgeputzt auf dem Arm meiner Mutter, gestützt von meinem Bruder, gehalten von meiner Patentante. Es ist 1 Album und spannt den Bogen von meinem ersten Jahr bis hin zur Firmung. Dann endet das Album. Meine Kinder-  und Jugendzeit ist sehr übersichtlich dokumentiert, alles dazwischen ist reine Interpretation. Ich liebe dieses Album, das verziert ist mit liebevollen Zeichnungen und Anmerkungen meines Vaters. Es ist ein Schatz, ein Vermächtnis, eine Erinnerung.
Manchmal ist das, was wenig ist, umso wertvoller.
Und das, was zu viel ist, wird belanglos.

Freitag, 4. Mai 2012

Negativer Lustgewinn


Diese Worte muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, denn für die meisten für uns sind sie widersprüchlich.
Wie kann ich mir aus etwas Negativem einen Gewinn holen? Oder ist der Gewinn negativ?

Die meisten von uns würden es ablehnen, dass sie etwas damit zu tun haben und doch praktizieren es viele von uns alltäglich. Es geht um die Lust und dem Gewinn am Schmerz. Keiner würde es bewusst tun, wir tun es  unbewusst.
Ein Besipiel:
Viele von uns wären gerne wohlhabend. Finanzielle Sorgen plagen den Einzelnen, Partnerschaften, Familien. Einmal sorglos mit Geld um sich werfen. Das ist die Fantasie, der Wunsch, der Traum.
Um uns zumindest einen dringenden Wunsch erfüllen zu können, fangen wir an zu sparen und dann ... muss das Auto in die Werkstatt, geht die Waschmasche kaputt, will das Finanzamt eine Steuernachzahlung. Der Traum ist futsch, wir sind frustriert "Ich schaffe es nie auf einen grünen Zweig zu kommen".
Wo liegt hier nun der Gewinn? Das Negative ist einleuchtend, aber wie kann so eine Situation einen Gewinn bescheren?
Er liegt in der Regel in der Bestätigung einer Überzeugung, die wir uns aus einem Urteil anderer gebildet haben. "Geh mal zur Seite, das schaffst du sowieso nicht", "Du hast ja zwei linke Daumen, lass mich das machen", "Du bist ja zu dumm um einen Eimer Wasser umzukippen", "Warum willst du das haben? Dein älterer Bruder hat das auch nicht bekommen. Du denkst wohl du bekommst eine Extrawurst". Schon mal gehört? Viele von uns sind mit solchen Parolen groß geworden. Die wengisten von uns wissen, was sie in uns anrichten. Da war immer jemand, der es besser, schneller, zufriedenstellender als wir hinbekommen hat. Wie auch nicht? Kinder lernen von Erwachsenen, älteren Geschwistern, Leuten die uns etwas lehren. Und wenn die Leistung eines Kindes mit der eines Erwachsenen verglichen wird, zieht es meistens den Kürzeren. Es wurde nicht gesehen, WAS wir geschafft haben, sondern WAS wir NICHT geschafft haben. Darauf wurden wir aufmerksam gemacht und aus diesen Parolen bilden sich Überzeugungen über uns selbst.
"Ich schaff das nicht", "Ich bin zu dumm dazu", "Ich war schon immer ungeschickt", und ganz häufig "Ich bin es nicht wert". Wer mit Geschwistern aufgewachsen ist oder selber Kinder hat, weiß, dass Kinder Gerechtigkeitsfanatiker sind. Bei uns wurde die Limo im Glas mit Eichstrich ausgeschenkt. Es gab für jeden nur ein Glas am Abend und keiner sollte auch nur einen Tropfen mehr wie der andere bekommen.
Und wenn wir nun etwas wollen, was die anderen auch nicht haben, wie können wir es uns erlauben, wenn es uns von anderen nicht erlaubt wurde mehr zu bekommen, mehr zu haben und sogar wir selber darüber gewacht haben, dass die anderen nicht mehr haben, nicht mehr bekommen wie wir.
Ganz subtil wirkt da "Das steht dir nicht zu" (s.auch transgenerative Traumata) oder "Das hast du nicht verdient". Und da diese Überzeugungen eine enorm hohe Kraft in uns entwickeln, sollten wir uns nicht darüber wundern, dass der heiß ersehnte Kurzurlaub platzt, weil wir uns einen neue Waschmaschine kaufen müssen. Gegen die Waschmaschine kann keiner etwas sagen, das ist heutzutage ein nötiger Gebrauchsgegenstand, kein Luxusartikel. Aber der Kurzurlaub ..... steht der uns zu?
Sind wir es wirklich wert, klug genug, fähig genug, um uns den Luxus von ein paar Tagen Auszeit zu gönnen? Ohne schlechtes Gewissen? Schließlich gäbe es ja noch viele andere, wesentlich dringendere Dinge, die wir damit erledigen könnten, als uns etwas Gutes zu tun. Ist das letztendlich nicht doch egoistisch?
Wenn Sie bereit sind zu sagen "Ja, ich bin davon überzeugt, dass ich es wert bin, dass ich fähig und klug genug bin. Dieser Urlaub steht mir zu, vor allem anderen. Und wenn mir jemand sagt, dass ich egoistisch bin, weil unsere Wohnung unbedingt einen neuen Anstrich bräuchte und ich Zeit und Geld lieber darin investieren sollte, dann ist das sein Problem. Ich lasse es mir gut gehen."

Negativer Lustgewinn.
Ein Teil von uns ist befriedigt, nämlich der, der uns selbst verurteilt.
Unsere Überzeugungen haben mal wieder die Oberhand behalten, sie lassen uns weiterhin für klein und dumm halten, und bekommen die Bestätigung ihrer Meinung von uns auf dem Präsentierteller. "Ich schaffe es nie". Genau, triumphieren sie innerlich, das habe ich dir doch schon immer gesagt, aber du willst mir ja nicht glauben "Du schaffst das nicht", basta. Wir bleiben hängen in Gefühlen, die uralt sind und die uns belasten. Das tut weh. Es ist Selbstsabotage und in jedem von uns steckt ein perfekter Selbstsaboteur.
Was uns bleibt ist das Jammern. Und wir wachen wieder darüber, ob auch die anderen ja nicht mehr abbekommen. Ist da jemand, der auffällig ungerecht mehr hat, dann können wir über ihn das ausgießen, womit auch wir begossen werden würden "So ein Egoist, unverantwortlich, na, der macht sich ja ein schönes Leben, was arbeitet der eigentlich und wie kann er sich das leisten?"
Urteile über andere sind Urteile, die wir von anderen angenommen haben und letztendlich sind es Urteile, die sich gegen uns selber richten.
Selbstverurteilung beschert negativen Lustgewinn.
Wer positiven Lustgewinn haben möchte, könnte die Überzeugungen, die in ihm wirken, aufspüren und sich anschauen, wo sie herkommen. Sie können aufgelöst werden und Ihnen den Weg frei machen für positive Gefühle und das "Tschakka, ich schaff das!"

Das ist Bewusstseinsarbeit.

Mittwoch, 2. Mai 2012

Mach einfach!


Als ich vor einem Monat aufbrach um meinen EFT-Praktiker abzuschließen, überfiel mich zwei Tage davor eine große Unlust. Am liebsten hätte ich abgesagt.
Ich bat meine zwei Männer mich gemeinsam zum Bahnhof zu bringen um sicherzustellen, dass ich tatsächlich in den Zug steige. Ich fühlte mich wie ein Kind, das sich voller Tatendrang zu einem Ausflug angemeldet hatte und sich dann am liebsten im Bett verkrümeln würde. So benahm ich mich auch. Unter Lachen, Küssen, Umarmungen und Winken wurden ich und mein Koffer in den Zug bugsiert.
Ich machte meinen Abschluss und es ist ein richtig gutes Gefühl etwas abgeschlossen zu haben.
Vielleicht deswegen, weil ich einmal in meinem Leben eine Ausbildung abgebrochen habe und mir danach vorgehalten wurde "Du machst das sowieso nicht zu Ende, du hältst das genau so wenig durch wie beim letzten Mal". Obwohl sich dieser Abbruch als richtige Entscheidung erwies und ich danach in den meisten Fällen durchzog, was ich anfing, klingen mir diese Worte noch immer im Ohr.
Manchmal dürstet es uns nach einer Bestätigung für das, was bereits in uns ist. Weil es schön ist zu teilen und weil es sich gut anfühlt, wenn das, was in uns ist, auch in einem anderen ist. Dann fühlt sich unsere Wahrheit wie eine größere Wahrheit an.
Wenn mich in meiner Arbeit mit Klienten jemand fragt "Und wie wars? Warst du erfolgreich?", kann ich nur mit den Achseln zucken. Denn die Arbeit mit einem Klienten ist dann für mich erfolgreich, wenn er das, was er erkannt hat, in die Tat umsetzen kann. Wenn die Erkenntnis nicht als Theorie im Kopf bleibt, sondern in die Praxis, ins Leben kommt. Wenn sich etwas bewegt. Und dann ist es nicht mein Erfolg, sondern der Erfolg des Klienten. Mich freut es, wenn ihn unsere Arbeit in die Bewegung bringt.

Nun lese ich das Kapitel 2 "Wie man sein Glück findet" in Barbaras Buch  und da steht:
Wie viel Glück Ihnen zuteil wird, hängt von Ihrer Bereitschaft zum Handeln ab.
Aktivität hilft Ihnen nachzudenken.
Selbst wenn Ihre Aktivität Sie in eine falsche Richtung führt, erhalten Sie dadurch wertvolle Informationen.
Aktivität fördert Ihr Selbstwertgefühl.
Es ist nicht nur die Unentschlossenheit, die Sie in der Passivität verharren lässt - sondern auch Angst. Aber jedesmal wenn Sie etwas tun, wovor Sie Angst haben, wächst Ihre Selbstachtung. Wenn Sie Angst haben, aber dennoch aktiv werden, tun Sie sich selbst einen großen Gefallen. Denn selbst wenn jemand die Tür vor Ihrer Nase zuschlägt, Ihren Brief nicht beantwortet oder Sie womöglich anschreit - wenn also das denkbar Schlimmste passiert - ,ist das relativ egal. Wann immer es Ihnen gelingt die eigene Angst zu überwinden, kommen Sie einen Schritt weiter. Und Sie können diesen Erfolg auch spüren. Selbstachtung folgt dem Handeln und nicht umgekehrt.
Wenn Sie dagegen zaudern und nicht handeln, spüren Sie, wie Ihr Selbstwertgefühl abnimmt.
Etwas zu unternehmen wirkt sich positiver auf das Selbstwertgefühl aus als zum Beispiel Affirmationen oder positives Denken. Sich selbst zu sagen, dass man in Ordnung ist, hält nicht lange vor.
Aktiv zu sein ist stets besser als nur nachzudenken, denn wenn Sie etwas getan haben, sind Sie stolz auf sich - selbst wenn Sie es nicht perfekt hinbekommen haben.
Wenn wir zu gut im Vermeiden werden, fangen wir nie an zu leben.
Ein nicht gelebtes Leben ist die Hölle.
Und nun kommt es, ich liebe sie dafür, weil es so zutiefst menschlich ist:
Ich selbst fühle mich zum Beispiel nie besonders wohl, wenn eine neue Vortragsreise ansteht. Nach einigen Monaten ohne Vorträge will ich am liebsten zu Hause bleiben, meinen Hund ausführen, zum Hotdogstand gehen und an meinem Computer arbeiten. Wenn dann ein neues Seminar ansteht, werde ich innerlich angespannt. Ich jammere, weil ich meine Seminarunterlagen mühsam zusammensuchen, Strumpfhosen tragen und in aller Hergottsfrühe zum Flughafen fahren muss.
Eine Bestsellerautorin, die Workshops in Amerikas Topfirmen (Microsoft, IBM, Hewlett Packard) hält, jammert, weil sie nun Strumpfhosen tragen und dem Ruf der Welt folgen muss.
Aber jedes Mal wenn ich dann vor einer Gruppe von Menschen stehe, bin ich voll und ganz in meinem Element und ich bin glücklich, dass ich mich überwunden habe. Und es verleiht mir ein Gefühl innerer Stärke, dass ich nie daran gedacht habe, eine meiner Veranstaltungen abzusagen.
Kommt das irgendjemandem bekannt vor? Mir ja.
Wer auch immer wir sind, was auch immer wir tun, wir bleiben Menschen und menschlich ist der Hang zur Bequemlichkeit und die Angst. Angst davor wieder etwas falsch zu machen, in die falsche Richtung zu laufen, in einer Sackgasse zu enden, ausgelacht, niedergemacht zu werden. Aber all das ist Bewegung, es ist Leben. Was ändert sich, wenn wir aussitzen und nichts tun, nicht einmal probieren. Dann kann uns vielleicht nicht viel passieren, aber genau darum geht es ja! Manchmal wünschen wir uns, dass einfach etwas passiert. Und dann passiert etwas und wir fühlen uns dem ausgeliefert. Wenn wir anfangen damit aufzuhören passiv darauf zu warten, dass etwas passiert, dann können wir aktiv mitbestimmen. Läuft es schief - shit happens - dann können wir uns umdrehen (s. Rückschläge sind Vorschläge für die Zukunft). Jedes Mal, wenn wir uns wieder ins Tun bringen, wenn wir aktiv werden, ist das eine großartige Sache. Es ist ein Schritt.

Mach einfach. Warum? Siehe oben.

Montag, 30. April 2012

Beobachtet, verraten und verkauft


Eine Bekannte, die bei Facebook ist und kürzlich einen Didaktik-Kurs besuchte, erzählte mir von ihrem schockierenden Erlebnis.
Der Dozent, ein Wanderer in den virtuellen Welten, besuchte mit ihnen gemeinsam unterschiedlichste Seiten, loggte sich mit dem ganzen Kurs bei YouPorn und einer Partnerplattform ein, brachte viele Beispiele und wie sie einzuordnen wären.

Dann bat er darum das Licht im Saal auszuschalten, machte den Beamer an und erklärte den Teilnehmern, dass er sich jedes ihrer Profile auf Facebook angeschaut hätte, fünf davon ausgewählt hat und diese nun dem Kurs vorstellen und analysieren möchte. Es wurde mucksmäuschenstill.
Meine Bekannte, die nicht zu den Facebook-Usern gehört, die sich als öffentlicher Star ihrer Seite produzieren, sondern eher das Paradoxon von Facebook lebt, nämlich möglichst wenig von sich preiszugeben, sah sich trotzdem starkem Herzklopfen und schweißigen Händen ausgesetzt. Was habe ich reingestellt? Habe ich bei den Einstellungen nichts übersehen? Kann der Typ auch noch hacken? Auch wenn ich noch so vorsichtig war, was kann der aus dem Wenigen herauslesen? Wie komme ich hier nur schnellstmöglich raus?
Und der scheinbaren Sicherheit eines Minimalprofils wich die Erkenntnis: Einer sieht alles!

Nachdem der gesamte Saal in eine Schockstarre verfallen ist, knipste der Dozent das Licht wieder an und erklärte die Aktion als Scherz. Der jedoch seine Wirkung nicht verfehlte.
Wer eine Freundschaftsanfrage erhält und der Neugierde nicht widerstehen kann diese zu adden, sollte sie innerhalb von Sekunden wieder löschen, falls ihm der "Freund" suspekt erscheint. Es reichen 10 Sekunden um 20 kompromittierende Partybilder runterzuladen.
Einer unserer größten Wünsche ist es "dabei zu sein". War es früher die angesagte Clique, so ist es heute die weltweit vernetzte Facebook-Community. Wie schnell steigt der Freundeskreis auf 50 Personen oder mehr und wer kann das im realen Leben von sich behaupten? Uns entgeht nichts mehr. Der anderen Seite auch nicht.
Und so wie wir uns früher den Gesetzen des Cliquenanführers beugten, um dabei zu sein, so akzeptieren wir heute, dass Facebook unsere Daten beobachtet, an andere verrät und verkauft. So wie wir früher dem Typen, von dem wir wussten, dass er postwendend alles weitertratscht, was wir im Vertrauen ausgeplaudert haben, möglichst wenig von uns erzählten, so versuchen wir uns heute möglichst bedeckt zu halten. Und alles hat seinen Preis. Weder die Aufnahme in einer begehrten Clique, noch die Teilnahme bei Facebook sind kostenlos. Das merken wir dann, wenn die Dinge wieder zu uns zurückkommen.
Wie las ich kürzlich in einer Zeitung?
Schon heute werden Informationen über das Leben und die Gewohnheiten des zukünftigen US-Präsidenten oder der zukünftigen Bundekanzlerin gesammelt. Es gibt keine Geheimnisse mehr.

Stell dir vor du sitzt im Kino und statt des Films erscheint dein Profil von Facebook/Partnerschaftsplattform/jedwede Plattform auf der Leinwand. Anhand deiner Fotos, deiner geaddeten Freunde und deiner posts wird dein Leben konstruiert. Das Licht geht an und alle Kinobesucher schauen auf dich. Fühlst du dich wirklich gesehen als der, der du bist oder sehen sie das Bild, das du von dir selber an die Leinwand projiziert hast? Schein oder Sein?