Montag, 27. Februar 2012

German Angst

German Angst - was ist das?
Dieser Begriff enstand in den achziger Jahren in den USA und was er in den Augen der Leute bezeichnet, die uns damit verbunden sehen, wissen wohl letztendlich nur sie. Es gibt weitreichende Interpretationen in Politik und Wirtschaft. Da mich jedoch das interessiert, was darunter liegen könnte, deute ich es mal als "Zögerlichkeit, Mutlosigkeit, Pessimismus".

Nun bin ich bei Sabine Bodes 2008 erschienenen Buch "German Angst" und dort wird diese Bezeichnung mit dem Hang der Deutschen zum Grübeln und ihrer merkwürdigen Zukunftsangst erklärt.

Zitate aus dem Buch:
Gemessen daran, wie schnell hierzulande ausländische Stimmen zur "deutschen Schuld" in die Schlagzeilen gelangen, dauerte es verblüffend lange, bis sich unsere Politiker den Befund vom verängstigten Deutschen zu eigen machten. Seit einigen Jahren gehört "German Angst" zum Vokabular der öffentlichen konsensfähigen Zustandsbeschreibung. Der Bundestagspräsident aus der Zeit der rot-grünen Koalition, Wolfgang Thierse, orakelte auf dem Katholikentag 2004: "Von German Angst spricht man im Ausland mit Blick auf unsere kollektive Gefühlslage. Angst wovor? Ist das eine kollektive, eine nationale Lebensangst? Ist es die Angst vor der Politik als solcher? Angst vor den realen Folgen der Politik - einer Politik, die erst falsche Versprechungen von blühenden Landschaften und immerwährendem Wohlstand aufbläst und dann an der Realität scheitern muss?
Dies könnte dazu beitragen, dass wir uns als Deutsche besser verstehen, auch in unserer Maßlosigkeit, auch in der weit verbreiteten Sorge zu kurz zu kommen, weshalb die meisten gesellschaftlich relevanten Gruppen in Besitzstandswahrung verharren. Wenn Menschen unabhängig von ihrer Einkommensgruppe sich so verhalten, als seien sie ständig davon bedroht zu verarmen, dann wäre es hilfreicher, die dahinter verborgene Angst aufzudecken, als die angebliche Gier oder den Geiz zu geißeln. Der SPD-Politiker Hans Koschnick hat keine Mühe, hier die Folgen eines kollektiven Traumas zu erkennen. Aber er sieht auch: Weil die Deutschen sich das nicht bewusst machen, mangelt es - seit der Traum vom ewigen Wachstum ausgeträumt ist - an Solidarität untereinander wie auch an Solidarität zwischen Deutschen und Ausländern.
"Wir haben unser Leid nicht fruchtbar gemacht", sagt Koschnick.
Und nun geht es darum, wie wir unser Leid fruchtbar machen können. Mitgefühl statt Selbstmitleid ist gefragt. Aber was ist der Unterschied?

Das hatten wir in der Tat schon einmal, dieses Selbstmitleid. Aber Mitgefühl mit sich selbst ist etwas völlig anderes. Es führt in die entgegengesetzte Richtung. Es führt aus der Sprachlosigkeit und aus der Opferrolle heraus. Es verringert Stress und Frust, es schärft die Wahrnehmungsfähigkeit dessen, was uns als Realität umgibt. Und es versetzt uns auf längere Sicht in die Lage - um Koschnicks Gedanken positiv zu wenden - unser Leid fruchtbar zu machen.
Wir sind geistig nicht frei. Dafür ist die Scham und damit die Last, deutsch zu sein, noch zu groß. Aber wir könnten auf dem Weg dorthin durch Selbsterkenntnis einen gewaltigen Schritt vorankommen. Wir müssen uns nicht länger als Opfer oder als Unfähige fühlen und uns ständig selbst abwerten. Es gibt keinen Grund zu jammern, keinen Grund für Selbstmitleid - aber gelegentlich Grund für Tränen der Trauer. Das wird immer dann sein, wenn wir uns als Einzelne, als Familien, als Nation den belastenden Auswirkungen unserer Vergangenheit stellen, indem wir unsere Gefühle zulassen. Verluste rein kognitiv zu verarbeiten, kann nicht gelingen. Es ist die Trauer, die heilt.
Wir besitzen als Gemeinschaft das, was man bei Individuen Krisenkompetenz nennt. Wir haben zwei Diktaturen überwunden, und wir haben - mit Hilfe und auch Druck der Aliierten - eine stabile Demokratie etabliert und ein vollständig zerstörtes Land wieder aufgebaut. Nicht einmal der ungeheure Kraftakt Wiedervereinigung ist gescheitert.
Deutschland hat es in der Vergangenheit zu großem Wohlstand gebracht, der sich in Zukunft realistischerweise verringern wird. Aller Voraussicht nach haben wir Unsicherheiten zu erwarten - keine Katastrophe. Die Katastrophe haben wir hinter uns. Lang ist sie her, doch die mutlose Stimmung im Land legt nahe, dass wir diese zurückliegende Katastrophe noch nicht komplett überwunden haben. Ich glaube, sie steckt uns noch in den Knochen oder besser: in den Seelen; sie verwandelt Ratlosigkeit in Hoffnungslosigkeit und ist am Entstehen irrationaler Ängste und apokalyptischer Fantasien beteiligt. Angst wird von Eltern an die Kinder weitergegeben - ein geläufiges Thema in jeder psychologischen Praxis. Solche Ketten der unbewussten Weitergabe wollen ernst genommen werden. Nur so kann irrationale Angst daran gehindert werden, sich wie ein Virus in den nachfolgenden Generationen auszubreiten.
Auf ihrer Suche nach Gesprächspartnern aus Politik, Geisteswissenschaften, Hirnforschung, Psychotherapie, Literatur und Finanzwesen, erhielt Frau Bode unterschiedliche Rückmeldungen. Eine davon zitiert sie:
Die Deutschen sind gewiss keine Weltmeister im Optimismus, sie verstehen sich aufs Jammern, sie schauen auf die Löcher im Käse und können sich endlos mit Bedenkenträgerei aufhalten. Mag auch sein, dass sie ein großes Sicherheitsbedürfnis haben. Aber Angst? Nein. Und wo, bitte schön, sollte diese Angst denn herkommen? Aus der Nazizeit, aus dem Krieg? Lieber Himmel! Wir sollten endlich aufhören, wie besessen in der Vergangenheit zu wühlen. Was uns fehlt, sind Visionen für die Zukunft! Was sagen Sie? Es ist gerade die Angst, die Visionen verhindert? Herrje, was kommt denn jetzt noch? Was schlagen Sie vor? Wollen Sie ein ganzes Volk auf die Couch legen?
Angst verhindert Visionen

Ohne Vision kein Ziel. Um unsere Energie zu mobilisieren brauchen wir ein Ziel. Angst lähmt.
Und nun werfe ich mal in den Raum:

Sehr geehrter Herr Schirrmacher, ich habe da eine IDEE!
Vielleicht ist es ja nicht nötig ein ganzes Volk auf die Couch zu legen, aber vielleicht die Leute, die in die Politik gehen. Denn sowohl unbewusste Angst, wie auch Selbstüberschätzung (laut Herrn Schmidbauer gerne als Schutz vor möglichen Kränkungen verwendet) verhindern eine realistische Einschätzung der Lage, sowie Ideenreichtum.
Vielleicht wären Herr Guttenberg und Herr Wulff und so einige andere Vertreter der Babyboomer in der Politik und Wirtschaft nicht gescheitert, hätten sie mal in ihrer Vergangenheit aufgeräumt und kollektive Trümmer entsorgt. Vielleicht hätten wir dann heute Zukunftsvisionen statt Leere in der wirtschaftlichen und politischen Landschaft. Und dazu wären sie großartige Vorbilder für alle ihrer Generation, Vorbilder für Mut - Mut aufbringen sich den eigenen Gefühlen und den Schatten der Vergangenheit zu stellen.
Mir würde das imponieren und sehr gut gefallen.

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Eine Übersicht zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Traumatisierte Familien". 

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Mehr Gedanken zu diesem Thema unter "Kriegskinder - Die vergessene Generation", "Verlassene Eltern", "Kriegsenkel - Die Erben der vergessenen Generation", "transgenerationale Traumata", "Du hast mich nie gesehen!", "Ein System für das es noch keinen Namen gibt"

Sonntag, 26. Februar 2012

Ein System, für das es noch keinen Namen gibt ...


Habemus Bundespräsident!
Joachim Gauck, 72 Jahre alt und ein Verfechter der Freiheit. Einer, der noch eine Meinung hat und dafür gleichermaßen kritisiert und gelobt wird. Giovanni di Lorenzo sagte in Anne Wills Talkshow, dass alleine die Tatsache, dass Gauck eine Meinung hat, wohltuend ist in einer Gesellschaft, die die größtmögliche Freiheit genießt und gleichwohl im größtmöglichen Konformismus gelandet ist. Einem Konformismus, der auf jeden einprügelt, der sich davon abhebt.
Wozu also Freiheit, wenn diese nicht genutzt wird?
Und einer, der noch eins draufsetzt, ist Frank Schirrmacher, selber ein Vertreter der Babyboomergeneration. Hier Auszüge aus seinem Artikel in der FAZ vom 19. Februar 2012, aufgehängt am Rücktritt von Christian Wulff:

Abtritt ohne Vermächtnis: Der Sturz der Babyboomer
Die erschöpfte Generation
das politische Projekt dieser Generation liegt wie in Trümmern
dass es heutzutage der Alten bedarf, um überhaupt das Wort „Ideen“ noch in den Mund zu nehmen
viele von denen, die aus dieser Generation in die Politik gingen, nach ungezählten Versprechen nur Leere hinterlassen haben
In Frank Schirrmachers Artikel  dreht es sich um das politische und wirtschaftliche Projekt seiner und meiner Generation, um die Illusion, dass Märkte auch schon Ideen sind und um die Leere, die wir in der politischen Landschaft hinterlassen haben. Wir, eine Generation, die nie wirklich etwas durchsetzen musste. Und nun sollen die "Alten" unser Land retten?
Mein Anliegen ist es jedoch nicht, mich hier auf eine politische Diskussion einzulassen. Mir geht es um das, was darunter liegen könnte. Für die Gründe, warum unsere Generation keine Ideen hat, sondern Trümmer und Leere hinterlässt.
Und dazu möchte ich in meine eigene Biografie gehen, die, wie ich inzwischen weiß, nicht für sich alleine steht.

Ich bin 1963 in einer Stadt geboren, die touristisch bekannt ist für ihren Christkindlesmarkt und historisch für die Reichsparteitage und als einer der wichtigsten Orte für nationalsozialistische Propaganda. Als bevorzugtes Ziel der alliierten Luftangriffe wurde die Stadt zu 91 Prozent beschädigt und die Hälfte aller Einwohner waren obdachlos. Es bestand die Überlegung die Stadt aufzugeben und an anderer Stelle neu aufzubauen.

In meinem Geburtsjahr lag das Ende des Krieges 18 Jahre zurück und doch habe ich genau diese Bilder im Kopf. Aufgewachsen in einem zerstörten Stadtteil, fiel es mir schwer in einem Hinterhof mit Kopfsteinpflaster Dreirad fahren zu lernen. Der Hof wurde begrenzt von einer undurchsichtigen Mauer aus Blech. Die Neugierde eines Kindes gibt jedoch keine Ruhe und so schlichen wir uns die Treppe hoch in die höhergelegenen Stockwerke. Von den Fenstern der Zwischenetagen hatten wir einen Blick auf das, was jenseits der Blechmauer lag. Ein von allen Seiten umzäuntes Areal, hügelig und von Unkraut überwuchert. War es wirklich so oder entsprang es meiner kindlichen Fantasie, dass ich in einem hochkant stehenden Stein eine Figur, eine Statue zu entdecken glaubte? Für mich als Kind war dieses Grundstück ein verheißungsvoller und gleichzeitig unheimlicher Ort voller Geheimnisse. Wenn wir die Erwachsenen fragten, warum sie uns diesen Platz nicht für Entdeckungen und Spiele öffneten, kam nur brummelnde Zurückweisung. Heute weiß ich, dass der Ort unserer Sehnsucht die ausgebombten Ruinen eines Gebäudes waren. Ob sich die Bewohner des Hauses retten konnten oder die Gebeine einiger noch unter den Trümmern lagen, entzieht sich meiner Kenntnis. Dieses Areal war und blieb für viele Jahre unantastbar.
Unter dem kleinen Hügel, der einmal ein Mietshaus war, frei zwischen den gegenüberliegenden Häusern lag und uns im Winter als Schlittenhang diente, wurde Jahre danach eine Bombe geborgen.

Und ich frage mich, welche Auswirkungen hat es auf eine Generation, die auf oder zwischen Trümmern, Bomben, Verschütteten oder Leichenteilen aufwächst? Wie sieht die Entwicklung eines Kindes aus, aufgezogen von unbeholfenen Eltern, die sich ihrer inneren Trümmerlandschaften nicht bewusst sind und alles, was hoch kommen will, mit Aktivismus niederdrücken und verdrängen? Welche Auswirkungen hat es auf eine Generation, die in der Schule als Heimatgeschichte unablässig mit Bildern von ausgehöhlten, ausgezehrten, nackten Gestalten hinter Stacheldrahtzaun konfrontiert wird? Deren Geschichtsunterricht, der als Vorbereitung für politisches, kulturelles und historisches Interesse gilt, hauptsächlich aus Bildern von Totenbergen, Projekten über menschenverachtende Experimente an Menschen und brüllenden Sieg-Heil-Ahnen besteht. Welche Auswirkungen hat es auf junge Menschen, wenn sie dazu verpflichtet werden ehemalige Konzentrationslager zu besuchen und hautnah Bergen von abgeschnittenen Haaren und aufgetürmten Schuhen gegenüberzustehen?
Unsere Vorfahren haben unser Kulturgut zerbrüllt.
Kann es sein, dass politisches und geschichtliches Interesse junger Menschen durch grauenerregende Bilder durchlöchert wird?
"Das darf sich nie mehr wiederholen!"
Wer diesen Satz immer und immer wieder hört, der bekommt Schuld und gleichzeitig Verantwortung für die Vergangenheit und die Zukunft aufgeladen und vielleicht ist es einfacher mit einer so schweren Schuld und Erwartung den Kopf in den Sand zu stecken, als sich dieser Last bewusst zu werden und nach einer Idee zu suchen, sie zu leben und die Verantwortung dafür zu übernehmen, welche Konsequenzen sie in der Zukunft auch immer nach sich zieht.
Aber Verantwortung zu übernehmen für unsere Handlungsweisen, uns darüber bewusst zu sein, dass alles was wir tun, sowie alles, was wir vermeiden, Ursache einer Wirkung ist, wurde uns so selten vorgelebt. Wie geht das? Und woher kommt das Rüstzeug, das ich dafür brauche? Mut, Verantwortung, Risikobereitschaft, Ziele, Wille, Struktur, Optimismus. Wer hat uns das gelehrt? Wo stand es auf dem Lehrplan? Auf was konnten und können wir aufbauen?

Wie schrieb Harald Martenstein in seiner neuesten Kolumne?

"Ich bin für das, was ich schreibe, nicht zuständig"

Unser Kolumnist über eine Zeit, in der keiner mehr verantwortlich sein will.


Wenn ein Land zu viel Geld ausgab, dann war dieses Land, so wollte es die Tradition, nach einer gewissen Zeit pleite. Heute scheint das nicht mehr möglich zu sein, andere Länder helfen dem Pleiteland aus der Patsche. In der Wirtschaft dagegen war es so, dass ein Unternehmen kaputtging, wenn es schwere Fehler machte. Zumindest für Banken und Konzerne scheint mir dieses Gesetz weitgehend außer Kraft gesetzt zu sein. Im Strafrecht hat sich der Gedanke ausgebreitet, dass Täter selten aus individueller Schuld zu Tätern werden, sondern meist infolge von Umständen, die sie nicht zu verantworten haben. Die frühere Rolle der Familie, eine Generation sorgt für die andere, hat zu großen Teilen der Staat übernommen.
Die Idee, dass Handelnde im Wesentlichen selbst für ihre Taten, für ihr Leben, für ihre Erfolge und Misserfolge, auch für die Menschen, die ihnen nahestehen, verantwortlich sind, diese Idee der Verantwortung gilt in den verschiedensten Bereichen zunehmend als altmodisch oder sogar menschenfeindlich.
Jeder ist seines Glückes Schmied. So lautete eine, selbstverständlich ideologische und nicht ganz wahre, Kernidee des Kapitalismus. Das Individuum soll frei sein, es hat die Wahl, es kann scheitern oder gewinnen. Wir haben jetzt eine neue Ideologie: Schuld sind immer die anderen. Handlungen dürfen niemals Folgen haben. Deshalb glaube ich, dass wir in Wahrheit längst nicht mehr im Kapitalismus leben, sondern in etwas anderem, einem System, für das es noch keinen Namen gibt ...
Sind wir eine Generation, die das Scheitern vorzieht um nicht die Verantwortung für einen Gewinn tragen zu müssen? Wurde auf den Trümmern unserer Ahnen eine Generation geschaffen, die ideenlos weitere Trümmer produziert und für ihr Versagen allen anderen die Schuld gibt?
Werden wir mit leeren Händen dastehen?

Mittwoch, 22. Februar 2012

rückläufiger Mars

Sind Sie zur Zeit müde, abgeschlagen, antriebslos? Nehmen Sie sich Dinge vor, die nicht gelingen? Sind Sie krank? Will es einfach nicht weitergehen? Stillstand? Oder fühlen Sie sich wie im Film "Und ewig grüßt das Murmeltier"? Leben in einer Endlosschleife?
Früher nannten wir es "Frühjahrsmüdigkeit", aber in einer komplexen Welt gibt es viel mehr Antworten.
Vielleicht unterliegen Sie der Kraft des rückläufigen Mars.
Der Planet Mars, der den Namen des römischen Kriegsgottes trägt und somit für Tatendrang und das Vorwärts steht, ist rückläufig.

Was das für Sie und für mich bedeuten kann, erfahren Sie hier.


Montag, 20. Februar 2012

Wie viel Wahrheit verträgt ein Paar?

 Ich bin ein ZEIT Magazin Leser und im letzten Drittel des Heftes, kurz vor den Spielen und Rätseln und immer rechts von den Partneranzeigen, gibt es "Die großen Fragen der Liebe" und eine Antwort von Wolfgang Schmidbauer. Diesmal stellt sich die Frage: Wie viel Wahrheit verträgt ein Paar?
Die Frage: Ulli und Johanna sind seit gemeinsamen Studentenzeiten mit Lea und Max eng befreundet. Inzwischen nähern sich alle vier dem siebten Ehejahr. Lea und Max haben zwei Mädchen; Ulli und Johanna sind kinderlos und unternehmen viel zusammen, manchmal recht gewagte Fernreisen.
Nach einem der inzwischen recht selten gewordenen Treffen zu viert sagt Ulli zu Johanna: »Die Beziehung zwischen Lea und Max gefällt mir gar nicht mehr. Die streiten ständig über Kleinigkeiten, Haushalt und so!« Darauf Johanna: »Ich könnte da auch oft mit dir streiten, aber ich lasse es lieber.« Betroffen erwidert Ulli: »Genau das meine ich. Wir streiten uns nicht über Kleinigkeiten.« Aber er fühlt sich plötzlich sehr weit weg von Johanna.
Wolfgang Schmidbauer antwortet: Wir alle neigen dazu, möglichen Kränkungen durch Selbstüberschätzung vorzubeugen. 90 Prozent aller befragten Männer halten sich beispielsweise für überdurchschnittliche Autofahrer; ebenso viele Universitätsprofessoren sind überzeugt, besser zu sein als der Durchschnitt ihrer Fachkollegen.
Ich kenne keine entsprechende Befragung von Ehepaaren, bin aber sicher, dass auch hier ein ähnlich hoher Prozentsatz die Illusion pflegt, eine überdurchschnittliche Ehe zu führen. »Siamo la coppia più bella del mondo«, sang einst Adriano Celentano. (»Wir sind das schönste Paar der Welt«). Ulli hat versucht, diese Illusion zu festigen; Johanna hat dem Ballon einen Nadelstich verpasst.
Die Antworten von Herrn Schmidbauer auf die Fragen der Liebe sind oft ungewöhnlich und für mich immer spannend. Diesmal musste ich schmunzeln. Solche Worte aus dem Mund eines erfahrenen Paartherapeuten und Mannes über die Wahrnehmung oder die unbewusste Taktik von Männern - Selbstüberschätzung als Schutz vor möglichen Kränkungen - decken sich mit meiner weiblichen Erfahrung.
Männer in Beziehungen sehen häufig so lange kein Problem, bis es knallt, weil die Frau nicht mehr gewillt ist ihren Mund zu halten. Und so behaupten sie gerne "Wir haben keine Probleme" und verwenden den Pluralis Majestatis für einen komplizierteren Sachverhalt in der Bedeutung von "Ich habe keine Probleme. Wenn jemand ein Problem hat, dann meine Frau, aber das ist ja dann nicht mein oder unser Problem, sondern ihres". Wie sagte jemand mal so schön? "Was willst du? Ich bin ein Mann, primitiv und glücklich". Und dann gibt es diese Spezies, "die Probleme hat und wenn keine da sind, dann machen sie halt welche". Diese Spezies, die die Männer manchmal jäh aus ihrem Männerdasein holt und ihnen die Scheuklappen der Selbstüberschätzung oder Illusionen wegnehmen, indem sie sie irgendwann (muss ja nicht immer im verflixten 7. Jahr sein) deutlich und unsanft auf den anderen Teil der Welt- oder Beziehungsanschauung aufmerksam machen.

Für alle, die sich schwer tun den Partner zu verstehen und den großen Knall vermeiden wollen, habe ich hier einen Tipp:
den Manslater
er übersetzt nicht nur die Sprache der Frauen für Männer, sondern auch umgekehrt. Viel Spaß!



Samstag, 18. Februar 2012

Farben und Lebensfreude

Liegt es wirklich am Vitamin D Mangel, dass ich und meine Mitmenschen in dieser Jahreszeit grau und schlapp durchs Leben wandeln?
Ich sehne mich nach Licht und kann es nicht abwarten, bis es draußen hell wird. Kaum ist es hell, drückt der graue Himmel von oben und der nasskalte Boden von unten. Dazwischen eingeklemmt Menschen in braunen, grauen und schwarzen Winterjacken. Mir fehlt die Farbe, mir fehlt die Freude.
In den Boutiquen haben sie bereits Einzug gehalten, die Farben rot, gelb und grün, der Frühling wird leuchten. Dazwischen die reduzierte Winterware im üblichen braun, grau und schwarz und ja, tatsächlich, auch dunkelblau und vereinzelt dunkelgrün. Warum gibt es keine signalroten Daunenmäntel, kanariengelbe Steppjacken, wiesengrüne Wollmäntel?
Es sieht so aus, als ob wir uns der Natur anpassen, noch warten die Krokusse auf ihr Coming-out und die Tulpen auf die wärmende Sonne, die ihnen das Startzeichen gibt sich in aller Buntheit zu entfalten. Das alljährliche große Warten auf den Startschuss. JETZT ist es so weit und alles ist bereit sich in quietschgelb, leuchtrot und grasgrün zu zeigen. Ich freue mich auf den Frühling. Wie jedes Jahr sehne ich ihn herbei. Die Explosion von Tulpen, Osterglocken, Forsythien und Flieder.

Bis dahin tröste ich mit Parov Stelars "Catgroove".


Donnerstag, 16. Februar 2012

Zorn motiviert und spendet Kraft


Die deutsche Sprache ist eine reichhaltige Sprache und ich freue mich immer wieder an den vielen Wörtern, die uns zur Verfügung stehen, um uns auszudrücken.

Aufgewachsen in einer Generation, der das Gefühl "Wut" regelrecht aberzogen wurde, fällt es mir auch heute im Erwachsenenleben manchmal schwer, mich abzugrenzen.

In der kultivierten Erwachsenenwelt ist Wut ein völlig inakzeptables Gefühl und wird als Aggression gewertet. Wut zählt zu den negativen Gefühlen und alles Negative ist unerwünscht. Cholerische Chefs in einem gewissen Alter bilden die Ausnahme. Ein Gefühl kann aber nicht aberzogen werden, es bleibt da, denn es ist eine Kraft, eine Energie, dazu da, etwas zu bewirken. Es kann nur Einfluss auf den Umgang mit dem Gefühl und auf das Verhalten ausgeübt werden. Und wenn dieses Gefühl im Außen nicht ausgedrückt werden darf, bahnt es sich einen Weg nach Innen. So zerstörerisch Wut auf die Umwelt wirken kann, so zerstörerisch kann es auch in unserem Inneren wirken.
Ich habe meine eigenen Erfahrungen mit dem Gefühl "Wut" und dachte lange Zeit, dass ich inneren Frieden nur durch die Umwandlung von Wut in eine andere Kraft finden kann. Die Kampfkunst hat mir geholfen meine innere Wut in einen körperlichen Ausdruck zu bringen, dessen Art und Weise akzeptabel ist. Als die Wut weg war, fehlte mir der Antrieb, denn Wut ist eine große Kraft. Ich kenne viele Leute, die sich weigern ihre innere Wut loszulassen, da sie in ihr eine Art Triebfeder sehen um ihr Leben überhaupt bewerkstelligen zu können. Dabei übersehen sie häufig, dass Wut, die sich nach innen richtet, selbstzerstörerische Auswirkungen hat und der erhöhte Blutdruck und Herzattacken durchaus damit in Verbindung gebracht werden können.
Nun habe ich diese selbstzerstörerische Kraft in mir zum großen Teil auflösen können und doch, immer wieder zeigen sich mehr oder weniger große oder kleine Rückfälle, die etwas in mir in Bewegung setzen, das wie eine kleine Flamme immer größer wird und explodieren möchte. Und ja, manchmal möchte ich diese Flamme herausbrüllen, auf den Tisch hauen, mit dem Fuß aufstampfen. Und jedes Mal, wenn diese Flamme in mir Gestalt annimmt, fragt eine innere Stimme, eine Art "Wutüberwacher" süffisant: "Und? Was ist nun mit deiner Wut? Doch nicht ganz vorbei, oder?" Da sitze ich nun mit der Überzeugung "Kein innerer Friede im Beisein von Wut". Aber irgendwas passt nicht an diesen Worten, es fühlt sich nicht stimmig an, nicht für mich. Ich brauche eine Antwort, wie ich dieses Dilemma löse. Kann ich meinen inneren Frieden erreichen und trotzdem Wut spüren?

Und die Antwort kam in Form eines Interviews mit Jutta Limbach, 77 Jahre, Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts von 1994 - 2002, im Zeit Magazin:
ZEITmagazin: Frau Limbach, sind Sie eine zornige Frau?
Jutta Limbach: Ich bin eine heitere Frau, aber Zorn ist mir nicht fremd. Viele Menschen missverstehen Zorn als Wut und denken, das sei die reine Explosion, doch Zorn motiviert und spendet Kraft. Nicht ohne Grund spricht die Bibel von gerechtem Zorn in Situationen, wo Gott sich besonders geärgert und dann, zugegeben, impulsiv reagiert hat. Ich wirke auf den ersten Blick sehr sanftmütig, kann aber sehr zornig werden. Vor Jahren hatte ich eine Auseinandersetzung mit einem Kollegen. Er hielt einen liberal gesinnten jungen Juristen für einen Extremisten. Ich konnte das nicht verstehen und habe mit der Faust auf den Tisch gehauen.
...
ZEITmagazin:
Sie sind immer aktiv. Doch vor Kurzem hat Sie eine schwere Herzoperation außer Gefecht gesetzt.
Limbach:
Was Krankenhäuser angeht, neige ich zur Panik. Wenn man von einem Tag auf den anderen seine Glieder nicht mehr bewegen kann, fühlt man sich ohnmächtig. Nach der Operation war ich deprimiert, das gebe ich zu. Wissen Sie, was für ein Erlebnis das ist, wenn man das erste Mal wieder selbst auf die Toilette gehen kann? Ich habe die Krankenschwestern mit meiner Unruhe ziemlich genervt. Diese ganzen kleinen Stecker, die man da hat, damit einem dies und jenes gespritzt wird: Ich hätte mir das am liebsten alles vom Halse gerissen!
ZEITmagazin:
Da kommt der Zorn wieder...
Limbach:
Dann geht’s wieder aufwärts. Bei mir sind Zorn und Willensstärke eins.
"Viele Menschen missverstehen Zorn als Wut und denken, das sei die reine Explosion, doch Zorn motiviert und spendet Kraft."
Und ich frage mich, was der Unterschied zwischen Wut und Zorn ist und meine Antwort: Wut hat eine zerstörerische Wirkung, man nennt sie auch blind. Während Zorn ein Ziel vor Augen hat, man nennt ihn gerecht. Die blinde Wut, die wild um sich schlägt und der gerechte Zorn, der sich bei Ungerechtigkeit zu Wort meldet.
Und damit kann ich prima leben. In Zukunft werde ich nicht mehr wütend, sondern zornig.
Innerer Friede und gerechter Zorn, das ist kein Widerspruch, sondern bedingt sich. So lange ich bei Ungerechtigkeit schweige, kann sich auch mein innerer Friede nicht einstellen. Innerer Friede ist nicht gleichbedeutend mit Passivität. Innerer Friede erfordert oft ein hohes Maß an Aktivität.



Montag, 13. Februar 2012

transgenerationale Traumata - finanzielle Schuldenlast = alte Schuld?


In Sabine Bodes Buch "Kriegsenkel - Die Erben der vergessenen Generation", gibt es ein Fallbeispiel, das mich zum Nachdenken brachte.

Beschrieben wird die Lebensgeschichte eines damals 50-jährigen Rechtsanwalts, der als Einzelkind behütet von Eltern erzogen wurde, die beide Flüchtlingskinder sind.
Mitte der neunziger Jahre erfüllte er sich seinen Lebenstraum, kaufte und sanierte einen fünfgeschossigen Altbau aus der Gründerzeit, verkaufte die sanierten Wohnungen und richtete sich vom Gewinn seine Traumwohnung, ein Dachgeschoss mit Terrasse, her.
Zitat aus dem Buch:
"Nach 18 Monaten war es soweit. Ich befand mich endlich in meiner Traumwohnung und hätte eigentlich nur glücklich sein müssen. Aber dem war nicht so."
Zunächst fühlte er sich nur unwohl und verunsichert, ohne zu wissen, warum. Ganz anders als früher fühlte er sich tief getroffen, wenn seine Freundin seinen Hang zu Luxus kritisierte. Eigentlich hätte es ihn nicht mehr erschüttern sollen. Er kannte das doch alles schon: Seit er sein eigenes Geld verdiente, hatten seine Eltern mit Kopfschütteln oder düsteren Ermahnungen auf seine angeblich völlig überflüssigen Anschaffungen reagiert, auf eine Stereoanlage zum Beispiel. Nun aber, in seiner Traumwohnung, quasi am Ziel seiner Wünsche, wurde Robert von Schuldgefühlen geplagt. Eine innere Stimme setzte ihm zu, eine Stimme, die nicht verstummen wollte: "Es geht dir zu gut! Du arbeitest nicht hart genug. Du willst mit 30 Wochenstunden ein schönes Leben führen. Und du willst mehrere Monate im Jahr in Urlaub fahren. Das leistest du dir alles und hast auch noch Erfolg. Du hast eine gute Beziehung und nun auch noch Eigentum. Das ist zuviel. Das steht dir nicht zu!"
Wer war diese Stimme? Sein Gewissen? Ein Neidhammel?
"Es geht dir zu gut! Das steht dir nicht zu!"
Die Vorwürfe seines inneren Konflikts hörten nicht auf. Es war wie eine absurde Belagerung, gegen die sein Verstand nichts auszurichten vermochte. In jener Zeit entwickelte Robert B. das, was er rückblickend eine "handfeste Macke" nennt. Sein Umgang mit Geld veränderte sich. Er, der zuvor beim Hauskauf und während der Sanierung umsichtig gewaltige Summen bewegt hatte und wie geplant als Gewinner hervorgegangen war, verlor den Überblick bei seinen alltäglichen Ausgaben.
Diese Situation hielt über Jahre an, er schöpfte seinen Dispokredit völlig aus und lebte ständig mit der Angst, dass die Bank ihm Daueraufträge stornieren oder Lastschriften zurückschicken könnte. Er litt unter Schlafstörungen. Etwas, das er nicht greifen konnte, drängte ihn dazu ständig über seine Verhältnisse zu leben. Auf seiner Suche nach den Gründen für sein absurdes Verhalten, erkannte er Folgendes: Freunde und Bekannte fragten ihn, warum ihn die Situation aufrege, das machen doch schließlich viele so - Schulden - da sei doch nichts dabei. Insgesamt wurde ihm plötzlich das Jammern und Leiden der Deutschen, die in einer der reichsten Industrienationen der Welt lebten, bewusst.
Robert B. wuchs mit einer Mutter auf, die ihm keine Geheimnisse gönnte, ihrerseits jedoch ein großes Geheimnis verbarg. Die Ehe seiner Eltern schien vordergründig gut zu sein, die Mutter nahm im Beisein ihres Mannes alles hin, hinter seinem Rücken jedoch sprach sie schlecht von ihm.
Bei einer Familienaufstellung kam heraus, dass er, der Sohn, als "Ersatzmann" seine Mutter glücklich machen sollte, weil der Vater es nicht fertig brachte.
Für Robert B. war das keine neue Erkenntnis, er wusste bereits um die Last, die er mit sich rumtrug und die seine Beziehung zu Frauen bestimmte. "Meine Vorstellung war: Ich muss meine Freundin um jeden Preis glücklich machen, ja, ich muss sie retten. Dabei wünschte ich mir nichts mehr als eine gleichberechtigte Partnerschaft, doch das kollidierte mit meinem Muster."
Nachdem von einer Teilnehmerin des Familienstellens erwähnt wurde, dass es wohl ein schlimmes Kriegserlebnis bei der Großmutter mütterlicherseits gäbe, sprach Robert B. seine Mutter an und sie erzählte ihm von der großen Familienkatastrophe:
Seine Großmutter und deren Mutter wurden von Rotarmisten vergewaltigt. Seine Mutter war damals 13 Jahre alt und blieb nur deswegen verschont, weil die Vergewaltiger ihr Versteck übersahen.
Bei ihm selber folgte nach Schock und Erschütterung die Erleichterung durch die Erkenntnis: "Die Männer der Familie hatten die Frauen nicht schützen können, nicht retten können. Also konnte meine Mutter Männern nicht mehr trauen. Vor dem Hintergrund der Vergewaltigung wäre kein Mann gut genug für sie gewesen. Kein Mann - auch ich als Sohn nicht - hätte sie retten können, weil sie mit diesem Trauma belastet war."
Robert B. hatte sich in zwei Beziehungen an Frauen gebunden, die in jüngeren Jahren vergewaltigt worden waren. Frauen, die er, gemäß dem alten Familienmuster, retten und von ihrem Schicksal erlösen wollte.
Bei einer Tagung in Tschechien erhielt er Hinweise auf die Herkunft seiner Mutter und was an dem Ort, in dem sie lebte, passiert war: ein Massaker in Aussig an der Elbe, ein Racheakt an den deutschen Besatzern, die Ausrottung der Dorfbevölkerung, deren Leichen die Elbe rot färbten.
Auf einer Urlaubsreise hatte er ein Erlebnis, das ihn das "verlorene Paradies" seines Großvaters nahebrachte.
"Er hatte sich mit Fleiß und Geschick zu einem erfolgreichen Unternehmer hochgearbeitet und in Böhmen einen Hof gekauft. Auch hier gelang ihm, was er anpackte. Die Landwirtschaft machte ihn zu einem wohlhabenden Mann, dem nichts wichtiger gewesen sei als das Wohlergehen seiner Frau, seiner Mutter und seiner Kinder. Dann der Krieg. Die rote Armee rückte näher. Es gab einen kurzen Zeitraum, da hätte er fliehen können. Aber er zögerte. Vielleicht hoffte er noch auf die Amerikaner. Auf jeden Fall hoffte er, seiner Familie ein Leben in tiefster Armut ersparen zu können. Es war der entscheidende Fehler seines Lebens. Nicht nur, dass er alles verlor, was er besaß - er wurde gezwungen anzusehen, wie seine Frau und seine Mutter von Sowjetsoldaten vergewaltigt wurden."
Robert B.: "Die Schuldgefühle müssen für meinen Großvater unüberwindbar gewesen sein. Er war ein gebrochener Mann - das ist mir plötzlich klar geworden. Dort am Meer war er mir fast körperlich nah, als säße er neben mir in der Hängematte. Er weinte. Wir weinten zusammen."
Der Enkel begriff, dass die hartnäckigen Schuldgefühle, die ihn selbst immer wieder befielen, von seinem Großvater stammten. In seiner Familie gibt es den Spruch:

"Wem es zu gut geht, den bestraft das Leben!"

Und ich frage mich: Auf wie viele unserer Generation, die sich für Eigenheim und Statussymbole bis über beide Ohren verschulden, gelten und wirken die alten Überzeugungen unserer Vorfahren? Was ist unser wahres Erbe?

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Eine Übersicht zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Traumatisierte Familien". 

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Mehr Gedanken zu diesem Thema unter "Kriegskinder - Die vergessene Generation",  "Verlassene Eltern", "Kriegsenkel - Die Erben der vergessenen Generation" , "German Angst", "Du hast mich nie gesehen!", "Ein System für das es noch keinen Namen gibt"



Dienstag, 7. Februar 2012

Kriegsenkel - Die Erben der vergessenen Generation


Und nun widme ich mich dem zweiten Buch von Sabine Bode, das den Titel "Kriegsenkel - Die Erben der vergessenen Generation" trägt.
Sie zitiert Cicero:
Nicht zu wissen, was vor der eigenen Geburt geschehen ist, heißt immer ein Kind zu bleiben.
Und an anderer Stelle wird Michael Ermann, der mit einer Forschungsgruppe an der Uni München die Spätfolgen deutscher Kriegskindheiten untersuchte, zitiert:
Ohne Erinnerungsarbeit gibt es kein Gefühl der Kontinuität des eigenen Lebens - ohne diese gibt es keine positive Identität.
In diesem Buch geht es nun um die Generation der "Baby-Boomer" oder der, nach einem Buch von Florian Illies benannten durch und durch konsumorientierten "Generation Golf", hauptsächlich um die 1960 - 1975 geborenen Kinder der Kriegskinder. Um meine Generation.

Im Klappentext des Buches formuliert Illies einen Rückblick auf seine Kindheit mit folgenden Worte:
Noch ahnte man nicht, dass man einer Generation angehörte, für die sich leider das ganze Leben, selbst an Montagen, anfühlte wie die träge Bewegungslosigkeit eines Sonntagnachmittags.
Sabine Bode ergänzt:
Noch ahnte man in der Generation Golf nicht, dass mit Globalisierung, Finanzkrise und Arbeitslosigkeit ganz andere Themen als Konsum auftauchen würden. Noch ahnte man nicht, dass man der ersten Nachkriegsgeneration angehörte, der im Unterschied zu Eltern und Großeltern kein behaglicher Ruhestand vergönnt sein würde, weil eben diese sich der öffentlichen Kassen gedankenlos bedient und ihren Nachkommen einen gigantischen Schuldenberg hinterlassen hatten. Noch ahnte man nicht, dass man zu  gehemmt sein würde, um die Älteren mit ihrer Maßlosigkeit und ihrem Desinteresse an gesellschaftlicher Zukunftsgestaltung zu konfrontieren. Noch ahnte man nicht, dass die sechziger und siebziger Jahrgänge maßgeblich an einem folgenreichen gesellschaftlichen Phänomen beteiligt sein würden - der Kinderlosigkeit.
Und ich möchte hinzufügen: Noch ahnte ich nicht, dass ich Erbe eines transgenerationalen Traumatas bin.
Für mich ist Sabine Bodes Buch Gold wert, denn auch in meiner Familie gab es Schweigen und viele unbeantwortete Fragen, was die Kriegszeit betraf. Und doch spürte ich das Grauen, das unter dem Schweigen lag. Das Thema Krieg und seine Folgen war allerdings nicht nur in meiner Familie ein Tabu "Davon will ich nichts mehr hören. Ich bin froh, dass das vorbei ist. Hör auf in Dingen zu wühlen, die dich nichts angehen. Lass das ruhen. Dir geht es gut, dir mangelt es an nichts. Sei still." Auch Freunde meinten und meinen "Warum beschäftigst du dich damit? Warum belastest du dich mit dem ganzen alten Schrott?" Ich beschäftige mich damit, weil es nicht aus Freiwilligkeit geschieht, sondern aus einer ganz klaren Not heraus. Ich bin belastet. Und dieses Buch zeigt mir: Ich bin nicht alleine, ich bin in guter Gesellschaft.

Bevor die 14 Fallbeispiele aufgeführt werden, geht es in der Einführung darum, dass die  Kriegskinder in ihrer Kindheit verheerende Erfahrungen machten, jahrzehntelang jedoch nicht das Gefühl hatten, etwas besonders Schlimmes erlebt zu haben. Es fehlte ihnen damit der emotionale Zugang zu ihren Erfahrungen und Prägungen. 
Die Deutschen als Opfer waren als Thema unerwünscht, vor allem seit in den siebziger Jahren die amerikanische Fernsehserie "Holocaust" ausgestrahlt wurde. In den Medien, an den Schulen, in der Forschung ging es fast ausschließlich um die Fakten und Hintergründe von Hitler-Deutschland, um die Opfer der NS-Verbrechen.
Weiterhin wurde gerade den Kindern, die während des Krieges geboren waren, abgesprochen, dass sie die Kriegsgräuel mitbekommen hatten. Ihnen wurde gesagt "Vergiss alles. Sei froh, dass du lebst. Schau nach vorn". Wer sich mit Traumaforschung beschäftigt, weiß, dass der Appell "Vergiss es " an ein Kind gerichtet auch hervorragend funktioniert.
Dazu der Psychoanalytiker Hartmut Radebold
Die von der 2. an die 3. Generation "vererbte" psychische Erfahrungsgeschichte lässt sich zwar verleugnen, bagatellisieren und bewusst für nichtig erklären - auslöschen lassen sich die Spuren nicht.
Und wenn nun diese große Gruppe an Kriegskindern über so viele Jahre völlig ahnungslos über die Schwere der gemachten Erfahrungen, Prägungen, Verunsicherungen war, wie sollten dann deren Kinder, die Kriegsenkel auf die Idee kommen, dass sie ein kollektives, belastendes Erbe mit sich herumtragen?
Und nicht nur das. Für Eltern, die in die Kriegsjahre hineingeboren wurden, waren die Alltagsnöte ihrer Kinder Banalitäten. Welches Problem eines Kindes kommt gegen die Worte "Wir hatten nichts zu essen, wir haben gehungert" an? Wie oft traut sich ein Kind von Schulsorgen oder Hänseleien zu berichten, wenn es immer und immer wieder hört "Dir  geht es doch gut". So wie ihnen der emotionale Zugang zu sich selbst fehlte, so fehlte ihnen der emotionale Zugang zu ihren Kindern.
Dazu Altersforscher und Psychoanalytiker H. Radebold
Wahrscheinlich konnten diese Eltern nur wenig auf die psychischen Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen und erwarteten, dass diese angesichts der eigenen bedrückenden Biografie mit ihren so "durchschnittlichen" Problemen und Konflikten in Kindheit und Pubertät selbstständig zurecht kamen.
Und was mir immer wieder auf Seminaren auffällt, ist die große Loyalität und Treue unserer Generation den Eltern gegenüber und die Schwierigkeiten, die damit für uns verbunden sind. Dieses Festhalten an der gefühlten Verantwortung für das Wohlergehen unserer Eltern, das einer tiefen Verunsicherung entspringt und uns zu ewig Suchenden macht, die sich schwer tun ihr Potential zu entwickeln und damit ihr eigenes Leben zu leben. Wir leiden an uns, da uns das Leiden jedoch abgesprochen wurde, leiden wir für unsere Eltern. Und nicht selten genug leben wir aus Solidarität das Leben unserer Eltern. Oder wir führen ein Leben für unsere Eltern. Ein Leben, das ihrem Bild entspricht. Selten leben wir uns. Wie kann man sich selber leben, wenn die eigene Identität schwammig geblieben ist?
Von klein auf hatten sie die Bedürftigeit der Erwachsenen gespürt und versucht, es ihnen "leicht" zu machen und sie zu trösten. Damit war das Fürsorge-Prinzip zwischen Eltern und ihren Kindern auf den Kopf gestellt worden. Wenn sie nun als Erwachsene ihre Eltern um jeden Preis schonen wollen, setzt sich diese ungesunde Fürsorge fort.
Das schreibt Sabine Bode über die Kriegsenkel, die sich schwer tun schlecht über Vater oder Mutter zu reden, denn im Gegensatz zu den Kriegskindern, denen der Krieg Schaden zugefügt hatte und die somit wesentlich ungehemmter über ihre Erfahrungen berichten konnten, waren es im Fall der Kriegsenkel die Eltern, die ihnen mehr unbewusst als bewusst schadeten. Und das zu erzählen kommt einem Verrat gleich. Und dieses Gefühl sitzt in den tiefsten Tiefen.
Jörg Eikmann hat auf der Fachtagung der SHG gesagt:
Kinder traut euch endlich euren Mund aufzumachen.
Und Sabine Bode, die den Mut hat dieses brandheiße Thema unserer Gesellschaft anzugehen:
Ich schreibe über Menschen, denen die eigenen Eltern unwillentlich Schaden zufügten, und - was die Folgen bis heute so schwer erträglich macht - deren Eltern keine eigene Beteiligung am Unglück ihres Kindes sehen, bzw. die überhaupt kein Unglück wahrnehmen.
Sie werden in diesem Buch nicht beschuldigt, denn als Traumatisierte konnten sie ihr Handeln nicht richtig einschätzen. Aber sie werden auch nicht geschont. Denn Schonung würde bedeuten, das Schweigen in die nächste Generation weiter zu tragen, wo es erneut Verwirrung und unerklärliche Symptome verursachen könnte.

Und in ihrem Vorwort schreibt sie über die Kriegsenkel:
In ihnen sehe ich Pionierinnen und Pioniere, die sich aufgemacht haben, die Spuren der deutschen Vergangenheit in ihrer Familiengeschichte und in ihrem eigenen Verhalten oder Vermeiden zu erforschen.
Die durch und durch konsumorientierte Generation Golf wird aus einer Notwendigkeit heraus zu einer Generation von Pionieren, die ihre Psyche und ihre Familiengeschichte erforscht.
Hat Florian Illies noch behauptet, dass die Generation Golf vom langweiligsten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, nämlich den achziger Jahren geprägt wurde, so tritt genau diese Generation in den Anfangsjahrzehnten des 21. Jahrhunderts eine spannende Reise in die Vergangenheit an, um die Zukunft zu verändern.

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Das Forum Kriegsenkel bietet Interessierten und Betroffenen die Möglichkeit sich auszutauschen und sich über die Nachwirkungen des zweiten Weltkrieges bis in die dritte Generation zu informieren.
Der seit 2012 bestehende Verein Kriegsenkel e.V möchte die persönlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen für die Nachfolgegenerationen der Kriegskinder verstehen lernen und verdeutlichen.

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Eine Übersicht zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Traumatisierte Familien". 

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Mehr Gedanken zu diesem Thema unter "Brief einer Mutter an ihren Sohn", "Band ums Herz", "Du sollst dein Kind ehren", "Kriegskinder - Die vergessene Generation", "Verlassene Eltern", "transgenerative Traumata", "German Angst",  "Du hast mich nie gesehen!", "Ein System für das es noch keinen Namen gibt", "Durch Uns statt Von uns"


Montag, 6. Februar 2012

Gut genug!


Das ist das Motto der diesjährigen Fastenaktion der evangelischen Kirche und dazu gibt es eine interessante Homepage
Was der Mann im Engels- und Supermankostüm mit dem Titel gemeinsam hat, entgeht mir, aber es ist werbewirksam eingesetzt.
Nicht, dass ich Sie nun zu irgendetwas bekehren möchte, ob Sie sich als gläubiger Christ bezeichnen oder als Atheist, egal, schauen Sie sich die Seite an, falls Sie Lust dazu haben und lassen Sie sich inspirieren. Die evangelische Kirche tritt modern auf und die Zeit zwischen dem 22. Februar - 08. April gegen das Motto "Jeden Tag ein bisschen besser - höher, schneller, weiter" zu leben und es mal genug sein zu lassen, finde ich überdenkenswert. Eine andere Art des Fastens. Ich kenne Leute, die verzichten auf Süßigkeiten oder Alkohol. Aber wie wäre es wirklich "7 Wochen ohne falschen Ehrgeiz" zu leben und den Blick zu schulen für den Punkt, wo es reicht?

"Probehalber etwas anders zu machen – auch wenn es schwer fällt – kann die Entdeckung mit sich bringen, dass es anders besser sein könnte. Eine Weile das zu vermeiden, womit wir sonst viel Zeit verbringen und uns besonders im Wege stehen, setzt Kräfte frei und verleiht Flügel."

40 Tage hat Jesus nach seiner Taufe mit Fasten in der Wüste verbracht. Wird hier der Bogen geschlagen zum Titelbild? Ein Mann, der nass mit Flügeln dem Wasser entsteigt?
Ich werde bei diesen eisigen Temperaturen in kein Wasser steigen, aber ich werde mir überlegen, was mir im Weg steht, was ich vermeiden, was in mir Kräfte freisetzen und mir Flügel verleihen könnte.