Kriegsenkel - Die Erben der vergessenen Generation


Und nun widme ich mich dem zweiten Buch von Sabine Bode, das den Titel "Kriegsenkel - Die Erben der vergessenen Generation" trägt.
Sie zitiert Cicero:
Nicht zu wissen, was vor der eigenen Geburt geschehen ist, heißt immer ein Kind zu bleiben.
Und an anderer Stelle wird Michael Ermann, der mit einer Forschungsgruppe an der Uni München die Spätfolgen deutscher Kriegskindheiten untersuchte, zitiert:
Ohne Erinnerungsarbeit gibt es kein Gefühl der Kontinuität des eigenen Lebens - ohne diese gibt es keine positive Identität.
In diesem Buch geht es nun um die Generation der "Baby-Boomer" oder der, nach einem Buch von Florian Illies benannten durch und durch konsumorientierten "Generation Golf", hauptsächlich um die 1960 - 1975 geborenen Kinder der Kriegskinder. Um meine Generation.

Im Klappentext des Buches formuliert Illies einen Rückblick auf seine Kindheit mit folgenden Worte:
Noch ahnte man nicht, dass man einer Generation angehörte, für die sich leider das ganze Leben, selbst an Montagen, anfühlte wie die träge Bewegungslosigkeit eines Sonntagnachmittags.
Sabine Bode ergänzt:
Noch ahnte man in der Generation Golf nicht, dass mit Globalisierung, Finanzkrise und Arbeitslosigkeit ganz andere Themen als Konsum auftauchen würden. Noch ahnte man nicht, dass man der ersten Nachkriegsgeneration angehörte, der im Unterschied zu Eltern und Großeltern kein behaglicher Ruhestand vergönnt sein würde, weil eben diese sich der öffentlichen Kassen gedankenlos bedient und ihren Nachkommen einen gigantischen Schuldenberg hinterlassen hatten. Noch ahnte man nicht, dass man zu  gehemmt sein würde, um die Älteren mit ihrer Maßlosigkeit und ihrem Desinteresse an gesellschaftlicher Zukunftsgestaltung zu konfrontieren. Noch ahnte man nicht, dass die sechziger und siebziger Jahrgänge maßgeblich an einem folgenreichen gesellschaftlichen Phänomen beteiligt sein würden - der Kinderlosigkeit.
Und ich möchte hinzufügen: Noch ahnte ich nicht, dass ich Erbe eines transgenerationalen Traumatas bin.
Für mich ist Sabine Bodes Buch Gold wert, denn auch in meiner Familie gab es Schweigen und viele unbeantwortete Fragen, was die Kriegszeit betraf. Und doch spürte ich das Grauen, das unter dem Schweigen lag. Das Thema Krieg und seine Folgen war allerdings nicht nur in meiner Familie ein Tabu "Davon will ich nichts mehr hören. Ich bin froh, dass das vorbei ist. Hör auf in Dingen zu wühlen, die dich nichts angehen. Lass das ruhen. Dir geht es gut, dir mangelt es an nichts. Sei still." Auch Freunde meinten und meinen "Warum beschäftigst du dich damit? Warum belastest du dich mit dem ganzen alten Schrott?" Ich beschäftige mich damit, weil es nicht aus Freiwilligkeit geschieht, sondern aus einer ganz klaren Not heraus. Ich bin belastet. Und dieses Buch zeigt mir: Ich bin nicht alleine, ich bin in guter Gesellschaft.

Bevor die 14 Fallbeispiele aufgeführt werden, geht es in der Einführung darum, dass die  Kriegskinder in ihrer Kindheit verheerende Erfahrungen machten, jahrzehntelang jedoch nicht das Gefühl hatten, etwas besonders Schlimmes erlebt zu haben. Es fehlte ihnen damit der emotionale Zugang zu ihren Erfahrungen und Prägungen. 
Die Deutschen als Opfer waren als Thema unerwünscht, vor allem seit in den siebziger Jahren die amerikanische Fernsehserie "Holocaust" ausgestrahlt wurde. In den Medien, an den Schulen, in der Forschung ging es fast ausschließlich um die Fakten und Hintergründe von Hitler-Deutschland, um die Opfer der NS-Verbrechen.
Weiterhin wurde gerade den Kindern, die während des Krieges geboren waren, abgesprochen, dass sie die Kriegsgräuel mitbekommen hatten. Ihnen wurde gesagt "Vergiss alles. Sei froh, dass du lebst. Schau nach vorn". Wer sich mit Traumaforschung beschäftigt, weiß, dass der Appell "Vergiss es " an ein Kind gerichtet auch hervorragend funktioniert.
Dazu der Psychoanalytiker Hartmut Radebold
Die von der 2. an die 3. Generation "vererbte" psychische Erfahrungsgeschichte lässt sich zwar verleugnen, bagatellisieren und bewusst für nichtig erklären - auslöschen lassen sich die Spuren nicht.
Und wenn nun diese große Gruppe an Kriegskindern über so viele Jahre völlig ahnungslos über die Schwere der gemachten Erfahrungen, Prägungen, Verunsicherungen war, wie sollten dann deren Kinder, die Kriegsenkel auf die Idee kommen, dass sie ein kollektives, belastendes Erbe mit sich herumtragen?
Und nicht nur das. Für Eltern, die in die Kriegsjahre hineingeboren wurden, waren die Alltagsnöte ihrer Kinder Banalitäten. Welches Problem eines Kindes kommt gegen die Worte "Wir hatten nichts zu essen, wir haben gehungert" an? Wie oft traut sich ein Kind von Schulsorgen oder Hänseleien zu berichten, wenn es immer und immer wieder hört "Dir  geht es doch gut". So wie ihnen der emotionale Zugang zu sich selbst fehlte, so fehlte ihnen der emotionale Zugang zu ihren Kindern.
Dazu Altersforscher und Psychoanalytiker H. Radebold
Wahrscheinlich konnten diese Eltern nur wenig auf die psychischen Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen und erwarteten, dass diese angesichts der eigenen bedrückenden Biografie mit ihren so "durchschnittlichen" Problemen und Konflikten in Kindheit und Pubertät selbstständig zurecht kamen.
Und was mir immer wieder auf Seminaren auffällt, ist die große Loyalität und Treue unserer Generation den Eltern gegenüber und die Schwierigkeiten, die damit für uns verbunden sind. Dieses Festhalten an der gefühlten Verantwortung für das Wohlergehen unserer Eltern, das einer tiefen Verunsicherung entspringt und uns zu ewig Suchenden macht, die sich schwer tun ihr Potential zu entwickeln und damit ihr eigenes Leben zu leben. Wir leiden an uns, da uns das Leiden jedoch abgesprochen wurde, leiden wir für unsere Eltern. Und nicht selten genug leben wir aus Solidarität das Leben unserer Eltern. Oder wir führen ein Leben für unsere Eltern. Ein Leben, das ihrem Bild entspricht. Selten leben wir uns. Wie kann man sich selber leben, wenn die eigene Identität schwammig geblieben ist?
Von klein auf hatten sie die Bedürftigeit der Erwachsenen gespürt und versucht, es ihnen "leicht" zu machen und sie zu trösten. Damit war das Fürsorge-Prinzip zwischen Eltern und ihren Kindern auf den Kopf gestellt worden. Wenn sie nun als Erwachsene ihre Eltern um jeden Preis schonen wollen, setzt sich diese ungesunde Fürsorge fort.
Das schreibt Sabine Bode über die Kriegsenkel, die sich schwer tun schlecht über Vater oder Mutter zu reden, denn im Gegensatz zu den Kriegskindern, denen der Krieg Schaden zugefügt hatte und die somit wesentlich ungehemmter über ihre Erfahrungen berichten konnten, waren es im Fall der Kriegsenkel die Eltern, die ihnen mehr unbewusst als bewusst schadeten. Und das zu erzählen kommt einem Verrat gleich. Und dieses Gefühl sitzt in den tiefsten Tiefen.
Jörg Eikmann hat auf der Fachtagung der SHG gesagt:
Kinder traut euch endlich euren Mund aufzumachen.
Und Sabine Bode, die den Mut hat dieses brandheiße Thema unserer Gesellschaft anzugehen:
Ich schreibe über Menschen, denen die eigenen Eltern unwillentlich Schaden zufügten, und - was die Folgen bis heute so schwer erträglich macht - deren Eltern keine eigene Beteiligung am Unglück ihres Kindes sehen, bzw. die überhaupt kein Unglück wahrnehmen.
Sie werden in diesem Buch nicht beschuldigt, denn als Traumatisierte konnten sie ihr Handeln nicht richtig einschätzen. Aber sie werden auch nicht geschont. Denn Schonung würde bedeuten, das Schweigen in die nächste Generation weiter zu tragen, wo es erneut Verwirrung und unerklärliche Symptome verursachen könnte.

Und in ihrem Vorwort schreibt sie über die Kriegsenkel:
In ihnen sehe ich Pionierinnen und Pioniere, die sich aufgemacht haben, die Spuren der deutschen Vergangenheit in ihrer Familiengeschichte und in ihrem eigenen Verhalten oder Vermeiden zu erforschen.
Die durch und durch konsumorientierte Generation Golf wird aus einer Notwendigkeit heraus zu einer Generation von Pionieren, die ihre Psyche und ihre Familiengeschichte erforscht.
Hat Florian Illies noch behauptet, dass die Generation Golf vom langweiligsten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, nämlich den achziger Jahren geprägt wurde, so tritt genau diese Generation in den Anfangsjahrzehnten des 21. Jahrhunderts eine spannende Reise in die Vergangenheit an, um die Zukunft zu verändern.

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Das Forum Kriegsenkel bietet Interessierten und Betroffenen die Möglichkeit sich auszutauschen und sich über die Nachwirkungen des zweiten Weltkrieges bis in die dritte Generation zu informieren.
Der seit 2012 bestehende Verein Kriegsenkel e.V möchte die persönlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen für die Nachfolgegenerationen der Kriegskinder verstehen lernen und verdeutlichen.

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Eine Übersicht zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Traumatisierte Familien". 

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Mehr Gedanken zu diesem Thema unter "Brief einer Mutter an ihren Sohn", "Band ums Herz", "Du sollst dein Kind ehren", "Kriegskinder - Die vergessene Generation", "Verlassene Eltern", "transgenerative Traumata", "German Angst",  "Du hast mich nie gesehen!", "Ein System für das es noch keinen Namen gibt", "Durch Uns statt Von uns"


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