Montag, 16. Juli 2012

Food Fighters - Genuss statt Überfluss

Hinter den Food-Fighters stehen vier Mainzer Köche, die sich dazu entschieden haben Lebensmittel, die nicht normgerecht sind und daher auf dem Müll landen würden, zu verwerten. Mit dem Motto "Teller statt Tonne" werden zu stark gekrümmte Gurken oder zu groß gewachsene Kartoffeln geschnippelt und vakuumverpackt oder auf dem Mainzer Wochenmarkt als Gericht angeboten.
Ab September gibt es den Film "Taste The Waste" in den Kinos. Er handelt von der globalen Essensvernichtung.


Freitag, 6. Juli 2012

Beziehungen sind wie ein freier Raum, in dem Geschichten erzählt werden


Heute las ich einen sehr interessanten Artikel des Münchner Paartherapeuten Wolfgang Schmidbauer. Es geht um Tipps zum Thema Rechthaberei.
Zuerst bringt er ein Beispiel aus der Paartherapie. Rechthaberei anhand einer Szene aus dem Ehe- und Familienalltag. Und er rät zu Humor, denn
Humor schafft Abstand. Abstand erleichtert es, die Komik zu erkennen, welche darin steckt, das Teilgute zu missachten, um das Absolutgute zu gewinnen, das - welcher Zufall - mich im Glanz des Rechthabens sonnt und den Gegner in den tiefen Schatten von Schuld und Beschämung stellt
Unter dem Teilguten versteht er den Vater, der sich zwar vor dem Elternabend drückt, aber mit den Kindern ins Schwimmbad geht. Dafür könnte er auch gelobt werden, denn so ein Vater ist immerhin besser als gar keiner. Und eine Mutter, die den Laden schimpfend zusammenhält, verdient Anerkennung und keine Schelte für ihre Überlastung. Stattdessen wird auf dem Absolutguten, sprich dem Rechthaben beharrt, indem dem anderen Leistungsversagen vorgeworfen wird, wo doch alle nur Anerkennung für das haben wollen, was sie in ihrem Rahmen beitragen können.

Wie er am Anfang erwähnt, suchen sich Paare nach den Gesichtspunkten aus, dass sie am Partner attraktiv finden, was sie denken selbst nicht zu haben. Und statt uns als Ergänzung zu erkennen, fangen wir nach dem Ende der Verliebtheit an zu streiten, weil der andere die Welt anders betrachtet als wir selber. Das, was uns anfangs verzückt hat, nervt irgendwann.
Der romantische Musiker, der uns mit seinen Gitarrenklängen becircte, will keinerlei Verpflichtungen eingehen und die raffinierte Gourmetliebhaberin, die den Geliebten mit Leckereien verwöhnte, kocht plötzlich mit derselben Leidenschaft nur noch vollwertig, weil das gesünder für alle ist.
Und er schafft es, dass ich mir das Paar im Streit vorstelle, der im Lachen endet. Sie mit Lappen und Putzeimer und er latscht mit einem glücksstrahlenden, unbekümmerten Lächeln vom Fußball spielen mit den Jungs und dreckigen Gartenclocks durch den frischgewischten Flur. Sie plärrt ihn an und er blafft  zurück. Der Streit ist perfekt und während sich beide hochschaukeln, schauen sie sich an und müssen lachen. Sie tauscht den Wischmob gegen seine Gartenclocks und während er den Dreck aufputzt, holt sie den Jungs ein Eis und hinterlässt eine extra Dreckspur.

Sehr spannend finde ich seine Bemerkung
Beziehungen sind wie ein freier Raum, in dem Geschichten erzählt werden
Was stellt er sich darunter vor??
Er gibt ein Beispiel für das, was er aus vielen Jahren Therapiearbeit für sich erkannt hat und das finde ich richtig gut.
Wir meinen viel zu oft Gutes zu tun, wenn wir ein Gegenüber mit Werturteilen verproviantieren.
Kinder sind selten so, wie ihre Eltern sie sich gewünscht haben – und Eltern ebenso wenig so, wie sie sich Kinder wünschen. Aber es wäre auch schrecklich, die Illusion vollständig aufzugeben, dass etwas von dem, was uns kostbar ist, in unseren Kindern weiterlebt. So denkt der Vater, der sich Gymnasium und Studium erkämpfen musste, sein Sohn wäre glücklich und dankbar, wenn er ihm den Weg in eine akademische Laufbahn ebnet. Aber sein Sohn zieht es vor, sich als Punk zu gebärden und nicht auf seine Noten, sondern seine Piercings stolz zu sein. Die Werte eines Aufsteigers und eines Punks sind unvereinbar. Wenn jetzt der Vater darauf beharrt, seinem Sohn zu sagen, was richtig ist – und der Sohn den Vater ignoriert oder als Spießer entwertet, scheitert die Beziehung zwischen beiden. Sie haben keinen Raum gefunden, in dem sie die Werte zurückstellen und sich gegenseitig Geschichten erzählen können. Einen Punk im Haus zu haben, der aus seinem Leben erzählt, kann sehr interessant sein. Wie es auch das Leben eines Aufsteigers ist, der sich mit unterschiedlichsten Jobs das Studium finanzierte und schließlich vorankam.
Und ich stelle mir vor, wie in den Haushalten freie Räume für Geschichten geschaffen werden und jeder seine Geschichte so erzählen kann, wie sie in ihm ist. Ohne abgeurteilt oder verurteilt zu werden. Diese Geschichten sind jede für sich einzigartig und eine Bereicherung für alle. Wenn wir nicht mehr rechthaben müssen mit unserer eigenen Geschichte, sondern es wagen über unseren Horizont zu schauen, dann wird unsere Welt größer und bunter.

Beziehungen sind wie ein freier Raum, in dem Geschichten erzählt werden.


Mittwoch, 4. Juli 2012

symphatische Unperfektheit

Perfektion ist der Zustand, den viele von uns anstreben.
Wir wären gerne perfekte Partner, perfekte Eltern, perfekte Töchter und Söhne und oft genug auch noch perfekte Arbeitnehmer oder Unternehmer. Frauen haben gerne eine perfekte Umgebung, einen perfekten Haushalt und einen perfekten Garten. Und der Aufwand für eine perfekte Erscheinung ist oft groß.
Warum?
Was ist das Gute an Perfektheit?
Auch ich zähl(t)e mich zu dieser Kategorie (es lässt einen wohl nie ganz los) und strebte Perfektion auf ganzer Linie an. Heute ist mir klar, dass zum Einen die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Zuneigung dahinter steht. Was wir mit Perfektheit verbinden, ist: Machen wir alles gut, vielleicht sogar mehr als gut, besser, geben wir unser Bestes, dann gehören wir dazu, werden wertgeschätzt und gemocht.
Und zum Anderen denken wir, dass Perfektheit uns unverletzlich macht. Perfektion soll unserem Schutz dienen. Wenn wir keine Schwachstellen mehr haben, keine Fehler machen, uns keine Blöße geben, absolute Selbstkontrolle beherrschen, dann sind wir nicht mehr angreifbar. Dann werden wir nicht mehr ausgelacht, nicht mehr verspottet, nicht mehr runtergemacht, nicht mehr klein gemacht, denn dann sind wir cool, aalglatt, alles prallt und perlt an uns ab, dann werden wir ernst genommen, dann sind wir wer.

Perfektion ist das Drachenblut, in dem Siegfried badete und das ihn unverwundbar machte. Doch es bleibt immer eine Schwachstelle und nach der wird gesucht.
Wer die Dinge perfekt hinbekommt, der wird bewundert. Da jedoch keiner von uns die vollkommene Perfektheit erreicht, die ein Idealzustand ist, den wir lediglich anstreben können, geht mit Bewunderung oft auch Neid einher. Und dieser Neid treibt uns an, die Schwachstelle zu finden. Wo ist das Loch in der Hülle der Perfektion, das den anscheinend perfekten Menschen verletzlich zeigt, ihn vom Sockel stürzt und somit wieder zu unsresgleichen macht? Wo können wir hineinstochern, um eine menschliche Reaktion hervorzurufen?

Schön zu sehen ist das bei Brangelina.
Dieses Paar ist zu schön um wahr zu sein. Sie sehen beide fantastisch aus, haben großartige Karrieren und dazu eine große Familie. Angelina setzt sich als UN-Botschafterin für Menschen in Not ein, Brad spendet viel Geld und baut Häuser für Flutopfer. Sie sind einfach perfekt. Aber so ganz können wir das nicht stehen lassen, denn sie sind doch auch Menschen wie du und ich. Und so saugen wir die Artikel auf, in denen steht, dass sie Eheprobleme haben oder Angelina mal wieder magersüchtig ist. Ha - sogar die schaffen es nicht. Kein perfektes Leben. Es gibt nichts besseres für die Boulevardpresse als Menschen auf den Sockel zu stellen, um sie dann genüsslich zu demontieren, damit wir einmal bewundern, dann beneiden und danach schadenfroh feststellen können, dass die anderen es auch nicht besser hinbekommen.
So funktioniert der menschliche Kleingeist.

Was ist also das Schlechte an (augenscheinlicher) Perfektion?
Sie ruft Neid hervor. Neid spaltet ab. Haben wir den Zustand erreicht, den wir angestrebt haben - Perfektion, dann erhalten wir das, was wir vermeiden wollten. Wir gehören nicht mehr dazu. Denn Schwächen, Fehler und Fehlverhalten sind das, was uns menschlich macht, was den anderen signalisiert: Ich bin einer von euch. Schwächen, die wir nicht mehr verstecken müssen, die wir zugeben können, vielleicht sogar mit einem Lächeln, machen uns symphatisch. Und sie sagen: Schau her, so bin ich, unperfekt, und weil ich so bin, darfst du es auch sein. Das ist es, was die Herzen erobert.

So geschehen bei Frankreichs neuem Präsidenten Hollande und der Frau an seiner Seite.
Valérie Trierweiler, Politikjournalistin, dreifache Mutter, wunderschön, elegant, klug, nun auch noch First Lady, setzte ihren Francois während des Wahlkamps auf Diät und der speckte tatsächlich zehn Kilo ab. Und sie gibt zu, dass sie selber fünf Kilo zunahm.

Gönnen Sie sich also ab und an eine Prise symphatischer Unperfektheit.