Mittwoch, 20. März 2013

Band ums Herz

In meinem Blog gibt es einige Beiträge zum Thema "Verlassene Eltern, verlassene Kinder".
Auch ich bin ein verlassenes Kind, das seine Mutter verlassen hat. Ich schreibe hier über diese Themen, da ich betroffen bin. Ich will verstehen.

Um eine klarere Sichtweise zu bekommen, musste ich mich distanzieren. Zu nahe am Projekt verschwimmen die Dinge. Die letzten Jahre widmete ich der Aufarbeitung meiner Gefühle, meiner Geschichte. Da ich erkannt habe, welches Ausmaß dieses Thema in unserer Gesellschaft angenommen hat, versuche ich heute über meinen eigenen Tellerrand hinaus zu verstehen. Lese in Foren, in Blogs, in Büchern und treffe Leute, die hin-und hergerissen sind zwischen der Entscheidung, loyal zu ihren Eltern zu stehen und sie weiterhin emotional in einer Scheinwelt zu halten, mit dem Risiko selber daran zu zerbrechen. Oder den Schritt zu wagen die Beziehung, die ihnen nicht gut tut, abzubrechen, um zu heilen.
Ich kann nicht behaupten, dass ich über meine eigene Geschichte vollends hinweg bin. Meine Arbeit an mir entfernt mich von der Sichtweise meiner Mutter auf das Leben. Das ist ein notwendiger Schritt, denn je mehr ich mich mit diesem Thema beschäftige, desto mehr sehe ich, dass einem Großteil meiner Generation (Kriegsenkel) ihre eigenen Gefühle abgesprochen wurden. Kindheit ist Kindheit und jedes Kind wird mit Dingen konfrontiert, mit denen es schlecht zurecht kommt. Kinder brauchen Erwachsene, die ihnen die Welt erklären und vor allem brauchen sie Erwachsene, die ihnen ein Gefühl von Sicherheit geben und sie trösten, wenn sie Kummer haben. Ich persönlich hatte keinen Kummer zu haben. Er wurde mir abgesprochen. Warum sollte ich Kummer haben, wo ich doch alles hatte, was meiner Mutter fehlte. Meine Mutter hat mit ihrem Leid den Kummer in solch einer Größenordnung gepachtet, dass für mich kein Fitzelchen von Kummerland übrig blieb. Ihr Reich trug Schilder "Privateigentum. Betreten verboten". Kummerland war für mich Tabuzone.

Mehr und mehr sehe ich, dass Eltern versucht sind, ihren Kindern das zu geben, was sie selbst vermissten. In meinem Fall war das Nahrung, ein Zuhause, Schule. Das bedeutete Sicherheit. Was außen vor blieb, war die emotionale Versorgung. Meine Eltern waren, im Sinne unserer Gesellschaft, gute Eltern. Ich wurde nicht regelmäßig körperlich misshandelt. Was mir fehlte war emotionale Zuwendung, die Wahrnehmung meiner kleinen Persönlichkeit und meiner "Problemchen", offene Gespräche, Zärtlichkeit und Trost, Geborgenheit, das Stehenlassen meiner Gefühle, ein emotionales Zuhause. Stattdessen wurde ich gefüttert mit den Problemen meiner Mutter, einem Flüchtlingskind und Kriegswaise. Meine Geschwister und ich wurden zu Ersatzpartnern, zu Freunden, zu Boten, zu Verbündeten, zu Verschworenen, zu Geheimnisträgern, zu Wunscherfüllern. Meine Erziehung war wohl Standard in dieser Generation - materiell versorgt, emotional verkümmert. In einer Fernsehdokumentation über "Verlassene Eltern" erzählte eine alleinerziehende Mutter, dass sie sich doch genau mit dem Sohn, der sie verließ, so gut verstanden hat, ihm alles erzählen konnte. Und sie nun nicht versteht, warum ausgerechnet er nicht mehr mit ihr sprechen will. Kinder alleine aufzuziehen war und ist kein Zuckerschlecken, aber solche Behauptungen decken das Dilemma bereits auf. Da gibt es Mütter, die sagen, dass die Tochter und sie Freundinnen waren, die sich alles erzählten. Manchmal frage ich mich, ob bei diesen Dokus, die emotionale Stimmung verbreiten, ein Psychologe drüberschaut.

Kinder sind keine Ersatzpartner. Eine Tochter kann keine Freundin und ein Sohn kein Freund sein. Eltern, die behaupten, sie hätten so eine Beziehung zu ihren Kindern, ziehen sich aus der Verantwortung. Eltern bleiben immer Eltern, die Beziehung kann eine freundschaftliche Form annehmen, sie kann aber keine Freundschaft sein.
In dem Moment, in dem Erwachsene Kinder mit ihren Problemen konfrontieren, holen sie sich etwas, was sie geben müssten - Aufmerksamkeit, Zuhören, Kümmern, Fürsorge, Trost, Verständnis. Kinder sind emotional weit offen, was Gefühlszustände anderer betrifft. Wenn sie Leid mitbekommen, wollen sie Leid lindern. Sie beginnen ihre Eltern emotional zu versorgen und es wird für beide irgendwann zur Selbstverständlichkeit.

Das ist nicht ihre Aufgabe.

Kinder sind nicht dazu da sich um die Probleme ihrer Eltern zu kümmern. Sie machen das, aus Liebe und aus einem Überlebensinstinkt, weil sie abhängig sind. Irgendwann erkennen sie, dass es sie überfordert. Spätestens dann, wenn ihr eigenes Leben Aufmerksamkeit braucht. Wenn das vehement wird, was mir und vielen anderen schlichtweg abgesprochen wurde - Probleme. Äußerlich haben wir Luxusprobleme, was innerlich abläuft sieht keiner, hört keiner, nimmt keiner wahr, bis wir auf der Nase liegen. Krankheit ist die Lösung, um nicht als Egoist abgestempelt zu werden, wenn wir das Bedürfnis verspüren, uns zurückzuziehen, uns rauszuziehen. Da uns Probleme abgesprochen wurden, nehmen wir sie oft selbst nicht wahr. Meine Grenzen wurden so oft überschritten, ich wurde zu oft zu Verhaltensweisen aufgefordert, gegen die sich mein ganzes Wesen sträubte, dass ich nicht mehr merkte, wann Dinge begannen mir nicht mehr gut zu tun. Mein Wohlbefinden stand nicht im Fokus. Ich konnte nicht "Nein" sagen, weil mir das aberzogen wurde. Von mir wurde erwartet, dass ich zur Verfügung stehe. Es fällt mir heute noch schwer "Nein" zu sagen und wenn ich es tu, kommt es oft abrupt. Dann reagiert meine Umgebung verständnislos "Was hat die denn? Die ist doch sonst nicht so". Midlifecrisis, meine Tage, Hormone allgemein, Zickigkeit, Egoismus - es gibt bestimmt eine passende Interpretation. Es fällt schwer Grenzen wahrzunehmen und aufzuzeigen. Und es ist immer verbunden mit der Frage "Darf ich das?" Nein, wir dürfen nicht. Laut all der Fernsehfilme, die über verlassene Eltern gezeigt werden, laut all der Artikel, die über sie erscheinen und der Bücher über das Leid, das wir mit unserer Grenzsetzung schaffen, eindeutig nein. Persönliche Grenzsetzung ist gesellschaftlich nicht akzeptiert. Die Eltern jammern laut und inzwischen öffentlich, keiner fragt nach den Kindern. Die Eltern fordern Wohlgefühl, die Kinder schweigen. Wie gehabt. Still  halten und ausbeuten lassen? Ist dann alles wieder gut?

Was heute oft noch nicht verstanden wird, ist die Tatsache, dass es nicht nur körperlichen Missbrauch gibt. Emotionaler Missbrauch wirkt subtil und tief. Er gräbt sich ein. Wenn ein Kind blaue Flecken hat, werden die Leute aufmerksam. Wer sieht die Verletzungen einer kindlichen Seele, die als Erwachsenen-Problemmüllhalde benutzt wurde. Seelische Verletzungen sind nicht offensichtlich. Sie bleiben unerkannt und äußern sich in Symptomen. Nach außen ist alles gut und wunderbar und plötzlich spinnt das "Kind", das nun gereift ist. Ganz plötzlich will es nicht mehr zuhören, nicht mehr verstehen, nicht mehr trösten, nicht mehr da sein, keine Erwartungen mehr erfüllen. Nicht mehr zur Verfügung stehen. Äußere Verletzungen durch körperliche Gewalt können untersucht und eingeordnet werden. Es gibt einen Verursacher. Seelische nicht. Sie unterliegen der Wahrnehmung der betreffenden Person und die ist subjektiv. Verursacher reden sich raus, verleugnen, rechtfertigen. Wann ist eine seelische Verletzung noch eine Ohrfeige und wann eine traumatische Erfahrung? Es ist schwer die eigenen Gefühle zu fassen, wenn man kein Vertrauen in sie entwickeln konnte, weil sie nicht stehen gelassen wurden.
Wie kann man den eigenen Gefühlen vertrauen, wenn einem vermittelt wurde, dass sie nicht richtig sind? Warum fühle ich mich schlecht, wenn doch jeder meint, es müsse mir gut gehen? Das kann nur an mir liegen.

Ich bin nicht richtig.

Das ist eine weit verbreitete Überzeugung, die in die emotionale Desorientierung führt. Weil es schwer möglich ist das Gefühlschaos in Worte zu bringen und die Gefühle der Kinder gewohnheitsgemäß nicht wahrgenommen, nicht gehört oder bagatellisiert werden, bleibt oft nur die Möglichkeit sich radikal zu entziehen.
Sich den Eltern zu entziehen, die uns zu Wesen geformt haben, die ihnen gut tun, die sich um ihr Wohlergehen kümmern, die ihren Ansprüchen gerecht werden. Eltern, die uns die Rolle der Fürsorger, der Mutter, des Vaters, der Geschwister, der Familie, des Partners gegeben haben. Schwere Last.
Wer kann diesem Anspruch gerecht werden?
Ich kann hier nicht für alle sprechen. Ich spreche für mich und diejenigen, denen es ähnlich erging. Es gibt auch Kinder, die materiell so überversorgt wurden, dass ihnen mit all der Materie ein großes Schuldgefühl übergeben wurde. "Du hast doch alles von uns bekommen. Wir haben dir jeden Wunsch von den Augen abgelesen und uns nicht geschont. Für nichts waren wir uns zu schade. Wir haben all das doch nur für dich getan. Damit es dir gut geht." Dahinter steckt eine eindeutige Erwartungshaltung, die erdrückt und die Luft zum Atmen nimmt. Da haben Eltern einen Berg an Opfergaben aufgetürmt, der dem Kind den Blick auf die Zukunft nimmt.
Wer kann so einen Berg jemals abtragen?
Du bist etwas schuldig. Emotional, materiell oder karrieremäßig. Wir Kinder stehen in irgendeiner Schuld, die mit Erwartungen gespickt ist. Was haben sie nicht alles für uns geopfert. Wie viel und wie schwer haben sie für uns gearbeitet, auf was haben sie verzichtet. Schuld und Opfer. Das sind die Gegenleistungen, die erwartet werden. Der Kredit möchte zurückgezahlt werden, die Investitionen sollen sich lohnen. Welches Kind hat verlangt, was ihm gegeben wurde? Welches Kind verlangt, dass sich Eltern aufopfern? Die Eltern ernten, was sie an Saat gesetzt haben. Oft sind sie sich ihrer Saat nicht bewusst. Deswegen ist Verurteilung nicht angebracht.       

Gerechtigkeitshalber muss ich zugeben, dass auch meine Generation es oft nicht besser macht. Es fehlt das Bewusstsein. So lange wir uns als Opfer des Verhaltens unserer Eltern fühlen, machen wir uns zum Täter an unseren Kindern. Da wir aus unserer Opferhaltung heraus dasselbe von unseren Kindern erwarten, was bereits von uns gefordert wurde. Verständnis, Aufmerksamkeit, Zuwendung, Loyalität, Dankbarkeit, Erfüllung von Erwartungen und Ansprüchen, das Erfüllen einer Rolle in Perfektion. Wir geben es weiter. Manchmal durchschauen wir es und laufen doch in denselben Mustern, da der Verstand alleine uns die Muster nicht sprengen lässt. Deswegen gibt es Eltern zwischen 50 und 80, die verlassen werden. Wir wiederholen die Geschichte. Manchmal in einer abgeänderten Version, das Ende bleibt gleich. Nicht selten gibt es Kinder, die verlassen haben und von ihren Kindern verlassen werden. Wir fordern und fördern unsere Kinder in Schule und Freizeit, wir legen ihnen ein Programm auf, das all ihre Talente zur Wirkung bringen soll. Ein Programm, das sie kaum zum Atmen kommen lässt. Und wir heben unseren Selbstwert, wenn wir stolz davon erzählen, was sie alles tun und was sie alles können. Kommt dieses Verhalten von Herzen? Was ist der wahre Antrieb, wenn wir sie lehren zu funktionieren? Kann es sein, dass wir uns von unseren Ängsten leiten lassen? Hatte ich ab zwanzig wiederkehrende Phasen emotionaler Erschöpfung, so treffe ich heute junge Menschen, die bereits während der Schulzeit oder des Studiums ihren ersten Zusammenbruch haben und sich mit Psychopharmaka oder leistungssteigernden Mitteln über die Runden helfen lassen. Überhand nehmen massive Essstörungen und Verhaltensauffälligkeiten. Burnout, Magersucht, Bulimie, ADHS. Wurde ich noch als anstrengendes Kind bezeichnet, weil ich mir ab und an erlaubte zu rebellieren, so ist heute zwar Anstrengung hoch anerkannt, aber "anstrengend sein" nicht mehr erlaubt. Und das Kind bekommt einen anderen Namen. Am besten einen, für den es eine wirksame Pille gibt. Ist das der Sinn der Sache? Geben wir unseren Kindern wirklich oder nehmen wir ihnen etwas? Kann es sein, dass auch wir sie ausbeuten? Materiell überversorgt, mental und emotional ausgebrannt und ausgehungert. Ist es das, was wir wirklich für sie wollen? Wovor verschließen wir die Augen?

Gestern schaute ich mir die ersten zwei Ausstrahlungen von "Unsere Mütter, unsere Väter" an. Der Film basiert auf den Lebensgeschichten von fünf jungen Menschen, die den 2. Weltkrieg erlebten. Einer der Überlebenden sagte "Der Krieg verändert. So grausam wie der Krieg war, so grausam wurdest du selbst. Am Schluss stiegen wir über Leichen ohne hinzuschauen. Wie man das schafft? Du machst ein Band um dein Herz."
Es gibt Herzen, die wurden zugebunden, es gibt welche, die verhärteten. Manche sind versteinert. Viele blieben verschlossen und wurden nicht mehr weich und warm.
Das war es, was ich als Kind spürte. Was auch immer ich tat, das Herz meiner Mutter blieb für mich unerreichbar. Es war eingemauert in einem Turm mitten in Kummerland. Ich wollte dort hin, was auch immer ich unternahm um es zu erreichen, es gab zu viele Stacheldrahtzäune und Tretminen, die mich daran hinderten zu ihm zu kommen. Das ließ mich verletzt, verzweifelt, einsam und leer zurück. Es wurde nie darüber gesprochen, keiner hat etwas gemerkt, ich hatte gute Eltern und war ein gutes, manchmal aufsässiges Kind. Ich trug keine äußeren Wunden, war materiell versorgt und alles war wunderbar. Keiner kann in einen anderen hineinschauen. Am wenigsten können Eltern in ihre Kinder schauen. Wer erkennt den Zeitpunkt der Kapitulation?
Um diesen aussichtslosen Kampf zu beenden und mich nicht noch weiter von mir selbst zu entfernen, um mich selber wieder zu spüren und nicht komplett zu versteinern, um meine innere verwüstete Landschaft wieder fruchtbar zu machen, um mein angefrorenes Herz wieder zu wärmen und zu öffnen, musste ich aus der Welt meiner Mutter gehen. Ich ließ Kummerland hinter mir und begann mich selber einzusammeln. All das, was die Jahre über von mir auf der Strecke geblieben ist. Es war kein einfacher Schritt, es tat mir weh ihr den Rücken zuzudrehen. Aber es war (überlebens)notwendig für mich. Noch heute sammle ich die Puzzlestücke meiner selbst, um aus meiner gefühlten Zersplitterung wieder eine Einheit herzustellen. Heute kann ich zugeben, wie sehr mich die Erlebnisse meiner Kindheit, das erkaltete Herz meiner Mutter, ihr Leid mich brachen.

Ich vermisse meine Mutter. Nicht die, die ich hatte, sondern die, die sie hätte sein können. Ohne Band. Wir sollten uns bemühen, die Bänder um unsere Herzen zu sprengen. Die Kinder und die Eltern. Das ist kein Aufruf zu Friede-Freude-Heile-Welt, manche Verletzungen heilen schlecht, manche hinterlassen tiefe Narben, wir könnten es für die tun, die nach uns kommen. Für unsere Kinder und Enkelkinder. Auch emotionales Erbe ist etwas, das wir weitergeben. Wir alle sind beteiligt an der Welt, in der sie leben. Wir sind die Gesellschaft, die ihre Lebensbedingungen schafft. Wie unsere Eltern und Großeltern können wir mitlaufen und uns rausreden. Oder verändern.

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Ein verwandter Beitrag "Du sollst dein Kind ehren".

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Eine Übersicht zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Traumatisierte Familien". 

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Für ein erweitertes Verständnis möchte ich hier die Homepage "Töchter narzisstischer Mütter" empfehlen, die viele Informationen rund um Narzissmus in Familien birgt und das ganze Ausmaß des emotionalen Missbrauchs von Kindern durch einen Elternteil deutlich macht. Sie dürfte auch missbrauchte Söhne erhellen.



Mittwoch, 13. März 2013

Autoritäten

Gestern schaute ich mir auf Sat 1 die Doku zu Aufstieg und Fall des Politikers mit Adelstitel Karl Theodor zu Guttenberg an. Die Internetorganisation GuttenPlag Wiki hatte damals einen großen Anteil an der Aufdeckung des Ausmaßes von Plagiaten in seiner Doktorarbeit. Die Gliederung der Plagiate zeigte auf, dass Passagen aus einer Diplomarbeit fast wortwörtlich übernommen wurden. Die Verfasserin der Diplomarbeit fühlte sich anfangs fast "geehrt", dass ein Minister aus ihrer Arbeit abgeschrieben hat. Bei Durchsicht der Doktorarbeit fühlte sie sich mehr und mehr beraubt. In einem Interview meinte sie, dass sie in der Rücktrittsrede von Guttenberg etwas entscheidendes vermisste: Reue und eine Entschuldigung. Von Guttenberg gab Fehler zu, die menschliche Komponente bezog er nur auf sich, indem er sich als Opfer der Medien sah. Die Ausbeutung anderer, deren Arbeiten er dazu benutzte sich einen Doktortitel zu verschaffen, erwähnte er mit keinem Wort.

Desweiteren fand ich gestern einen sehr interessanten und ehrlichen Artikel über die Genese des "normalen" Missbrauchs von Dr. Angelika Hirsch mit dem Titel "Im Bermudadreieck von Idealisierung, Erwählung und Scham". Der Artikel beschreibt, wie anfällig wir Menschen für Machtmissbrauch werden, wenn wir zu den "Suchenden" gehören und im Status der Idealisierung oder des Idealisiertwerdens sind.

In der Phase des Idealisierens ist die Gefahr, selbst missbraucht zu werden außerordentlich groß. In der Phase des Idealisiertwerdens wird man leicht selbst zum Missbrauchenden.
Ich rede hier nicht von gewalttätigen Übergriffen, von pathologischer Pädophilie oder von
Sadismus. So schlimm diese sind, sie sind in der Minderheit und Gut und Böse so eindeutig, dass sich die Opfer von den Tätern leichter distanzieren können. Ich rede von dem schleichenden, dem "gutgemeinten" Missbrauch, der aus einer Gemengelage uneingestandener, verdrängter, sublimierter, redefinierter Bedürfnisse in einer Atmosphäre besonders hohen Idealismus entsteht.
Ich rede von dem Missbrauch, der nicht gewaltsam und bewusst über Grenzen geht, sondern sie unmerklich immer weiter verschiebt. Ich rede von dem Missbrauch, der mich durch meinen eigenen Idealismus zum Komplizen macht.
Sie beschreibt eine eigene Erfahrung, ihren Eintritt in ein Kloster und die Grenzüberschreitung ihrer Intuition, die sie zum Komplizen des Systems von Missbrauch machte.

Als ich in Kloster eintrat, war ich weder blutjung noch geistig eingeschränkt. Ich kannte das Kloster seit 10 Jahren, wusste seit über zwei Jahren, dass ich diesen Schritt tun würde, unvorbereitet nennt man das nicht. Ich hatte nicht nur meinen Haushalt, sondern mein ganzes weltliches Sein aufgelöst und war mit zwei Koffern, in denen sich die Sachen befanden, die ich laut einer Liste mitbringen durfte, angereist. Schwester B., die ich sehr mochte, nahm mir die Koffer ab, ich wurde inzwischen durch die Klausur geführt. Etwas später lief uns Schwester B. zufällig wieder über den Weg und rief gut gelaunt: "Ich habe die Dose mit der Nachtcreme mitgenommen, die dürfen Sie nicht haben." Ich erstarrte, nicht wegen einer Kleinigkeit, die ich nicht haben durfte, sondern weil sie offenbar ganz selbstverständlich meinen Koffer aufgemacht hatte. Als ich in meine Zelle kam, fand ich dann auch meine Schlüpfer, Hemden und Strümpfe hübsch ordentlich in den Schrank geräumt. Es gab keine Geheimnisse in diesem Koffer und wenn sie gefragt hätte, ob sie ihn ausräumen dürfte, wäre es in Ordnung gewesen. Aber die Selbstverständlichkeit mit der dies geschah, erschütterte mich im Innersten und ich empfand sie als extrem übergriffig. Genau in diesem Moment hätte ich mich umdrehen und gehen müssen. Aber ich hatte nicht ansatzweise den Mut, mir und aller Welt zu erklären, dass ich an diesem Ort falsch war, ich wäre vor Scham im Boden versunken. Ich hatte behauptet, hier bis zum Ende meiner Tage zu bleiben, ich hatte groß und tränenreich Abschied genommen, alle wussten, dass ich mutig genug war, in ein strenges Kloster zu gehen. Ich versuchte also, die Sache mit mir auszumachen, die Episode als lächerlich und mich als zickig zu stempeln und stürzte mich kopfüber in das Experiment, eine besonders gute Nonnen zu werden. Dies war die erste und bei weitem harmloseste Geschichte, der Beginn meiner Komplizenschaft.
Gleichzeitig war ich erfüllt von der Liturgie, dem Chorgebet, den Festen, der strengen Struktur, ich mochte die Schwestern, liebte die Oberen und bekam auch Liebe. Ich habe mitgemacht. Ich habe eingewilligt. Es hat mir gefallen. Vieles jedenfalls. Ich war kein hilfloses Opfer. Dass ich emotional abhängig war, habe ich damals natürlich nicht gewusst, dunkel geahnt wohl schon. Und das ist das, was man sich kaum wieder verzeiht, das ist der tödliche Sumpf der Scham. Auch wenn eine deutliche Hierarchie besteht, wenn Schwächere von Mächtigeren missbraucht werden, hat man doch als Schwacher und Abhängiger seinen Verstand und sein Gefühl nicht vollständig an der Garderobe abgegeben. Dass man tatsächlich zu schwach war, glaubt man auch im Nachhinein kaum.
Die Asymmetrie der Macht ist gerade durch das "Gute", das man bekommen hat, nicht fühlbar. 
Auf der Seite "Sekten und Psychogruppen" bietet der Berliner Senat eine Checkliste, unter anderem für Seminaranbieter. Ich denke nicht, dass ich in meiner Ausbildung Sekten aufgesessen bin, unter der Rubrik "Atmosphäre" jedoch gab es Anhaltspunkte, die mir zu denken gaben.
Die Erfahrung von Frau Dr. Hirsch ist anwendbar auf alle Systeme, die mit "Hierarchie" arbeiten. Du Schüler - ich Lehrer und sofort ist man als Seminarteilnehmer in der Schülerrolle von einst. Da sitzt man als erwachsene Person oder denkt das zumindest über sich und kämpft mit all den Schatten, die wir aus unserer Schulzeit noch kennen. Und schneller als man denken kann, ist man in der Überzeugung "Der Lehrer (ersatzweise jegliche Autorität) weiß es besser".
Bei Dr. Hirsch kommt das Etikett "Elite-" vor. Wer zur Elite gehört fühlt sich auserwählt, er hebt ein bisschen ab und verliert manchmal den Kontakt zum Boden(ständigen). Eine weitere Gefahr ist der unterschwellige Glaube, dass nur ein Elitärer eine Elite ausbilden kann. Und schon sind wir wieder in der Idealisierung. Man will ja schließlich nur von den Besten lernen.

Auch ich habe eine Ausbildung bei einer Institution gemacht, das auf seiner Homepage warb "Wir bilden die zukünftige ...-Elite aus". Dieser Slogan bereitete mir ein unbehagliches Gefühl. Da ich gelernt habe bei mir selber hinzuschauen, versuchte ich meine Blockaden bezüglich "Elite" zu lösen. Heute weiß ich, dass ich sie nicht lösen muss. Oft wird mit etwas geworben, was nicht eingehalten wird. Es werden Idealisierungen inszeniert, indem nur begeistert positive feedbacks auf Homepages gestellt werden. Die Authentizität zeigt sich, wenn kritische feedbacks als das genommen werden, was sie sind. Möglichkeiten zu Verbesserungen. Sie zeigt sich auch darin, dass ein Seminarleiter (ein Politiker, ein Ordensmann, jegliche Autorität) sich entschuldigt, wenn er einen Fehler gemacht hat. Gewählte oder selbsterwählte oder ernannte Autoritäten sind auch nur Menschen. Sie machen Fehler. Wer sich darüber erhebt, wer seine Macht missbraucht, andere ausbeutet und benutzt, vorführt und demütigt, sollte sich zumindest entschuldigen können. Wenn ein Ausbilder das Werkzeug, das er lehrt, selbst nicht anwendet, welche Elite will er dann ausbilden?
Es gibt Autoritäten, die dienen als gutes Beispiel. Zur Nachahmung oder zur Abschreckung. Da wir aus unseren Lernphasen oft gute Dinge mitnehmen, ist es so schwer das Ungute wahrzunehmen. Und wenn wir es wahrnehmen, tendieren wir dazu es schönzureden, weil wir uns das Gute nicht schlecht machen wollen. Weil wir an dem Ideal, das wir hatten, festhalten (wollen). Weil wir anderen gegenüber loyal sein wollen und uns selber oft damit verraten. Werden Grenzüberschreitungen begangen, versuchen wir sie irgendwo einzuordnen, manchmal sogar zu entschuldigen. Letzendlich führt diese Taktik in die Scham. Weil wir nicht agiert, weil wir nicht reagiert, weil wir nicht "Nein" gesagt haben. Weil wir mitgemacht haben.

Gibt es eine Lösung?

Hier die Antwort von Frau Dr. Hirsch

Gibt es einen Ausweg? Für den Einzelnen ja. Er besteht in dem schmerzhaften Prozess, sich dieser Scham zu stellen, sie nicht weiter zu verdrängen. Gut ist, wenn man sich von Menschen dabei helfen lässt, die selbst diesen Prozess schon durchlaufen haben.
Gibt es einen Ausweg für die Kirche, die Gesellschaft? Nur graduell. Menschen wollen idealisieren und werden idealisieren. Wenn sie nicht mehr die Jesuiten, Benediktiner oder eine
Reformbewegung idealisieren, dann eben Popstars, tibetische Mönche, Kronprinzen oder
Präsidenten. Die Kirche muss sich öffnen, Kontrolle ihrer Machtstrukturen zulassen, die Arroganz bekämpfen, sie muss lernen, mehr zwischen Rolle und Person zu unterscheiden. Das nutzt aber nichts, wenn nicht gleichzeitig jeder Einzelne wachsamer wird für seine Idealisierungen, die er an Priester, Ordensleute und Institutionen wie Klöster und Elite-Schulen heranträgt.
Ich kann dem nur zustimmen. Arroganz und Grenzüberschreitungen sind verbreitet, wo es Hierarchien gibt. So lange wir unsere eigene Autorität nicht annehmen, die uns auf Augenhöhe mit anderen sein lässt, so lange wir idealisieren und idealisiert werden wollen, wird es Machtmissbrauch geben. Es gilt zwischen Rolle und Mensch zu unterscheiden. Mir kann jemand als Mensch symphatisch sein und in seiner Rolle als "Autorität" meine Grenzen überschreiten. Ich kann zum Mensch "ja" und zur Autorität "nein" sagen. Das ist mein Recht, das ich mir selbst nehmen muss. Es gilt die eigene Autorität anzuerkennen, indem wir auf unsere innere Stimme hören. Sie zeigt uns immer den richtigen Weg.

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Eine Übersicht zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Esoterik - eine Reflexion".