Montag, 30. September 2013

Das Gegensätzliche unserer Zeit

Wir haben größere Häuser, aber kleinere Familien,
mehr Annehmlichkeiten, aber weniger Zeit.
Wir haben mehr Ausbildung, aber weniger Verstand,
mehr Wissen, aber weniger Einsicht,
mehr Experten, aber mehr Probleme,
mehr Medizin, aber weniger Gesundheit.

Wir sind zum Mond geflogen,
aber wir haben Probleme die Straße zu überqueren,
um unsere neuen Nachbarn zu treffen.
Wir erfinden immer größere Computer
und erhalten immer mehr Informationen,
die mehr Papier verbrauchen als je zuvor,
aber leben weniger Kommunikation.

Wir erhalten immer mehr Quantität, aber weniger Qualität.
Es ist die Zeit des Fast Food und schlechter Verdauung,
große Leute, aber kleiner Charakter,
hohe Gewinne, aber oberflächliche Freundschaften.

Es ist die Zeit, wo viel gezeigt wird,
aber wenig dahinter steht.

14. Dalai Lama


Freitag, 27. September 2013

Leben in Zeiten von WhatsApp


Auf unserem Küchentisch liegt ein Smartphone.
Es liegt da für mich und dank ihm könnte ich die Welt der Dummphonebesitzer hinter mir lassen. Ein Dummphone kann nur sms schreiben und telefonieren, ein Smartphone kann (nahezu) alles. Und das Wichtigste: Es eröffnet mir den Eintritt in die Welt von WhatsApp, dem aktuellen Informationskanal.
Dieses smarte Phone ist noch nicht mein Freund, noch weigere ich mich ihm den Zutritt zu meiner Handtasche zu gewähren und damit mein kleines, handliches Kartenphone zu vertreiben. Ich traue ihm noch nicht, auch wenn ein Großteil meiner Familien- und Freundeswelt nach ihm ruft, ich fühle mich noch nicht bereit. Ich bin altmodisch. Und ich fühle mich genötigt. Nötigung erzeugt Widerstand.

Ohne WhatsApp keine Kommunikation.

Anfang des Jahres verpasste ich die synchrone Teilnahme an der absolut chaotischen Silvesternacht einer Freundin, da ich nicht ihrer WhatsApp-Gruppe angehörte. Erst zwei Wochen später erhielt ich eine veraltete Copy&Paste-Version per EMail. Die Frau ohne Smartphone (mein Titel für 2013) ist nicht up to date.
Im Sommerurlaub verbrachte ich gut Zeit damit auf meinen Mann zu warten, der mit seinem Blackberry Fotos aufnahm und an die Kinder und Freunde per WhatsApp verschickte. Er ließ mich teilhaben an den Fotos, die zurückkamen.
Dank der Smartphoneausrüstung mit superguten Kameras wird fast nicht mehr geschrieben, denn Bilder sagen mehr als tausend Worte. Noch ein Smily dahinter und die Nachricht ist geritzt.
Eine Freundin kommuniziert nur über WhatsApp. EMails sind out. Die Firma, für die sie arbeitet, verbietet jeglichen Zugang zu privaten Social Media-Kanälen, aber der Griff zum Smartphone auf dem Klo wird hoffentlich noch nicht per Kamera überwacht. Die Toilettengänge häufen sich.

Meinen Freundinnen ist eine Fähigkeit gemeinsam, die mir abgeht. Sitzen wir in einem Cafe oder Restaurant, nehmen sie während des Gesprächs alles wahr, was um sie herum vorgeht. Sie bekommen das Gespräch am Nebentisch mit, wissen was der Lieferant geliefert hat, welcher Kuchen favorisiert wird, welchen Nagellack die Frau am hintersten Tisch trägt und fragen sich, zu welchem Friseur die Bedienung geht. Während ich oft in einem Kokon sitze und im Gespräch ausblende, was um mich herum vorgeht, sind ihre Antennen immer auf Empfang.
Einzig das Brummen des rechteckigen Kästchens zieht ihre Aufmerksamkeit völlig in dessen Bann. "Sorry ich muss mal schnell" und sie tauchen ab in die elektronische Welt von WhatsApp oder facebook.

Haben sich die ersten Handybesitzer noch in Einfahrten verdrückt und wurden belacht als "Wichtigtuer", so hat die Wichtigkeit heute die Mehrheit der Bevölkerung erreicht. Der Reisebericht einer Arbeitskollegin, die in den 80-ern nach Hongkong flog, und uns atemlos davon erzählte, dass auf der Fähre jeder in ein rechteckiges Kästchen sprach, erinnerte an einen Science-Fiction-Film. Heute fühle ich mich als Statist in diesem Film.
Das Laufen auf dem Gehsteig ähnelt oft einem Slalom.
Wer zu Fuß unterwegs ist starrt in ein Kästchen, wer mit Bus oder Bahn unterwegs ist tut das sowieso, wer auf einer Parkbank sitzt auch. Nur die Radfahrer und motorisierten Leute brabbeln vor sich hin. Erhalte ich heute einen Anruf, dann überwiegend von jemandem, der gerade von A nach B unterwegs ist und sich die Zeit mit einem Gespräch vertreiben will. Ob es nun etwas zu erzählen gibt oder nicht, egal - Autozeit ist Telefonierzeit.

Zurück zu meinem smarten Phone.
Mein Sohn, den ich aus der Küche schickte, wenn ich die Mikrowelle startete, sagt, er ist enttäuscht, dass ich mich freiwillig und stetig der Mikrowellenstrahlung eines Smartphones aussetze. Es liege an mir, wenn ich mich ausgeschlossen fühle. Ich müsse mich ja nicht so fühlen. Ich könne auch weiterhin meinen schönen Füller benutzen um handschriftliche Briefe zu schreiben.
Meine Tochter sagt "Na endlich, wurde auch Zeit" und ist genervt, weil ich auf ihre WhatsApp-Nachricht erst am Abend antworte. Dann, wenn ich an den Küchentisch zurückkehre. Sie möchte gleich und sofort wissen, ob es sich lohnt abends zum Essen zu kommen.
Eine Freundin lacht mich aus ob meiner Antihaltung. Sie sieht ein Smartphone als netten Zeitvertreib für sinnlose Momente, lieber Glotzen statt Langeweile. Es ist die perfekte Ablenkung aus einer immer sinnentleerteren Welt, denn es schafft den Schein von Sinn durch all die wichtigen Welten, in die es dich entführen kann. Wer Fokus und Spiegel als App geladen hat gilt als neuer Bildungsbürger. Zeig mir deine Apps und ich sag dir wer du bist.
Ein Bekannter erzählt mir von seiner Eifersucht auf das Smartphone seines Mannes, dessen erste Berührung am Morgen dem Gerät auf dem Nachtkästchen gehört.
Eine Freundin sagt, dass sie keine Postkarten mehr bekommt, weil der Urlaub von Freunden bereits per Smartphone auf facebook vollständig dokumentiert ist, bevor die wieder daheim sind. Ein Treffen danach erübrigt sich, da die tollen Urlaubsfotos ja schon Bände gesprochen haben. Social Media macht irgendwie einsam, weil alles in Echtzeit dokumentiert wird und der Dialog in einem Like besteht. Kann es sein, dass soziale Medien unsozial sind?
Mein Mann nimmt meine Marotte und schickt mir eine altmodische Liebeserklärung in Form von Zeichen aufs Dummphone und eine neumodische in Form eines Bildes über WhatsApp aufs Smartphone.

Als ich vor einiger Zeit ins Dojo kam, konnte ich meinen Anzug nicht finden. Seit fast acht Jahren lasse ich ihn an einem Haken in der Umkleide hängen und konnte mich nicht erinnern, dass ich ihn zur Wäsche mit nach Hause genommen hatte, aber gut. Auf dem Weg nach draußen, denn ohne Anzug kein Training, sagte mir mein Trainier, dass er ihn in die Sauna aufgeräumt hätte. Aha, okay, ich hole ihn und trainiere. Vorgestern wurde ich im Dojo mit den Worten begrüßt, dass ich wohl nicht den Wink mit dem Zaunpfahl verstehe? Wie? Na, warum wohl habe ich den Anzug in die Sauna geräumt? Keine Ahnung, warum? Weil ich dir damit sagen wollte, dass du ihn nicht in der Umkleide hängen, sondern mit nach Hause nehmen sollst. Aha, ich bin ein Mensch, eingefahren in Gewohnheiten und ab und an merkbefreit. Gibt es neue Regeln, kann man mir die sagen. Noch immer haben Menschen einen Mund um zu reden und Ohren um zu hören. Dann dachte ich mir, dass er mir statt des pädagogischen Versteckspiels auch eine Nachricht per sms hätte schreiben oder ein Foto von meinem durchgestrichenen Gi in der Umkleide hätte schicken können. Aber dann fiel mir ein, dass ich zu dieser Zeit ja noch nicht über WhatsApp verfügte.

In den 80-er Jahren sangen die Buggles "Video Killed The Radio Star" - was sie wohl heute singen würden?


Dienstag, 24. September 2013

Teufel der Menschen

Man möge doch bedenken,
dass man andere ertragen soll,
wie man selbst ertragen zu werden wünscht.
Aber das ist eben der Teufel der Menschen,
dass selten jemand glaubt,
dass die anderen auch etwas
an ihm zu ertragen hätten.

Jeremias Gotthelf

Samstag, 21. September 2013

Resilienz


Einst sprach der Ozean zum Ganges:
"Wie kommt es eigentlich, dass du zur Regenzeit so viele riesige, gewaltige Baumstämme mit dir bringst, aber gar kein Gras, kein Rohr und keine Schilfhalme? Sind diese dir zu gering, weil sie schwach sind und so wenig Widerstand leisten? Oder wie verhält es sich damit?"
Darauf sprach der Ganges:
"Das will ich dir gern erklären, lieber Ozean. Das Gras, das Rohr und die Schilfhalme, die neigen sich und bücken sich, wenn ich mit den großen Wogen komme. Sie kennen die rechte Zeit und die rechte Gelegenheit, sie sind nicht übermütig und starr. Darum beugen sie sich vor der Übermacht des Wassers und des Sturms, und wenn ich über sie hinweggegangen bin, stehen sie wieder aufgerichtet und fest an ihrer alten Stelle. Die Bäume dagegen wollen unbeweglich Widerstand leisten, und darum werden sie von mir geknickt trotz ihrer viel größeren Kraft und Stärke."

nacherzählt aus "indische Märchen"

Das Wissen um die Notwendigkeit von Flexibilität in schlechten Zeiten ist uralt.
Resilienz ist das neue Modewort für die Fähigkeit nicht am Leben zu zerbrechen, wenn uns ein Schicksalsschlag ereilt. Menschen mit der Fähigkeit zur Resilienz sind die glücklicheren und gehen ungebrochen weiter.

"Jede Krise birgt gleichzeitig eine Chance" ist eines der neuen Credos, aber wer sieht die Chance, wenn er im Strom des Lebens in eine Turbulenz geraten ist und nur noch rudern kann, um sich eingermaßen über Wasser zu halten und nach Luft zu schnappen. Wer schwimmt hat keinen Boden mehr unter den Füßen, nichts mehr, das augenscheinlich Halt bietet.
"Gib dich hin und du kommst wieder raus" - gutgemeinte Worte von jemandem, der am Ufer steht und sich nicht in der Unterströmung befindet, die einen so durchwirbelt, dass man nicht mehr weiß wo oben und wo unten ist.
"Immer schön positiv denken", diese Worte sind der Killer, nach der Devise "Smile or Die" befinden sich in jeder elektronischen Botschaft haufenweise augenzwinkernde und lächelnde Emoticons. Egal wie belastend die Lage ist, mal ein Smily dahintergesetzt und alles ist halb so schlimm.

Ist das Resilienz?
Kann uns eine dieser Botschaften die Fähigkeit zur Elastizität vermitteln? Hören wir so etwas gerne, wenn wir mittendrin sind? Für Menschen in der Krise klingen solche Worte oft wie blanker Hohn und werden begleitet von "Irgendwas mache ich falsch". Wer kann nach vorne schauen, wenn die Wellen über ihm zusammenschlagen?
Wir können das Leben nur vorwärts leben um es rückwärts zu verstehen. Erst im Rückblick offenbaren sich die positiven Aspekte in gravierenden Veränderungen. Aber welchen Preis haben wir dafür bezahlt?

Mir persönlich helfen all diese schlauen Sprüche gar nichts, wenn ich in einer Krise bin.
Was mir hilft ist das Vertrauen in mich und meine Kraft, denn die Tatsache, dass ich mal wieder in einer Krise bin heißt ja "Ich bin noch immer da!" und ich führe mir vor Augen, was ich schon alles geschafft habe, das gibt mir Mut und lässt mich wissen "Ich schaffe auch das, keine Ahnung wie und keine Ahnung in welchem Zustand ich rauskomme, aber ich schaffe es". Das gibt mir den Biss, den ich brauche um durchzugehen.
"Und alles hat etwas Gutes" - das kann ich annehmen, denn jede überstandene Krise stärkt das Vertrauen in mich selbst. Krisen machen demütig. Sie zeigen uns, dass es keine Sicherheiten gibt und nichts selbstverständlich ist. Was wir wirklich brauchen in solchen Zeiten ist Trost. Dinge, die wir vorher missachtet haben, gewinnen an Wert. Wir sind dankbar für jedes Ohr, das zuhört, für jede Hand, die sich um unsere schließt, für jeden Arm, der sich um uns legt und jedes Lächeln, das mitfühlt.

Von der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross stammen die Worte "Ohne die Stürme des Lebens, die über die Landschaften hinwegfegen, gäbe es keine großartigen Canyons".







Donnerstag, 19. September 2013

Like a bird on a wire

Nicht nur für diesen Song verehre ich diesen Mann zutiefst.

Leonard Cohen "Like a Bird on a Wire"



Das Meer der Tränen ...

Das Meer der Tränen, die jedes Wesen Leben um Leben anfangslos durchwandernd, geweint hat, ist größer als alle vier Weltmeere zusammen.

(S 15,3)



Mittwoch, 18. September 2013

Sieben Mal wirst du die Asche sein


In einer meiner Ausbildungen lernte ich ein Mittel zur Bewusstwerdung kennen, das heißt "Ich gehe eine Straße .... und falle in ein Loch". Es geht um die Endloswiederholungen unserer eingebrannten Verhaltensmuster, um unsere Reaktionen auf die Aktionen anderer. Auch wenn wir irgendwann erkennen, dass da wieder etwas abgespult wird, was wir schon so lange kennen, ist es schwierig diese Kette zu unterbrechen. Wir manövrieren uns in die endlose Reinszenierung unseres ureigenen Dramas. Die Seminarleiterin sagte "Auch wenn ihr wisst, wie ihr auf bestimmte Verhaltensweisen anderer reagiert, so fallt ihr doch bestimmt noch sieben Mal in dieses Loch. Aus reiner Gewohnheit". Und ich erinnere mich gut, wie sie vor uns tänzelte und rief "Aber dann, eines Tages, da steht ihr am Rand und schwankt vor und zurück und plötzlich wisst ihr, dass ihr euch jetzt entscheiden könnt wieder hineinzufallen und mühsam rauszukrabbeln oder es diesmal auszulassen und weiterzugehen". Sie stellte das so plastisch dar, dass wir alle lachen mussten und uns darauf freuten, nicht mehr in unsere Löcher zu fallen.

Und heute stand ich da, an diesem Loch, in das ich wieder und wieder hineinfalle und diesmal fiel ich nicht hinein. Wie sie sagte, ich schwankte und schwankte, aber ich konnte das Gleichgewicht behalten. Üblicherweise reagiere ich auf Vorwürfe und Selbstmitleid mit kalter Wut. So oft ist mir das wieder und wieder in meinem Leben begegnet, da fühlt sich jemand unverstanden, bemitleidet sich selbst und macht mir Vorwürfe anstatt mich zu fragen und plötzlich fühle ich mich unverstanden, bemitleide mich selbst und ende in Rechtfertigungen, Beschuldigungen und Vorwürfen. Ohne zu fragen. Und ich werde kalt und wenn ich erst einmal kalt bin, dann werde ich böse, denn in der Kälte fühle ich nichts mehr.

Der Anlass, der zu meinem heutigen Loch führte, ließ mich nicht freudig am Kraterrand tänzeln, aber ich kann lächeln. Wer es einmal geschafft hat, der schafft es wieder.

Über sieben Brücken musst du gehn


Dienstag, 17. September 2013

Unser Geist - ein durchgeknallter Typ

Unser lächerlicher, sich endlos wiederholender Gedankenstrom schafft ständig unser begrenztes Selbst mit all seinen Wertungen, Verteidigungsstrategien, Plänen und Entschuldigungen. Wenn wir diese Gedanken nicht genauer untersuchen, glauben wir ihnen einfach. Würde allerdings ständig jemand neben uns herlaufen und uns dabei dauernd unsere Gedanken ins Ohr flüstern, würden wir uns sehr schnell langweilen. Ginge das unentwegt so weiter, würde uns die Krittelei schnell entnerven, und schließlich würden wir explodieren, weil der Kerl neben uns nicht einmal für ein paar Sekunden die Klappe halten kann. Vermutlich würden wir die Schlussfolgerung ziehen, dass dieser Typ verrückt ist.

Jack Kornfield

Montag, 16. September 2013

Verzeihung


Im gestrigen Tatort "Angezählt" geht die Polizistin Bibi Fellner zu einer Psychologin, weil sie ihr Gefühlsleben nicht als normal empfindet. Sie erzählt vom Besuch bei ihren Patenkindern, die ein Konzert gaben, der Rührung unter den Erwachsenen rundherum und dem Stolz der Eltern auf das Können ihrer Kinder. Bibi langweilt das, unter all den Gerührten bleibt sie die einzige Ungerührte und sucht eine Erklärung in der Härte ihres Berufs. Als die Psychologin sie fragt. ob ihre eigenen Eltern sie gelobt und toll gefunden hätten, erzählt sie vom Tod ihrer Mutter als sie vier Jahre alt war und dass der Vater sie zu den Großeltern brachte, weil er eine Kneipe betrieb, die kein Ort für ein kleines Kind war. Der Vater besuchte sie so gut wie nie. Zweiundzwanzig Jahre waren inzwischen seit dem letzten Treffen vergangen. Und Bibi sagt "Ich konnte ihm das nie verzeihen".

Darauf die Psychologin "Wir Kinder können unseren Eltern nicht verzeihen, das wäre anmaßend".

Diese Worte sind für mich eine Antwort auf das große Bemühen vieler erwachsener Kinder, die denken, dass sie ihren Eltern verzeihen müssten, dann wäre alles gut. Zu denken jemandem etwas verzeihen zu müssen, setzt voraus, dass sich derjenige schuldig gemacht hat. Sollen wir unseren Eltern gegenüber großmütig sein? In den meisten Fällen ist es so, dass Eltern unfähig sind. Sie tragen die Verantwortung den Kindern gegenüber für ihr Unvermögen, aber nicht unbedingt Schuld. Bibi entscheidet sich auf Anraten der Psychologin ihren Vater im Altersheim zu besuchen. Der Film endet dort, wo sie die Treppen zu ihm hinaufgeht. Alles weitere ist Fiktion. Ich stelle mir vor, wie sie im Gespräch mit ihm herausfindet, dass für ihn der Verlust seiner Frau genau so schwer war wie für sie der Verlust der Mutter. Dass er genug mit sich selbst zu tun hatte und sie in die Obhut von Menschen brachte, denen er vertraute. Und dass ihn sein schlechtes Gewissen immer weiter von ihr entfernte.
Wer kennt das nicht? Aus einer Unfähigkeit heraus schaffen wir es nicht Verantwortung zu übernehmen und das darauffolgende schlechte Gewissen lässt jede weitere Chance ungenutzt vorüberziehen, in der wir etwas wieder gut machen könnten. Am Ende verdrängen wir. Entschuldigen, rechtfertigen, beschuldigen.
Bibi könnte als erwachsene Frau Verständnis entwickeln für das Verhalten ihres Vaters, indem sie seine Unfähigkeit erkennt. Das müsste sie nicht für ihn tun, sie könnte das für sich tun, denn jedes Stück Verständnis für das System, das zusammenwirkt, gibt ein Stück mehr Freiheit.  Die Wunde, die ihr durch die Ereignisse zugefügt wurde, wird ihr dadurch nicht genommen, aber Verständnis für die Dinge könnte sie diese Wunde leichter ertragen lassen.

Berührt wird sie von Ivo, dem Kind, das ein noch härteres Schicksal trifft wie sie. Der wird nicht nur von Mutter und Vater verlassen, sondern vom Vater zum Rachemord an einer Frau missbraucht. So legt der Vater Schuld auf das Kind. Ivo erschießt seinen Vater um Bibi zu retten. Und hier geht es für mich nicht darum, dass Ivo irgendwann seinem Vater verzeiht, sondern dass er es schafft sich selbst zu verzeihen.
Uns selber verzeihen zu können ist ein wesentlich größerer Akt als uns anderen gegenüber großmütig zu zeigen und ihnen zu verzeihen.

Wie oft haben wir solche "inneren Morde" in unserem Leben betrieben? Wem haben wir den Tod oder die Pest an den Hals gewünscht oder gehofft, dass er einfach nicht mehr da ist? Wie oft haben wir beschimpft, verflucht, schlecht geredet? Die anderen und uns selber?

Und wem müssen wir das verzeihen?




Freitag, 13. September 2013

Der weibliche Hang zur Esoterik - ein menopausaler Mittelfinger?

Bernd Kramer, Journalist, brachte im Mai diesen Jahres ein Buch heraus mit dem Titel "Erleuchtung gefällig? Ein esoterischer Selbstversuch". Der Mann bezeichnet sich als Rationalisten und unempfänglich gegenüber dem neuen Numinosen, das sich in unserer heutigen Gesellschaft ausbreitet - Astrologie, Homöopathie, Fern-Reiki, Geistheilen, Hellsehen, Reinkarnation, Lichtarbeit, Channeling. Undercover taucht er in die Esoterikszene ein. Unter anderem als Berater einer Hotline, einzige Voraussetzung für diesen Job ist der Kontakt zur geistigen Welt, und ausgestattet mit einem "Transzendenzzapfen", den er als günstigen Weihnachtsdekoartikel erwarb, auf einer Esoterikmesse. Wo auch immer er auftauchte, ob Seminar für das Erlernen von Hellsehen, Hotline oder Messe, traf er auf Frauen. Bevorzugt auf Frauen mittleren Alters. Und als Frau mittleren Alters frage ich mich:

Was suchen wir da?

Ich habe eine Antwort darauf, warum ich selbst eine Ausbildung zum Reikilehrer absolvierte, nach was ich suchte, ob und wie ich es fand und was sich  daraus entwickelte. Und ich möchte viele Frauen fragen, was sie dort suchen, in Horoskopen, Channelings, in einer Lichtkörperausbildung, auf Ho´oponoponoseminaren, beim schamanischen Heiler, in Engelkarten. Bestimmt gibt es nicht nur eine Antwort auf die Frage. Mich interessiert auch das, was darunter liegen könnte, denn solche Phänomene sind ja Strömungen in einer Gesellschaft und haben einen Grund, der oft in der breiteren Entwicklung einer Gesellschaft bedingt ist.
Und nun habe ich einen Artikel gefunden, der die Möglichkeit einer Antwort von vielen bietet. Ich finde interessant, was da aus Männermund kommt, in diesem Fall von kanadischen Wissenschaftlern der McMaster University, Hamilton, Ontario. Aus dem Mund von Männern, denen Männer wie Herr Kramer glauben - Wissenschaftler.
Die Artikelüberschrift lautet "Sind Männer schuld an der Menopause"? Und die Wissenschaflter behaupten anhand einer Studie, dass die Vorliebe von Männern an jüngeren Partnerinnen verantwortlich dafür ist, dass Frauen eine Menopause entwickelt haben. Außer uns Menschenweibchen gibt es nur noch zwei bekannte Arten, bei denen die Weibchen die Reproduktion relativ früh einstellen: die Killer- und die Grindwale. Warum wir?
Ein Erklärungsmodell ist der "Großmutter-Effekt", der besagt, dass das weibliche Genmaterial weiter gestreut wird, wenn wir uns nicht nur um die Aufzucht der eigenen Kinder, sondern uns auch noch um die Aufzucht der weiteren Nachfahren kümmern. Davon halten die kanadischen Wissenschaftler nichts, sie behaupten, dass wir Frauen unsere Fruchtbarkeit bis ins hohe Alter behalten und uns somit wie die Männer lebenslang fortpflanzen könnten, wäre da nicht die Neigung der Männer zu jüngeren Frauen. Ältere Frauen bekommen deswegen keinen Nachwuchs mehr, weil ihnen die Sexualpartner fehlen. Sehr spannend finde ich die Behauptung, dass die Entwicklung auch andersherum möglich wäre, nämlich, dass die Männer ab fünfzig ihre Zeugungsfähigkeit einstellen würden, hätten die Frauen sich jüngeren Partnern zugewandt.
Davon abgesehen, dass es heute wahrscheinlich nur noch für wenige erstrebenswert ist bis ins hohe Alter Kinder bekommen zu können, gibt es da noch ein beachtenswertes Detail, die verlängerte Lebenserwartung. Es wird vermutet, dass Frauen früher nicht sehr lange über ihre reproduktive Phase hinaus gelebt haben. Heute aber ja. In der Regel steht uns noch ein Drittel  unseres Lebens bevor. Und was fangen wir Frauen mit der Zeit an, die uns über die Reproduktion hinaus bleibt? Was fangen wir mit der Zeit an, wenn nicht einmal der spekulierte Großmutter-Effekt bleibt, weil die Kinder keine Kinder bekommen (können/wollen) oder so weit weg wohnen, dass keine Unterstützung möglich ist? Und ich wage jetzt einmal eine riskante Frage:

Was gibt uns eine evolutionsbedingte Daseinsberechtigung in einer Zeit, in der sich immer mehr Männer jüngere Partnerinnen suchen und aufgrund ihrer lebenslangen Reproduktionsfähigkeit auch noch einen Sinn darin sehen und das Argument auf ihrer Seite haben, dass da männlicher Instinkt waltet, der das Erbgut weit und gesund gestreut haben will? Wo bleibt der Sinn im Leben der über die Reproduktion hinaus lebenden Frau?

Bitte nicht missverstehen, ich habe kein Interesse daran eine einfache Antwort in der Evolution oder dem Verhalten der Männer zu finden oder Schuldzuweisung für die weibliche Midlifecrisis zu betreiben.
Die Frage ist: Kann es sein, dass sich Frauen mittleren Alters nicht mehr von einer männlichkeitsdominierten Wissenschaftswelt überzeugen lassen wollen? Dass sie den menopausalen Mittelfinger heben und sagen "Logik und wissenschaftliche Beweisführung sind mir egal!"? Dass sie nach etwas suchen, was ihrem Leben außerhalb von Ehrenämtern oder Aufopferung in Pflege jeglicher Art einen Sinn gibt? Jenseits von Wissenschaft und Vernunft? Im Übersinnlichen?
Ich möchte hier nicht diskutieren, ob die Esoterik der richtige Platz ist. Ich möchte fragen

Was sucht ihr in der Esoterik und was findet ihr?

Alle Frauen, die sich von diesem Beitrag und der Frage angesprochen fühlen, dürfen mir gerne schreiben (info@leben-zuhoeren.de). Männer selbstverständlich auch. Da über der Esoterik noch immer ein Hauch des Mystischen liegt, wäre es mal an der Zeit für Entzauberung.

Der Gedankenstreuner meldet sich zurück und grüßt alle Leser ganz herzlich!

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Eine Übersicht zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Esoterik - eine Reflexion".