Donnerstag, 31. Oktober 2013

Gut gebettet

Liebt ihr es auch geräuschvoll durch so eine Ansammlung von Blättern zu schlubbern?

 






Um euch dann genussvoll in solch ein Bett von Blättern zu legen, das den Geruch von Sonne auf Erde und leicht feuchtem Laub ausströmt?

Dort findet ihr mich morgen :-)




Hallo

und eine schön gruselige Nacht der Kürbisse und Geister.




Glück

Heute las ich, dass ein glückliches Leben nicht aus der Befriedigung unserer Bedürfnisse erwächst, sondern aus der Treue zu einem würdigen Ziel.

Ich bewundere den Dalai Lama dafür, dass er trotz allem, was Tibet angetan wurde, Gewaltlosigkeit und Frieden anstrebt. Er scheint glücklich .... und macht mir Mut, dass ich das, was noch an Groll in mir ist, überwinde.


We can make this a more peaceful century if we cherish non-violence and concern for others’ well-being. It is possible. If the individual is happier, his or her family is happier; if families are happy, neighbourhoods and nations will be happy. By transforming ourselves we can change our human way of life and make this a century of compassion.

14. Dalai Lama 

Dienstag, 29. Oktober 2013

Liebe dich selbst! Und wie?

Warum verletzten uns ausgerechnet die Menschen am tiefsten, mit denen wir uns am engsten verbunden fühlen?
Weil wir sie in unseren innersten Kreis vorlassen und sie dort unseren Wunden näher sind als alle anderen.

Wir reagieren unterschiedlich, wenn uns ein geliebter oder vertrauter Mensch "verletzt". Manchmal ziehen wir uns zurück und werden traurig, manchmal werden wir wütend und denken uns verteidigen zu müssen, manchmal resignieren wir und verlieren die Hoffnung. Kurz- oder längerfristig werfen wir den Unruhestifter in Gedanken oder im Leben aus unserem innersten Kreis. Er erhält Hausverbot, damit wir in Ruhe unsere Wunden lecken können, die immer und immer wieder aufgerissen werden. Irgendwann fragen wir uns, ob wir uns mit den richtigen Menschen umgeben, warum ausgerechnet wir immer an die geraten, die uns verletzen anstatt uns zu lieben.

Diese Verletzungen sind Liebe.

Diese Verletzungen sind Aktivierungen eines Musters, das läuft und läuft und die geliebten Menschen, die uns so sehr verletzen, geben uns die Möglichkeit uns dieser Muster bewusst zu werden. Der Fehler liegt selten in ihnen und ihrem Verhalten, die Störung liegt bei uns. Sie machen uns mit ihrem Verhalten lediglich darauf aufmerksam.
Einem anderen weh zu tun, damit er heilen kann, was wund ist, das ist Liebe. Seinen Unmut auf sich zu ziehen und ihn auszuhalten, weil er es nicht besser weiß, das ist Liebe. Sich daraus ergebenden Beschuldigungen und Vorwürfen auszusetzen ist Liebe. Aber meistens wissen wir es beide nicht.
Wir haben nicht gelernt die Liebe in Verletzungen zu sehen. Uns wurde gelehrt, dass Liebe ein Verhalten ist, das uns im Opferstatus verharren lässt. Wir haben nicht gelernt auf unsere eigene Stärke zu vertrauen. Wir brauchen jemanden, der kommt, uns aushält, uns trägt, uns versteht mit all unseren Macken, Ecken und Kanten, Wunden und Narben. Uns wird etwas als Liebe vorgemacht, was uns letztendlich schadet, was uns klein hält, was uns die Möglichkeit gibt immer jemand anders die Schuld an unserem eigenen Befinden zu geben, was uns auf einen anderen angewiesen sein lässt.
Unser Verständnis von Liebe ist arm. Wenn wir niemanden haben, der uns liebt, uns versteht, für uns sorgt, sind wir arm. Haben wir dann jemanden gefunden, der unseren Vorstellungen entspricht, tut er das bestimmt nicht auf Dauer, wir fragen uns wie sich dieser Mensch so sehr verändern konnte, er war doch mal so lieb und wir fühlen uns wieder beraubt und arm. Unsere Vorstellung von Liebe macht uns arm. Sie macht uns zu Bedürftigen.
Wann macht Liebe reich?
Nun könnte ich aufzählen, was in so vielen Büchern und Seminaren gelehrt wird oder euch die wichtigste aller Botschaften, die kursieren, weitergeben "LIEBE DICH SELBST!" und alles wird sich in Wohlgefallen auflösen. Tolle Wurst und wie mache ich das? Vielleicht gibt es Leute, die das mit einem Fingerschnippen beherrschen, ich gehöre bestimmt nicht dazu. All die guten Tipps funktionieren bei mir nicht. Ich muss meinen eigenen Weg gehen, auf den vorgetrampelten Pfaden fühle ich mich unwohl. Ich kann immer nur dem folgen, was in mir ist und ich habe schon lange genug gebraucht um wieder einen Zugang zu dem zu bekommen, was in mir ist.

Ich möchte euch meine Geschichte dazu erzählen:

Letzten Sommer stand ich mit bemehlten Händen in unserer Küche und wartete auf meinen Mann und seinen Freund, die einkaufen waren und mir Quark für die gewünschten Aprikosenknödel mitbringen sollten. Da stand ich und wartete und wartete und keiner kam. Ich wurde sauer. Aber vielleicht ist etwas dazwischen gekommen, der Tank war leer und sie mussten noch zur Tankstelle fahren oder es ist etwas passiert? Ich schwankte zwischen Sorge und Ärger. Unser Freund war auf Besuch, das Essen war eingetaktet, damit er pünktlich weiterfahren konnte und er wünschte sich meine selbstgemachten Knödel, für die ich nicht alle Zutaten hatte. Ich wartete .....
... und sie kamen, fröhlich, ausgelassen, spät. Die Sorge war weggeblasen, der Ärger wuchs. Sie waren in der Stadt, einen Kaffee trinken, ach ja, sie haben vergessen mir Bescheid zu sagen. Etwas in mir stieg von 150 auf 360 und alles, was ich noch geistesgegenwärtig tun konnte, war, mich selbst aus dem Verkehr zu ziehen, bevor ich eine 1a Szene hinlegte. Ich verließ die Küche mit dem halbfertigen Teig, gewaschenen entsteinten und mit Zuckerwürfel gefüllten Aprikosen, zwei entgeisterten Männer und zwei verständnislosen Kindern. Wusch mir die Hände, zog meine Jacke an und schwang mich aufs Rad. Nix wie weg ......

Luft anhalten und bis zehn zählen, mir sagen, das wäre nur ein Gefühl und ich bin nicht dieses Gefühl, eine Schweigepause einlegen, Mitgefühl für alle Beteiligten enwickeln. NEIN! Alle diese gutgemeinten Tipps lösen sich in Rauch auf, denn ich BIN Wut. Es ist wie es ist und alles, was ich bisher getan hatte, um mit dieser Emotion umzugehen, schien null und nichtig gewesen zu sein. Ich war so sehr Wut, dass ich die Männer am liebsten mit den Aprikosen beworfen, den Teig an die Fensterscheibe geklatscht und zusätzlich laut geschimpft und geflucht hätte. Das hätte eine gute Geschichte gegeben und für einen Moment hätte ich mich befreit gefühlt, aber geendet hätte es in der Scham.
Und so fuhr ich an einen Ort, wo ich meine Wunden lecken und mich all den Gefühlen, die sich zeigten, überlassen konnte. Ich schimpfte und ich fluchte bis die Tränen kamen, fühlte mich alleinegelassen, ausgeschlossen und verraten. Und wusste genau wo ich rauskomme.
In einem Erlebnis aus meiner Kindheit.
Ein geliebter Mensch gab mir ein Versprechen und hielt es nicht ein. Zwei Personen gehen und lassen mich zurück. Das Versprechen ist ganz schnell vergessen und sie haben Spaß ohne mich. Ich warte und warte auf die Einlösung des Versprechens. Ich fühle mich gefangen und ticke aus. Die Strafe dafür ist hart. Die Schuld bleibt bei mir.
Das Erlebnis hinterließ eine tiefe Wunde, die nicht heilen wollte. Bis letztes Jahr stand ich am Fenster und wartete auf das Einlösen des gegebenen Versprechens, auf das Ende des Verrats.

Das emotionale Erleben dieses Ereignisses wiederholte sich, immer und immer wieder, in unterschiedlichen Variationen, mit unterschiedlichen Protagonisten. Die Welt schien voll von Menschen, denen ich vertraute, damit sie mich verraten konnten. Und ich wartete und wartete ..... das Warten schien mir am schlimmsten, es hielt mich gefangen, unbeweglich. Es hat lange gedauert, bis mir klar wurde, dass ich nicht mehr in einer Institution gefangen bin, dass ich nicht mehr vier Jahre alt und ausgeliefert bin, dass mich keiner mehr bestrafen und einsperren kann. Dass ich mich entscheiden kann mit dem Warten aufzuhören. Dass ich nun gehen kann. Ich darf gehen und muss niemanden um Erlaubnis bitten. Ich kann mich selbst befreien, indem ich einfach gehe.

Letztes Jahr habe ich mich an die Wand gefahren und man könnte sagen, dass ich überreagiert habe. Ja, eindeutig, das habe ich. Ich habe überreagiert. Die Wunde, in der gestochert wurde, hat mich an die Decke gehen lassen. Es ist in Ordnung. Es ist meine Störung, die zum Vorschein kam. Was hat mein Mann schon getan? Er hat sich eine Auszeit gegönnt, Spaß gehabt und mich darüber vergessen. Dass ich solch ein Verhalten als Hochverrat empfinde, kann er nach 27 Jahren noch immer nicht nachvollziehen. Bin ich über meine Störung endgültig hinweg, weiß ich, dass ich nicht mehr warten muss und gehen kann. Das kann ich tun, bevor ich Gefahr laufe auszuticken. Ich kann dafür sorgen mich bereits viel früher aus dem Verkehr zu ziehen, ich muss nicht mehr warten, bis die Situation eskaliert.
Das lerne ich gerade. Es gibt Menschen, die nicht verstehen, warum ich so schnell die Bremse ziehe und gehe, aber es sind ja nicht sie, die mich verstehen müssen, sondern ich muss verstehen, wann der richtige Zeitpunkt für mich gekommen ist zu gehen. Es ist meine Wunde, sie wird immer da sein, aber ich kann dafür sorgen, dass keiner mehr unachtsam darin herumstochert. Ich weiß nun, wo sie liegt und ich schütze sie, so gut es geht.

Wie die Geschichte ausging?
Ich habe etwas getan, was mir sehr schwer fällt - Schwäche zugeben und um Hilfe bitten. Mein Mann holte mich aus meinem Versteck und brachte mich nach Hause. Es war keine Wut mehr da, kein Vorwurf, nur ein Kater. Ich erzählte ihm von meinen Gefühlen, die durch sein Verhalten ausgelöst wurden und dem Kind, das sich noch immer so entsetzlich verraten fühlt, wenn Absprachen missachtet werden und es sich gezwungen fühlt zu warten. Das konnte er verstehen. Um ihm das verständlich zu machen, musste ich erst lernen mich zu verstehen. Als Erwachsene hielt ich mein Verhalten selbst oft für kindisch und verurteilte mich für meine bitteren Gefühle, die so heftig kamen. Diese Gefühle sind Ausläufer, hinter denen eine Geschichte steckt. So lange das Zentrum der Geschichte nicht ausfindig gemacht ist, schlägt es immer wieder in Wellen aus.
Liebe dich selbst bedeutet für mich Verständnis für mich zu entwickeln. Wenn ich sehe wie komplex die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung in meinem eigenen Leben sind, kann ich auch anderen gegenüber milder sein.
Wie auch immer sie sich verhalten, ich kenne ihre Geschichte nicht, die dahinter steckt. Kindisches Verhalten im Erwachsenenalter deutet oft auf ein verletztes Kind hin. Der Schmerz des Kindes wird real und direkt erlebt. Wer könnte das verurteilen?

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Ähnlicher Artikel: "Du sollst dein Kind ehren"

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Eine Zusammenfassung zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Dämonenloch".





Sonntag, 27. Oktober 2013

Schönheit

Was findet ihr schön?

Ich finde Vieles schön und ich merke es daran, wie es mein Herz aufgehen lässt. Oft passiert mir das in Momenten, in denen ich nicht auf Schönheit vorbereitet bin und es nimmt mir manchmal den Atem. Die Schönheit in einem Lächeln, in einer Geste und sehr oft die Schönheit in der Natur. Wenn ich dann wieder durchatmen kann ist es, als ob etwas in mir aufgeht. Ein schönes Gefühl und ich danke allem Schönem, was so unaufgefordert in mein Leben kommt.

So wie das hier ..... atemberaubend schön.







Samstag, 26. Oktober 2013

Freiheit


Aufbruch in die Freiheit

Den eigenen Geist kennenlernen

Alle Unterweisungen des Buddha haben eine Botschaft: In allererster Linie gilt es, den eigenen Geist kennenzulernen. Einfach deshalb, weil wir dort, in diesem Geist, die Quelle ausfindig machen können, von der jegliches Leid seinen Ausgang nimmt. Freude und Leid, die einfachen Dinge wie auch das Außergewöhnliche, sind Erfahrungen des Geistes: Jeden einzelnen Augenblick unseres Daseins, jede Wahrnehmung, jeden Gedanken, jede Empfindung, erlebt der Geist. Je besser wir daher den eigenen Geist kennen und begreifen, wie er funktioniert, umso eher wird es uns möglich sein, uns von Geisteszuständen frei zu machen, die uns niederdrücken, die unsichtbare Verletzungen und Wunden bei uns hinterlassen und unsere Fähigkeit, glücklich zu sein, zunichtemachen. Kennen wir den eigenen Geist, verhilft uns das nicht nur zu einem wahrhaft glücklichen Leben - jede Spur von Verwirrung wird transformiert, und diese Transformation führt uns zu vollkommenem Erwachen.
Sobald wir den erwachten Zustand erleben, wissen wir, was makellose, ungetrübte Freiheit bedeutet. Ein derartiger Zustand des Freiseins hängt in keiner Weise von äußeren Voraussetzungen ab. Er verändert sich nicht, wenn unser Leben durch Höhen und Tiefen geht. Stets bleibt er gleich, unabhängig davon, ob wir gewinnen oder verlieren, gelobt oder getadelt werden, es mit erfreulichen oder unliebsamen Umständen zu tun haben. Anfangs erhalten wir vielleicht hin und wieder einen kurzen, flüchtigen Einblick in diesen Zustand. Nach und nach werden soche Einblicke für uns freilich immer vertrauter und gewinnen an Stabilität. Und zu guter Letzt werden wir in diesem Zustand des Freiseins zu Hause sein. 
aus "Rebell Buddha", Dzogchen Ponlop Rinpoche

Dienstag, 22. Oktober 2013

Chance - Falle - Scheinriese?

Vor einigen Tagen fand ich in meinem Posteingang die Anfrage eines Verlages. Sie wären auf mich aufmerksam geworden, ob ich autobiografische Aufzeichnungen hätte, die ich bei ihnen verlegen möchte. Für einen kurzen Augenblick fühlte ich mich geehrt. Ich kenne die Geschichte nur andersherum. Autoren, die mit ihrem Manuskript Verlage abklappern. Der Augenblick des Geschmeicheltfühlens war, wie gesagt, nur von kurzer Dauer, dann fiel mir ein, was ich über mich und meinen Lebensverlauf gelernt hatte.

Es gab zwei Dinge, die mich in meinem bisherigen Leben anspornten.

Einschätzungen anderer über mich, die mir etwas nicht zutrauten oder Einschätzungen anderer über mich, die mir etwas zutrauten. Beides führte mich weit weg von mir.

Als Kind und Jugendliche war es die Meinung anderer, dass ich etwas nicht kann, die mich dazu brachte über meine Grenzen hinauszugehen.
"Du kannst das nicht, weil du ein Mädchen bist", hörte ich von meinen beiden Brüdern. Diese Worte forderten mich dazu heraus ein besserer Junge zu werden.  Ich lernte meinen Körper zu beherrschen, kletterte auf die höchsten Bäume und schluckte zur Mutprobe einen Regenwurm. Ich wollte kein Mädchen sein.
"Du kannst das nicht, weil du dafür viel zu egoistisch bist", war die Meinung meiner Mutter über mich. Daraus entwickelte ich eine Übersensibilität für den Gemütszustand anderer und pflegte schwerkranke Menschen. Ich wollte kein Egoist sein.
"Das traust du dich nicht, weil das viel zu gefährlich ist", war die Meinung von Freunden, wenn es um Entscheidungen und das Durchsetzen von Projekten ging. Ich trampte alleine nach Griechenland, übernachtete auf dem Krater eines aktiven Vulkans und lernte einen Drachen zu fliegen. Ich wollte kein Feigling sein.

Im Erwachsenenalter war es die Meinung anderer, dass ich etwas kann.
"Ich sehe da ganz viel Potenzial", diese Worte schmeichelten mir und ich wollte dem entsprechen, was in mir gesehen wurde. Ich machte meinen schwarzen Gürtel in Karate, begann und beendete diverse Ausbildungen, eröffnete eine Praxis. Ich wollte eine gute Karateka, eine gute Schülerin, eine gute Therapeutin sein.
Was auch immer in mir gesehen oder nicht gesehen wurde und was auch immer ich daraus entwickelte, es fehlte die alles entscheidende Frage "Will ich das? Will ich das tun, will ich das sein? Bin ich das?"

Heute weiß ich, dass ich immer nur als Spiegel für die Projektionen anderer gedient habe.
Dass meine Brüder in mir das Schwache gesehen haben, das sie zu diesem Zeitpunkt ignorieren, ablehnen mussten. Dass meine Mutter in mir ihre eigene Selbstbezogenheit gesehen hat, so wie ich meinen Freunden ihre Ängste spiegelte. Hat mich all das, was sie auf mich geworfen haben wie auf eine Leinwand und was ich aufgenommen habe um es wieder loszuwerden, stark gemacht?
Die Lehrer, die ich mir im fortgeschrittenen Alter gesucht habe und die etwas in mir gesehen haben, was sie selbst gerne umgesetzt hätten, die in mir eine Verlängerung, eine Erweiterung, eine Selbstbestätigung gesehen haben, haben sie mich weitergebracht?
Ja, jeder einzelne von ihnen hat mir etwas gegeben, was mir geholfen hat mich selbst zu erweitern.
Nun fühle ich mich stark und erweitert genug.

Und jetzt? Was will ich?  Was ist es, was ich jetzt will? Das ist es, was ich mich frage.
Ich weiß es nicht.
Ich habe so oft in meinem Leben Dinge angestrebt, von denen ich dachte sie zu wollen, dass ich nicht mehr weiß, was ich wirklich will. Will ich dieses Buch schreiben? Ich weiß es nicht.
Da sind zwei Stimmen in mir. Die eine, eine altbekannte vertraute sagt "Yeah, boah, das ist DIE Chance, verpass sie nicht, mach, los mach, zöger nicht so lange rum. Zu allem anderen, was du bisher gemacht hast, kannst du dann auch noch ein Buch nennen". Die andere, eine relativ neue gelassenere sagt "Immer mit der Ruhe, es kann eine Chance sein oder die nächste Falle. Brauchst du die nächste Trophäe in deinem Regal? Was denkst du, was es bringt? Was willst du erreichen? Überlege es dir gut."

Ich war immer besser darin zu wissen, was ich nicht will und ich bin müde mich zu beweisen in Dingen, die man mir nicht zutraut, so wie ich müde bin Dinge zu erfüllen, die man mir zutraut. Was will ich? Was will ich wirklich? Alles, was ich jemals voll und ganz für mich wollte, war Freiheit.

Und ich habe das Gefühl, dass ich den Weg noch einmal in die umgekehrte Richtung gehen muss.

Dass es darum geht mich meinen tiefsten Ängsten zu stellen, dass ich immer wieder auf mich selbst Bezug nehmen soll, um mich in all meiner Schwäche zu akzeptieren. Damit ich leben kann, was ich wirklich bin. Wirkliche Freiheit bedeutet frei zu sein von Ängsten.....
Warum ergieße ich mich hier so?
Ob ihr es glaubt oder nicht, ich stelle mich damit einer meiner größten Ängste, der Angst mich zu verlautbaren. "Je mehr ich mich offenbare, desto angreifbarer mache ich mich", das ist, was ich aufgenommen und verinnerlicht habe. Stimmt das? Oder sind Ängste oft lediglich Zerrbilder, Scheinriesen? Erinnert ihr euch an Herrn Tur Tur, der kleiner wurde, je näher Jim Knopf ihm kam?

Ich nähere mich meinen Herrn Tur Turs und schaue, was passiert ......

***

Eine Zusammenfassung zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Ist die Aufgabe von Erfolg Verrat?".



Freitag, 18. Oktober 2013

Paradiese

Unsere Tochter absolvierte im Sommer ein dreiwöchiges Praktikum an einer Schule in Dänemark. Die Dänen sind, laut dem World Happiness Report 2013, die glücklichsten Menschen. Auf die Frage, was sie mitgenommen hätte, meinte unsere Tochter "Dass man alles, wirklich alles, auch viiiiieeeeel entspannter angehen kann".

Die Dänen praktizieren einen Grundschulunterricht, von dem bei uns behauptet wird, er würde nicht funktionieren.
Die Schüler duzen ihre Lehrer und melden sich morgens per sms vom Unterricht ab, wenn sie krank sind. Das klappt, weil die Schüler dort GERNE in die Schule gehen. Etwas, was bei uns wahrscheinlich auch als Utopie gilt. Es gibt keinen Frontalunterricht, nicht einmal eine bestimmte Ausrichtung im Klassenzimmer. Alles ist flexibel. Und wenn das Thema "Wald" dran ist, dann kommt nicht erst die Theorie und danach noch mehr Theorie, sondern die Kinder gehen in den Wald, um dort zu (be)greifen, was die Natur an Fülle hervorbringt. Es werden Bäume gefällt, Holz gehackt, Äste gesammelt und Bleistifte geschnitzt. Ohne dass ein Kind dabei verblutet.
Das Leben in Dänemark scheint schön. Unsere Tochter meint, sie habe noch nie so ausgelassene und fröhliche Kinder gesehen. Es gibt keine Doppelstunden, nach jeder Stunde ist eine kurze Tobepause, die Eltern werden gebeten darauf zu achten, dass die Kinder nicht zu lange an den Hausaufgaben sitzen. Der Staat investiert viel, aber auch dort wird nun gekürzt. Die Paradiese werden rarer.

Warum klappt das bei uns nicht?
Ein Freund meint "Wir ersticken an Regeln und Vorgaben", ein Pfarrer sagt in einem Gespräch "Wir haben das Spielerische verloren". Unter unserem Büro hat eine pädagogische Praxis aufgemacht, in der Kinder mit diagnostizierter Legasthenie und Dyskalkulie von einer augebildeten Therapeutin therapiert werden. Es herrscht großer Andrang, die Mütter und Kinder wirken nicht glücklich. In Dänemark werden Kinder mit Lese- und Rechenschwäche nicht alleine gelassen, sie werden aus der Klasse genommen und von Förderlehrern darin ausgebildet "im Leben zu (be)stehen". Sie gehen einkaufen um Kuchen zu backen. Im Supermarkt wird ihnen ein bestimmer Geldbetrag gegeben, mit dem sie Mehl, Zucker, Butter und weitere Zutaten kaufen. Beim anschließenden Backen müssen die Zutaten gewogen und abgemessen werden. Dort ist man der Meinung, dass Lesen und Rechnen einfach dafür ausreichen muss, um das Leben leben zu können. Bei uns sollte das Lesen schon für eine Textanalyse und das Rechnen für eine Integralfunktion ausreichen. Ob wir das fürs Leben brauchen ist zweitrangig.
Die Fähigkeit im Leben körperlich und seelisch zu bestehen, ist unter dem Aspekt wichtig, dass wir in der Gesellschaft optimal funktionieren. Wir trimmen uns körperlich, geistig und emotional, damit wir fit sind unser Ziel anzusteuern - Erfolg. Erfolg macht uns wertvoll. Ist unser körperlicher oder seelischer Schaden zu groß um noch mithalten zu können, fallen wir raus. Es bleibt noch Paralympics. Seelisch gesehen tun das viele von uns. Wir treiben uns mit unseren Handicaps weiter dazu an ein Ziel zu erreichen. Liegt das in der Natur des Menschen?
Wenn ich Leute dazu frage wie sie unsere Gesellschaft finden und das, was wir so machen, sagen viele "Das ist krank und es macht uns krank". Aber wir sind die Gesellschaft, wir machen mit und wir akzeptieren, wir jammern gerne, aber wir akzeptieren, was mit uns gemacht wird, was uns abverlangt wird. Wir akzeptieren ein Leben unter Umständen, die uns körperlich und seelisch krank machen. Dann schauen wir nach Afrika oder Asien und sagen "Denen geht es doch dreckig, nicht uns". Stimmt das?

Es gibt Flüchtlinge, die vor Bürgerkrieg, Repressalien, Folter, Hunger davonlaufen und deren Ziel das gelobte Land ist, wo kein Krieg herrscht, keine Tyrannen und kein Hunger.
Es gibt Flüchtlinge, die vor innerem Unfrieden, Lieblosigkeit, Leere, Ausgehöhltsein, Einsamkeit davonlaufen, es gibt welche, die alle ihre Werte über Bord kippen um sich dem Tyrannen Profit auszuliefern und es gibt welche, die sich prostituieren um den Asylantrag im Camp der Erfolgreichen zu erhalten. Man muss sie nicht foltern, sie richten sich selbst, werfen sich vor Züge, von Hochhäusern, essen sich dick bis kurz vorm Platzen ohne ihren Hunger zu stillen oder erbrechen, was sie nicht verdauen können, trinken sich ins Koma, beamen sich weg mit Drogen und träumen sich in ferne Paradiese vor flimmernden Kisten.
Wir träumen uns an die Küsten der paradiesischen Länder, deren Menschen in uns die Bewohner der Paradiese sehen. Aus unserem sicheren Speckgürtel heraus sehnen wir uns nach all inklusive Palmenstränden, aber bitte ohne jegliches Risiko, während sie über die Straße gehen wollen, ohne Gefahr zu laufen erschossen zu werden.

Ich hatte nie ein Ziel, ich hatte immer einen Traum. Das Paradies für alle. Keine Ahnung wie, aber ist es nicht so, dass wir alle ein angeborenes Recht darauf haben? Auf Lebensumstände, die alle Kinder in Freiheit, Frieden und Liebe aufwachsen lassen? Umstände, die sie weder zu Maschinen noch zu Sexsklaven oder Soldaten machen? Sondern zu Menschen, die ohne Störung leben und lieben können?

"Wir mussten da alle durch. Das hat noch keinem geschadet".

Bei diesen Worten dreht sich mir der Magen um. Diese Sätze höre ich häufig, wenn es um Krieg geht und auch das Leben ist oft ein Kampf, von Erziehung in Härte, von Strafe, von Demütigung, von Ungerechtigkeit. Und von Schule. Oft gesprochen von Leuten, die genau dadurch gebrochen wurden. Ich widerspreche. Es schadet, wenn man gedemütigt wird, erniedrigt, runtergemacht, ausgeschlossen, abgestempelt, verhöhnt, geschlagen, missbraucht, gefoltert, angelogen, manipuliert, verwundet, verlassen. Auf welcher Ebene auch immer das passiert - es schadet.

Und ich träume von einer Zeit, wo keiner mehr durch muss.


Donnerstag, 17. Oktober 2013

Worte

Manchmal frage ich mich, wie wir Menschen es schaffen, so viel in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen kaputt zu machen.

Wir haben alles, was an Kommunikation erdenklich ist und es geht weiter ..... und doch sehe und treffe ich so viele Menschen, die sich unverstanden fühlen. Was läuft falsch? Wir haben die Sprache, so viele Worte, doch oft fehlen uns die richtigen zum passenden Zeitpunkt. Unser timing ist manchmal miserabel, wir reden aneinander vorbei oder verpassen unseren Einsatz. Nicht selten sind wir sprachlos. Und häufig sagen Mimik oder Gesten etwas ganz anderes als unsere Rede. Körpersprache ist noch immer die ehrlichste Form von Kommunikation. Können wir sie lesen? Oder müssen wir uns das Verstehen von Körpersprache genau so mühselig aneignen wie eine Fremdsprache? Haben wir die ehrlichste Form von Kommunikation verlernt? Haben wir sie jemals beherrscht? Und wozu ist Sprache und das Beherrschen einer Sprache gut, wenn daraus so viele Missverständnisse entstehen, weil Worte nicht annähernd unsere Gefühle ausdrücken können? Und jeder nur das versteht, was er verstehen will. Oder verstehen kann.

Mit Anfang zwanzig bin ich gerne gereist. Auf einer dieser Reisen lernte ich einen jungen Mann aus Argentinien kennen. Wir waren uns symphatisch und hätte einer von uns die Sprache des anderen beherrscht, hätten wir uns wahrscheinlich unser Leben erzählt. Aber ich konnte kein Spanisch und er konnte weder Englisch noch Deutsch. Uns blieb nichts anderes übrig als nebeneinander auf einer Mauer zu sitzen und aufs Meer zu schauen. Ab und zu lächelten wir uns an. Wir teilten diesen Moment ohne Sprache, ohne Berührung und wir gingen auseinander ohne Missverständnis. Es war ein schöner Moment.

Mein Mann und ich sind sehr unterschiedlich. Wir teilen eine ähnliche Sicht aufs Leben, unsere Herangehensweisen sind verschieden. Unsere Anfangsphase war nicht gerade Romantik pur. So sehr uns unsere Unterschiedlichkeit anzog, so sehr bereitete sie uns Probleme. Es dauerte, bis wir uns miteinander vertraut gemacht hatten. Beide litten wir an Verletzungen aus vorangegangenen Beziehungen und wir wussten, wie zerbrechlich wir sind.
Die Strophe aus einem Lied von André Heller wurde zu unserer obersten Maxime und heute wissen wir, dass uns wohl eher das Schweigen im richtigen Moment zusammenhält, als das Reden im falschen.

Du,
weißt du denn nicht,
wie brüchig das Eis ist,
auf dem wir leben?

Ein achterloser Achter zu viel
und du hast im Herzen die Fische.
Unter dem wechselnden Mond
sehnen wir uns nach Dauer.
Doch was sich für Ewigkeit hält,
währet oft nur drei Küsse.

André Heller



Dienstag, 15. Oktober 2013

10.000

10.000 Seitenaufrufe.
Ich danke allen meinen Lesern, den sporadischen und den treuen. Danke!

Euer Gedankenstreuner






Hände halten


Es berührt mich, wenn ich betagte Paare sehe, die händchenhaltend laufen.

Vor drei Jahren starb mein Vater unerwartet und schnell an einem Herzinfarkt.
Einige Tage vor seinem Tod begleitete ich ihn und seine drei Jahre ältere Schwester zum Neurologen. Nach dem Arztbesuch gingen sie zum Bäcker, um dort einen Kaffee zu trinken und ich holte das Auto, um in die Arbeit zu fahren. Ich sah sie noch, wie sie händchenhaltend den Gehsteig entlanggingen und ich lächelte. Seine Schwester hatte schwere Schlagseite von einem Schlaganfall und er hielt sie fest an der Hand. Bruder und Schwester.
Es sollte das letzte lebendige Bild von ihm sein und es hat sich in meine Erinnerung eingebrannt.

Suche keine Vollkommenheit in einer sich wandelnden Welt.
Vervollkommne stattdessen deine Liebe.

Jack Kornfield




Montag, 14. Oktober 2013

Ich habe einen Traum

Im Zeit-Magazin gibt es seit vielen Jahren die Seite "Ich habe einen Traum".

Prominente beschreiben dort ihre Träume, ihre Lebensträume, ihre Wünsche, ihre Visionen. Regisseure, Models, Jazzer, Rockmusiker, Schauspieler, Tennisspieler, Tänzer, Autoren, Menschen, die irgendeinen Erfolg in ihrem Leben aufweisen können, dürfen dort ihren Traum vorstellen. Den kleinen privaten und den großen übergeordneten.
Ich mag diese Kolumne sehr und manchmal träume ich davon, so eine Seite für alle zu eröffnen. Eine Seite, die Träume von Menschen vorstellt. Von Menschen, die nichts anderes vorweisen brauchen als einen Traum.

Ich möchte euch meinen Traum vorstellen.

Ich träume davon, dass die Menschen erkennen, dass sie selbst für ihr Glück verantwortlich sind. In meinem Leben traf ich immer wieder Leute, die davon ausgingen, dass es meine Aufgabe ist, sie glücklich zu machen. Und ich glaubte das auch. Wenn sie unglücklich waren, fühlte ich mich schuldig und wenn ich unglücklich war, gab es einen Schuldigen. Irgendjemand hat immer irgendetwas gemacht, was mich schlecht fühlen ließ. Die anderen waren dafür verantwortlich, ob es mir gut oder schlecht ging. Damit habe ich mein Leben, mein Glück und meine Freiheit aus der Hand gegeben. Es hat lange gedauert, bis ich erkannte, dass in dem Spruch "Jeder ist seines Glückes Schmied" viel Wahrheit steckt. Ich selbst bin für mein Glück verantwortlich. Wie ich das mache? Genau so, wie ich es von den anderen erwarte. Was macht mich glücklich? Ein gutes Gespräch, Aufmerksamkeit, Zuneigung, Freundlichkeit, Offenheit, Fröhlichkeit, Optimismus, ein bisschen verrückt sein, Mut, Lebendigkeit, Zärtlichkeit, eine Umarmung, All das darf ich mir selbst geben. Und wenn ich dieser Mensch geworden bin, indem ich mich selbst glücklich mache, weil ich mir genau das gebe, was ich mir wünsche, bin ich wirklich in der Lage auch andere glücklich zu machen. Einfach so, ohne groß was zu tun, einfach deswegen, weil ich es bin.
Ich träume davon, dass wir es schaffen uns selbst glücklich zu machen. Dass wir die Karten, die uns gegeben werden, in die Hand nehmen und das Beste daraus machen. Und dass wir Freude daran haben.

Jeder Spieler muss die Karten akzeptieren,
die das Leben ihm oder ihr gibt.
Aber sobald die betreffende Person sie in den Händen hält,
muss allein sie entscheiden, wie sie die Karten ausspielt,
um das Spiel zu gewinnen.

Palu Rinpoche
Dreamer

***

Eine Zusammenfassung zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Dämonenloch".

Samstag, 12. Oktober 2013

Ein guter Mensch sein

Die Botschaft "Sei ein guter Mensch" erreicht mich häufig.

Was bedeutet es "ein guter Mensch" zu sein? Oft ist diese Botschaft verbunden mit "Geben ist seliger denn Nehmen", aber kann es gut sein, wenn ich gut zu den anderen bin und mich selbst dabei vergesse? Kann ich nicht erst dann wirklich gut im Geben sein, wenn ich selbst voll bin und so aus der Fülle geben kann, anstatt mich selbst auszulassen? Laufe ich dann nicht leer und gebe den anderen, um mich über ihre Zufriedenheit zu füllen? Kommt es nicht auf meinen Zustand an aus dem ich gebe? Ist Geben nicht häufig ein Sichselberfüllenwollen mit dem Gedanken "Was bin ich nicht wieder für ein guter Mensch"?

Und ist dann nicht Nehmen das bessere Geben, weil ich dem anderen damit das Gefühl gebe, ein guter Mensch zu sein?


Viel mehr nehmen


 


Donnerstag, 10. Oktober 2013

Großstadtschätze

Ich bin ein Großstadtkind, aufgewachsen in einem Hof.
In meiner Kindheit hatten die wenigsten Haushalte einen Fernseher, das Wort Computer existierte noch nicht, das Leben fand draußen statt.
Es gab Läden, die tatsächlich davon lebten, dass Leute mit einer Aluminiumkanne kamen, in die sie frische Milch gossen.
Das einzig Lebendige in unserer Straße war ein Kastanienbaum, der in unserer Hofeinfahrt wuchs. Im Herbst wurde er von allen Kindern der umgebenden Straßen belagert. Wir warfen Stöcke und rauften uns um die Kastanien, die herunterfielen.
Einmal kam ich zurück vom Milch holen und vor mir platzte eine Hülle, die braune Frucht kullerte über die Straße. Gewohnheitsgemäß stürzte ich mich darauf, die Milchkanne ließ ich in meiner Begeisterung los und die weiße Flüssigkeit ergoss sich neben mir über die Fahrbahn. Ich bekam mächtig Ärger, sechzig Pfennig in den Wind geschossen, das war der Preis für den kleinen, braunen, glatten Schatz, den ich fest in meiner Hand hielt. Ich war glücklich.











Mittwoch, 9. Oktober 2013

Fragezeichen

Gibt es Leben in dauerhaftem Erfolg oder ist Erfolg nur die Spitze einer Welle, die wir reiten und danach geht es wieder bergab? Gibt es Leben mit einer einzigen solchen Welle und gibt es Leben mit vielen solchen Wellen? Wie verschiedene Rhythmen? Und was ist Erfolg? Was ist wirklich erstrebenswert? Und habe ich Angst davor erfolgreich zu sein, weil ich mal lernte "Je höher der Flug, desto tiefer der Fall"? Die Geschichte von Ikarus, der zu hoch flog, der Sonne zu nahe kam und verbrannte? Ist das Streben nach Seelenfrieden auch ein Ziel? Und wenn ich es erreicht habe, kann es sein, dass ich dann wieder in den Unfrieden muss, weil eben alles eine Welle ist, die wir reiten? Und Wellen auflaufen um wieder auszulaufen? Was brauche ich um ein guter Lebenssurfer zu werden? Um mich immer wieder aufs Brett zu stellen und es wieder und wieder zu versuchen. Um irgendwann die perfekte Welle reiten zu können.
 

Die perfekte Welle



Zu viel ...

Wir haben zu viele Zeitungen, zu viele Bücher, zu viele Kleider, zu viele Autos, zu viele Lebensräume, in denen wir uns bewegen, und gefährden damit das Ganze...
Ein mächtiger Teil an dem riesigen Angebot an Konsumgütern auf materiellem und geistigem Gebiet ist nichts anderes als Ballast, Beschwerde, Trug, der uns hindert an einer sinnvollen Lebensführung.

Boris Luban-Plozza

Dienstag, 8. Oktober 2013

Mir wird schlecht!

Leute, ich muss jetzt mal was loswerden!
In letzter Zeit fühle ich mich umzingelt von Potenzialentfaltern. Und so langsam entwickle ich einen Würgereiz bei dem Wort "Potenzialentfaltung". Ich fühle mich umzingelt von Menschen, die mich davon überzeugen wollen, dass ich doch nun endlich mein Potenzial entfalten und leben soll. Dass ich endlich meine Ziele verwirklichen und glücklich und wohlhabend leben soll. Dass ich nun endlich so leben soll, wie ich es will! Hallo! Ich lebe so wie ich will! Ich lebe gerne in Deutschland und ich bin ab und zu gerne unglücklich! Ich mag dieses Land mit seinen unfreundlichen Menschen. Da weiß man wenigstens woran man ist und das Täuschungsmanöver besteht darin, dass hinter der unfreundlichen Fassade oft ein liebenswerter Mensch steckt. Besser als andersrum, oder? Hier gibt es guten Kaffee, leckere Pizza, Döner an jeder Ecke, griechisches Essen ist besser als ich es je in Griechenland bekommen habe und es lebe die Currywurst! Ich liebe dieses Land randvoll mit Cafes, Restaurants, Kneipen und Imbissen. Ich liebe das schlechte Wetter, da hat man wenigstens was zum Meckern. Was würde ich mit meiner Nachbarin bequatschen, wenn tagtäglich die Sonne scheinen würde? Und das Wetter ist oft so mies, dass ich dankbar bin für diesen herausragenden Sommer! Inzwischen stehen auf jedem Gehsteig Tische und Stühle mit Decken, so dass wir die Mediterrania auch bei uns leben können. Viele Häuser sehen bald ähnlich malerisch aus wie im Süden, das Bier ist nach deutschem Reinheitsgebot gebraut und schmeckt fantastisch. Der Alkohol ist noch immer so billig, dass wir uns schönsaufen können, was nicht passt. Zum Beispiel das nicht gelebte Potenzial. Wo kämen wir hin, wenn alle ihr Potenzial leben würden? Es gäbe keine frustrierten Leute mehr und die Kneipen könnten dicht machen. Traumberuf Kneipier? Vergiss es, das war mal, nun sind alle potenzialentfaltet und glücklich, sitzen in ihrem Traumhaus, ernähren sich vegan, machen Yoga und grinsen.
Nene, mein Potenzial bekommt ihr nicht! Das behalte ich, unentfaltet, schön zusammengeknautscht verstecke ich das in meiner hintersten Ecke und nöle rum.
Wer macht mit? Beim Potenzialentfaltungsstreik? Ich stimme dafür, dass Potenzialentfaltung  zum Unwort des Jahres 2013 gekürt wird.
Und Leute, manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass all diese Menschen, die davon schwärmen, dass sie ihr Potenzial entfaltet haben, die modernen Missionare sind, die uns davon überzeugen wollen, dass das was Gutes ist, dass wir ihnen folgen sollen, weil sie den Weg kennen. Für das Zeigen des Weges wird saftiges Weggeld verlangt. Der Weg ins Glück führt über ihren vollen Geldbeutel, denn das sind sie sich allemal wert. Die Potenzialentfalteten.
Ich will mein Geld für guten Kaffee, gutes Bier und gutes Essen behalten. Dafür akzeptiere ich mein unentfaltetes Potenzial, rotze manchmal rum, bin auf Krawall gebürstet und blockiert. Ein Fressen für jeden Potenzialentfalter.
Huuuaaaahhhh - nix wie weg.





Mehr Bäume

Im Kunstunterricht wurde uns einmal die Aufgabe gestellt einen Baum von unten zu malen.
Zu dieser Zeit saß ich gerne in einem der untersten Äste einer Eiche und beobachtete den Sonnenuntergang. Mich unter den Baum zu legen, gab mir eine völlig neue Perspektive.
Auf dem dicken Ast sitzend, den mächtigen Stamm in meinem Rücken und aus dem Baum heraus auf die Landschaft schauend, fühlte ich mich geborgen. Als ich auf seinen Wurzeln am Boden lag und durch die Krone in den Himmel blickte, spürte ich Aufregung.
Unser Kunstlehrer hatte für mich die Ausstrahlung eines aufbrausenden Raubvogels. Immer mit einem Rohrstock in der Hand, der ein zischendes Geräusch machte, bevor er auf dem Pult oder auch schon mal kurz vor den eigenen Händen trocken aufschlug, schärfte er meine Aufmerksamkeit. Er war ein zynischer, kluger Mann und ich habe viel aus seinem Unterricht mitgenommen.
Er lehrte mich, dass unterschiedliche Standpunkte zu den Dingen eine völlig andere Betrachtungsweise ergeben.
Er gab uns viele Baumaufgaben - die Umrisse verschiedener Baumarten zu zeichnen, die Struktur ihrer Äste und Blätter, ihre Rinde, stehende Bäume im Vergleich zu einem Baumbruch. Diese Aufgaben ließen mich Plätze im Wald suchen, wo ich lernte die Dinge auf mich wirken zu lassen. Er öffnete mir die Augen für die Schönheit und Vielfalt der Natur.
Ich stelle mich noch immer gerne unter einen Baum, schaue in ihn hinein, spüre das Leben, das durch ihn hindurchfließt, seine Eingebundenheit in einen perfekten Kreislauf und höre zu, wenn er durch den Wind in seinen Blättern spricht.


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Dieser Beitrag ist Teil einer Themenzusammenfassung, die Sie unter "RaumZeiten" auf meiner Homepage finden.

Montag, 7. Oktober 2013

100. Beitrag

Mein einhundertster Beitrag.
Für euch und mich. Für uns:

Wer andere erkennt, ist gelehrt.
Wer sich selbst erkennt, ist weise.
Wer andere besiegt, hat Muskelkräfte.
Wer sich selbst besiegt, ist stark.

Laotse


Freitag, 4. Oktober 2013

Wut


Wut ist  das Gefühl, das mich begleitet, seitdem ich mich erinnern kann.
Lange Zeit hat sich die Wut nicht als Wut gezeigt, sondern als tiefe Traurigkeit. Die Traurigkeit hat mich gelähmt.

Es hat ein starkes Erlebnis gebraucht, welches meine ursprünglichen Gefühle wieder zum Fließen brachte. Es war, als ob ein Damm bricht, hinter dem sich so viele Jahre alles angestaut hatte, was für ein Mädchen unschicklich, unpassend, unerwünscht war. Alles floss ungehindert durch mich hindurch, nahm mir den Atem, schwemmte mich weg. Ich konnte diese starken Gefühle nur (aus)halten. Als ich wieder denken konnte, war ich meilenweit entfernt von dem Ort, an dem ich vorher stand. Und desorientiert.
Traurigkeit und Wut begannen sich zu mischen, manchmal wechselten sie sich so intensiv ab, dass ich Achterbahn fuhr zwischen heißem Feuer und tiefer Verzweiflung. An die Traurigkeit hatte ich mich gewöhnt, mit der Wut wusste ich nicht umzugehen. So schrecklich sich dieser Zustand für mich anfühlte - ich war lebendig und hellwach. Die Lähmung löste sich auf und ich fühlte mich voller Energie. Diese Energie brauchte ich für das, was vor mir lag. Für den Weg, der mich zurückführte zu den Ursprüngen meiner Wut und deren Umwandlung in Traurigkeit.

Die Wurzel für das Gefühlschaos in mir lag in einem Kindheitserlebnis. Ich fühlte mich von einer geliebten Person verraten, geriet in eine zerstörerische Wut, wurde von meiner Zerstörung abgehalten und zur Mäßigung in Isolationshaft gesteckt, bis ich wieder runtergekühlt hatte. Dieses Erlebnis hatte weitreichende Folgen für mich. Ich machte das, was ich von den Erwachsenen gelernt hatte und maßregelte mich selbst, indem ich meine Wut in die hinterste Kammer wegschloss und davor als Bewacher die Traurigkeit setzte. Da ich als Kind weder wütend noch traurig sein durfte, schob ich vor das Ganze die Fröhlichkeit. Meine Umgebung war zufrieden, ich unterlag meinem eigenen Täuschungsmanöver und entfernte mich mehr und mehr von mir selbst. Manchmal schlug die Wut heftig gegen die Tür. Da ich sie nicht mehr als mir zugehörig betrachtete, bekam auch ich Angst vor ihr und begann mich zu beobachten. Ständig lag ich auf der Lauer um mich selbst zu kritisieren, zu beurteilen und niederzumachen, wenn ich etwas nicht so hinbekam, wie es dem entsprach, was mich nach Außen gefällig, gewollt, genügend machte. Hass kam auf für all das, was sich in mir zeigte und so gar nicht dem Bild entsprach, das ich mir nach der Vorstellung der anderen von mir selbst gemacht hatte. Nichts passte. Die Wut entfaltete ihre Kraft nach innen und zerstörte, was zu zerstören war. Die Spannung, die sich auftat zwischen der fröhlichen Fassade nach außen und der Zerstörungswut nach innen, war schwer auszuhalten. Es machte mich traurig. Mein Weinen nach innen erlaubte ich mir. Es war das Gefühl, das sich am ehesten nach mir anfühlte. Es gab mir die Möglichkeit mich von den anderen zu entfernen und alleine zu sein. Im Alleinesein fiel die Spannung ab. Die Traurigkeit stellte keine Ansprüche an mich außer traurig zu sein. Das konnte ich, dem genügte ich, darin konnte ich gut sein. Das machte mich ruhig.

Dieser Weg zurück zu den Wurzeln meiner Gefühle, ließ mich erkennen, dass die Wut dann aufflammt, wenn meine Grenzen überschritten werden. Da diese Grenzen in meiner Kindheit sukzessive abgebaut wurden, indem sie nicht respektiert wurden und mich so formbar machten, erkenne ich sie heute als etwas Gutes, etwas, das mich beschützen will. Wut lässt mich oft in einer Weise reagieren, die für andere völlig unverständlich ist, aber ich weiß  heute, dass sie das Signal ist, dass etwas passiert, was ich hinterfragen sollte. Wut ist der Ersatz für meine Grenze, deren Wahrnehmung mir aberzogen wurde. Ich akzeptiere sie. Sie muss ihr Dasein nicht mehr in der hintersten Kammer fristen und mich zerstören. Sie darf nun frei sein, sie darf gefühlt werden. Ich habe aufgehört mich zu beobachten bei dem, was ich falsch mache und habe angefangen meine Gefühle, die sich zeigen, zu beobachten. Sie dürfen sein, denn sie sind da und ich lasse sie frei. Was zu hinterfragen ist, ist der Auslöser für meine Wut, denn fast immer ist es das alte Gefühl eines empfundenen Verrats. Gefühlt, aber nicht unbedingt wahr. Vielleicht habe ich all die Jahre der Unterdrückung gebraucht um in ein Alter zu kommen, wo ich sie nicht mehr in ihrer Stärke ausleben muss. Ich kann intensiv fühlen, ich kann intensiv erleben, ich kann, muss aber nicht mehr intensiv ausleben.

Und nun, wo ich mich selber besser verstehe und akzeptiere, was da ist, kann ich diesem Weg mehr und mehr folgen. Was ich mit diesem Beitrag sagen will? Hütet euch davor eure Gefühle wegzusperren. Oft denken wir, dass wir unsere Gefühle nicht fühlen dürfen oder sollten, aber eingesperrte Gefühle erzeugen Misstrauen. Misstrauen uns selbst gegenüber macht uns empfänglich für Manipulation, da wir eher den anderen und ihrer Meinung vertrauen als uns selbst. Viele Ratschläge schaffen wiederum nur ein Bild, dem wir versuchen zu entsprechen. Gefühle sind die Sprache der Seele, sie wollen uns etwas sagen. Hört ihnen zu. Oft sprechen sie von Grenzsetzung. Viele von uns wurden dazu erzogen "Ja" zu sagen und ein "Nein" ohne Schuldgefühl ist selten möglich. Die Fähigkeit die eigenen Grenzen wahrzunehmen ist nötig, um den Weg zu finden, der für einen jeden der richtige ist. Kein Weg ist gleich. Es ist gut sich selbst kennenzulernen. Danach ist noch immer Zeit ein besserer Mensch zu werden. Um Ratschläge oder Anweisungen für ein besseres oder freieres Leben befolgen zu können, wie sie Zenmeister Thich Nhat Hanh gibt, ist es gut sich selbst zu kennen, sonst können diese Wege erneut in die Irre führen.

Whenever the energy of anger comes up, we often want to express it to punish the person whom we believe to be the source of our suffering. This is the habit energy in us. When we suffer, we always blame the other person for having made us suffer. We do not realize that anger is, first of all, our business. We are primarily responsible for our anger, but we believe very naively that if we can say something or do something to punish the other person, we will suffer less. This kind of belief should be uprooted. Because whatever you do or say in a state of anger will only cause more damage in the relationship. Instead, we should try not to do anything or say anything when we are angry.
 Thích Nhất Hạnh
Es ist bereits eine große Leistung sich selbst zu stoppen und zu beherrschen, wenn uns heftige Emotionen überkommen, und das braucht viel Übung. Deswegen sind sie aber nicht weg oder lösen sich in Luft auf. Möglicherweise verschonen wir den anderen, verletzen uns aber selbst durch Verurteilung. Wenn wir uns kennen und verstehen, was der Auslöser ist für so starke Emotionen und warum sie uns manchmal so reiten, können wir die Situation auch für uns friedlich lösen. Verständnis für uns selbst und unsere Verhaltensweisen sind der erste Schritt in ein friedlicheres Leben.

Treat your anger with the utmost respect and tenderness, for it is no other than yourself. Do not suppress it — simply be aware of it.

Awareness is like the sun. When it shines on things, they are transformed. When you are aware that you are angry, your anger is transformed. If you destroy anger, you destroy the Buddha, for Buddha and Mara are of the same essence.

Mindfully dealing with anger is like taking the hand of a little brother.

Thích Nhất Hạnh
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Dieser Beitrag ist Teil des Themas "Traumatisierte Familien - Stricke lösen" auf meiner Homepage. Falls Sie mehr darüber lesen möchten, klicken Sie bitte hier.

Mittwoch, 2. Oktober 2013