Montag, 30. Dezember 2013

Glücksfall

Einen Spruch des Dalai Lama zum Jahreswechsel  habe ich, den ich verstehe, nicht  hinterfragen muss und sogar dazu nicken kann. Auch wenn mir das vor einigen Jahren unmöglich erschienen wäre. Die Betonung liegt auf "manchmal".
Kennt ihr das? Das große Aufatmen, wenn sich etwas nicht so einstellt wie gewünscht und nicht wir, sondern das Leben für uns sorgt. Das Leben, das manchmal besser weiß, was gut für uns ist.

Bedenke: Nicht zu bekommen was man will, ist manchmal ein großer Glücksfall.


Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe

Ich habe nicht sehr viel aus dem Deutschunterricht in der Schule mitgenommen, aber eine Sache ist deutlich hängengeblieben. Es ist das Ende des Gedichts "Wacht auf" von Günter Eich, das er 1950 geschrieben hat.

Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!

Nun fand ich eine Aussage, die dem 14. Dalai Lama zugeschrieben und folgendermaßen zitiert wird

Lerne die Regeln, damit du sie richtig brechen kannst. 

Wie ist das gemeint? Ist das eine Aufforderung? Soll ich die Regeln brechen? Was ist mit "richtig" gemeint? Und was mit Bruch? Der kleine Revoluzzer in mir schreit "Ja!", Anarchie, Sand sein, den Ablauf stören, Regeln brechen - Freiheit! Der Bedenkenträger in mir wägt ab. Soll er das wirklich gesagt haben? Soll er das so gesagt haben? Der Dalai Lama? Und wie hat er es gemeint? Kann es sein, dass, wie so häufig, Worte mit der Übersetzung eine andere Bedeutung bekommen? Sprüche lassen oft einen großen Interpretationsraum. In eine andere Sprache übersetzt, verlieren sie manchmal den Kern. Auf einer Seite las ich die Worte so

Lerne die Regeln, damit Du weißt, wie Du sie brichst.

Diese Worte haben eine völlig andere Aussage.
Ich bleibe lieber beim Sand im Getriebe. Ich mag das Bild und das Geräusch dazu. So ein bisschen Sand und es fängt an zu knirschen. Eine Frage stellen und den Ablauf unterbrechen. Zur Zeit streut jemand Sand in mein Getriebe und die Dinge laufen nicht so, wie es mir passen würde. Das ist unbequem. Und gut so. Ich darf mich in Geduld und Gelassenheit üben, eine der schwierigsten Übungen für mich. Es zerknirscht mich. Ich darf selbst für das Öl sorgen, damit ich trotz Sand weiterlaufe statt stehen zu bleiben. Was ich in diesem Jahr nicht geschafft habe, schaffe ich im nächsten. Das ist das Gute an Zäsuren. Irgendwann ist der Sand Schnee von gestern. Ich schaue zurück und kann über mich selbst lachen.

Ich wünsche euch Humor für das, was hinter euch liegt und Hoffnung für das, was vor euch liegt.

Auf ein bompforzinöses 2014!

Samstag, 21. Dezember 2013

Frohe Weihnachten

und die besten Wünsche für das Jahr 2014
wünscht allen seinen Lesern

der Gedankenstreuner


Freitag, 20. Dezember 2013

Eigenverantwortung

Ich beobachte weiter das Geschehen um Robert Betz.

Der NDR widmete Ende November dem selbsternannten Lebenslehrer eine Berichterstattung unter dem Namen "Robert Betz: "Glücks-Coach" oder Scharlatan?"
So viel Neues ist dort nicht zu finden, da hauptsächlich die bereits im Netz veröffentlichten Berichte zusammengetragen wurden. Die Reporter, die eine Veranstaltung besuchten, wundern sich, wie viel Geld manche Leute bereit sind auszugeben - für Glück und Heil.

Neu ist ein Interview mit Sabine Riede, Leiterin der Sekten-Info NRW, bei der sich seit drei Jahren immer mehr Menschen melden, die schlechte Erfahrungen mt Robert Betz gemacht haben. Ein Viertel der esoterischen Beratungen drehten sich im Jahr 2013 um den Lebenslehrer.

Dazu ein Auszug aus dem Interview:

Warum ist Betz mit seiner Lehre so erfolgreich?
Riede: Er gibt den Menschen das Gefühl, dass alles machbar ist, dass sie alles in ihren Händen halten. Zunächst hat die Botschaft, man sei alleiniger Erschaffer seines Lebensglücks, einen positiven Effekt. Gerade wenn Menschen an Krankheiten oder Kummer leiden, vermittelt sie ihnen das Gefühl, den Umständen nicht hilflos ausgeliefert zu sein. Aber es ist eine Botschaft, die nicht der Realität entspricht - und entsprechende Probleme hervorrufen kann, wenn die Menschen wieder mit ihrem Leiden oder ihrem Kummer allein gelassen werden.
Wie erklären Sie sich den großen Zulauf?
Riede: Betz bedient die Sehnsucht vieler Menschen, sich wieder wie ein Kind geborgen zu fühlen. Seine Anhänger fühlen sich bei ihm vollkommen angenommen. Ebenso bedient er eine Sehnsucht nach Märchen, in denen am Ende alles gut ausgeht. Dazu passen auch seine angeblichen Kontakte zu Engeln und die Botschaften aus der sogenannten geistigen Welt. All dies bietet einen fantastischen Gegenpol zu unserer schnelllebigen Gesellschaft, die hohe Ansprüche an den Einzelnen stellt. Dazu passt übrigens, dass die Hilfe, die Betz verspricht, wie eine Instant-Therapie schnell wirken soll. Niemand mag langwierige Aufarbeitungsprozesse.
Wer fühlt sich besonders zu Betz hingezogen?
Riede: Es sind deutlich mehr Frauen als Männer, die dieses Angebot wahrnehmen. Das mag damit zu tun haben, dass in unserer momentanen gesellschaftlichen Situation Frauen besonders unter Druck stehen. Zum einen wollen oder sollen sie beruflich so erfolgreich wie die Männer sein und sich zum anderen um Familie und Kinder kümmern. Da viele beides leisten wollen, stehen sie besonders unter Druck.

Wir wollen uns geborgen fühlen, niemand mag lange Aufarbeitungsprozesse und die Frauen stehen besonders unter Druck. Sind das die Gründe warum Menschen, bevorzugt Frauen, bereit sind viel Geld auszugeben? Für Geborgenheit, für eine Instant-Therapie, für das Nehmen von Druck? Für eine Soforthilfmaßnahme, die uns aus allem Unangenehmen herauskatapultiert ins Glück und ins Heil?

Es gibt Fragen, die mich umtreiben.
Warum streben gerade wir Westler, die materiell alles haben, was Mensch sich wünschen kann, nach Heil und nach Glück? Warum braucht die Menschheit dazu immer wieder "Führer"?
Und warum trifft es uns Frauen so sehr?
Es gibt Berichte, dass Familien verlassen werden nach der Transformationswoche. Auch auf den Seminaren, die ich besuchte, habe ich das erlebt. Aus dem Hype heraus, dass da keiner ist, der urteilt, wird es als Notwendigkeit angesehen sich der Dinge zu entledigen, die einem "nicht gut tun". Endlich ist da mal keiner, der sagt "Das darfst du nicht, das schickt sich nicht, was sollen die anderen denken". Sich um sich selbst kümmern wird interpretiert als "sich um nichts anderes mehr kümmern".
Wenn Frauen oder Männer es schaffen aus missbräuchlichen Beziehungen zu gehen, ist das das Eine. Aber wenn sie gehen, weil ihnen Dinge nicht passen, der Partner nicht so ist wie in ihren Vorstellungen oder er nicht bereit ist dieselben Seminare zu besuchen und sich zu entwickeln, wird das Wort "Eigenverantwortung" missverstanden. Aus einer Beziehung zu fliehen, die nicht so ist, wie ich sie mir erträume, heißt lediglich, dass ich vor mir selbst fliehe und hat weder etwas mit Verantwortung, noch mit Eigenverantwortung zu tun. Sondern mit Flucht. Denn ich selbst bin mit daran beteiligt, dass sich Dinge entwickeln und ich sollte mich fragen "Was habe ich dazu getan, dass es so ist, wie es ist?" Es ist nie der Partner alleine "it takes two to Tango".
Hilfreich wäre es sich die Vorwürfe anzuschauen, die ich an meinen Partner richte. "Er hört mir nie zu - er kümmert sich nur um seine eigenen Interessen - er macht nichts im Haushalt - die Kinder sind ihm egal - er arbeitet nur und alles andere geht vor - er denkt nur an sich". Was ist es, was an Vorwürfen da ist?
Und dann kann ich es umdrehen, denn ich kann nur vorwerfen, was in mir bereits definiert ist. Mein Partner ist lediglich ein Spiegel und die Vorwürfe, die ich an ihn richte, richte ich indirekt an mich selbst.
Wo höre ich (mir) nicht zu? Wo drehe ich mich nur um mich selber? Wo tu ich nichts dazu und drücke mich? Wo ist mir etwas egal? Bin ich mir egal? Wo arbeite ich nur und die Arbeit geht immer vor und ich habe keine Zeit? Wo erlaube ich mir nicht an mich zu denken, denn manchmal werfen wir dem anderen etwas vor, was wir uns selbst nicht erlauben.
So kommen wir zu uns selbst zurück und können etwas an unserem Verhalten ändern. Wir können den anderen und sein Verhalten nicht ändern und schon gar nicht durch Vorwurf. Wenn wir aus der Beziehung fliehen, nehmen wir uns und unser Verhalten mit und in der nächsten Beziehung zeigen sich genau diese Muster über kurz oder lang wieder. Dann können wir uns fragen, warum wir immer an die gleiche Sorte von Männer (Frauen) geraten und die Welt zu uns so ungerecht ist. Das Spiel ist endlos wiederholbar und heutzutage können wir auch zehn mal heiraten. Es stehen immer wieder neue Spielpartner zur Verfügung. Nach dem gleichen Muster gestrickt wie wir selber.
Aus dem Opfer kommen heißt nicht alles hinzuwerfen, was anstrengend ist. Sich um sich selbst kümmern heißt Verantwortung zu übernehmen für das, was ich dazu beitrage. Nach der Erkenntnis darf es verwirklicht werden. Das ist die Herausforderung.
Da diese Einstellung aber nicht populär und damit kein Geld zu  verdienen ist, weil anstrengend, suchen wir uns die Lehrer, die uns ein Instant-Glück versprechen und die gibt es natürlich. Das Angebot wird von der Nachfrage bestimmt, auch in Sachen Glück. Wie ein Maggi-Fix-Produkt, Masse ins Wasser einrühren, fertig. Macht nicht viel Arbeit und schmeckt gut. Wir lieben die Surrogate. Sie schaffen uns die Zeit, die wir für unsere Glückssuche brauchen. Anstatt das Glück im Kochen der Suppe zu finden, kochen wir uns ein Schnellgericht und suchen das Glück woanders. Das Glück in der selbstgekochten Suppe wäre ja auch zu einfach.
Das Echte ist out, es lebe der Ersatz. Und es lebe der Führer, der uns möglichst schnell auf den höchsten Gipfel des Glücks führt ohne uns auf eventuelle Risiken aufmerksam zu machen. Wir brauchen keine Anpassung, keine Fitness, keine Ausdauer, keine Kenntnisse. Wir brauchen nur einen Führer, der uns überzeugt, dass wir das alles nicht brauchen. Dann ist der Gipfelsturm für jeden machbar. Ist er das? Scheint so. Auch auf dem Mount Everest stehen die Leute Schlange, ab und zu gibt es Ausfälle und Tote, aber es schaffen so viele nach oben wie noch nie zuvor in der Geschichte.
Für welchen Preis?
Ich  beobachte weiter .....

***

Eine Übersicht zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Esoterik - eine Reflexion".




Donnerstag, 19. Dezember 2013

Kopfkino


I didn't have a teacher other than the images in my mind. I kept separating the real from the imagined. It all turned out to be imagined.

Byron Katie

Wir sind alle Drehbuchschreiber, Regisseure und Hauptdarsteller in unserem eigenen Film, ob Drama, Komödie oder Thriller. Wir sind alle äußerst kreativ! Und machen es so gut, dass wir unseren Film für die allgemeingültige Wahrheit halten und außer Acht lassen, dass jeder sein eigenes Kopfkino am Laufen hat.
Vielleicht würde es uns leichter fallen das zu erkennen, wenn jeder durch die Gegend liefe mit einer Hand auf Ohrhöhe und einer Kurbelbewegung. Vielleicht würden wir uns dann wie in einer Slapstick-Komödie fühlen, aber es würde uns bestimmt auch zum Lachen bringen.


 

Montag, 16. Dezember 2013

Möchtest du reich werden?

Möchtest du anerkannt, begehrt und verehrt werden?
Möchtest du Gott spielen?
Hier eine Anleitung, wie du das in heutigen Zeiten einfach hinbekommst.
Im Namen der Liebe, nicht mehr und nicht weniger.
Eine todsichere Sache.

Es gilt den Kern zu knacken

Freitag, 13. Dezember 2013

Kindliche Fantasie

Gestern gab es in stern.de einen Artikel über "Kinder-Anekdoten, Unheimliche Geschichten über Fantasie-Freunde".

Und da fiel mir ein, dass auch ich eine Phase hatte, in der ich mich ständig beobachtet fühlte. Meine Beobachter waren keine Freunde, sondern Aliens.
Da man mir bereits als Kind eine "blühende" Fantasie attestierte, behielt ich meine "Beobachtungen" für mich. Für eine gewisse Zeit war ich fest davon überzeugt, dass ich Studienobjekt für Außerirdische bin. Sie beobachteten mich durch eine Art "Fernseher". Einzig und allein mein Cowboyhut bot Schutz vor der "Durchleuchtung". Es war mir egal, dass ich schräge Blicke bekam, weil ich nicht nur zur Faschingszeit mit Cowboyhut herumlief. Hauptsache, ich hatte meine Privatsphäre.

Was geschah in eurem Kinderzimmer?


Donnerstag, 12. Dezember 2013

Streit-Kraft

Gestern folgte ich der Einladung zu einem feierlichen Gelöbnis in der Reinhardts-Kaserne in Ellwangen.
Der Beschluss der Regierung zur Abschaffung der Wehrpflicht hat weitreichende Konsequenzen, unter anderem die Auflösung des Transportbataillon 465 zum 31. März 2014.
Das gestrige Gelöbnis von circa 80 jungen Rekruten, die ihrem Vaterland schworen zu dienen, sollte das letzte in der hiesigen Kaserne sein und zu diesem Anlass fand sich Prominenz ein.
Eigens angereist zur Untermalung mit Marschmusik und deutscher Nationalhymne kam das Heeresmusikkorps Ulm.
Wenn in unserer Stadt die Big Band der Bundeswehr einen Auftritt hat, gibt es Polizeigroßeinsatz. Studenten der Geisteswissenschaften demonstrieren noch immer gerne und ein paar versprengte Spontis sorgen für Aufruhr. Gestern wurde die Kapelle mit militärischem Gruß anerkannt und gefeiert.

Wie bei jeder Feier wurden Reden gehalten. So auch vom extra angereisten Wahlkreispolitiker, der Mitglied des Bundestages ist. Er hielt eine schöne Rede, eine Abschiedsrede und er dankte den Rekruten für ihre Entscheidung zur Verteidigung der Freiheit ihres Vaterlandes. Von Tapferkeit war die Rede und von Durchhaltevermögen. Bedankt wurde sich auch bei den Angehörigen und beim Militärpfarrer, der die Truppe seelsorgerisch unterstützt. Bis gestern wusste ich nicht, dass es so etwas wie "Militärpfarrer" gibt. Kirche und Streitkräfte? Wie verträgt sich das? Von Friede war die Rede und dem Einsatz für diesen. Und da ist die Frage, die mich schon lange umtreibt. Wie kann Friede geschaffen werden durch Kampf?
Da die Bundeswehr und ihr Einsatz den Entscheidungen der Regierung unterliegt, kämpfen die Soldaten für die Auslegung einer Regierung. Das Verständnis einer Regierung, was Friede und Freiheit bedeutet, muss nicht übereinstimmen mit der persönlichen Überzeugung. Wenn der Einsatzbefehl kommt, wird ausgerückt. Nach Afghanistan, in den Kosovo, an die türkische Grenze zu Syrien, an die Elbe und ihre Fluten.
Die Aufgabe eines Heeres ist die Verteidigung, der gestrigen Rede zufolge die Verteidigung von Friede und Freiheit. Irgendetwas ist in Europa passiert, dass die Notwendigkeit der Pflicht für den Dienst an und mit der Waffe nun der Freiwilligkeit unterliegt. Einsetzender anhaltender Friede braucht keine Soldaten mehr, die ihn verteidigen müssen.

Als ich vor einigen Wochen in einem buddhistischen Kloster mit einem Mönch sprach, benutzte er ähnliche Worte wie der Oberstleutnant des Bataillons. Beide sagten über den Weg, den sie freiwillig eingeschlagen hatten "Es ist nicht einfach Mönch/Soldat zu werden und Mönch/Soldat zu sein". Der eine sucht den Frieden im Innen, der andere im Außen.

Manchmal denke ich, dass es allgemein nicht einfach ist Mensch zu sein, aber es gibt Wege, die mit viel Entbehrung einhergehen und das sind wohl die, die noch ein bisschen schwerer sind.

Ich habe gestern durchweg symphatische junge Menschen gesehen, die ein Ziel haben und es mit Biss verfolgen. Ich wage nicht darüber zu urteilen, ob ihr Ziel erstrebenswert ist oder nicht. Wenn die Absicht dahintersteht für Friede und Freiheit einzutreten, ist das für mich eine gute Absicht. Das kann klappen oder schief gehen. Wie alles, was wir im Leben verfolgen. Was mit Idealen beginnt, wird häufig entmystifiziert. In jede Richtung. Meistens kann erst nach der Entmystifizierung die Reflexion erfolgen. Und dann zeigt sich, was an Überzeugung übrig bleibt. Wir reifen an den Enttäuschungen. In welchem Bereich man sich die Enttäuschung abholen will, darüber entscheidet jeder selbst.


Dienstag, 10. Dezember 2013

The Tutu Project

Vor zehn Jahren zog ein Mann ein rosa Tutu an, um seine an Krebs erkrankte Frau aufzumuntern und sich selbst abzulenken.
Was als "Therapie in harten Zeiten" begann, entwickelte sich zu einer Initiative, die Spenden für Frauen, die an Brustkrebs erkrankt sind, sammelt - "The Tutu Project" von Bob und Linda Carey.

Die Telekom verbreitet die Geschichte mit einem Spot namens "Besondere Geschichten verdienen das beste Netz".

Der Mann, der nackt bis auf ein rosa Tutu durch die Welt hopst, berührt auch mich. Da muss einer einen großartigen Humor haben und sehr lieben, um auf eine solch absurd-groteske Idee zu kommen.

Eine schöne Geschichte.



Sonntag, 8. Dezember 2013

Christuskind, Christkind und der Wunschzettel

Wer von euch glaubt an Engel?

In Franken, wo ich geboren und aufgewachsen bin, gibt es keinen Weihnachtsmann, sondern das Christkind. Jedes Jahr hält es auf dem Markt, der nach ihm benannt ist, die Eröffnungsrede. Die Leute strömen von nah und fern zum Christkindlesmarkt. Das Christkind sieht aus wie ein Rauschgoldengel und wenn es nicht blond ist, dann wird es blond gemacht, mittels einer Lockenperücke.
Meine Großeltern pinselten an Heilig Abend, kurz vor der Bescherung, Goldglimmer an den Türstock und erzählten ihren vier Kindern, dass das Christkind dort mit seinem Flügel hängengeblieben ist, nachdem es die Geschenke unter den Weihnachtsbaum gelegt hatte. Die Kinder starrten ehrfurchtsvoll mit offenen Mündern auf das Gold.
Auch bei uns brachte das Christkind die Geschenke. Wofür sonst haben wir einen Wunschzettel an es geschrieben, den wir dann auf das Fensterbrett legten, damit das Christkind ihn im Vorbeirauschen mitnehmen konnte.
Unter dem Baum stand auch eine handgeschnitzte Holzkrippe. Irgendwann fiel es mir schwer den Zusammenhang herzustellen zwischen dem kleinen, in Lumpen gewickelten Jungen aus der Krippe, den alle Christuskind nannten und dem blondgelockten, beflügelten weiblichen Wesen, das im weiten Gewand Christkind genannt wurde. Auch der Kaplan, der unseren katholischen Religionsunterricht hielt, konnte mir darauf keine befriedigende Antwort geben. So viele kindliche Fragen blieben offen und ich hörte "Hör auf zu fragen, das verstehst du noch nicht." Irgendwann verlor ich mein Interesse an Engeln und mein Wunschzettel ging direkt in die Hände meiner Eltern.

Die letzten Jahre bekam ich wieder viel zu hören von Engeln. Sie hatten reichlich wenig mit dem Rauschgoldengel aus meiner Kindheit und den barocken Putten in den katholischen Kirchen, die ich besuchte, zu tun. Es ging um die Erzengel, die mit allen möglichen Gaben und Fähigkeiten ausgestattet sind, um Schutzengel, die um uns herum sind und letztendlich um uns selbst, die wir alle Engel sein sollen. Was ist ein Engel? Das Wort Engel kommt aus dem Griechischen und heißt "Bote". Sind Engel Boten? Und welche Botschaft sollen sie bringen? Sind sie männlich, weiblich oder geschlechtslos? Können Engel auch homosexuell sein? Sind sie unsterblich und können sie sich verlieben, so wie in Wim Wenders Film "Der Himmel über Berlin"? Sind sie Putten, mächtige Wesen, Licht oder Gestaltwandler und haben sie wirklich Flügel? Stimmen unsere Bilder mit dem überein, wie sich die Engel sehen? Und wenn sie Flügel haben, warum? Welche Sprache sprechen sie und wie können sie mit uns kommunizieren? Wie viele Schutzengel hat ein Mensch in seinem Leben? Und wo sind sie, wenn jemand vor einen Zug gestoßen oder erstochen wird? Wenn es wirklich einen Plan gibt, wann wir abtreten sollen, warum gibt es dann überhaupt Schutzengel? Damit der Plan eingehalten wird? Können sich Engel streiten? Mögen Schutzengel immer den Menschen, den sie beschützen sollen und können sie ihren Job kündigen, wenn er ihnen zu anstrengend wird?
All diese Fragen kamen wieder hoch und noch ein paar hinzu.

Nun bin ich ein bisschen älter und verständiger geworden, aber das, was mir gesagt wurde, verstehe ich noch immer nicht. Aber heute denke ich, dass es vielleicht gar nicht unsere Aufgabe ist die himmlischen Welten und ihre Ordnung zu verstehen. Wie auch könnte es uns gelingen das zu verstehen, wenn wir nicht einmal uns selbst verstehen. Kann es sein, dass wir wissen können wie eine andere Welt tickt, ohne Verständnis für die zu haben, in der wir ticken? Ich frage mich wie Leute mit Bestimmheit wissen wollen wie eine Welt aussieht, die für uns nicht wirklich zugänglich ist. Gibt es Tore zwischen unserer und einer anderen Realität und wer darf diese Tore durchschreiten? Und was ist wahr an dem, was Menschen wahrnehmen und für wahr halten? Wenn die eine Welt eine Täuschung ist, ist es dann nicht auch die andere? All diese Fragen führen irgendwann ins Nichts. Ist das Nichts die Wahrheit? Warum glauben Kinder ans Christkind und Erwachsene ans Christuskind? Und warum wurde ich mit so vielen Fragen geboren?

Ich habe mal gelesen, dass wir am Ende unseres Lebens in der Rückschau erkennen können, wie und warum unser Leben verlaufen ist, wie es verlief. Und welche Menschen welche Rolle spielten. Ich hoffe sehr, dass ich zu diesem Zeitpunkt geistig helle bin, denn das wäre für mich ein echter Zieleinlauf und vielleicht kommen dann all die Antworten auf die vielen Fragen und ich kann herzhaft lachen, weil kompliziert scheint, was so simpel ist.
Das steht auf meinem Wunschzettel, den ich heute auf geistiger Ebene in den Äther schicke. Wer auch immer ihn in die Hände bekommt, bitte lass mich am Ende lauthals lachen ob der Einfachheit der Auflösung des Lebensrätsels.

Was steht auf deinem Wunschzettel? Und an wen schickst du ihn?







Freitag, 6. Dezember 2013

Ska und Walzer

Meine Tochter und ich besuchten gestern ein Konzert der Roy de Roy.

Da sie keine Mainstreammusik spielen, findet der Auftritt auf einer regionalen Kleinkunstbühne statt. Das ist schön. Dreißig Leute stehen hautnah an den fünf jungen Musikern und es ist genug Platz um Ska, Polka und Walzer zu tanzen.
Auch wenn man kein Slowenisch versteht, sollte man sich ein gewisses "Anti" behalten haben, denn der Sänger und Gitarrist Nikolaj, sowie sein Kindergartenfreund , Gitarrist, Piano- und Akkordeonspieler Matej, stammen aus Kärnten und gehören der slowenischen Minderheit an. So handeln ihre Lieder von Protest. Protest gegen alles - Unterdrückung, Verfolgung, System, Faschismus.
Die Songs werden mit einer unbändigen Lebens- und Spielfreude vorgetragen und der Funke springt über. Nach über dreißig Jahren schwinge ich meine Beine mal wieder zum Ska. Den berühmten Schmäh seiner Wahlheimat Wien beherrscht Nikolaj perfekt. Nach dem Konzert wird mit dem Publikum geplaudert und der Bandleader lässt es sich nicht nehmen das Silberkonfetti, das er über seine Zuhörer regnen ließ, eigenhändig aufzukehren. Ich mag diese kleinen Konzerte. Da ist Nähe und Freude und Spaß.

Heute spielen sie in Bielefeld und demnächst kommen sie in die Schweiz. Wer osteuropäisch angehauchte Zigeuner-Mucke (so nennt das unser Sohn) liebt und mal wieder ausgelassen Ska tanzen möchte, ich kann sie euch nur wärmstens empfehlen.

Wie sagte unsere Tochter gestern so schön "Ich liebe es Leuten dabei zuzuschauen, wie sie voller Begeisterung und Leidenschaft das tun, wovon sie überzeugt sind".

Wer Ska lernen möchte, hier eine Basisanleitung: This is Ska!
Gestern war jedoch eher Freestyle angesagt. Also, keine Hemmungen!


Dienstag, 3. Dezember 2013

Advent, Advent ...

Mal ganz ehrlich.
Wer von euch hat einen Adventskalender? Und was war heute drin? Als Kind teilten wir uns zu dritt einen Schokokalender, die Motive waren immer gleich. Nikolausstiefel, Schlitten, Glocke, Schneemann, Reh, etc.
Wie alles im Laufe der Jahre immer aufwändiger wird, so auch die Kalender. Im Kindergarten bastelte ich als Mutter einen Bärenkalender aus Tonpapier. Die Bären hatten Bäuche, die befüllt werden konnten. Es war nur etwas schwierig einen Platz für das Monstrum von Kalender zu finden. Heute gibt es fertige Filzstiefel zum Befüllen.
Seit ein paar Jahren bekommen mein Mann und ich wieder einen Kalender, den wir uns teilen. Dieses Jahr besteht er aus Tüten, befüllt mit Glückskeksen, in die kleine Fotos vom ausklingenden Jahr eingebacken sind. Und ich freue mich noch immer wie ein Schneekönig auf das, was drin ist. Der Glückskeks wird natürlich fair geteilt.
Was ist bei euch drin?????



Montag, 2. Dezember 2013

Ein Prozent

Die Veröffentlichung des Romans "Tschick" von Wolfgang Herrndorf im Herbst 2010 ging an mir und meiner Familie vorbei.

Während ich selbst 2010 vom Leben stark gefordert werde und Kontakt zu Kreisen habe, die heftig an der Vision vom Weltuntergang Ende 2012 basteln, erhält Herrndorf die Botschaft seines persönlichen Untergangs in Form eines Gehirntumors.
Während ich informiert werde, was zu tun ist, wenn die Wirtschaftskrise alles lahm legt und wie man sich und sein Eigentum am besten schützt, beschäftigt sich Herrndorf mit der Lahmlegung durch eine Krankheit, die für ihn drei Jahre später konkret tödlich enden wird.
Während ich an meinen Defiziten arbeite und versuche aus Mangeldenken herauszukommen, um zu erfahren, dass hinter dem Mangel ein weiterer Mangel wartet, sei es emotionaler Mangel oder Vitamin D, ist Herrndorf seine Zeit zu kostbar, um sie mit Gedanken an Krebsdiäten zu verschwenden.
Er stellt sich früh seinen Wecker um keinen Sonnenuntergang zu verpassen, wählt unter seinen begonnenen Manuskripten das heraus, das ihn realistisch für eine Beendigung zu Lebzeiten scheint und schreibt konsequent jeden Tag ein Kapitel.
Während ich in Kreisen verkehre, die quietschlebendig aus dem Kreislauf von Angst und Manipulation heraustreten will, um das nächste Szenario von Angst und Manipulation zu kreieren, lässt ein toddiagnostizierter Mensch in seinem Buch zwei durchbrennende Jugendliche über die Schlechtigkeit der Welt sagen:
Wenn man Nachrichten guckte: Der Mensch ist schlecht. Wenn man Spiegel TV guckte: Der Mensch ist schlecht. Und vielleicht stimmte das ja auch, und der Mensch war zu 99 Prozent schlecht. Aber das Seltsame war, dass Tschick und ich auf unserer Reise fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war.
Während ich Kontakt zu Menschen habe, deren ganzes Bestreben darin liegt vom egobasierten ins herzbasierte Bewusstsein zu gelangen, schreibt ein Mensch ein Blog über seinen täglichen Gemütszustand - ein Sterbetagebuch. Er jammert dort nicht über die Ungerechtigkeit des Lebens, er versucht dem Leben, mit dem Tod vor Augen, Witz abzugewinnen.
Dieser Witz, das macht die unendlich humane Zartheit von Herrndorfs Tagebuch aus, hat nichts mit Zynismus zu tun, auch Galgenhumor trifft es nur zum Teil - in diesem hellwachen Witz behauptet sich ein Ich, das seinem Esprit treu bleiben will auch im Zustand des Unglücks. Wäre es nicht eine erbärmliche Niederlage, jetzt, auf den letzten Metern, plötzlich ein anderer zu werden? Nachdem Herrrndorf endlich einen Revolver hat, schreibt er am 10. August 2010: "Die mittlerweile gelöste Frage der Exitstrategie hat eine so durchschlagende beruhigende Wirkung auf mich, dass unklar ist, warum das nicht die Krankenkasse zahlt. Globuli ja, Bazooka nein. Schwachköpfe."
Zeit-Literatur Ausgabe November 2013
Herrndorf erschießt sich am 26. August 2013. Sein Sterbetagebuch gibt es nun als Buch: Arbeit und Struktur, Rowohlt Verlag, Berlin 2013.

Gäbe es ein Spiel, das uns die Vision erleben lässt, alles verloren zu haben, würden wir die Dinge, die wir haben, mehr wertschätzen? Gäbe es mehr Mutige, die uns teilhaben lassen am Sterben und den damit verbundenen Prozessen, könnten wir dann wieder mehr leben? Wenn wir wegkämen von all den Bildern, die uns jagen oder treiben, sei es die aus der Vergangenheit oder die aus der Zukunft, könnten wir dann mehr in diesem Augenblick leben? Könnten wir dann den Sonnenaufgang wie einer genießen, der weiß, dass es sein letzter ist? Könnten wir das eine Prozent erkennen?