Montag, 22. Dezember 2014

Ho-Ho-Ho

Ich wünsche allen meinen Lesern ein Frohes Weihnachtsfest, erholsame Feiertage, einen harmonischen Jahresausklang und nur das Beste für das neue Jahr 2015!

Euer Gedankenstreuner

Freitag, 12. Dezember 2014

Das gefällt uns

Es gibt ein neues Projekt, das da heißt "Das gefällt uns".
Dort schreiben mehrere Autoren über Dinge, Projekte, Anschauungen, die ihnen gefallen. Auch ich bin dabei und falls ihr meinen ersten Beitrag über "DIY" lesen wollt, findet ihr ihn unter www.das-gefaellt-uns.de.

Wir freuen uns auf euren Besuch!


Donnerstag, 11. Dezember 2014

In allen vier Ecken soll Liebe drin stecken

In unserem Kellerschrank steht eine Nähmaschine.
Mein Mann brachte sie mit in die Ehe. Als Sohn eines Vaters, der zu der aussterbenden Spezies von Männern gehört, die ich "handwerkliche Universalgenies" nenne, wurde er nicht nur mit Hammer, Zange und Schraubendrehern ausgestattet, sondern eben auch mit einer kleinen Maschine. Ich war im Teenageralter, als ich ziemlich respektlos die Nähnadeln meiner Mutter verschliss, indem ich meine bereits engen Jeans noch knackiger abnähte. Mit einem Mann in der Verwandtschaft, der es nicht nur versteht mit Holz umzugehen, sondern Ledersofas vom Gestell bis zu den Kissen herstellt und zusätzlich Kostüme schneidert, brachte ich, was nicht mit der Hand zu nähen war, zu Schwiegerpapi. Mein Schwiegervater lernte das Nähen noch aus der Not heraus. In einer Zeit, in der (fast) alles käuflich ist und man Kissenhüllen für 5 Euro nachgeworfen bekommt, wird das Selbstgemachte wieder zum Besonderen. Und so entstehen kleine, aber feine Ateliers, in denen Menschen mit großer Freude und Begeisterung ihre Fähigkeiten und Erfahrungen weitergeben. In diesen kleinen Freiräumen steht die Frage nach Gewinn oder Profit im Hintergrund. Da wird mit Liebe vermittelt.
Um mich herum grassiert das "DIY-Fieber". Es ist ansteckend und so machte ich mich gestern mit meiner Tochter zum Nähatelier "Idee und Spaß" von Dana Schiller auf. Dort brachte uns Dana geduldig und fröhlich die kleine Nähkunde näher. Heute habe ich etwas mehr Respekt vor Maschinen, besonders wenn sie mir zur Verfügung gestellt werden, aber Dana half ganz schnell jegliche Hemmung zu überwinden und ließ uns nach einer Maschineneinführung sofort kleine Zick-Zack-Muster und Bögen nähen. Tja, gerade Linien sind einfacher. Danas Devise ist, dass jeder mit einem Erfolgserlebnis nach Hause gehen soll und so ermunterte sie uns ein Kissen zu nähen. Aus mehreren Stoffen, denn ein Rechteck aus nur einem Stoff ist sogar für Anfänger zu einfach. Dann öffnete sie ihre Schatztruhe mit feinsäuberlich zusammengelegten, aufeinandergestapelten und sehr viel Liebe ausgesuchten Stoffen. Was für ein Fest. Wir durften alles herausholen, was uns gefiel und nach Herzenslust kombinieren. Nach dem Aussuchen der Stoffe kam das Zuschneiden und Aneinandernähen. Die Maschinen, zuerst noch stockend und stotternd, surrten bald munter vor sich hin. Wir hatten Spaß.
Und gingen stolz nach Hause. Jeder mit seinem selbstgenähten Kissen unterm Arm. Unsere Keller-Nähmaschine wurde gestern Nacht noch entstaubt und in Betrieb genommen.
Danke Dana für diesen wunderschönen Abend!


Dienstag, 9. Dezember 2014

Raureif

Heute Nacht
tanzte die Eiskönigin
einen Walzer
und aus ihrem eisblauen Mantel
fielen winzig kleine Kristalle
hernieder










Montag, 1. Dezember 2014

Kleine Alltagsfreuden

Es gibt Dinge im Leben, für die ist man nie zu alt. Und es gibt Traditionen, die verlieren nicht an Wert.

Morgens aufwachen, draußen ist es noch dunkel, dicke Socken anziehen, die Treppe runterschleichen, Ausschau halten. Wo sind die 24 Päckchen, die ausgepackt, die 24 Türchen, die geöffnet, die 24 Säckchen, die aufgeknüpft, die 24 Socken, die geleert werden wollen? Es ist der 1. Dezember, Saisoneröffnung der Adventskalender.

Am Wochenende besuchte ich eine Freundin in Frankfurt. Sie freute sich wie ein Schneekönig über mein Mitbringsel, einen Schokoladenadventskalender. "Ich hab noch keinen und sich selbst einen Adventskalender kaufen ist doof. Den muss man geschenkt bekommen!" Stimmt!

In der Nacht vor dem 1.12. sitzen mein Mann und ich auf dem Wohnzimmerteppich zwischen Früchteriegeln, Keksen, Gummibärchentüten und Schokotäfelchen. Um uns herum Geschenkpapier, Scheren, Tesa, Wickelbänder. Er packt 24 Päckchen für den Sohn und ich 24 Päckchen für die Tochter, die dann am Treppengeländer aufgehängt werden. Das machen wir seit vielen Jahren und seit einigen mit dem Gedanken "Ist es das letzte Mal?" Vor zwei Jahren fragte ich meine Tochter, ob sie das denn noch wolle oder vielleicht schon rausgewachsen ist und ich bekam die entrüstete Antwort: "So lange ich daheim wohne, will ich meinen Adventskalender!" Heute, nach dem Öffnen des ersten Päckchens, ließ sie nebenbei die Bemerkung fallen, dass manche Eltern den ja noch für ihre Kinder machen, auch wenn die nicht mehr zu Hause wohnen. Kindheitserinnerung, Kindheitsverlängerung, Kindheitsgefühl.

Auf den dicken Socken bin ich heute übrigens die Treppe hinuntergeschlichen. Denn seit ein paar Jahren bekommen auch mein Mann und ich einen Adventskalender. 24 Fotos aus dem zurückliegenden Jahr, die noch einmal zeigen, was wir so erlebt haben. Die letzten Jahre eingebacken in Glückskekse, diesmal von selbstbemalten Wäscheklammern am Ast gehalten. Die Minifotos werden an die Kühlschranktür geklebt und erfreuen mich jeden Tag aufs Neue.

Adventskalender wollen geschenkt werden.


Freitag, 28. November 2014

Deutsche Freiheit: SUV und Kreuzfahrt

In den Jahren, in denen ich Kampfkunst praktizierte, habe ich eine Sache erkannt: Freiheit hängt nicht von äußeren Dingen ab, sondern ist ein Zustand im Inneren. All das, was uns im Westen als Freiheit verkauft wird, sind lediglich Scheinfreiheiten.

Als ich jung war, bedeutete Freiheit ein eigenes Auto, in dem ich so laut Musik hören konnte wie ich wollte und mit heruntergekurbeltem Fenster den Sommer einsog oder die Autobahn entlangbretterte. Die Freiheit hörte in dem Moment auf, in dem mir ein anderer Autofahrer hinten auffuhr und meine Freiheitskiste in einen Totalschaden transformierte.
Später klapperte ich die Strände auf der Suche nach Freiheit ab. Im Herbst 1989 befand ich mich an einem Inselstrand, der in einem Hochglanzmagazin unter den Top Ten  der Strände mit den spektakulärsten Sonnenuntergängen an erster Stelle stand. Der Sonnenuntergang war tatsächlich eine Schau, der Strand ein Traum, die Menschen, die sich dort tummelten überwiegend gestrandet und ständig bekifft. Eines abends, nach einem wiederholt spektakulären Sonnenuntergang, schleppte ich Holz zum Strand und entzündete ein Feuer. All die Strandmenschen wurden angezogen und erzählten sich Geschichten von Freiheit und Abenteuer, während sie sich weiter zukifften. Bei mir wollte sich kein Gefühl von Freiheit einstellen. Im Gegenteil, die Situation bedrückte mich. Mir wurde klar, dass sich Freiheit nicht am Strand finden lässt.

Heute höre ich Geschichten von Menschen, die auf ein großes Schiff steigen, das einem Bienenstock ähnelt. Sie schlafen in einer der Waben und werden tagsüber zum Ausschwärmen an einen Inselstrand gekippt. Dort wälzen sie sich im warmen Gewässer, sammeln fleißig Souvenirs, die sie abends in ihre Waben tragen, begleitet von der "Großen Freiheit" des Grafen. An der Reling stehen, das Schiff legt ab, der Graf tönt aus den Lautsprechern, die Insel wird kleiner, das Meer scheint groß - Gänsehautfaktor. Ist das Freiheit?
Zu Hause angekommen, während sich noch der Schlüssel im Türschloss dreht, steigt ein Gefühl der Beklemmung auf. Ganz schnell, bereits beim Einatmen der seit Wochen angesammelten, abgestanden Luft und beim Anblick des Turms an Post und bedrucktem Papier, sind wir wieder angekommen im Mief des Alltags. Wieder gefangen in Sorgen und Problemen. Wir träumen uns weg zu Meeresrauschen und Salz auf unserer Haut. Das Gefühl von Freiheit macht süchtig. Wir huckeln uns durch den Alltag für den nächsten Fix. Je größer das Auto desto stärker das Freiheitsgefühl. Aus dem Käfer, der Ente oder dem Golf wird ein SUV (Sport Utility Vehicle oder auf deutsch Geländelimousine), aus dem griechischen Inselhüpfen ein Dschungelabenteuer in Südamerika, aus dem all-inklusive-Cluburlaub auf Malle ein all-inklusive-Kreuzfahrttrip durch die Karibik. Wem dient das?

Wahrhaftige Freiheit hat nichts zu tun mit Reisen oder der Größe eines Autos. Wahrhaftige Freiheit ist da, unabhängig von den Gegebenheiten. Freiheit hat etwas mit Frieden zu tun. Wer es geschafft hat Frieden in und mit sich selbst zu schließen, der ist wahrhaftig frei. Jemand kann eingesperrt sein in einem Gefängnis und sich frei fühlen, während sich jemand auf der anderen Seite der Mauer frei wähnt und doch gefangen ist. Wir arbeiten hart für Scheinfreiheiten, die uns zu süchtigen Abhängigen machen. Wir tun wenig für das, was uns wirklich befreien könnte - dem Loslassen von Vorwürfen, von Groll, von Hass, von Enttäuschung, Verzweiflung, Neid, Missachtung, Schuldzuweisung. Jeden Tag wird uns vorgeführt und gelehrt was Freiheit, Glück, Zufriedenheit bedeutet. Das richtige Deo, das uns anziehend macht, das wohlschmeckende Fertiggericht, das uns zugleich zu einer Traumfamilie im Traumhaus verhilft, die richtige Creme, mit der wir nicht altern, der richtige Turnschuh, der uns zu einem Sportass werden lässt. Wir brauchen all das um glücklich zu sein, um attraktiv zu sein, um anders zu sein, um besser zu sein, um zufrieden zu sein. Aber diese Art von Glück hat nichts mit Frieden zu tun und damit auch nichts mit Freiheit. Sie schürt Sucht und bedeutet das Gegenteil.
Wer wahrhaftig frei sein will, sollte nicht huckeln für Scheinfreiheiten, sondern an sich selbst arbeiten. An seiner eigenen Befreiung von allem, was ihn belastet. Am Abtragen der Mauer, die ihn umgibt und gefangen hält. Wir können uns nur selbst aus unseren Gefängnissen befreien. Wir können uns nur selbst in die Freiheit führen.

Montag, 24. November 2014

Zumutung

In einem der letzten Zeit-Magazine (Nr. 47) stellt sich die Journalistin Nicole Zepter die Frage "Bin ich wie meine Mutter?". Der Artikel beginnt mit "Unsere Autorin fragt sich, warum sie wiederholt, was ihr zu Hause vorgelebt wurde. Die Geschichte einer schonungslosen Selbsterforschung".

Nicole Zepter erfährt am 18. Geburtstag von ihrer Mutter, dass der Mann, den sie bis dahin für ihren Vater gehalten hat, nicht ihr leiblicher Vater ist. Sie verlässt das Elternhaus und zieht zu ihrem Freund in die Stadt. 15 Jahre lang hat sie so gut wie keinen Kontakt zur Mutter. Sie studiert und wird erwachsen. Sie trifft die Liebe ihres Lebens und wird schnell schwanger.
Und dann, mit Mitte dreißig, war ich auf dem besten Weg, so zu werden wie meine Mutter, wie die Frau, die mich jahrelang belogen hatte, die mir so fremd geworden war. Ich hatte mich in einer Beziehung verfangen, die mich hinunterzog. Ich hatte geglaubt, dieser Mann sei die Liebe meines Lebens. Wie meine Mutter es von meinem Vater geglaubt  hatte, zu dem sie dann nach meiner Geburt jede Verbindung abgebrochen hat, den sie totgeschwiegen hat. Ich wurde, wie sie, nach nur wenigen Monaten schwanger: ein Wunschkind. So wie ich es auch gewesen war? Wie meine Mutter setzte ich alle Hoffnungen in diese Beziehung. Um mich dann doch nur in Streitereien zu verlieren, in Lügen und Verzweiflung. Wie meine Mutter machte ich mich klein. Innerhalb weniger Monate hatte ich mein Selbstbewusstsein verloren. Ich erkannte mich nicht wieder. Meine Beziehung zerbrach.
Als ich schließlich mein Baby in den Armen halte und daran denke, den Kontakt zum Kindsvater völlig einzustellen, wird mir all das erst richtig klar: Ich verhalte mich wie Mama. Ich bin wie sie. Ich habe ihre Rolle eingenommen. Und ich frage mich. Warum? Und: Wie komme ich da raus?
Heute glaubt man in der Regel nicht mehr an Schicksal. Das widerspräche der Vernunft, dem freien Willen des Menschen. Doch in diesem Moment fühlte sich mein Leben plötzlich an wie Schicksal. Natürlich wusste ich, dass es Muster gibt, in die wir verfallen und die automatisierte Reaktionen hervorrufen. Ich wusste, dass meine Eltern meinen Blick auf Männer und Frauen stark prägen. Aber ich wusste auch, dass ich ein selbstständig denkender und handelnder Mensch bin. Und ich dachte, ich hätte alles getan, um ein schönes Leben zu haben. Es klingt vermessen, das zu sagen, aber sogar: ein besseres Leben. Sagt man nicht, dass es die Kinder einmal besser haben sollen? Ich dachte ich mache es besser als meine Mutter. Und dann fand ich mich plötzlich in einer fast identischen Situation wieder. Ich fühlte mich wie die Marionette meiner Prägung.
Nicole Zepter beginnt eine systemische Therapie, die zwei Jahre dauern soll. Vor dem erstellten Familienbaum, der die väterliche sowie die mütterliche Linie aufzeigt, wird die Frage gestellt: Welche Themen tauchen immer wieder auf? Gab es Familiengeschichten, die immer wieder erzählt wurden? Der Kontakt zur Mutter wird enger, ihre Geschichte will erzählt und verstanden werden. Die Therapeutin fragt:
Wenn Sie jetzt sehen, dass Ihre Mutter damals ähnlich gehandelt hat und sich einen ähnlichen Mann gesucht hat, aus welchem eigenen Gewohnheitsverhalten ist dies entstanden?
Nicole Zepters Erkenntnis:
Was ich über Männer gelernt habe, habe ich von meinem Stiefvater gelernt. Dem Mann, mit dem ich aufgewachsen bin. Er war autoritär und unsicher. Er wusste, wie er mich vor meinen Freunden demütigen konnte. Meine Mutter hat sich Männer gesucht, die sie kleinmachten und dadurch selbst größer wurden.
Wenn meine Mutter von ihrem eigenen Vater erzählt, dann klingt es, als spräche sie von einem entfernten Verwandten. Ich kannte ihn als interessierten, wachen Opa. Doch sie sitzt vor mir und sagt nüchtern: "Opa war autoritär. Er schrie und schlug zu."
Die Mutter hatte einen Vater, der kleinmachte und suchte sich einen Mann, der kleinmachte, so wie die Tochter an einen Mann geriet, der es verstand sie klein zu machen. Die Männer versagten, wenn es um Nähe ging. Die Tochter wiederholt das Muster der Mutter.
In der Therapie sehe ich mich zum ersten Mal inmitten meiner Familie und denke: Obwohl ich mich so weit von meiner Mutter entfernt habe - ich habe studiert, bin in die Großstadt gezogen, gereist -, blieb ich doch in meinem Inneren, mit meinen Wünschen und Ängsten, die sich alle nun in dieser Wiederholung zeigen, ganz nah bei ihr. Auf der gesellschaftlichen Ebene sind Frauen scheinbar emanzipiert. Doch hier, im Individuellen, merke ich, die nach Außen hin immer selbstständig war: Der Weg ist weiter als ich dachte.
Der systemische Familientherapeut Helm Stierlin verwendet hierfür den Begriff "bezogene Individuation". Wer sich auf jemanden bezieht, obwohl er ihn ablehnt, ist immer noch abhängig von ihm.
Die Familie, das lerne ich in vielen Theapiesitzungen, hat eine sichtbare Macht über uns und eine unsichtbare. Sie ist das stärkste soziale Gefüge. Auch wenn wir sie ablehnen, richten wir uns nach ihr aus. Sie ist das Bezugssystem - auch wenn wir gegen sie opponieren.
Die Geschichte von Nicole Zepter nimmt einen guten Verlauf:
Zwei Jahre nachdem ich mit der Therapie begonnen habe, fahren meine Mutter, mein kleiner Sohn und ich zusammen in Urlaub. Es ist der Sommer 2013. Es geht mir viel besser. Ich fühle mich befreit von Bedürfnissen, die nicht meine waren. Ich habe das Gefühl, in wenigen Monaten um Jahre reifer geworden zu sein. Ich werde den Vater meines Kindes nicht verleugnen, die beiden sehen sich regelmäßig. Und ich genieße das Zusammensein mit meiner Mutter. Sie ist mir näher als jemals zu vor, vor allem auch deshalb, weil ich sie das erste Mal als Frau und nicht mehr nur als Mutter sehe.
Und doch lässt sie etwas nicht los:
Ich dachte immer, ich sei stärker als meine Mutter.
Auf die Antwort der Therapeutin:
Sie müssen ja nicht stärker sein.
erfolgt die befreiende Erkenntnis:
Das stimmt. Ich brauche es ja gar nicht zu sein. Ich bin gar nicht die, die ich zu sein dachte.
Die "bezogene Individuation" treffe ich zur Zeit gehäuft in meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Da gibt es einen Mann, dessen Vater die Familie frühzeitig verlassen hat. Der Vorsatz "Ich mache es besser als mein Vater" hat ihn zu einem liebevollen Vater werden lassen, der dann in der Midlife-Crisis ein Verhältnis mit einer jüngeren Frau anfängt, dessen Fokus ausschließlich auf sich selbst und seinen Bedürfnissen ruht und der mit einem Schlag alles zunichte macht, was er sich aufgebaut hat. So wie er sich vom Vater distanziert hat, der die Mutter und ihn im Stich ließ, so distanzieren sich seine Kinder von ihm, die nicht verstehen können, wie ihr liebevoller Papa ihre Mutter so tief verletzen kann. Der Zeitpunkt des Verlassen werdens und des eigenen Verlassens ist unterschiedlich. Das Ergebnis identisch.
Da gibt es eine Frau, deren Mutter mit Heimarbeit den Ehemann bei der Abzahlung des Hauses unterstützte. Immer daheim, keine Reisen, keine schicke Kleidung, geschweige denn Schmuck, nur abzahlen und abwarten. Die Tochter will nicht nur träumen, sondern ihren Traum leben. Reisen, Schmuck, für jede Gelegenheit ein Fähnchen, Event auf Event - bezahlen tut der Mann, der zu Hause sitzt und wartet. Sie sitzt auf der anderen Seite wie ihre Mutter, aber ihre Überzeugung "Ich bin stärker als meine Mutter und mache es besser", schafft zwischen ihr und ihrem Ehemann die gleiche gähnende Leere, die sie in ihrem Elternhaus erfuhr.

So lange wir denken, dass wir stärker sein müssten als unsere Eltern oder unser Leben besser gestalten müssten, als sie es taten, nehmen wir in unserer Opposition Bezug auf sie, was uns unsere Entscheidungen nicht selbstständig oder unabhängig treffen lässt. Irgendwann erkennen wir, dass wir in denselben Mustern wie sie laufen, obwohl wir uns doch so stark abgegrenzt haben. Das ist frustrierend.

Auf einem systemischen Seminar erzählte uns die Seminarleiterin, dass sie trotz gehäufter systemischer Arbeit nicht wirklich weiterkam. Bis sie erkannte, dass es nicht darum geht besser oder stärker als unsere Eltern zu sein. Denn darin liegt ein Vergleich und im Vergleich liegt immer ein Bezug. Es geht darum, dass wir uns selbst die Erlaubnis geben es anders als unsere Eltern zu machen. Wer Eltern hat, der weiß, wie viele gutgemeinte Rat-Schläge ein Kind im Laufe seines Leben bekommt und dazu hingeführt wird es doch genau so wie seine Eltern oder es auf gar keinen Fall so wie seine Eltern zu machen. Ein Ausbruch, dem eine selbstständige, unabhängige Entscheidung vorausgeht, stellt immer eine Gefahr für den Familienverbund, fürs System dar. Es könnte auch anders gut laufen, vielleicht sogar weniger schmerzhaft oder weniger leidvoll und damit wird die Vorgehensweise und damit der Erhalt des Systems in Frage gestellt. Ausbrüche sind ein Risiko, das ungern befürwortet wird. Deswegen geht es nicht darum etwas besser zu machen, sondern dem System etwas zuzumuten. Mit einer Zumutung stellen wir keinen Vergleich und damit auch keinen Bezug her, sondern zeigen Vertrauen in die Stärke des anderen. Und so sollte es statt "Ich mache es besser als du" oder "Ich bin stärker als du" heißen:
Ich mute dir zu, dass ich es anders mache als du.
Dieser Vorsatz sollte nicht einhergehen mit "So mache ich das auf gar keinen Fall. So wie die/der will ich nie werden!", sondern mit der Frage:
Wer und wie will ich sein?
***

Dieser Beitrag ist Teil des Themenbereichs "Traumatisierte Familien - Stricke lösen" auf meiner Homepage.

Donnerstag, 20. November 2014

Frauenversteher oder Eine Ode an meinen Büstenhalter

Lange Zeit konnte ich mich nicht mit der Tatsache anfreunden,
dass ich nicht als Mann, sondern als Frau auf die Welt kam.
Statt als Cowboy aufzutreten, der schneller schießt als sein Schatten,
wurde ich in rosa Prinzessinen-Tüll gewickelt, getopped mit einem Plastikkrönchen.
Nicht Lucky Luke sondern Cup Cake.
Aber es gibt ein Accessoire, das mich mit all dem Unbill aussöhnt.
Meinen Büstenhalter.
Treuer Begleiter.
Jeden Morgen liegt er willig bereit sich an mich zu schmiegen.
Er stützt und trägt mich durch den Tag ohne Murren und Knurren.
Nirgendwo an ihm ist Platz für ein Smartphone,
das seine Aufmerksamkeit von mir ablenken könnte.
Zwischen seine breiten Träger passt all meine Last.
Fühle ich mich ohne ihn ungleich geerdet,
so liftet er mich in die Höh
und gibt mir ein Gefühl des Erhaben Seins.
Büstenhalter, du bist mein bester Freund,
liegst mir am Herzen
gehst mir an die Haut.
Danke, dass du da bist.
Allzeit bereit,
immer veständnisvoll,
falls mir morgen der Sinn nach einem anderen steht.
Wenn es jemanden gibt,
der die Frau an mir ehrt
Dann bist das Du.

Mittwoch, 19. November 2014

Ich reite dem Sonnenuntergang entgegen

Es gibt Lieder, an denen kann man sich nicht satt hören. Sie stimmen eine Saite in uns an und bringen etwas in Klang. Oft haben wir ein Bild dazu. So geht es mir seit einigen Tagen mit dem Lied Chiraa-Khoor der tuwanischen Gruppe Huun Huur Tu.
Ich gehöre zur Gattung der Höhlenbären und es ist an der Zeit mich für den Winterschlaf zurückzuziehen. Schön wärs. Weihnachten steht bald vor der Tür, nix mit Winterschlaf. Aber dieses Lied ... macht mich glücklich und fröhlich. Ich sehe einen Reiter, von der Sonne beschienen, dem Horizont entgegenreiten, der nicht näher rückt. Unendliche weite Steppe, in Pferd und Reiter klingt dieses Lied und das Gefühl von Freiheit ist überwältigend.
Und so reite ich im November wie einst meine Lieblings-Comic-Figur Lucky Luke auf seiner treuen Gefährtin Jolly Jumper jeden Tag zufrieden dem Sonnenuntergang entgegen. Was für ein g..... Gefühl.

Donnerstag, 13. November 2014

Eine Erinnerung

Bittersüß
tanzt
eine Melodie
durch den Äther
engelsgleiche Stimme
greift
nach meinem Herzen
und dem Ozean
an Tränen
Verzeih

Wo der Sand rieselt


und die Hasen Kaffee brühen ....

Mittwoch, 12. November 2014

Die Summe unserer Anteile

Wir leben in einer Zeit der Trennungen.
Wenn ich Paare erlebe, die sich trennen, gibt es Vorfälle, die mich traurig stimmen. Was Partner sich untereinander antun, wenn aus Liebe Hass wird, ist schwer genug. Fatal wird es, wenn sie ihre Kinder als Instrument nutzen um sich gegenseitig noch tiefer zu verletzen. Am Ende sind es die Kinder, die beschädigt werden.
Kinder sind (meistens) eine Mischform aus mütterlichen wie väterlichen Anteilen und einem weiteren, der sie oft wie ein Alien in der Familie aussehen lässt. Lieben sich die Eltern, fühlen sich auch die elterlichen Anteile im Kind angenommen und geliebt. Fangen Eltern an sich zu hassen und beschimpfen den anderen, fühlt sich der jeweilige Anteil im Kind abgelehnt. Das, was aus einer Vereinigung entstanden ist, wird auseinandergerissen. Die Summe aller Teile beginnt im Inneren einen Kampf, adäquat zur Disharmonie im Außen. Kinder können keinen Frieden leben, wenn im Außen Krieg herrscht. In dem Moment, in dem ein Elternteil versucht, das Kind auf seine Seite zu ziehen, indem es den anderen Elternteil schlecht macht, zerreißt es das Kind innerlich, denn Kinder verstehen sich als Einheit von beiden. Sie fühlen sich verantwortlich für die Harmonie beider Anteile. Funktioniert die Harmonie im Außen, können auch die Kinder in Harmonie schwingen. Schwierige Kinder zeigen häufig die Schwierigkeiten der Eltern. Für die ist es einfacher am Kind rumdoktorn zu lassen, als sich den eigenen Schwierigkeiten zu stellen.

Wenn sich Eltern trennen und den Kontakt zueinander abbrechen, brechen sie nicht selten den Kontakt zu dem Teil des Kindes ab, das es vom anderen Elternteil in sich trägt. Wird das Kind auf eine Seite gezogen, wird es oft genötigt den Kontakt zu diesem Elternteil und damit zum eigenen Anteil abzubrechen. Alleinerziehende Elternteile, die sich den Anspruch erworben haben, allein erziehend zu sein, brauchen sich nicht zu wundern, wenn Kinder später auch den Kontakt zu ihnen abbrechen. Die Disharmonie wird weitergelebt.

Um die Summe der Anteile in Aufruhr zu bringen, genügt der strafende Blick eines Elternteils, das zu einer Aktion des Kindes sagt "Du bist wie dein Vater/deine Mutter". Der Elternteil distanziert sich von diesem Anteil, mit dem er sich nicht identifiziert. Kinder spüren, ob in solchen Worten Liebe oder Ablehnung mitschwingt. Der Elternteil versucht durch solche Worte das Kind emotional zu manipulieren und es zu einem anderen Verhalten zu bewegen. Statt die Person von der Aktion zu trennen und die Aktion an sich zu bewerten und zu sagen "Was du da gemacht hast, finde ich nicht gut, das kann man bestimmt auch anders lösen", wird ein ganzer Anteil abgelehnt. Heute würde man sagen - da wird ein Anteil gemobbt.
Es gibt auch die Variante "Mist, du kommst nach mir", ohne jeglichen Anflug von Humor, sondern mit einer Aura des Bedauerns einhergehend. Hier trennt sich jemand von sich selbst und das Kind damit doppelt.

Oft ist es gar nicht nötig eine tatsächliche Trennung durch Scheidung zu vollziehen. Sprachlosigkeit zwischen zwei Partnern, die nebeneinander herleben, führt zu Sprachlosigkeit bei den Kindern. Dann wird sich gewundert, warum sich Kinder im Erwachsenenalter nicht mehr melden. Da will der Schein gewahrt oder eine gewohnte Zweckgemeinschaft aufrecht erhalten werden. Da das Verständnis zwischen den Partnern fehlt, fehlt auch das Verständnis dafür, dass Kinder, sobald sie die Möglichkeit dazu haben, diesen Zombiegemeinschaften lieber fernbleiben. Eltern, die zu leb- und lieblosen Partnerschafts-Zombies geworden sind, saugen die Lebendigkeit aus ihren Kindern und lähmen sie.

Diese Woche las ich in einem Blog. Dort wurde die Frage gestellt "Müssen wir uns mit unseren Eltern versöhnen?". Für mich geht es in der Auseinandersetzung mit unseren Eltern weniger um Versöhnung als um Aussöhnung. So lange wir nicht das Verhalten unserer Eltern verstehen können, so lange wir sie ablehnen, vielleicht sogar hassen, so lange können wir uns selbst nicht verstehen, so lange werden wir uns ablehnen und vielleicht sogar hassen. Wenn wir Frieden in unserem Inneren finden wollen, gilt es Frieden mit den Ereignissen im Außen zu schließen. Wenn wir mit unseren Eltern keinen Frieden schließen können, werden wir auch nicht im Frieden mit dem Anteil, der sie in uns repräsentiert, leben können. Es geht hier für mich um Aussöhnung mit den Anteilen in uns.

In einem der Seminare, die ich besuchte, stellte mich eine "Trainerin" vor den Spiegel und forderte mich auf zu meinem Spiegelbild "Ich liebe dich" zu sagen. Ich brachte die Worte heraus, aber sie fühlten sich unwahr an. Ich liebte mich nicht. Nicht so, wie ich war. Es gab so viel an mir auszusetzen und rumzumäkeln. Schon immer. Seit ich mich erinnern kann. Im Teenageralter waren es Äußerlichkeiten, im Erwachsenenalter Charakterschwächen. Ich kämpfte gegen mich selbst, weil ich nicht akzeptieren konnte, was sich zeigte. Ich wollte meinen Eltern weder äußerlich noch innerlich ähneln. Aber das Leben meint es gut mit uns. Irgendwann weisen uns unsere Konditionierungen als Kinder unserer Eltern aus und wir können nicht mehr wegschauen. Das passiert meistens zu einer Zeit, wo wir die Reife haben (könnten) zu sehen und zu verstehen, warum unsere Eltern so sind wie sie sind, warum ihre Liebe zueinander gescheitert ist, warum wir so sind wie wir sind, warum unsere Liebe zu uns selbst gescheitert ist und was wir tun können um die ungeliebten, abgelehnten Anteile in uns wieder zu einer Summe zusammenzuführen.

Montag, 10. November 2014

Reset

Lösungsorientiert statt problemorientiert, das ist das Credo, das es gilt zu leben.
Und Leute, ich bemühe mich, redlich und ernsthaft. Aber .... es gibt Dinge, die gehen mir an die Nieren. Was, wenn man die Lösung zum Problem nicht findet?
Da gibt es unterschiedliche Möglichkeiten.
Es gibt Menschen, die haben das Talent sich die Dinge schön zu reden. Dieses Talent geht mir ab.
Eine Freundin schwört auf Erdbeertörtchen in der Badewanne. In Härtefällen gilt es ein Reset zu machen. Unter all den Möglichkeiten gefällt mir das Reset am besten. Da haben nicht nur die Nieren etwas davon, sondern auch die Leber.
Wie das geht? Ganz einfach.
Geh in ein Lokal und trinke etwas mit Alkohol. Wenn das Lokal schließt, ziehe weiter zum nächsten, das länger offen hat. Dort ist dann zufällig Sprizz-Nacht und es gibt geniale Lösungsmöglichkeiten um das Reset ordentlich auszuführen. Dem zweiten Glas folgt das dritte, aber alles ist so ausbalanciert, dass du am nächsten Tag eine Art von Kater hast, der nur mit mittelstarken Kopfschmerzen verbunden ist. Du stolperst durch den Tag und freust dich unglaublich auf dein Bett. Das Problem ist vielleicht nicht gelöst, aber du fühlst dich am nächsten Tag, ohne Kopfschmerzen, wie neugeboren.
Danke, liebe C., dass du mich bei der Ausführung begleitet und unterstützt hast!


Montag, 3. November 2014

Ein liebevolles Plädoyer für die Ehe

Vor 9 Jahren brachte mir mein Mann von einem Messeausflug ein Buch als Geschenk mit. Ein Angestellter des Messekunden las es auf der Heimfahrt im Zug. Der Titel gefiel ihm und er erstand es für mich - oder für uns? -  in der Bahnhofsbuchhandlung. Es war das Buch "Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest" von Eva-Maria Zurhorst. Ein Augen- oder vielleicht auch Herzöffner. Ein Plädoyer FÜR die Ehe. Es erwischte mich genau zum richtigen Zeitpunkt. Beginn der Wechseljahre, Midlifecrisis, Dramaerschöpfungssymptome, Zweifel allerorten. Um mich herum knirschte und krachte es in den Ehen. Ich befand mich in der Zeit, die ein Freund so beschrieb "Da werden die Karten noch einmal völlig neu gemischt". Meine Seele glich einer Wüste und wer war Schuld daran? Selbstverständlich alle anderen, nur nicht ich.
Das Buch von Frau Zurhorst war der erste Schritt in eine Zeit, in der ich sehr viel über mich, meine Sichtweise, meine Muster lernte. Ausgelernt habe ich noch nicht, aber unsere Ehe besteht und nach einer langen, schwelenden Krise befinden wir uns in ruhigerem, liebevollem Gewässer. Danke S.A., dass du damals dieses Buch gelesen hast!
Als mir heute eine Freundin den Link zu einem Blogbeitrag über "9 unterschätzte Gefahren für eine Ehe" schickte, fühlte ich mich tief berührt. Zu finden sind sie im Blog von Kelly Flanagan. Die deutsche Übersetzung gibt es in der Huffington Post.
Ich erlaube mir sie hierher zu kopieren. Für mich sind diese Zeilen wunderschön, ehrlich und wahr. Geschrieben von einem Therapeuten aus dem Herzen eines Ehemannes und Familienvaters.

9 total unterschätzte Gefahren für eine Ehe

Ich habe Mitleid mit ehelicher Kommunikation, denn ihr wird die Schuld an allem gegeben. Seit Generationen haben Paare die eheliche Kommunikation als das Problem Nummer eins in ihrer Ehe angegeben. In einer Umfrage nach der anderen. Doch das ist sie nicht.

Kommunikation in der Ehe hat einen schlechten Ruf. Sie ist das Kind, das sich auf dem Spielplatz wehrt. Die Aufpasser auf dem Spielplatz hören den Tumult und drehen ihre Köpfe genau im richtigen Moment, um seinen Gegenschlag zu sehen. Doch das Kind hat das Problem nicht geschaffen. Es hat auf das Problem reagiert. Trotzdem ist es dieses Kind, das erwischt und ins Büro des Schuldirektors gebracht wird.

Oder, im Fall der ehelichen Kommunikation, ins Büro des Therapeuten.

Ich habe Mitleid mit ehelicher Kommunikation, weil alle sich gegen sie verbünden. Obwohl sie auf dem Spielplatz der Ehe in Wahrheit nur auf einen der Störenfriede reagiert hat. Und die Störenfriede haben den Streit begonnen. Hier sind 9 Gefahren, die eine Ehe wirklich bedrohen:

1. Wir heiraten einen Menschen, weil wir mögen, wer er ist. Menschen verändern sich. Planen Sie das ein. Heiraten Sie jemanden nicht für das, was er ist oder was er Ihrer Ansicht nach werden soll.

Heiraten Sie einen Menschen für das, was er werden möchte. Und dann verbringen Sie ihr Leben damit, ihn dabei zu unterstützen. Genau wie Ihr Partner oder Ihre Partnerin Sie in Ihren Vorhaben unterstützt.

2. Die Ehe nimmt Ihnen nicht die Einsamkeit. Am Leben zu sein, heißt, allein zu sein. Alleinsein ist ein menschlicher Zustand. Eine Ehe kann den menschlichen Zustand nicht ändern. Sie kann uns das Alleinsein nicht vollständig nehmen. Und wenn das der Fall ist, beschuldigen wir unseren Partner, etwas falsch gemacht zu haben oder wir suchen anderswo nach Gesellschaft.

Die Ehe sollte ein Ort sein, an dem zwei Menschen die Erfahrung teilen, allein zu sein und durch diese Erfahrung Momente entstehen lassen, in denen die Einsamkeit verschwindet. Für eine kleine Weile.

3. Scham-Gepäck. Ja, wir tragen es alle mit uns herum. Wir haben den Großteil unserer Jugend und des frühen Erwachsenenalters damit verbracht, so zu tun, als ob unser Schamgefühl nicht existiert. Und wenn die Person, die wir lieben, es in uns auslöst, geben wir ihr die Schuld daran, es geschaffen zu haben.

Und dann erwarten wir, dass sie es in Ordnung bringt. Aber die Wahrheit ist, dass sie es nicht erschaffen hat und es auch nicht in Ordnung bringen kann. Manchmal ist die beste Ehe-Therapie eine individuelle Therapie, in der wir daran arbeiten, unser eigenes Schamgefühl zu heilen. Dann können wir damit aufhören, es auf diejenigen abzuwälzen, die wir lieben.

4. Egoismus. Wir alle haben ihn entwickelt. Vermutlich irgendwann als wir in der vierten Klasse waren und die Kinder anfingen, gemein zu uns zu sein. Vielleicht auch schon eher, wenn Familienmitglieder zuerst gemein zu uns waren.

Das Ego war eine gute Sache. Es beschützte uns vor den emotionalen Schlingen und Spitzen. Aber jetzt, da wir erwachsen und verheiratet sind, ist das Ego eine Wand, die uns voneinander trennt. Es ist an der Zeit, sie einzureißen. Indem wir Offenheit statt Verteidigung, Versöhnlichkeit statt Vergeltung, Entschuldigung statt Tadel, Verletzlichkeit statt Stärke und Gnade statt Macht leben.

5. Das Leben ist chaotisch und die Ehe ist Leben. Die Ehe ist chaotisch. Aber wenn die Dinge nicht länger perfekt laufen, geben wir unserem Partner die Schuld daran. Wir fügen dem ohnehin schon unausweichlichem Chaos aus Leben und Liebe auch noch unnötiges Chaos hinzu. Wir müssen aufhören, mit dem Finger zu zeigen und damit anfangen, die Finger ineinander zu verschränken. Dann können wir gemeinsam durch das Chaos des Lebens gehen. Schuldlos und schamlos.

6. Empathie ist hart. Es ist nur natürlich, dass Empathie nicht gleichzeitig zwischen zwei Menschen geschehen kann. Ein Partner muss den ersten Schritt machen und es gibt keine Garantie dafür, dass die Empathie erwidert wird. Es ist ein Risiko. Es ist ein Opfer.

Deshalb warten die meisten von uns darauf, dass der Partner diesen ersten Schritt macht. Eine lebenslange Empathie-Sackgasse. Und wenn einer der Partner tatsächlich den Empathie-Sprung wagt, ist es in den meisten Fällen ein Bauchklatscher. Die Wahrheit ist, dass die Menschen, die wir lieben, fehlbare Menschen sind und nie der perfekte Spiegel sein werden, den wir uns wünschen. Können wir sie trotzdem lieben, indem wir selbst den Empathie-Sprung wagen?

7. Wir interessieren uns mehr für unsere Kinder als für denjenigen, der uns geholfen hat, sie zu machen. Unsere Kinder sollten uns nie wichtiger sein als unsere Ehe und sie sollten nie weniger wichtig sein.

Wenn sie wichtiger sind, werden die kleinen Schlingel es spüren und dazu benutzen, Keile zwischen die Eltern zu treiben. Wenn sie weniger wichtig sind, werden sie so lange kämpfen, bis man ihnen Prioritäten einräumt. In Familien geht es darum, konstant und beständig daran zu arbeiten, die Balance zu finden.

8. Der versteckte Machtkampf. Die meisten Ehe-Konflikte bestehen zumindest zum Teil aus Verhandlungen darüber, wie stark zwei Liebende vernetzt sind. Männer wollen normalerweise weniger davon. Frauen wollen normalerweise mehr. Manchmal sind diese Rollen umgekehrt.

Trotzdem, wenn Sie zwischen den Zeilen der meisten Auseinandersetzungen lesen, ist das die Frage, die Sie finden: Wer entscheidet darüber, wie viel Abstand es zwischen uns gibt? Wenn wir diese Frage nicht ausdrücklich stellen, werden wir bedingungslos darüber streiten. Für immer.

9. Wir wissen nicht mehr, wie wir das Interesse an einem Menschen oder einer Sache beibehalten können. Wir leben in einer Welt, die unsere Aufmerksamkeit in eine Million unterschiedliche Richtungen lenkt. Die Praxis der Meditation - auf eine Sache achtgeben und unsere Aufmerksamkeit wieder und wieder darauf zurücklenken, wenn wir abgelenkt werden - ist eine essentielle Kunst.

Wir werden ständig dazu ermuntert, den glänzenden Oberflächen von Dingen Aufmerksamkeit zu schenken und weiterzuziehen, sobald wir ein wenig gelangweilt sind. Deshalb ist es ein revolutionärer Akt, wenn wir es schaffen, unser Leben zu einer Meditation um die Person zu machen, die wir lieben. Und es ist absolut notwendig, wenn eine Ehe überleben und gedeihen soll.

Als Therapeut kann ich einem Paar innerhalb von einer Stunde Kommunikation beibringen. Es ist nicht kompliziert. Aber sich mit den Störenfrieden auseinanderzusetzen, die den Streit angefangen haben? Nun ja, das dauert ein Leben lang.

Und dennoch.

Es ist eine ganze Lebenszeit, die uns zu Menschen formt, die immer mehr Liebe schenken können. Die das Gewicht des Alleinseins tragen können. Die das Gewicht der Scham reduziert haben. Die Wände eingerissen haben, um Brücken zu bauen. Die das Chaos des Lebens begrüßt haben, die Empathie riskieren und Enttäuschungen vergeben. Die jeden mit derselben Leidenschaft lieben. Die geben und nehmen und Kompromisse eingehen und die sich einer Lebenszeit voller Präsenz und Bewusstheit und Achtsamkeit verschrieben haben.

Und das ist ein Leben, für das es sich zu kämpfen lohnt.

Sind wir Pussies?

Es gibt Leute, die geben Generationen Bezeichnungen.
Ich gehöre der Generation der Babyboomer an, weil Deutschland damals so reich an Kindern war. Weil es so viele Kinder gab, wuchs ich mit dem Spruch auf "Bilde dir bloß nicht ein, dass du was Besonderes bist".
In der Generation, die heute 20 oder 30 Jahre alt ist, waren die Kinder rarer. Die, die es gab, kamen in der Regel gewollt statt ungewollt und ihnen wurde gesagt "Ihr seid etwas Besonderes".
Der Antrieb meiner Generation war nicht selten der Minderwertigkeitskomplex. Wir wollten zeigen, dass etwas in uns steckt. Auch wenn uns das nicht besonders besonders machte, so wollten wir doch beweisen, dass wir zu etwas taugen. Dass wir nützlich sind.
Menschen, die sich besonders fühlen, müssen nichts mehr beweisen. Ihre Besonderheit muss lediglich entdeckt werden. Unter millionenfachen You-Tube-Videos oder auf anderen Selbstinszenierungsplattformen.
Was aber, wenn sie entdecken, dass sie einer unter vielen besonderen Menschen sind? Was ist dann besonders unter all den Besonderheiten? Und was ist der Antrieb? Gibt es überhaupt einen Antrieb oder führt die Selbstentdeckung der unentdeckten, weil illusionären Besonderheit in eine Depression?
Wie es dazu kommt, dass sich die Generation Y als besonders fühlt, warum auch das nicht zufrieden oder glücklich macht und warum sie und wir von der Kriegsgeneration als Pussies (Weicheier) gesehen werden, das beschreibt sehr schön, einfach und anschaulich, dieser Artikel.





Donnerstag, 30. Oktober 2014

Ein Blogger-Märchen zur Vorweihnachtszeit

Da gab es mal einen Studenten der Geologie an der Bergakademie in Freiberg.
Um sich von seiner 500 Seiten starken Diplomarbeit abzulenken, fing er an Brot zu backen. Chaotische Zettelkästen waren ihm ein Greuel und so sammelte er seine Rezepte schön ordentlich auf einer Internetseite. Der in ihm steckende Wissenschaftler begann mit Teig zu experimentieren und seine Versuche zu dokumentieren. Das interessierte auch andere Brotbäcker und so sammelte er eine schöne Fangemeinde an. Er entwickelte sich zum Brotbäckerratgeber und irgendwann wurde er gebeten Kurse zu halten.
Der Geowissenschaftler entschied, dass er sich fortan dem professionellen Brot-Coaching widmet und lebt heute in einem Häuschen im erzgebirgischen Sehmatal mit Frau und Kindern. Dort bäckt er Brot und Brot, zur Zeit auch Stollen, den sein eigens ausgetüfteltes Mehlkochstück noch saftiger macht, Dazwischen gibt er Kurse in Berlin, Frankfurt und Wien, vielleicht auch bald in Amerika und Asien. Weil Verlage inzwischen unter Bloggern nach Talenten suchen, die sich für Buchveröffentlichungen eignen, brachte der Brotwissenschaftler 2013 ein ausgezeichnetes Brotbackbuch mit Auszeichnung heraus.

All das könnt ihr nachlesen unter www.ploetzblog.de. Ein wirklich liebevoller, fundierter Brot- und Backblog.
Das Rezept zum unten abgebildeten erzgebirgischen Stollen findet ihr unter www.ploetzblog.de/stollen.
Jetzt kann Weihnachten kommen!


Dienstag, 28. Oktober 2014

Kontaktabbruch - Leserbrief eines verlassenen Vaters

Ich danke meinem Leser, Herrn H.H., ganz herzlich für sein Schreiben und das Einverständnis zur Veröffentlichung seiner Geschichte. Danke - für mehr Verständnis zum Thema "Verlassene Eltern und Kinder".
Den Brief findet ihr hier auf meiner Homepage.

Montag, 27. Oktober 2014

Wenn ich mal groß bin...

werde ich Lebenskünstler!




25.000

25.000 Seitenaufrufe.
Ich danke allen meinen Lesern und wünsche euch schöne kurze Tage nach der Zeitumstellung.

Euer Gedankenstreuner


Dienstag, 21. Oktober 2014

Teilzeitgefängnis meiner Kindheit und Plätze, an denen die Welt in Ordnung ist

Von meinem 3. bis zu meinem 6. Lebensjahr verbrachte ich 5 Tage die Woche und damit den Großteil meiner Zeit an einem Ort, den ich heute "Teilzeitgefängnis meiner Kindheit" nenne.
Es war ein Ort, an dem morgens zwischen 8 und 9 Uhr Kinder abgegeben wurden, um sie spätnachmittags gegen 17 Uhr wieder abzuholen.
Das Teilzeitgefängnis meiner Kindheit bestand aus sieben Räumen unterschiedlicher Größe.
Im kleinsten Raum befand sich eine Pforte, aus der heraus überwacht wurde, ob auch die richtigen Personen kommen und gehen. Von der Pforte aus hatte man Ausblick auf den Raum, in dem die Kinder nachmittags in ihren Mänteln und Jacken auf Abholung warteten. Hatte man die Schleuse passiert, kam man in einen Raum, der sich Garderobe nannte. Dort wurden Kleidungsstücke abgelegt, die man während des Aufenthalts im Teilzeitgefängnis nicht benötigte. In einem weiteren Raum wurde das Mittagessen eingenommen. Das kam jeden Tag in einem großen Behälter. Tische und Stühle wurden von den Insassen aufgestellt, die Tische wurden gedeckt und das Essen ausgetragen. Nach dem Essen wurde abgetragen, gespült und abgetrocknet. Im größten Raum wurde gespielt, gemalt und geschlafen. Eine der Wände nahm in der gesamten Länge ein Schrank ein, in dem ca. 40 Mini-Feldbetten untergebracht waren. Diese wurden nach dem Essen von den Insassen feinsäuberlich in Reih und Glied aufgestellt und unter kratzigen Wolldecken gab es eine Zwangspause, die "Mittagsschlaf" genannt wurde. In einem weiteren Raum waren zwei Waschbecken und drei Toiletten untergebracht. Dies war der mit Abstand ungemütlichste Raum, da Sommer wie Winter das Fenster offenstand. Und dann gab es noch einen von vier Mauern begrenzten "Hof". In diesem Hof stand in einem Sandkasten ein Eisengerüst in Form eines Elefanten. Der Elefant war wohl einmal bunt angemalt gewesen. Als meine Augen auf ihn fielen, hatte er zwischen Ringen von gelb, rot und blau zum größten Teil die Farbe von Rost angenommen. Er sah traurig, einsam und verloren aus zwischen all dem Beton. Der Hof war der Raum, den wir so gut wie nie aufsuchten, denn der Aufenthalt widersprach der Regel "Mach dich nicht schmutzig!"
Im Teilzeitgefängnis meiner Kindheit gab es viele Regeln und Gebote, meistens Verbote. Für die Nichteinhaltung der Regeln waren Strafen angesetzt.
Eine der Regeln hieß "Das Mitbringen von Süßigkeiten ist strengstens verboten". Wurden bei jemandem Süßigkeiten entdeckt, wurden diese von den Wärterinnen an sich genommen. Die Strafe bestand darin, dass die Wärterinnen sie während der Mittagspause der Insassen aufaßen.
Eine andere Regel besagte "Während der Mittagsruhe ist absolute Ruhe einzuhalten!" Wurde jemand dabei ertappt, dass er nicht schlief und sich mit seinem Bettnachbar austauschte, musste er den Rest der Mittagsruhe auf dem kalten Klo verbringen. Bei schweren Zuwiderhandlungen, darunter zählten Wutausbrüche, wurde er in eine der Klozellen eingeschlossen.
Und eine weitere Regel war "Alles was auf deinem Teller ist, wird aufgegessen!".
Als Kind verspürte ich eine große Abneigung auf gekochte Pilze. Sowohl die schleimige Konsistenz, wie auch die gräuliche Farbe und die Angst davor, dass ein Pilzunkundiger einen Giftpilz nicht erkannt hatte, ließen mich dieses Gericht ablehnen.
Im Teilzeitgefängnis meiner Kindheit zählten diese Argumente nicht. Was auf dem Teller war, wurde gegessen. Eines Tages gab es Pilzsuppe, ich kannte die Regel und zwang mich dazu das Gericht zu löffeln. Als ich es fast geschafft hatte, bekam der Würgereiz, der mich befallen hatte, Oberhand und das mühsam Gelöffelte ergoss sich wieder auf den Teller, vor dem ich nun stumm saß. Als eine der Wärterinnen das Erbrochene entdeckte, setzte sie mich resolut auf ihren Schoß, fixierte meine beiden Arme mit ihrem linken Arm, wobei sie es schaffte mir mit der Hand den Kiefer auf- und zuzuklappen, während sie mir mit der anderen das verschmähte Essen löffelte. Erneute Würgereflexe wurden kommentiert mit "Du isst das auf und wenn ich den ganzen Tag mit dir hier sitze".
Böse Zungen könnten behaupten im Teilzeitgefängnis wurde gefoltert. Dabei trug es den schönen Namen "Katholischer Kindergarten". Katholisch war die Nonne, die zwischen den Wärterinnen lächelte, Kinder gab es viele, von einem Garten keine Spur.
Glücklicherweise fehlte im Teilzeitgefängnis das Gebot "Du musst spielen!" und so verbrachte ich viel Zeit am Fenster zum Hof. Über den Mauern gab es ein Viereck von stetiger Veränderung, mal war es blau, mal grau, manchmal flogen weiße Wolken darüber, manchmal schwarze und zwischendurch Vögel. Manchmal fielen dicke Tropfen herab, die den Hof in eine große Pfütze verwandelten, manchmal fielen goldene Strahlen an die Wände. Ich stand dort und beobachtete das Spiel. Manchmal, wenn das Viereck nur blau oder grau blieb, versuchte ich Löcher hineinzustarren, um zu sehen, was dahinter ist.
Freundliche Zungen könnten behaupten, man hat mich frühzeitig der Meditation nahe gebracht.
Mein bester Freund war der rostige Elefant, der wie ich zwischen Mauern ein Dasein fristete, das keinesfalls seiner Bestimmung entsprach. Wir erzählten uns gegenseitig Geschichten von Plätzen, an denen wir sein sollten.
Ich sah den Elefant mit seiner Familie in ganz viel Grün, er fraß frische Zweige von Bäumen und trank an einem Wasserloch. Die Sonne brannte auf seine Haut und er fühlte sich lebendig. Der Elefant lächelte.
Und ich erzählte ihm stumm von dem Ort, an dem ich sein sollte.
Der Ort meiner Bestimmung war ein großer Garten. Unter einem Busch hing eine Schaukel und ich durfte so oft und ausgiebig schaukeln, wie ich wollte. Meine Oma, die der Bilderbuchoma nicht unähnlich war, zeigte mir wie man sät, pflanzt, gießt und pflegt. Sie lehrte mich viel und schimpfte nie, wenn mir ein Fehler unterlief. Gemeinsam sahen wir zu, wie alles wuchs und gedieh. Wir hatten Riesenbohnen, die in den Himmel wuchsen und an denen man in die Himmelslöcher und drüber hinaus klettern konnte. Es gab eine große, unendlich wirkende Wiese, über die ich barfuß rannte bis ich nicht mehr konnte, einen Hang, den ich mich runterkullern ließ und einen Bach, in dem ich meine Füße kühlte.
Wenn wir müde waren, gingen wir ins Haus. Im Haus meiner Großmutter brannte immer ein heimeliges Feuer. Es gab Kakao und Plätzchen. Oma saß in ihrem Omasessel und ich zu ihren Füßen. Sie erzählte mir Geschichten. Wir brauchten keine Bücher, denn Großmutter hatte unendlich viele Geschichten auf Lager.
Eine dieser Geschichten handelte von einem kleinen Mädchen, das eingesperrt zwischen Mauern an einem Fenster steht, Löcher in den Himmel starrt und einen rostigen Elefant zum Freund hat.
Ich kuschelte mich an das Bein meiner Großmutter, genoss die Wärme des Feuers auf meinem Gesicht und die des Kakaos in meinem Bauch. Ich lächelte.

 


Montag, 6. Oktober 2014

Brief einer Tochter an ihre Mutter

Liebe Mutter,

7 Jahre ist es nun her. Damals hatten wir telefoniert und ich habe Dir gesagt, dass Du Deine Sachen so machen sollst, wie Du es für richtig hältst – und dass ich meine Sachen so machen werde, wie ich es für richtig halte. Seitdem ist viel Zeit vergangen, viele Erfahrungen hat jeder von uns gemacht, die Kinder sind größer und älter geworden, jeder hat sich auf seine Art und Weise entwickelt. 

Ich bin dankbar, dass Du mich geboren hast. Durch Dich (und Papa) bin ich auf der Welt und darf sein. Vielen Dank für die guten Dinge, die Du mir gegeben und mitgegeben hast. Auch wenn ich – wie ich heute weiß – lange eine andere, vielleicht zu große Erwartungshaltung an Dich hatte, mir etwas anderes von Dir gewünscht habe, soll es nun gut sein. Du hast Dich so entwickelt, weil das Leben Dich so geprägt hat. Kein Vater, der Tod Deiner Mutter, Vertreibung und Flucht, die Trennung von Großmutter und Bruder, Aufwachsen in Pflegefamilien. Wurzellos, aber mit starkem Willen, der es uns unter anderem ermöglichte von N. nach E. zu ziehen. Und damit in einer Umgebung aufzuwachsen, die es mir ermöglichte mich zu dem Menschen zu entwickeln, der ich heute bin. 

Du konntest mir oft nicht das geben, was ich gerne gehabt hätte. Und ich konnte Dir auch nicht das geben, was Du Dir von einer Tochter gewünscht hast. Jede von uns beiden hat ihren ganz eigenen Blick auf die Dinge. Das werden wir nicht mehr ausräumen, das können wir nur annehmen und stehen lassen. So wie wir uns gegenseitig nur stehen lassen und respektieren können. Auch wenn wir nicht alles gut heißen und nicht immer alles verstehen. Du bist meine Mutter, ich bin Deine Tochter. 

Natürlich wünschte ich mir eine vertrauensvolle Beziehung, bedingungslose Akzeptanz, das Aufgehobensein in einer harmonischen Familie. Das konnte unsere Familie nicht leisten. Dazu waren die „Päckchen“, die jeder – Du als auch Papa – tragen musste zu groß. Jeder konnte nur sich selber versuchen zu halten. Aber ich denke, Du bist Deinen Weg ganz gut gegangen und ich meinen auch.

Ich wünsche Dir einen schönen Geburtstag und eine schöne Feier. Und ich wünsche mir für uns beide und für die Menschen, die uns am Herzen liegen, dass wir einander in Zukunft ohne Vorbehalte begegnen können.

Deine Tochter

***

Dieser Beitrag ist Bestandteil des Themas "Traumatisierte Familien / Kontaktabbruch - Verlassene Eltern und Kinder", den Sie auf meiner Homepage finden. 



Sonntag, 5. Oktober 2014

Junge Frau, lächeln, die Sonne scheint!

Letzte Woche fuhr ich unser Auto zum elektronisch angeordneten Kundendienst.
Auf dem Weg von der Werkstatt zum Büro fiel meine Wahl auf eine Straße, die ich zwar manchmal mit dem Fahrrad abfahre, aber selten zu Fuß gehe. Meine Aufmerksamkeit war auf die Hauseingänge und Fassadenschilder gerichtet. In einiger Entfernung stand ein Mann Mitte sechzig vor einer Kneipe. Dem Habitus nach der Wirt persönlich. Er trug lange Haare und einen Bauch, wirkte übernächtigt, vielleicht auch verkatert und rauchte. Sein Blick fixierte sich auf mich. Als ich an ihm vorbeigegangen war, rief er mir nicht unbedingt freundlich hinterher "Junge Frau, lächeln, die Sonne scheint!".
Einen kurzen Moment lang wollte ich reagieren, aber mein Kopf war an diesem Tag gelähmt von einer Erkältung und damit auch meine Schlagfertigkeit.
Stattdessen zog ein Bild vor mir auf.
Eine übergewichtige Frau Mitte sechzig steht vor ihrem Etablissement. Die Haare hängen ihr strähnig in das von einer kurzen Nacht gezeichnete Gesicht. Im Mundwinkel hängt eine Zigarette. Sie fixiert einen 15 Jahre jüngeren Mann, der die Straße entlang geht, und versucht seine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Als ihr das misslingt, ruft sie ihm höhnisch hinterher "Junger Mann, lächeln, die Sonne scheint!".

Wie würde der Mann reagieren?
Würde er sich belästigt fühlen?
Würde er sich ärgern?
Würde er sich umdrehen und rufen "Alte Schabracke, lächel selber!"?
Würde er denken "Wenn das Scheinen der Sonne ein Grund ist zu lächeln, ist dann das Fehlen des Sonnenscheins ein Grund dafür nicht zu lächeln?"?
Würde er einfach weitergehen und in sich hineinlächeln?

Was würde mir am meisten imponieren?
Ich wählte die letzte Variante.

Donnerstag, 2. Oktober 2014

Idylle


                                          Heute in einem Park mitten in unserer Stadt.

Mittwoch, 1. Oktober 2014

Sonntag, 28. September 2014

Der Herbst lässt grüßen


Und die perfekte Musik für den romantischen Abend auf dem Fell vor Kaminfeuer? Mein Tipp: Adam Cohen mit seinem neuen Album "We go home".
Ja tatsächlich, er kann seine Abstammung nicht verleugnen. Leonard Cohen hat ja viele Frauenherzen gewärmt mit seinem Sprechgesang. Sein Sohn kann das auch.
Und nein, wir haben noch immer keinen Kamin, dafür aber heute die Heizsaison eröffnet. Und mit einer Tasse Tee vor dem warmen Rippenkörper ist es nicht ganz so romantisch, aber auch okay.
Haltet euch warm!

Freitag, 12. September 2014

Kontaktabbruch

Ich habe auf meinem Blog viele Aufrufe zum Thema Kontaktabbruch zwischen verlassenen Eltern und verlassenden Kindern.
Das sind die Themen, mit denen ich mein Blog startete.
Auch wenn ich heute nicht mehr so viel in Foren und Blogs unterwegs bin, die sich mit diesen Themen befassen, sondern mir gerne zwischendurch schöne Bilder auf Lifestyleblogs anschaue, ist dieses Thema doch eines meiner großen Lebensthemen.
Es gibt viele Gründe warum Leute schreiben.
So langsam gestehe ich mir ein, dass mein Schreiben unter "Therapeutisches Schreiben" fällt. Warum nicht? Auch ich erfülle Klischees.
Mein therapeutisches Geschreibsel sammel ich auf einer Homepage, wo ich immer wieder versuche das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen und Beiträge zu Themengebieten zusammen zu fassen - Struktur in mein Blogmischmasch hineinzubringen.
Es ist viel Aufwand und ich mache es gerne.
Weil ich selbst so viele Hilfestellungen und Aha-Erlebnisse durch den Aufwand anderer Menschen erlebt habe, die viel Zeit und Energie in ihr Schreiben leg(t)en.
Alles hat zwei Seiten.
Das Gute am Internet liegt für mich darin, dass wir viele Informationen (kostenlos) zur Verfügung gestellt bekommen, weil viele Menschen sich die Mühe machen ihre Erkenntnisse und Analysen zu veröffentlichen. Diesen Menschen möchte ich heute danken.
Unter anderem waren sie es, die mich dazu inspirierten meine Beiträge nicht im Nirwana entschwinden zu lassen, sondern zu sammeln und zu aktualisieren.
Ich habe mal wieder aufgeräumt und wer sich vom Thema "Kontaktabbruch" angesprochen fühlt, findet erweiterte Informationen auf meiner Homepage unter "Traumatisierte Familien" und mehr Informationen, wie Bücher, links, Blogs, etc. unter "Mehr".

Mittwoch, 10. September 2014

Und bitte schau freundlich ...

Gestern schrieb ich über eine Form der Traumaweitergabe.

Ich selbst weiß, welche Auswirkungen Übergriffe solcher Art auf die Entwicklung der Sexualität und damit der allgemeinen Entwicklung von Mädchen haben. Die gesunde Entwicklung wird empfindlich gestört. Wer nicht darüber reden darf oder kann, hat auch nicht die Möglichkeit zur Verarbeitung. Um mit den Dingen fertig zu werden, erfolgen häufig Reinszenierungen des Leids. Unterbewusst möchte man mit der Inszenierung von Leid auf das eigene empfundene Leid aufmerksam machen und tut sich nur selbst weh. Die Reinszenierungen haben vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten. Sie können in der Fantasie stattfinden (auch Selbsttötung) oder in selbstverletzendes Verhalten jeglicher Art, von Essstörungen, Alkoholismus bis zum Ritzen, übergehen. Das Eingehen von missbräuchlichen Beziehungen und daran Festhalten bis hin zur Depression kann darunter fallen.

Lange Zeit fragte ich mich, warum mich meine Mutter nicht aus missbräuchlichen Verhältnissen und Umständen befreite, obwohl ich sie darum bat. Sehr spät wurde mir klar, dass sie eine Leidensgenossin aus mir machen wollte. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Dabei war es aber so, dass mein Leid nie an das ihre herankam. Egal, was mir passierte oder welchen Umständen ich mich dann später aussetzte, meine Mutter hatte immer eine Trumpfkarte in der Hand. Ich hätte also leiden können bis zur Selbstaufgabe und wäre im Leidenskonkurrenzkampf doch immer die Verliererin gewesen.

In einem der Seminare, die ich besuchte, fielen dann die magischen Worte, die mir halfen die Dinge zu durchschauen und mich daraus zu befreien. Nicht selten ist es so, dass Kinder aus gestörten Familien in ihrer Entwicklung sabotiert werden und sich später selbst sabotieren. Der Grund dafür ist Solidarität. Wir dürfen nicht größer werden als unsere Eltern, nicht stärker, nicht freier, nicht autonomer, nicht erfolgreicher. Der Satz "Meinen Kindern soll es mal besser gehen als mir" ist nicht selten eine leere Phrase. Mir ging es immer besser als meiner Mutter, da mein Leid einfach nie an ihres heranreichte. Was in einer gesunden Familie erfreut, kann in einer gestörten Familie nicht selten zu Neid oder Hass führen. Damit ist schwer umzugehen. Um ein akzeptiertes Glied im System zu bleiben, machen wir uns selbst kleiner und lassen das Versagen unserer Eltern dadurch noch als kleinen Erfolg erscheinen.

"Und bitte schau freundlich, wenn es mir besser geht als dir"

Diese Worte wird keiner verstehen, der aus einer gesunden Familie kommt, die seine Entwicklung wohlwollend unterstützt hat.
Diese Worte sind gedacht für diejenigen, die sich für ihre Eltern demütigen. Denen vermittelt wurde, dass sie nicht genug sind, aber auch ja nicht zu viel werden dürfen.

Probiert es aus.
Stellt euch dem Elternteil gegenüber (das muss nicht real sein, klappt genauso in der Vorstellung), das von euch fordert, dass auch eure Schulkarriere schnell beendet ist (du bist zu dumm), dass auch eure Beziehung den Bach runtergeht (du bist nicht liebenswert), dass auch ihr für einen Hungerlohn arbeitet (du hast nicht mehr verdient), dass auch ihr gemobbt werdet (wer will dich schon als Freund). Dass ihr an der Welt leidet (du bist einfach unfähig).
Es funktioniert.
Schaut euch selbst freundlich an, wenn es euch besser geht als euren Eltern.
Weil ihr klug, liebenswert, wertvoll, freundlich, fähig seid.
Es ist eine Aufgabe, die es gilt zu erfüllen.
Für euren Wachstum und den eurer Nachkommen.
Letztendlich wachsen auch die Eltern daran.

***
Dieser Beitrag ist Teil eines Themas, das ihr auf meiner Homepage unter "Traumatisierte Familien -Stricke lösen" findet.


Dienstag, 9. September 2014

Traumaweitergabe

Mit 11 Jahren bekam ich privaten Gitarrenunterricht bei einem älteren Mann. Als ich mich meiner Mutter anvertraute und ihr sagte, dass mich dieser Mann bei der Begrüßung und beim Abschied immer ganz fest umarmt und komisch anfässt, bezichtigte sie mich der Lüge.
Im Bekanntenkreis meiner Eltern gab es ein kinderloses Ehepaar. Der Mann rühmte sich dafür, dass er sich prächtig mit der Jugend verstehen würde. Immer wenn sie zu Besuch waren, kam er irgendwann auf mein Zimmer, wo er mir seine Weltanschauung präsentierte, während er ununterbrochen auf meine Brüste starrte. Ich war damals 14 und als ich meine Eltern darum bat, dass sie ihn von seinen Besuchen auf meinem Zimmer abhalten sollten, meinte meine Mutter, dass ich mir das alles nur einbilde.
Der Vater meiner damaligen besten Freundin startete einen sexuellen Übergriff auf mich, als ich 15 war. Ich hatte Angst vor einer Vergewaltigung. Diesmal behielt ich den Vorfall für mich und brach schweigend den Kontakt zur Freundin ab.
Als mich Jahre später meine Mutter fragte, warum die Freundschaft damals so abrupt endete, erzählte ich ihr den Vorfall. Ihre Reaktion darauf war "Was meinst du, was mir alles widerfahren ist? Ich war Freiwild!"

Schulbusfahrer wegen Missbrauch verurteilt
Ein Busfahrer hat seine Stellung ausgenutzt und Schülerinnen sexuell missbraucht. Erst nach einem Jahr wurde er angezeigt. Jetzt folgt das Urteil.

Passau. Das Landgericht Passau hat einen Schulbusfahrer wegen sexueller Übergriffe auf Mädchen zu drei Jahren Haft verurteilt. „In diesem Bus waren die Mädchen für den Angeklagten Freiwild“, sagte der Richter Wolfgang Hainzlmayr am Freitag. Die Aussagen der minderjährigen Opfer seien glaubhaft. Verurteilt wurde der 36-jährige Angeklagte wegen Vergewaltigung und schweren sexuellen Missbrauchs von zwei Mädchen im Alter von 13 Jahren. Allerdings hatten auch mehrere andere Mädchen von Übergriffen des Mannes in dem Schulbus im Raum Grafenau (Kreis Freyung-Grafenau) zwischen Mai 2012 und Frühjahr 2013 berichtet.

Drei Mädchen hatten am letzten Schultag vor den Sommerferien 2013 der Vertrauenslehrerin von den Grenzüberschreitungen des Fahrers erzählt. Sie machten sich Sorge um jüngere Schwestern, die ab dem neuen Schuljahr mit dem Schulbus fahren mussten. „Sie wollten nur, dass das aufhört“, sagte Hainzlmayr. Den Opfern stehe Schmerzensgeld zu.

Die Verteidigung hatte auf Freispruch plädiert. Die Staatsanwaltschaft hatte drei Jahre und neun Monate Freiheitsstrafe gefordert. Die Frau des Angeklagten brach bei der Urteilsverkündung in Tränen aus. Der Mann selbst zeigte keine Reaktion.

Das Gericht blieb unter der Strafforderung der Staatsanwaltschaft. Der Richter begründete dies damit, dass der Angeklagte als Familienvater „besonders strafempfindlich ist. Er muss seine Frau und zwei Töchter im Stich lassen.“ Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Zeitungsnotiz vom 5. September 2014

Wo in dieser Geschichte tauchen die Mütter oder die Väter der missbrauchten Mädchen auf?

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Dieser Beitrag ist Teil eines Themas, das ihr auf meiner Homepage unter "Traumatisierte Familien - Stricke lösen" findet.



Montag, 1. September 2014

Von Basaren und unnütz Schönem

Ich möchte heute mal ein bisschen Werbung machen.
Warum?
Weil ich zu der Spezies gehöre, die einen ausgesprochenen Hang zu Dingen hat, die andere als unnütz bezeichnen würden, die aber mein Leben ungeheuer verschönern und bereichern. Dinge, die mir Freude machen.
Natürlich ist heutzutage das Onlineshoppen in, aber als ich kürzlich eine Bestellung bei einem der führenden Onlinunternehmen tätigte, habe ich sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Dort wird alles angeboten, was vorstellbar ist, aber es gibt weder eine Qualitätskontrolle bei den Anbietern, noch bei der Ware. Das Unternehmen versteht sich als Plattform, das Anbietern Raum gibt. Für mich hat die Korrespondenz zu einem Marketplace-Verkäufer Basarqualität entwickelt, als der die minderwertig verarbeitete Ware zuerst nicht zurücknehmen wollte und dann meinte, ich könne sie schon zurückschicken, aber auf meine Kosten (berechtigt nach den neuen Versandgesetzen) - nach Spanien, da sitzt er. Das Ganze kam in rudimentärem Deutsch und auch das große Bestellunternehmen konnte oder wollte mir nicht weiterhelfen, sondern hat mich immer nur an den Versender verwiesen. Das Geld für die Ware war sofort abgebucht, eine Rückerstattung hing von der Einwilligung des Verkäufers ab. Nun weiß ich, dass sich auf dem Marketplace seriöse neben unseriösen Anbietern tummeln und das große Unternehmen, das sich die Auszeichnung "kundenfreundlichstes Versandunternehmen" verdienen möchte, das erlangt, indem es kritische Rezensionen (zum Unternehmen) nicht veröffentlicht.
Eine ganz andere Erfahrung machte ich kürzlich in einem kleinen Laden in unserer Stadt. Schon lange bewunderte ich die Kissen in der Auslage und dann wurde mir mit einem freundlichen Lächeln das Angebot gemacht, zwei Kissen zur Auswahl mitzunehmen, um schauen zu können, welches farblich passt. Ohne Vorkasse. Und nun liegt dieses wunderschöne (Fair-trade)Kissen in meiner Meditationsecke und ich freue mich darüber, weil es auch noch mit diesem Lächeln verbunden ist.
Und deswegen möchte ich heute einmal Werbung machen für diese vielen, kleinen Läden in unseren Städten und Dörfern, die liebevoll von Inhabern betrieben werden und das Straßenbild und unser Leben bereichern. Unsere Stadt ohne diese Läden wäre für mich unvorstellbar trist und ich danke diesen Menschen, die den Mut haben, in Zeiten riesiger Onlineunternehmen mit viel Aufwand Zauber in die Gassen zu bringen.

Ach übrigens, falls euch das Kissen oder die marokkanischen Teelichthalter im Hintergrund gefallen - das alles und noch viel mehr findet ihr unter Zeitgeist Living & Deco.
Und falls ihr nicht in der Gegend wohnen solltet, pssssst, es gibt einen Onlineshop!

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Dieser Beitrag und andere sind auf meiner Homepage unter "1 % Kampagne" zu finden. Mach mit! Ich freue mich über Gastbeiträge zu allem, was unser Leben reicher, schöner, leichter macht.

Sonntag, 31. August 2014

Sommerimpression

Warum hört der Sommer Mitte August auf, während wir alle denken, dass mit Beginn der Sommerferien der Sommer erst beginnt? Eine Runde Mitleid für alle daheimgebliebenen Schulkinder und für alle anderen finde ich es auch schade. Da bleibt nur die Erinnerung an wärmere Zeiten und das Auspacken von allen verfügbaren Kerzen.


Freitag, 29. August 2014

Montag, 25. August 2014

Altenheime

Kennt ihr diese Plazas in südlichen Dörfern? Ein Platz mit Platanen, umringt von Kafenions, in deren Schatten Cafe getrunken und Tavli gespielt wird? Dort versammeln sich gerne die alten Männer des Dorfes, politisieren, streiten, spielen. An solch einem Ort waren wir dieses Jahr. Im Landesinneren gelegen, die Jugend ausgewandert um Geld zu verdienen. Der kleine Hauptplatz, an dem keiner vorbeikommt, der in den Ort möchte, wurde bevölkert von acht alten Männern, die nebeneinander auf einer Bank saßen. Wir setzten uns in das Cafe gegenüber und beobachteten sie, so wie sie uns beobachteten. Sie diskutierten lautstark und gestikulierend, stritten sich, gingen auseinander und kamen wieder zusammen. Unser Spitzname für sie war "das Altenheim".
Das griechische Altenheim gefiel mir besser als die Altenheime, die ich bisher in unserer Stadt besucht habe. Bisher ...

Heute verbrachten wir seit langer Zeit wieder einmal unsere Mittagspause im wunderschönen Botanischen Garten.
Dort gibt es ein Seerosenbecken und das zieht mich magisch an.
Auf einer der Bänke, die um das Becken stehen, saß ein altes Paar. Der Mann war leicht zusammengesunken und schlummerte selig an der Schulter seiner Frau. Dieses Bild zog mich in seinen Bann und ich musste mich umdrehen. Mein Lächeln spiegelte sich auf dem Gesicht der Frau. Unser Lächeln traf sich und ihres sagte, dass sie sich ganz ruhig verhält um seinen Schlaf nicht zu stören. Es war ein warmes, freundliches Lächeln.

Auf einem Klappstuhl saß ein älterer Herr mit einer Wasserflasche. Er beobachtete wie wir uns über einen Frosch amüsierten, der zwischen zwei Seerosenblätter schlüpfte und nur seinen Kopf mit den goldenen Augen zeigte. Der Herr stand auf und sprach uns an. Unter all den Seerosen gibt es eine wirkliche Besonderheit. Er erklärte uns das Zentrale System der Wasserpflanze, die alles steuert. Heute war das System sichtbar und man konnte die Stränge sehen, die mit den Blättern verbunden waren. Er meinte, dass er diese Pflanze in Brasilien in natura gesehen hat und dass sie genau weiß, wo sie ein neues Blatt "hinschicken" kann. Und dass die Blüte über Nacht aufgegangen ist und nur einen einzigen Tag blüht. Wir hatten also Glück heute eine dieser Blüten bestaunen zu dürfen. Der Herr wirkte ein bisschen einsam und sagte, dass er jeden Tag mit dem Rad in den Garten fährt, weil er nur noch unter Schmerzen laufen kann. Im Garten setzt er sich auf einen Stuhl und nimmt auf, was ihm in seiner Wohnung fehlt. Mein letztes Stück Mandelkuchen nahm er dankbar und erfreut an.
Heute ist ein schöner Tag!




Donnerstag, 21. August 2014

Abschied von einem Freund

Er sieht fast aus wie eine Palme vor Strandbungalows.

Aber es ist die Fichte, die ich viele Jahre von unserem Schlafzimmerfenster aus gesehen habe. Es ist der Baum, an dessen Zweige ich im Winter sehen konnte, ob es geschneit hat. Jedes Jahr im März weckte mich um 5 Uhr morgens einer der zurückgekehrten Singvögel mit einem Lied. Im Jahr unseres Einzugs schaute ich zu ihm auf, wenn ich nachts auf der Eingangstreppe sitzend meine Gute-Nacht-Zigarette rauchte.
Fast jedes Haus in unserer Straße wird von einem Riesen dieser Art bewacht. Vor 2 Wochen gab es einen heftigen Sturm. Der Wald hinter unserem Haus war gerade frisch aufgeräumt, als der Wind die Bäume wie Mikadostäbe durcheinanderwarf. Die halbstündige Joggingrunde wurde zu einem zweistündigen Abenteuer. Es gab keinen Weg mehr, nur noch kreuz- und querliegende Bäume, auf denen wir balancierten, dazwischen kleine Sümpfe, in denen sich das Wasser gesammelt hatte.
Vielleicht sieht man den Bewacher nun nicht mehr als Beschützer, sondern als Gefahr. Es wird nur noch 1- oder 2 Stunden dauern, dann hat unsere Straße einen Riesen weniger. Und ich einen Freund.
Danke für das vielfältige Leben, das du beherbergt hast und deine Freundschaft über all die Jahre, Baum!
Comes a time

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Dienstag, 12. August 2014

Die Bilderbuchoma und der Willy

Als ich noch Schülerin war, besuchte ich mit dem damaligen Prinzen sehr gerne die Bilderbuchoma.
Sie wohnte im Altmühltal. In einem großen, alten Haus, drumherum ein Garten mit Walnuss- und Apfelbaum, daneben ein Spargelfeld.
Die Bilderbuchoma kochte mir zur Begrüßung immer mein Lieblingsgericht, damals Grillhähnchen und sie zeigte mir wie man Apfelstrudel macht. Zur Spargelzeit mussten wir sehr früh aufstehen, um den Spargel zu stechen. Im Herbst saßen wir in der geräumigen, gekachelten Küche und pulten die Walnüsse aus ihrer Schale. Dazu lief der Klassikradiosender.
Abends schaute sie die Tagesschau. Ich saß immer ein bisschen hinter ihr, so konnte ich beobachten, wie sie sich fürchterlich aufregte. Wild gestikulierend beschimpfte sie alle Politiker. Danach erholte sie sich bei einem Gläschen Schnaps und einer Zigarre. So sehr sie sich über die Nachrichten aufregen konnte, so ruhig wurde sie beim Paffen. Wenn die Zigarre alle war, spielten wir Stadt-Land-Fluss oder Wörter zerdeppern. Das ist gut fürs Hirn, meinte sie.
Das Arbeitszimmer der Bilderbuchoma bestand aus Echt-Biedermeier, aber ihr Wohnzimmer war ein Sammelsurium aller Stilepochen, die sie durchlebt hatte. Ich liebte dieses Zimmer.
Wenn die Bilderbuchoma jemanden nicht mochte, und da gab es schon einige, konnte sie sehr gereizt reagieren. Glücklicherweise mochte sie mich und ich verehrte sie zutiefst.
Jedes ihrer Enkelkinder hatte ein eigenes Zimmer im großen Haus. Sie durften sich die Farbe für die Wände und die Möbel aussuchen. Da gab es ein gelb-blaues, ein grün-blaues und ein rot-braunes Zimmer. Ich wohnte am liebsten im rot-braunen Zimmer unter dem Dach. Vom kleinen Fenster blickte ich auf das gegenüberliegende Sägewerk, das sie mit ihrem Mann bis zu seinem Tod betrieben hatte. Ich liebte es am Fenster zu stehen und den Geruch von frisch gesägtem Holz einzusaugen, während mir der Philosophenprinz aus einem seiner vielen Bücher vorlas.
Der Prinz und ich warfen uns gerne verbotenerweise in die Sägespänekammer. Das war nicht ungefährlich, denn man konnte leicht am feinen Staub ersticken.
Bei der Bilderbuchoma durfte ich so oft und so lange baden wie ich wollte. Sie hatte ein geräumiges Bad mit einer großen Wanne und einem Diwan. Ich liebte es mich nach dem Bad mit ihrer Körperlotion einzucremen und so ihren Duft an mir zu tragen. Manchmal wickelte ich mich in ihren Bademantel, legte mich auf den Diwan und paffte eine imaginäre Zigarre.
Einmal zeigte sie mir ein Fotoalbum. Auf einem Foto stand sie da, mondän im dicken Pelzmantel und ondolierten Locken, daneben ihr stattlicher Mann. Sie erzählte mir, dass sie desöfteren gerne und ausgiebig in Gesellschaft feierten. Den Tag darauf tranken sie dann nur Milch. Gegen den Kater und für die Linie.
In der Umgebung gab es eine Kneipe mit Kleinkunstbühne. Der Prinz und ich tranken dort ganz gerne mal ein Bier. Eines abends trat dort der Münchner Stadtindianer Willy Michl auf. Willy war und ist ein Unikum. Er zählte zu den Liedermachern. Auf der LP, die der Prinz und ich uns teilten, hatte mein Lieblingslied folgenden Refrain:

Sitz di her,
sei mei Freind,
und trink mit mia aus oam Kruag,
und erzäj und verzäj,
wos't scho warst, auf der Wejt.

Diese Worte begleiten mich noch immer. Sie tauchen auf, wenn es an der Zeit ist sich auszuruhen, wenn ich eine Bank sehe, wenn ich mit einem Bierkrug anstoße, wenn mich ein Mensch und seine Geschichte interessieren.

Sitz di her, sei mei Freind  und trink mit mia aus oam Kruag ....


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Montag, 11. August 2014

Was wenn es die richtige Frau oder den richtigen Mann gar nicht gibt?

Es gibt Workshops, die da heißen "Man for a day".
Frauen in Männerkleidung üben sich in männlichen Verhaltensweisen. Das kann man auch als Mann machen und das Ganze findet man unter dem Begriff "Crossdressing".
Die Zeitschrift Chrismon veröffentlicht in ihrer Augustausgabe die Selbsterfahrung einer Journalistin mit dem Titel "Mann, tut das gut".
Frauen wollen mehr Verhaltensmöglichkeiten. Das ist die Hauptmotivation für den Besuch eines solchen Workshops.
Zur Vorbereitung sollen Frauen Männern folgen und sie beobachten, sagt Kursleiterin Diane Torr. Und das ist kein Problem. Männer merken das nicht, sie fühlen sich unbeobachtet.
Eine der Teilnehmerinnen fühlt sich ständig beobachtet. Und bewertet. Sie hat die öffentlichen Männerkommentare (Du bist aber eine süße Maus) satt und möchte endlich mal ungestört durch die Stadt gehen. Eine andere Kursteilnehmerin wandelt sich von der unsicheren Frau zum männlichen Arschloch und genießt es. Dinge, die "richtige" Männer keinesfalls tun sind: ständig lächeln, immer nett sein, auf der Stuhlkante sitzen, sich schmal machen, die Stimme am Satzende heben, so dass der Satz wie eine Frage klingt.
Miriam, das männliche Arschloch sagt:
Als Frau bin ich immer nett, immer auf andere bezogen, immer "Wie geht es dir?". Als Arschloch ist mir das egal.
Als ich den Artikel mit den Aufgaben, die den Frauen gestellt wurden, durchgelesen hatte, wurde mir klar, dass ich die letzten Jahre nichts anderes gemacht habe als zwei- bis dreimal die Woche "Man for 90 minutes" zu trainieren. Ich übte meinen Platz einzunehmen, mit einem festen Schritt, einer sicheren Körpersprache und einer klaren Absicht.
Mit Anfang 40 verliebte ich mich noch einmal leidenschaftlich. In den Uechi-Ryu-Karate-Do. Das ist kein Mann mit einem exotischen Namen, sondern ein Kampfkunststil.
Ein argentinischer Lehrer erklärte uns auf einem Seminar, wie Männer und Frauen aufgrund ihrer Körpersprache unterschiedlich praktizieren.
Seid ihr in einem Flugzeug schon einmal auf dem Mittelsitz zwischen zwei "richtigen" Männern gesessen? Und habt ihr miterlebt, wie ihre Beine aufklappen, wenn sie einschlafen? Wenn sie nicht vorher bereits breitbeinigst dagesessen sind, die Arme mit der größten Selbstverständlichkeit auf beiden Armlehnen. Und was macht Frau? Wir machen uns klein und schmal, versuchen möglichst jeglichen Körperkontakt zu vermeiden. Es würde uns nie einfallen um die Armlehnen zu "kämpfen", geschweige denn uns so breitbeinig hinzusetzen, dass die Männer sich schmal machen müssen. Warum?
Weil "richtige" Männer ihr Geschlecht präsentieren, während wir Frauen versuchen es zu schützen, indem wir die Beine übereinander schlagen. Wir sind es nicht gewohnt Raum einnehmen zu dürfen. Wir pinkeln nicht im Stehen an Bäume oder in freie Landschaften um unser Territorium zu markieren. Wir ducken uns.
So wie die Teilnehmerinnen des Workshops, ausgestattet mit männlichen Merkmalen, den Mann inszenierten, den sie für sich ausgedacht haben, so bin ich mit dem Anziehen meines Gis in eine Rolle geschlüpft. Auf der Matte musste ich nicht mehr lächeln oder nett sein. Es galt das "Budo-Smile" - heruntergezogene Mundwinkel. Auf der Matte durfte ich endlich mal meine Gesichtszüge fallen lassen und meine "Kampfsau" bekam Ausgang. Genehmigten Ausgang. Im Gi stand ich plötzlich breitbeinig da und fühlte mich wunderbar geerdet. Die Bewegungen einer "richtigen" Frau sind langsam. Damit vermeidet sie es bedrohlich zu wirken. Auf der Matte durfte ich schnelle, explosive Bewegungen trainieren. "Richtige" Frauen tragen hohe Schuhe. Das lässt die Beine länger wirken, macht ein knackiges Gesäß und hilflos. Diese verlängerten Beine auf hohen Absätzen können weder weglaufen noch zutreten. Ich liebte es zu treten, reintreten zu dürfen. Ich liebte es all diese Dinge zu tun, die ich nie tun durfte. All diese Dinge, die meinem "Geschlecht" widersprachen. All diese Dinge, die  keinesfalls dieser ewigen Inszenierung der Weiblichkeit dienten. Ich durfte zwei- bis dreimal die Woche "Mann" spielen.
Aber irgendwann fehlte etwas. Bei all dem Mannspielen wurde mir mehr und mehr klar, dass das nicht alles ist. Diese Inszenierung des "männlichen Kampfes" wurde irgendwann genau so öde wie die Inszenierung der stilisierten Weiblichkeit. Es fühlte sich genau so unfrei an.
Fazit einer der Workshopteilnehmerinnen von "Man for a day", was ihr "Mannsein" betrifft und die Kehrseite von männlicher "Präsenz", die sich darin zeigt, dass einem die Leute Platz machen und ausweichen:
Ich hatte naiv erwartet, ich würde mich frei fühlen, stattdessen fühlte ich mich eher depressiv. Natürlich, nach außen gab ich vor: Ich hab alles im Griff, mein Easy Rider steht draußen vor der Tür, meine Freundin wartet auf mich. Aber ich war wie gefangen in mir selbst. Wie in einem Kokon. Nicht lächeln, nicht zwinkern, das fehlte mir. Mein ganzer Körper war so verschlossen.
Die Frauen fühlten sich begrenzt. Männer haben laut Professor Hirschauer, Geschlechtersoziologe, im Schnitt noch immer ein höheres Einkommen, vermutlich noch immer mehr Entscheidungsfreiheiten, aber weniger emotionale Freiheiten als Frauen:
Die Regeln für Männer sind doch genau so dumm und begrenzend wie die für Frauen.
Lautet ein anderes Fazit. Das Konzept der getrennten Geschlechterrollen ist ärmlich.
Frauen dürfen Frauensachen machen und noch dazu die Männersachen, die sie sich angeeignet haben. Männer dürfen nur Männersachen machen.
Sagt Stephanie Weber, Sozial- und Geschlechterpädagogin, die mit männlichen Studenten den Versuch wagte "Frauensachen" zu machen. Als diese in der Bahn Menschen anlächelten, nicht flirtend, sondern freundlich, kam folgender Kommentar "Wenn du nicht sofort aufhörst, kriegst du eins in die Fresse".
Frau Weber war als Mann unterwegs und machte folgende einsame Erfahrung:
Die Männer guckten nur kurz, damit sie nicht als schwul gelten. Und die Frauen guckten nur kurz, damit ihr Blick nicht etwa Interesse signalisiert.
Warum haben wir diese Bilder davon, was einen "richtigen" Mann oder eine "richtige" Frau ausmacht? Haben wir nicht alle diesen männlichen und weiblichen Anteil in uns? Wenn das so ist, warum dürfen wir ihn nicht leben? Wozu haben wir es? Warum haben Frauen Spaß daran "männliche" Dinge auszuprobieren und bei Männern ist es "verpönt" Frauensachen zu tun? Hat "Männlichkeit" einen höheren Stellenwert? Warum wird Emotionalität nicht gefeiert? Warum ist "hart" so erstrebenswert und nicht "weich"? Gibt es noch immer Verbote?
Ich habe meinen Gi abgelegt und damit die Rolle. Das Mannseinspiel macht keinen Spaß mehr, weil von mir nun erwartet wird, dass ich breitbeinig dastehe, dass ich meinen Mann stehe. Jetzt, wo ich es gelernt habe, sehe ich aber keine Notwendigkeit mehr dazu. Oft wurde die Vermutung geäußert, dass ich das alles nur mache, weil ich mich von Männern bedroht fühle. Das stimmt aber nicht. Um ehrlich zu sein - ich habe mich in meinem Leben eher von großen Frauen eingeschüchtert als von Männern bedroht gefühlt. Ich habe als Kind schon gerne gerauft und meine körperliche Stärke an meinen Brüdern gemessen. Raufen hat Energien in mir frei gesetzt. 35 Jahre später habe ich das wieder für mich entdeckt. Als Kind konnte ich mich ganz gut gegen diese Bilder von dem, was "Mädchen" und was "Jungen" machen zur Wehr setzen. Als Kind war ich manchmal rotzig und unfreundlich. Mit dem Wachsen meiner Brüste wuchs auch etwas anderes. Die Frage "Was macht mich begehrenswert und was nicht?" Glücklicherweise trete ich nun in eine Lebensphase, in der die Dringlichkeit der Antwortfindung wieder rückläufig ist. Ich darf nun breitbeinig dastehen, aber auch die Beine übereinander schlagen. Ich darf nett und zugewandt sein, aber wenn ich das mal nicht sein will, darf ich auch rotzig und unfreundlich sein.
Die Sängerin Sinéad O'Connor ließ sich 2013 die Initialen des "letzten Mannes, der sie jemals wie Dreck behandelte" auf ihre Wangen tätowieren. Auf die Frage, warum sie das gemacht hat, antwortete sie unter anderem "Ich wollte mich enthübschen. Hübsch sein ist gefährlich". Da gibt es Frauen, die nichts anderes als hübsch sein wollen und eine, die es ist, rasiert sich eine Glatze und verunstaltet ihr Gesicht, weil sie es als gefährlich einstuft. In was für einer Welt leben wir? Welchem Bild jagen wir nach? Und wer gibt dieses Bild vor?
Was, wenn es dieses "richtig" gar nicht gibt? Wenn wir etwas nachjagen, das so nicht exisitiert? Wenn es weder "richtige" Frauen noch "richtige" Männer gibt?
Was wären wir ohne diese Bilder?
Wer wären wir ohne diese Bilder?
Was, wenn es diesen "geschlechtlichen Ausweiszwang" nicht mehr gäbe?

Mehr Infos zum Thema über Frauen und Männer, die ins andere Geschlecht schlüpfen hier.