Montag, 19. Mai 2014

Jeder kann ein kleiner Held sein

Nach dem Tod meines Vaters im September 2010 löste ich einige Haushalte auf. Darunter den bis dahin ruhenden Nachkriegshaushalt meiner Großeltern. Unter den Dokumenten fand ich ein Foto, auf dem ihr Haus mit riesigen Hakenkreuzflaggen geschmückt war. Das Foto sah aus wie ein Propagandabild. Mein Großvater war Malermeister mit Betrieb und die ganze Belegschaft stand mit der Familie auf der Straße. Obwohl ich bis zu meinem achten Lebensjahr in diesem 8-Parteienhaus aufwuchs, unter uns die Großeltern, neben uns der Bruder meines Vaters mit Familie und über uns die Schwester mit Mann, wurde so gut wie nie über den Krieg gesprochen. Ich wusste nur, dass mein Großvater nicht "in der Partei" war und sie ein großes Misstrauen allen Menschen gegenüber teilten, die nicht zur Kernfamilie gehörten. Die Großfamilie stritt gern und laut, nach außen hielt sie zusammen wie Pech und Schwefel.
Als ich meinen älteren Cousin auf das Foto ansprach, erzählte er mir, dass mein Großvater bedroht und gezwungen wurde die Flaggen aufzuhängen. Es gab eine weitere Geschichte, die mich besser verstehen ließ, warum meine Familie väterlicherseits so war, wie sie war.
Mein Großvater lieh einem Mann Geld und als er es beharrlich zurückforderte, wurde er eines nachts abgeholt, an einen "dunklen" Ort gebracht, gefoltert und einige Tage später wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Familie litt schreckliche Angst. Als er zurückkam, war er nicht mehr derselbe. Das Privatdarlehen wurde nicht mehr zurückgefordert und auch nicht zurückbezahlt. Der andere Mann hatte Kontakte zur Partei.
Die Familie litt Not. In der Wohnung meiner Großeltern war die Zeit stehengeblieben. Ich fand Geschirrtücher, die bis zur Unkenntlichkeit geflickt waren, jedes Fädchen wurde auf eine Spule aufgewickelt und mit einem Zettel versehen, wofür man es eventuell gebrauchen könnte. Es gab Fotos von ärztlichen Untersuchungen in Lagern in Afrika, wo mein Onkel stationiert war und Liebesbriefe an die Familie, ganz besonders an die Mutter, aus seiner amerikanischen Kriegsgefangenschaft.
Ich begann damals zu verstehen, warum weder mein Vater noch eines seiner drei Geschwister in der Lage war, diesen Haushalt aufzulösen. Er barg die Geschichte der Familie. Er war ein Geschichtsbuch aus Dingen. Eine Erinnerung, ein kleines Museum.

Heute früh beim Morgenkaffee sprach ich mit meinem Mann darüber, dass es heute keine Partei mehr braucht, die uns Menschen Angst einjagt. Wir haben die Geheimdienste, die jede noch so unscheinbar wirkende Information sammeln und speichern. Sollte ein Mensch unbequem werden, gießt man mittels Medien pikante Details aus, die dessen Ansehen, Würde, Glaubhaftigkeit untergraben. Man muss heutzutage keinen mehr in dunklen Löchern foltern um ihn mundtot zu machen. Er wird an den öffentlichen Pranger gestellt. Dank Fernsehen und Internet verbreitet sich die Nachricht von seinen Schandtaten rasant schnell und die Menschen, die den Mund immer nur dann aufmachen um zu verurteilen, verurteilen. Früher musste man einen Stein aufheben und den Menschen zum Ziel machen um ihn zu bestrafen. Je mehr Leute einen Stein warfen, desto berechtigter schien das eigene Handeln. Heutzutage braucht es nur das Öffnen des Kommentarfensters und (augenscheinlich) anonym darf Gift und Galle gespuckt werden. Die Spiele laufen virtuell. Die Macht obliegt den Medien. Daumen rauf oder Daumen runter?

Wahrscheinlich ist uns noch gar nicht bewusst, dass wir uns über alles, was wir sagen, alles, was wir tun und alles, was wir schreiben und verschicken, bewusst sein sollten. Jede noch so kleine Begebenheit aus unserem Leben, die wir vielleicht vergessen wollen, etwas, was wir heute anderes angehen würden, vielleicht sogar bereuen, ist Ursache einer Wirkung. Geheimdienste haben die Möglichkeit sie aus dem Privaten ins Öffentliche zu holen. Jesus sagte "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein". Heute geht es nicht mehr um Sünde, sondern um Interessen. Welcher Mensch hat keine dunklen Flecken in seinem Leben? Wären wir mehr unserem Gewissen verpflichtet als Interessen, auch Eigeninteresse, wären wir vielleicht weniger schnell mit Beurteilung oder Verurteilung. Vielleicht ist uns noch gar nicht bewusst, dass Köpfe rollen können, weil sie irgendwem unbequem geworden sind. Vielleicht rollen sie noch gar nicht, weil noch nicht genügend Informationen gesammelt sind. Vielleicht ist das nur eine Vision, vielleicht aber bereits Realität.

Wer, warum und wofür braucht so viele Informationen? Wissen ist Macht. Und man kann nie wissen ...  wann aus einem kleinen Rädchen ein größeres wird ...

Ich kenne sie gut, diese gesenkten Köpfe "Sei lieber still. Da kann man nichts machen. Wir können sowieso nichts ausrichten". Und etwas in mir wehrt sich. Ich riskiere nicht meine Existenz, indem ich diese kleinen Beiträge schreibe. Die Gedanken sind frei und in diesem Land herrscht doch Meinungsfreiheit. Ist doch so? Alle meine kleinen Beiträge laufen über die Vereinigten Staaten von Amerika, werden dort gesammelt und gespeichert. Schließlich verwende ich für mein Blog ein Layout von Google. Na und? Hat mein Geschreibsel irgendeine Wichtigkeit?
Was würde ich tun, wenn ich eine anonyme Nachricht erhalten würde, dass ich mein Geschreibsel einstellen soll oder in nächster Zeit etwas über mich veröffentlicht wird, was für mich sehr unangenehm werden könnte. War ich mir immer und zu jeder Zeit bewusst, dass alles, was ich in privaten E-Mails geschrieben habe, öffentlich ist? Dass alles, was ich für privat und intim gehalten habe, ans Licht gezerrt werden kann? Noch habe ich keine Angst.
Was würde ich tun, wenn jemand damit droht Dinge an die Öffentlichkeit zu bringen, die ich geschützt glaubte? Wie groß wäre meine Angst vor öffentlicher und privater Verurteilung? Vor Entwürdigung und Isolation? Wie wichtig wäre mir meine Meinung, wenn ich wüsste, dass sie -ausgesprochen- meine Existenz vernichten könnte?
Irgendwann werden wir wieder vor dieser Frage stehen. Die Geheimdienste haben eine größere Macht als jede Partei. Schließlich wissen sie ja auch alles über jedes Parteimitglied. Ist Angela Merkel frei? Wird sie bedroht, erpresst? Was weiß die NSA über sie, was ihr unangenehm sein könnte? Kann es sein, dass ein Politiker so weit geht sein Land zu verkaufen um seinen Ruf zu wahren? Was könnten wir über Frau Merkel lesen, wenn sie Bezug nehmen würde zu NSA, TTIP und vielen anderen brisanten Themen? Warum spricht sie alles gut, wo die Tatsachen doch dagegen sprechen? Sie möchte so gerne positiv in die Geschichtsbücher eingehen. Was denkt sie tun zu müssen, damit das geschieht? Wer ist in der Lage größer zu denken? Über das eigene Wohlergehen, das eigene schöne Leben, die eigene Existenz, die Rolle hinaus?

Statt uns schützen zu wollen, könnten wir die Geheimdienste mit Informationen fluten. Wenn sie alles von jedem wissen, ist keiner mehr angreifbar. Wenn wir wissen, dass sie auch alles von uns wissen, kann uns das, was über andere berichtet wird, kalt lassen. Wenn keiner mehr  hinhört und keiner mehr liest, was über andere berichtet wird, verlieren die gesammelten Informationen ihre Wirkung. Es ist immer die Nachfrage, die das Angebot bestimmt. Wir lernen aus Fehlern und könnten auf das schauen, was Heute ist, was Menschen aus der Vergangenheit entwickelt haben. Wir sollten sie sprechen lassen und nicht Medien oder Geheimdienste.

Jeder schreibt seine eigene Geschichte. Jeder entscheidet darüber, ob er aus der Angst heraus handeln will oder aus der Zivilcourage. Jeder entscheidet für sich wie weit er gehen will. Jeder kann ein kleiner Held in seiner Geschichte sein und etwas riskieren. Wenn nicht jeder von uns es im Kleinen tut, wird es auch nicht im Größeren passieren. Wer nicht vor sich selber die Erwartung erfüllt im Kleinen etwas Großes zu tun, kann auch nicht von anderen erwarten, dass sie im Großen das Kleine erfüllen. Es gibt keine großen Helden, wenn es keine kleinen gibt. Sei ein Held, bleib dir treu, lebe bewusst, überwinde deine Ängste. Wenn nicht du, wer dann?

Und zu all dem Ernst ein bisschen Spaß. Der passende Spruch zum Thema:
Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider.
Er nimmt jedes Mal neu Maß, wenn er mich trifft.          

George B. Shaw






Dienstag, 13. Mai 2014

Brennendes Wasser

Am 25. Mai entscheiden wir darüber, ob wir zukünftig gechlorte Hähnchen, wachstumhormonverseuchte Rippchen und Genmais auf unseren Tellern haben wollen. Wer zum Rotwein gerne ein Glas Leitungswasser trinkt, sollte darauf achten, die romantische Beleuchtung in Form von Kerzen zu löschen, bevor er den Wasserhahn aufdreht (zu sehen im 2Minuten-Wahlspot der Grünen / Ausschnitt aus dem Film "Gasland", der die Folgen von Fracking für das Grundwasser aufzeigt).

Die wenigsten von uns ahnen, um was es bei der Europawahl wirklich geht. Wenn das Transantlantische Freihandelsabkommen, genannt TTIP, durch ist, nennen das manche die Eintrittskarte zur Hölle. Welche Partei ist in dieser Sache wählbar? Wer überzeugt mit einem eindeutigen "Nein zu TTIP"? Darüber sollte sich jeder selbst Gedanken machen, denn es gibt keinen Weg zurück aus der Hölle und Unwissenheit schützt keinen. Für die Farce von Wirtschaftswachstum wird durch die Hintertür skrupellos verkauft, was wir bisher errungen haben (Arbeitsschutz, genfreie Nahrungsmittel, Umweltschutz, Artenschutz, Verbraucherschutz, Datenschutz und vieles mehr).

Wer sich für unsere Zukunft etwas mehr Zeit als zwei Minuten nehmen will, kann in diesem Beitrag von Lori Wallach (Leiterin der weltweit größten Verbraucherschutzorganisation Public Citizen's Global Trade Watch in Washington, D.C.: www.citizen.org.) sehr gut nachlesen, um was hinter verschlossenen Türen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt wird.

Montag, 12. Mai 2014

Friede sei mit mir und Friede sei mit dir

Acht Jahre lang praktizierte ich Kampfkunst.
Karate war für mich eine Offenbarung, da es mir die Möglichkeit gab, etwas in einen körperlichen Ausdruck zu bringen, was lange in mir war und nicht gezeigt, geschweige denn gelebt werden durfte. Ich besuchte jedes Seminar, auf dem ich willkommen war und beobachtete die Menschen beim Praktizieren. Die Seminare wurden ausschließlich von Männern geleitet, im Prüfungskomitee saßen Männer, die Einstellung ist männlich.
Für mich war Karate immer ein Hilfsmittel für das Leben in der Wirklichkeit. Was ich für mich suchte, war das Ende des in mir tobenden Kampfes, hin zum inneren Frieden. Unter diesem Aspekt beobachtete ich meine Mitstreiter. Kämpfen sie gegeneinander oder miteinander?

Karate ist eine Lebenseinstellung, die nicht nur auf der Matte, sondern im gesamten Leben praktiziert wird. Werte wie Respekt, Dankbarkeit, Kameradschaftlichkeit, Friedlichkeit und das Erlernen von Selbstkontrolle führen über den Karate-Do zur Persönlichkeitsbildung. Im Karate gibt es keine Kritik, sondern Korrektur. Korrekturen geben dir die Möglichkeit dich zu verbessern. Die Bereitschaft zur ständigen Arbeit an sich selbst sollte nicht nur auf der Matte stattfinden, sondern auch im Alltagsleben. Sein Karate zu verbessern heißt sich selbst zu verbessern.

Ich habe gute Lehrer auf der Matte gesehen, technisch nahezu perfekt, überzeugend in der Auslegung der Karatephilosophie. Auf der Matte inspirierend und motivierend. Im wahren Leben aber steht dann oft wieder Ego und Profit im Vordergrund - Geld, Ansehen, Macht, das eigene Ich. Die Erkenntnis wird dem Ego geopfert und schafft es nicht in die wahre Verwirklichung. Korrekturen, die auf der Matte als Möglichkeit zur Verbesserung eingefordert werden, werden im wahren Leben als Angriff gesehen und ausgeschlagen oder ignoriert. Der Karate-Spirit wird nicht gelebt. Gäbe es im Leben Graduierungen, wer würde den 10. Dan im Menschsein erreichen?

Vor zwei Wochen fasste ich den Entschluss, mich aus dem Dojoleben zurückzuziehen. Die Auseinandersetzung zweier Lehrer, in der die Entwicklung von Friede und Milde im Herzen gefordert wurde, ohne Bereitschaft sie im eigenen Herzen zu entwickeln, brachte auch mich in Aufruhr. Um wahren Frieden und Milde in meinem eigenen Herzen entwickeln zu können, verlasse ich die Kampfschauplätze anderer.
Voller Dankbarkeit für alles, was mir gegeben wurde und woran ich als Karateka, als Mensch und auch als Frau wachsen durfte.

Am Samstag begegnete ich an einem völlig anderen Schauplatz einem Menschen, der sein Ego und den kleinen persönlichen Profit hinter sich gelassen hat. Angstfrei spricht er von Erkenntnis und einem Experiment, das sich zu einem Lebensmodell entwickelte. Friedlich nimmt er Provokation und Unterstellung. Lässt Bedenkenträgerei und Angriffslust bei denen, die sie hervorbringen. Und kommt immer wieder zurück zum Großen Ganzen und der Sache, der er sich widmet.
Raphael Fellmer, der Lebensmittelretter und Konsumverweigerer, spricht über sein Leben ohne Geld. Sind wir alle noch im Mangeldenken und haben nie genug, spricht er davon, dass alles in Hülle und Fülle da ist, mehr als genug. Raphael reist zur Zeit durch Deutschland, sei es als Botschafter für "foodsharing" oder als Buchautor. Man mag über ihn denken, was man will.
Außerhalb von irgendeiner Schule, sei es Seminarschule oder Dojo, überzeugt er mich mit seinem Menschsein. Er lebt das, wovon er überzeugt ist, unbeirrt und friedlich, voller Vertrauen im Glauben an das Gute im Menschen. Er weiß um die Sackgasse, in die wir uns bewegen, um die Endlichkeit der Rohstoffe, unsere Gier, unsere Ängste, unsere Kleingeistigkeit. Und hat den Mut mit seiner Frau ein zweites Kind in die Welt zu setzen. In die Welt, die wir mit unserer Selbstentfremdung zu vernichten drohen. Das ist für mich das Zeichen eines Menschen, der zutiefst vertraut.
Dieser Mensch macht mir Mut. Nicht durch das, was er sagt, sondern durch das, was er tut und was er ist. Für mich ist Raphael Liebe, Vertrauen und Friede.

Es braucht keine Schulen und es braucht keine Lehrer mehr für mich, es braucht Menschen, die bereits sind, was andere noch lehren.

Es gibt keinen Weg zum Frieden. Frieden ist der Weg.
Mahatma Gandhi

Freitag, 9. Mai 2014

200. Beitrag: Vertrauen und Entschlossenheit

Für die Mutigen und die Ängstlichen mit einer Vision:
Too often we are entangled in short-sightedness. We need to adopt a more far-reaching view. We forget our basic human values. If we want to live in a better world, who do you think is going to bring it about? Only we human beings. Such change won’t come about if we wait for governments or the UN to take action, but if we take initiative as individuals. What we need is confidence and determination.
Dalai Lama

Mittwoch, 7. Mai 2014

Ich bin dann mal den Schatz finden ...


bescheidenes Angeben

Kürzlich las ich in einer Glosse, dass das altmodische Wort "Eigenlob" durch das neumodische Wort "humble-brag", was so viel wie "bescheidenes Angeben" bedeutet, ersetzt wurde. Wie soll das nun funktionieren? Bescheidenheit und Angeberei stehen ja ziemlich weit auseinander und wie kommen die zusammen? Hat sich früher jemand durch Eigenlob zum klasse Typ stilisiert, so braucht es heute schon einiger Kunstkniffe, um sich als geilen Typen darzustellen, ohne sich als geilen Typen darzustellen.

Hilfestellung leisten die Medien (altmodisch Puffmutter), denn alles ist käuflich.

Wer genug Geld investiert um sich "Freunde des Egos" (altmodisch Käufliche, Marktschreier, Schmeichler oder Huren) zu generieren, kauft sich die likes und damit das Image als "geiler Typ". Man muss sich nicht mehr selbst hinstellen und das "leider geil Image" propagieren, das besorgen die anderen. Man selbst lässt sich wie frühere Regenten durch die manipulierte Menge tragen, um mit einem bescheidenen Schulterzucken und huldvollem Lächeln die auf einen niederregnenden "leider geil Lobeshymnen" zu feiern.

So ist es bei Amazon nicht unüblich, dass Neuerscheinungen über zwei oder drei Seiten mit Lob überschüttet werden. Das gekaufte Lob geht nicht ins Detail (das Lesen der Bücher oder Hören der CDs ist nicht im Kaufpreis inbegriffen), sondern bleibt an der Oberfläche mit Worten wie "positiv überrascht" (jüngstes Beispiel ist die CD "Bei allem sowieso vielleicht" von Reinhold Beckmann). Diese Flut an positiv überraschten Rezensenten lockt Kaufwillige (das gemeine Volk) an. Leider gibt es da aber immer noch die anderen (Feinde). Die, die vielleicht negativ überrascht sind und das auch noch kund tun. Dann erfolgt eine Flut an ziemlich hässlichen und abwertenden Bemerkungen, die selten an der Oberfläche bleiben und oft ins schmerzhafte Detail gehen (Messer wetzen, angreifen und zustechen, gerne auch hinterrücks). Den seitenlangen 5 Sternen folgen nicht selten bei Amazon die seitenlangen 1 Sterne. Der Regent kann sich wehren oder schmollend zurückziehen.

Wer sich einer solch widersprüchlichen Kommunikation widmet und bescheiden angeben will, muss sich nicht wundern, wenn nach dem gekauften Lob der Shitstorm niederprasselt.
Ich bin gespannt, wann wir uns genug verdreht und verkünstelt haben, es durchschauen, uns langweilen und das alte Eigenlob und die alte Bescheidenheit einen Vintage-Boom auslösen, um uns in alten Kleidern neu interpretiert vorgeführt zu werden.

Vor vielen Jahren stand auf unserer Stadtmauer ein Graffiti "It´s always the same fucking game".

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Ein weiteres Beispiel für das Sternenspiel bei Amazon finden Sie unter Esoterik II: Robert Betz, Amazon und Authentizität

Montag, 5. Mai 2014

Brief einer Mutter an ihren Sohn


Lieber Sohn,

heute Morgen wurde mir klar, warum T. und seine Geschichte in meinem Leben sind. Es geht um Verrat. Verrat spielte eine große Rolle in meinem Leben. Ich wurde verraten und ich habe verraten. Deswegen kann ich Verrat erkennen. Andere würden Begebenheiten anders benennen, aber ich spüre das Gefühl, das mit Verrat einhergeht. Eine tiefe Gekränktheit, hervorgerufen durch einen Angriff auf die Integrität und die Würde eines Menschen.

Und mir wurde klar, dass der Verrat genau so gesehen werden möchte wie alle anderen Dinge auch. Wir versuchen das, was wir an Unheil angerichtet haben zu vertuschen, schön zu reden, zu verneinen, zu rechtfertigen. Das würden wir mit Dingen, die heilsam sind, nicht tun. Die Stärken werden beachtet, die Schwächen nicht.

Und deswegen möchte ich meinen Verrat an dir ansehen.
Das kann ich tun, da mein Gefühl zu dieser Zeit ähnlich dem deinigen war. Ich habe mich verraten gefühlt.
Was meine Aktion für dich bedeutet hat, kannst nur du abschätzen. Ich kann sagen, was damals  bei mir passiert ist. Du hast dich mir entzogen und ich habe den Zugang zu dir verloren. Das ist legitim und sogar notwendig für ein Kind, das in die Pubertät kommt. Obwohl ich es weiß, konnte ich nur schwer damit umgehen. Theorie und Praxis klaffen manchmal weit auseinander. Es fiel mir schwer dich frei zu setzen. Emotional frei zu setzen.
Ich war unfähig die Veränderung, die in und mit dir vorging, anzunehmen und habe dein Verhalten als Angriff gesehen. Manchmal hast du mir Einblicke in deine tiefe Seele gegeben, das hat mich erschüttert. Ich wollte nicht, dass du es schwer hast. Ich habe alles versucht zu tun, damit ihr es leicht habt. Zu sehen, dass ich als Mutter keinerlei Kontrolle darüber habe, ob du es dir leicht oder schwer machst, ob unter deinem scheinbar sonnigen Gemüt dunkle Schatten liegen, ob du eine Aufgabe gewählt hast, die für mich unerträglich ist, das hat mich verzweifelt fühlen lassen. Das alles steht nicht in meiner Macht. Was kann ich als Mutter ausrichten?
Ich wollte das alles so nicht und bin in die Ablehnung gegangen. So war das nicht gedacht, ich habe mich verraten gefühlt. Vom Leben verraten gefühlt, das mir einen Sohn geschenkt hat, der vielleicht einen schweren Weg gewählt hat. Ich bin doch nicht diesen schweren Weg gegangen, damit eines meiner Kinder es auch tut. Es soll besser und leichter werden. Keine Kontrolle darüber zu haben, das war schwer für mich zu akzeptieren.

Mein Verrat an dir bestand für mich darin, dass ich dir immer gesagt habe, dass ich dich so liebe wie du bist – egal, was du tust (außer jemanden umbringen, so habe ich das damals gesagt) und dann habe ich angefangen dich abzulehnen, weil sich etwas ganz anderes gezeigt hat, weil du schwierig für mich geworden bist und ich nicht damit umgehen konnte. Ich habe mich angegriffen gefühlt und habe dich in deiner Würde und in deinem Vertrauen angegriffen. Bedingungslose Liebe ist ein Ziel. Ich würde gerne so lieben.

Es tut mir von ganzem Herzen Leid, Sohn, dass ich dir in dieser schwierigen Zeit nicht das Gefühl geben konnte, dass ich dich liebe wie du bist, obwohl ich es dir immer versprochen habe. Ich habe mein Versprechen dir gegenüber gebrochen.

Heute, aus ein wenig Distanz heraus, kann ich dich besser sehen. Manches tut mir weh. Es sind die Dinge, die ich gelernt habe an mir selbst abzulehnen, weil es in dieser Welt nicht üblich ist den schweren Weg zu schätzen. Wenn ich es geschafft habe für mich selbst zu akzeptieren und mit Wohlwollen zu betrachten, dass ich einen schwereren Weg gewählt habe und das gut so ist, dann werde ich auch dich voll und ganz akzeptieren können.

Ich respektiere dich in dem, was du tust. Ich sehe, dass du es dir nicht leicht machst. Ich finde das ist ein guter Weg. Heute – Jetzt – kann ich das so sehen. Danke.

Durch dich kann ich sehen und verstehen, dass meine Mutter sich ähnlich enttäuscht, gekränkt und verraten gefühlt hat wie ich. Das Leben hat ihr nicht die Tochter geschenkt, die sie wollte. Ihre Erziehung hat mich nicht zu dem Wesen gemacht, das ihr gut tut. Sie hat das nicht dem Leben zugeschrieben, sondern mir. Und vielleicht kann sie die Chance nicht sehen, die in den Kindern liegt, die uns so ähnlich sind. Vielleicht habe auch ich eine Zeit lang so gedacht. Die Dinge schließen sich immer zum Kreis, bis wir es schaffen auszutreten. Das Leben hat mir den Sohn geschenkt, den ich brauche. Denn du lässt mich verstehen. Du bringst mir Frieden.
Das Leben meint es immer gut mit uns.

Deine Mutter

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Dieser Beitrag ist Teil eines Prozesses, den Sie auf meiner Website unter "Verlassene Eltern und Kinder -Traumatisierte Familien" finden.