Freitag, 28. November 2014

Deutsche Freiheit: SUV und Kreuzfahrt

In den Jahren, in denen ich Kampfkunst praktizierte, habe ich eine Sache erkannt: Freiheit hängt nicht von äußeren Dingen ab, sondern ist ein Zustand im Inneren. All das, was uns im Westen als Freiheit verkauft wird, sind lediglich Scheinfreiheiten.

Als ich jung war, bedeutete Freiheit ein eigenes Auto, in dem ich so laut Musik hören konnte wie ich wollte und mit heruntergekurbeltem Fenster den Sommer einsog oder die Autobahn entlangbretterte. Die Freiheit hörte in dem Moment auf, in dem mir ein anderer Autofahrer hinten auffuhr und meine Freiheitskiste in einen Totalschaden transformierte.
Später klapperte ich die Strände auf der Suche nach Freiheit ab. Im Herbst 1989 befand ich mich an einem Inselstrand, der in einem Hochglanzmagazin unter den Top Ten  der Strände mit den spektakulärsten Sonnenuntergängen an erster Stelle stand. Der Sonnenuntergang war tatsächlich eine Schau, der Strand ein Traum, die Menschen, die sich dort tummelten überwiegend gestrandet und ständig bekifft. Eines abends, nach einem wiederholt spektakulären Sonnenuntergang, schleppte ich Holz zum Strand und entzündete ein Feuer. All die Strandmenschen wurden angezogen und erzählten sich Geschichten von Freiheit und Abenteuer, während sie sich weiter zukifften. Bei mir wollte sich kein Gefühl von Freiheit einstellen. Im Gegenteil, die Situation bedrückte mich. Mir wurde klar, dass sich Freiheit nicht am Strand finden lässt.

Heute höre ich Geschichten von Menschen, die auf ein großes Schiff steigen, das einem Bienenstock ähnelt. Sie schlafen in einer der Waben und werden tagsüber zum Ausschwärmen an einen Inselstrand gekippt. Dort wälzen sie sich im warmen Gewässer, sammeln fleißig Souvenirs, die sie abends in ihre Waben tragen, begleitet von der "Großen Freiheit" des Grafen. An der Reling stehen, das Schiff legt ab, der Graf tönt aus den Lautsprechern, die Insel wird kleiner, das Meer scheint groß - Gänsehautfaktor. Ist das Freiheit?
Zu Hause angekommen, während sich noch der Schlüssel im Türschloss dreht, steigt ein Gefühl der Beklemmung auf. Ganz schnell, bereits beim Einatmen der seit Wochen angesammelten, abgestanden Luft und beim Anblick des Turms an Post und bedrucktem Papier, sind wir wieder angekommen im Mief des Alltags. Wieder gefangen in Sorgen und Problemen. Wir träumen uns weg zu Meeresrauschen und Salz auf unserer Haut. Das Gefühl von Freiheit macht süchtig. Wir huckeln uns durch den Alltag für den nächsten Fix. Je größer das Auto desto stärker das Freiheitsgefühl. Aus dem Käfer, der Ente oder dem Golf wird ein SUV (Sport Utility Vehicle oder auf deutsch Geländelimousine), aus dem griechischen Inselhüpfen ein Dschungelabenteuer in Südamerika, aus dem all-inklusive-Cluburlaub auf Malle ein all-inklusive-Kreuzfahrttrip durch die Karibik. Wem dient das?

Wahrhaftige Freiheit hat nichts zu tun mit Reisen oder der Größe eines Autos. Wahrhaftige Freiheit ist da, unabhängig von den Gegebenheiten. Freiheit hat etwas mit Frieden zu tun. Wer es geschafft hat Frieden in und mit sich selbst zu schließen, der ist wahrhaftig frei. Jemand kann eingesperrt sein in einem Gefängnis und sich frei fühlen, während sich jemand auf der anderen Seite der Mauer frei wähnt und doch gefangen ist. Wir arbeiten hart für Scheinfreiheiten, die uns zu süchtigen Abhängigen machen. Wir tun wenig für das, was uns wirklich befreien könnte - dem Loslassen von Vorwürfen, von Groll, von Hass, von Enttäuschung, Verzweiflung, Neid, Missachtung, Schuldzuweisung. Jeden Tag wird uns vorgeführt und gelehrt was Freiheit, Glück, Zufriedenheit bedeutet. Das richtige Deo, das uns anziehend macht, das wohlschmeckende Fertiggericht, das uns zugleich zu einer Traumfamilie im Traumhaus verhilft, die richtige Creme, mit der wir nicht altern, der richtige Turnschuh, der uns zu einem Sportass werden lässt. Wir brauchen all das um glücklich zu sein, um attraktiv zu sein, um anders zu sein, um besser zu sein, um zufrieden zu sein. Aber diese Art von Glück hat nichts mit Frieden zu tun und damit auch nichts mit Freiheit. Sie schürt Sucht und bedeutet das Gegenteil.
Wer wahrhaftig frei sein will, sollte nicht huckeln für Scheinfreiheiten, sondern an sich selbst arbeiten. An seiner eigenen Befreiung von allem, was ihn belastet. Am Abtragen der Mauer, die ihn umgibt und gefangen hält. Wir können uns nur selbst aus unseren Gefängnissen befreien. Wir können uns nur selbst in die Freiheit führen.

Montag, 24. November 2014

Zumutung

In einem der letzten Zeit-Magazine (Nr. 47) stellt sich die Journalistin Nicole Zepter die Frage "Bin ich wie meine Mutter?". Der Artikel beginnt mit "Unsere Autorin fragt sich, warum sie wiederholt, was ihr zu Hause vorgelebt wurde. Die Geschichte einer schonungslosen Selbsterforschung".

Nicole Zepter erfährt am 18. Geburtstag von ihrer Mutter, dass der Mann, den sie bis dahin für ihren Vater gehalten hat, nicht ihr leiblicher Vater ist. Sie verlässt das Elternhaus und zieht zu ihrem Freund in die Stadt. 15 Jahre lang hat sie so gut wie keinen Kontakt zur Mutter. Sie studiert und wird erwachsen. Sie trifft die Liebe ihres Lebens und wird schnell schwanger.
Und dann, mit Mitte dreißig, war ich auf dem besten Weg, so zu werden wie meine Mutter, wie die Frau, die mich jahrelang belogen hatte, die mir so fremd geworden war. Ich hatte mich in einer Beziehung verfangen, die mich hinunterzog. Ich hatte geglaubt, dieser Mann sei die Liebe meines Lebens. Wie meine Mutter es von meinem Vater geglaubt  hatte, zu dem sie dann nach meiner Geburt jede Verbindung abgebrochen hat, den sie totgeschwiegen hat. Ich wurde, wie sie, nach nur wenigen Monaten schwanger: ein Wunschkind. So wie ich es auch gewesen war? Wie meine Mutter setzte ich alle Hoffnungen in diese Beziehung. Um mich dann doch nur in Streitereien zu verlieren, in Lügen und Verzweiflung. Wie meine Mutter machte ich mich klein. Innerhalb weniger Monate hatte ich mein Selbstbewusstsein verloren. Ich erkannte mich nicht wieder. Meine Beziehung zerbrach.
Als ich schließlich mein Baby in den Armen halte und daran denke, den Kontakt zum Kindsvater völlig einzustellen, wird mir all das erst richtig klar: Ich verhalte mich wie Mama. Ich bin wie sie. Ich habe ihre Rolle eingenommen. Und ich frage mich. Warum? Und: Wie komme ich da raus?
Heute glaubt man in der Regel nicht mehr an Schicksal. Das widerspräche der Vernunft, dem freien Willen des Menschen. Doch in diesem Moment fühlte sich mein Leben plötzlich an wie Schicksal. Natürlich wusste ich, dass es Muster gibt, in die wir verfallen und die automatisierte Reaktionen hervorrufen. Ich wusste, dass meine Eltern meinen Blick auf Männer und Frauen stark prägen. Aber ich wusste auch, dass ich ein selbstständig denkender und handelnder Mensch bin. Und ich dachte, ich hätte alles getan, um ein schönes Leben zu haben. Es klingt vermessen, das zu sagen, aber sogar: ein besseres Leben. Sagt man nicht, dass es die Kinder einmal besser haben sollen? Ich dachte ich mache es besser als meine Mutter. Und dann fand ich mich plötzlich in einer fast identischen Situation wieder. Ich fühlte mich wie die Marionette meiner Prägung.
Nicole Zepter beginnt eine systemische Therapie, die zwei Jahre dauern soll. Vor dem erstellten Familienbaum, der die väterliche sowie die mütterliche Linie aufzeigt, wird die Frage gestellt: Welche Themen tauchen immer wieder auf? Gab es Familiengeschichten, die immer wieder erzählt wurden? Der Kontakt zur Mutter wird enger, ihre Geschichte will erzählt und verstanden werden. Die Therapeutin fragt:
Wenn Sie jetzt sehen, dass Ihre Mutter damals ähnlich gehandelt hat und sich einen ähnlichen Mann gesucht hat, aus welchem eigenen Gewohnheitsverhalten ist dies entstanden?
Nicole Zepters Erkenntnis:
Was ich über Männer gelernt habe, habe ich von meinem Stiefvater gelernt. Dem Mann, mit dem ich aufgewachsen bin. Er war autoritär und unsicher. Er wusste, wie er mich vor meinen Freunden demütigen konnte. Meine Mutter hat sich Männer gesucht, die sie kleinmachten und dadurch selbst größer wurden.
Wenn meine Mutter von ihrem eigenen Vater erzählt, dann klingt es, als spräche sie von einem entfernten Verwandten. Ich kannte ihn als interessierten, wachen Opa. Doch sie sitzt vor mir und sagt nüchtern: "Opa war autoritär. Er schrie und schlug zu."
Die Mutter hatte einen Vater, der kleinmachte und suchte sich einen Mann, der kleinmachte, so wie die Tochter an einen Mann geriet, der es verstand sie klein zu machen. Die Männer versagten, wenn es um Nähe ging. Die Tochter wiederholt das Muster der Mutter.
In der Therapie sehe ich mich zum ersten Mal inmitten meiner Familie und denke: Obwohl ich mich so weit von meiner Mutter entfernt habe - ich habe studiert, bin in die Großstadt gezogen, gereist -, blieb ich doch in meinem Inneren, mit meinen Wünschen und Ängsten, die sich alle nun in dieser Wiederholung zeigen, ganz nah bei ihr. Auf der gesellschaftlichen Ebene sind Frauen scheinbar emanzipiert. Doch hier, im Individuellen, merke ich, die nach Außen hin immer selbstständig war: Der Weg ist weiter als ich dachte.
Der systemische Familientherapeut Helm Stierlin verwendet hierfür den Begriff "bezogene Individuation". Wer sich auf jemanden bezieht, obwohl er ihn ablehnt, ist immer noch abhängig von ihm.
Die Familie, das lerne ich in vielen Theapiesitzungen, hat eine sichtbare Macht über uns und eine unsichtbare. Sie ist das stärkste soziale Gefüge. Auch wenn wir sie ablehnen, richten wir uns nach ihr aus. Sie ist das Bezugssystem - auch wenn wir gegen sie opponieren.
Die Geschichte von Nicole Zepter nimmt einen guten Verlauf:
Zwei Jahre nachdem ich mit der Therapie begonnen habe, fahren meine Mutter, mein kleiner Sohn und ich zusammen in Urlaub. Es ist der Sommer 2013. Es geht mir viel besser. Ich fühle mich befreit von Bedürfnissen, die nicht meine waren. Ich habe das Gefühl, in wenigen Monaten um Jahre reifer geworden zu sein. Ich werde den Vater meines Kindes nicht verleugnen, die beiden sehen sich regelmäßig. Und ich genieße das Zusammensein mit meiner Mutter. Sie ist mir näher als jemals zu vor, vor allem auch deshalb, weil ich sie das erste Mal als Frau und nicht mehr nur als Mutter sehe.
Und doch lässt sie etwas nicht los:
Ich dachte immer, ich sei stärker als meine Mutter.
Auf die Antwort der Therapeutin:
Sie müssen ja nicht stärker sein.
erfolgt die befreiende Erkenntnis:
Das stimmt. Ich brauche es ja gar nicht zu sein. Ich bin gar nicht die, die ich zu sein dachte.
Die "bezogene Individuation" treffe ich zur Zeit gehäuft in meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Da gibt es einen Mann, dessen Vater die Familie frühzeitig verlassen hat. Der Vorsatz "Ich mache es besser als mein Vater" hat ihn zu einem liebevollen Vater werden lassen, der dann in der Midlife-Crisis ein Verhältnis mit einer jüngeren Frau anfängt, dessen Fokus ausschließlich auf sich selbst und seinen Bedürfnissen ruht und der mit einem Schlag alles zunichte macht, was er sich aufgebaut hat. So wie er sich vom Vater distanziert hat, der die Mutter und ihn im Stich ließ, so distanzieren sich seine Kinder von ihm, die nicht verstehen können, wie ihr liebevoller Papa ihre Mutter so tief verletzen kann. Der Zeitpunkt des Verlassen werdens und des eigenen Verlassens ist unterschiedlich. Das Ergebnis identisch.
Da gibt es eine Frau, deren Mutter mit Heimarbeit den Ehemann bei der Abzahlung des Hauses unterstützte. Immer daheim, keine Reisen, keine schicke Kleidung, geschweige denn Schmuck, nur abzahlen und abwarten. Die Tochter will nicht nur träumen, sondern ihren Traum leben. Reisen, Schmuck, für jede Gelegenheit ein Fähnchen, Event auf Event - bezahlen tut der Mann, der zu Hause sitzt und wartet. Sie sitzt auf der anderen Seite wie ihre Mutter, aber ihre Überzeugung "Ich bin stärker als meine Mutter und mache es besser", schafft zwischen ihr und ihrem Ehemann die gleiche gähnende Leere, die sie in ihrem Elternhaus erfuhr.

So lange wir denken, dass wir stärker sein müssten als unsere Eltern oder unser Leben besser gestalten müssten, als sie es taten, nehmen wir in unserer Opposition Bezug auf sie, was uns unsere Entscheidungen nicht selbstständig oder unabhängig treffen lässt. Irgendwann erkennen wir, dass wir in denselben Mustern wie sie laufen, obwohl wir uns doch so stark abgegrenzt haben. Das ist frustrierend.

Auf einem systemischen Seminar erzählte uns die Seminarleiterin, dass sie trotz gehäufter systemischer Arbeit nicht wirklich weiterkam. Bis sie erkannte, dass es nicht darum geht besser oder stärker als unsere Eltern zu sein. Denn darin liegt ein Vergleich und im Vergleich liegt immer ein Bezug. Es geht darum, dass wir uns selbst die Erlaubnis geben es anders als unsere Eltern zu machen. Wer Eltern hat, der weiß, wie viele gutgemeinte Rat-Schläge ein Kind im Laufe seines Leben bekommt und dazu hingeführt wird es doch genau so wie seine Eltern oder es auf gar keinen Fall so wie seine Eltern zu machen. Ein Ausbruch, dem eine selbstständige, unabhängige Entscheidung vorausgeht, stellt immer eine Gefahr für den Familienverbund, fürs System dar. Es könnte auch anders gut laufen, vielleicht sogar weniger schmerzhaft oder weniger leidvoll und damit wird die Vorgehensweise und damit der Erhalt des Systems in Frage gestellt. Ausbrüche sind ein Risiko, das ungern befürwortet wird. Deswegen geht es nicht darum etwas besser zu machen, sondern dem System etwas zuzumuten. Mit einer Zumutung stellen wir keinen Vergleich und damit auch keinen Bezug her, sondern zeigen Vertrauen in die Stärke des anderen. Und so sollte es statt "Ich mache es besser als du" oder "Ich bin stärker als du" heißen:
Ich mute dir zu, dass ich es anders mache als du.
Dieser Vorsatz sollte nicht einhergehen mit "So mache ich das auf gar keinen Fall. So wie die/der will ich nie werden!", sondern mit der Frage:
Wer und wie will ich sein?
***

Dieser Beitrag ist Teil des Themenbereichs "Traumatisierte Familien - Stricke lösen" auf meiner Homepage.

Donnerstag, 20. November 2014

Frauenversteher oder Eine Ode an meinen Büstenhalter

Lange Zeit konnte ich mich nicht mit der Tatsache anfreunden,
dass ich nicht als Mann, sondern als Frau auf die Welt kam.
Statt als Cowboy aufzutreten, der schneller schießt als sein Schatten,
wurde ich in rosa Prinzessinen-Tüll gewickelt, getopped mit einem Plastikkrönchen.
Nicht Lucky Luke sondern Cup Cake.
Aber es gibt ein Accessoire, das mich mit all dem Unbill aussöhnt.
Meinen Büstenhalter.
Treuer Begleiter.
Jeden Morgen liegt er willig bereit sich an mich zu schmiegen.
Er stützt und trägt mich durch den Tag ohne Murren und Knurren.
Nirgendwo an ihm ist Platz für ein Smartphone,
das seine Aufmerksamkeit von mir ablenken könnte.
Zwischen seine breiten Träger passt all meine Last.
Fühle ich mich ohne ihn ungleich geerdet,
so liftet er mich in die Höh
und gibt mir ein Gefühl des Erhaben Seins.
Büstenhalter, du bist mein bester Freund,
liegst mir am Herzen
gehst mir an die Haut.
Danke, dass du da bist.
Allzeit bereit,
immer veständnisvoll,
falls mir morgen der Sinn nach einem anderen steht.
Wenn es jemanden gibt,
der die Frau an mir ehrt
Dann bist das Du.

Mittwoch, 19. November 2014

Ich reite dem Sonnenuntergang entgegen

Es gibt Lieder, an denen kann man sich nicht satt hören. Sie stimmen eine Saite in uns an und bringen etwas in Klang. Oft haben wir ein Bild dazu. So geht es mir seit einigen Tagen mit dem Lied Chiraa-Khoor der tuwanischen Gruppe Huun Huur Tu.
Ich gehöre zur Gattung der Höhlenbären und es ist an der Zeit mich für den Winterschlaf zurückzuziehen. Schön wärs. Weihnachten steht bald vor der Tür, nix mit Winterschlaf. Aber dieses Lied ... macht mich glücklich und fröhlich. Ich sehe einen Reiter, von der Sonne beschienen, dem Horizont entgegenreiten, der nicht näher rückt. Unendliche weite Steppe, in Pferd und Reiter klingt dieses Lied und das Gefühl von Freiheit ist überwältigend.
Und so reite ich im November wie einst meine Lieblings-Comic-Figur Lucky Luke auf seiner treuen Gefährtin Jolly Jumper jeden Tag zufrieden dem Sonnenuntergang entgegen. Was für ein g..... Gefühl.

Donnerstag, 13. November 2014

Eine Erinnerung

Bittersüß
tanzt
eine Melodie
durch den Äther
engelsgleiche Stimme
greift
nach meinem Herzen
und dem Ozean
an Tränen
Verzeih

Wo der Sand rieselt


und die Hasen Kaffee brühen ....

Mittwoch, 12. November 2014

Die Summe unserer Anteile

Wir leben in einer Zeit der Trennungen.
Wenn ich Paare erlebe, die sich trennen, gibt es Vorfälle, die mich traurig stimmen. Was Partner sich untereinander antun, wenn aus Liebe Hass wird, ist schwer genug. Fatal wird es, wenn sie ihre Kinder als Instrument nutzen um sich gegenseitig noch tiefer zu verletzen. Am Ende sind es die Kinder, die beschädigt werden.
Kinder sind (meistens) eine Mischform aus mütterlichen wie väterlichen Anteilen und einem weiteren, der sie oft wie ein Alien in der Familie aussehen lässt. Lieben sich die Eltern, fühlen sich auch die elterlichen Anteile im Kind angenommen und geliebt. Fangen Eltern an sich zu hassen und beschimpfen den anderen, fühlt sich der jeweilige Anteil im Kind abgelehnt. Das, was aus einer Vereinigung entstanden ist, wird auseinandergerissen. Die Summe aller Teile beginnt im Inneren einen Kampf, adäquat zur Disharmonie im Außen. Kinder können keinen Frieden leben, wenn im Außen Krieg herrscht. In dem Moment, in dem ein Elternteil versucht, das Kind auf seine Seite zu ziehen, indem es den anderen Elternteil schlecht macht, zerreißt es das Kind innerlich, denn Kinder verstehen sich als Einheit von beiden. Sie fühlen sich verantwortlich für die Harmonie beider Anteile. Funktioniert die Harmonie im Außen, können auch die Kinder in Harmonie schwingen. Schwierige Kinder zeigen häufig die Schwierigkeiten der Eltern. Für die ist es einfacher am Kind rumdoktorn zu lassen, als sich den eigenen Schwierigkeiten zu stellen.

Wenn sich Eltern trennen und den Kontakt zueinander abbrechen, brechen sie nicht selten den Kontakt zu dem Teil des Kindes ab, das es vom anderen Elternteil in sich trägt. Wird das Kind auf eine Seite gezogen, wird es oft genötigt den Kontakt zu diesem Elternteil und damit zum eigenen Anteil abzubrechen. Alleinerziehende Elternteile, die sich den Anspruch erworben haben, allein erziehend zu sein, brauchen sich nicht zu wundern, wenn Kinder später auch den Kontakt zu ihnen abbrechen. Die Disharmonie wird weitergelebt.

Um die Summe der Anteile in Aufruhr zu bringen, genügt der strafende Blick eines Elternteils, das zu einer Aktion des Kindes sagt "Du bist wie dein Vater/deine Mutter". Der Elternteil distanziert sich von diesem Anteil, mit dem er sich nicht identifiziert. Kinder spüren, ob in solchen Worten Liebe oder Ablehnung mitschwingt. Der Elternteil versucht durch solche Worte das Kind emotional zu manipulieren und es zu einem anderen Verhalten zu bewegen. Statt die Person von der Aktion zu trennen und die Aktion an sich zu bewerten und zu sagen "Was du da gemacht hast, finde ich nicht gut, das kann man bestimmt auch anders lösen", wird ein ganzer Anteil abgelehnt. Heute würde man sagen - da wird ein Anteil gemobbt.
Es gibt auch die Variante "Mist, du kommst nach mir", ohne jeglichen Anflug von Humor, sondern mit einer Aura des Bedauerns einhergehend. Hier trennt sich jemand von sich selbst und das Kind damit doppelt.

Oft ist es gar nicht nötig eine tatsächliche Trennung durch Scheidung zu vollziehen. Sprachlosigkeit zwischen zwei Partnern, die nebeneinander herleben, führt zu Sprachlosigkeit bei den Kindern. Dann wird sich gewundert, warum sich Kinder im Erwachsenenalter nicht mehr melden. Da will der Schein gewahrt oder eine gewohnte Zweckgemeinschaft aufrecht erhalten werden. Da das Verständnis zwischen den Partnern fehlt, fehlt auch das Verständnis dafür, dass Kinder, sobald sie die Möglichkeit dazu haben, diesen Zombiegemeinschaften lieber fernbleiben. Eltern, die zu leb- und lieblosen Partnerschafts-Zombies geworden sind, saugen die Lebendigkeit aus ihren Kindern und lähmen sie.

Diese Woche las ich in einem Blog. Dort wurde die Frage gestellt "Müssen wir uns mit unseren Eltern versöhnen?". Für mich geht es in der Auseinandersetzung mit unseren Eltern weniger um Versöhnung als um Aussöhnung. So lange wir nicht das Verhalten unserer Eltern verstehen können, so lange wir sie ablehnen, vielleicht sogar hassen, so lange können wir uns selbst nicht verstehen, so lange werden wir uns ablehnen und vielleicht sogar hassen. Wenn wir Frieden in unserem Inneren finden wollen, gilt es Frieden mit den Ereignissen im Außen zu schließen. Wenn wir mit unseren Eltern keinen Frieden schließen können, werden wir auch nicht im Frieden mit dem Anteil, der sie in uns repräsentiert, leben können. Es geht hier für mich um Aussöhnung mit den Anteilen in uns.

In einem der Seminare, die ich besuchte, stellte mich eine "Trainerin" vor den Spiegel und forderte mich auf zu meinem Spiegelbild "Ich liebe dich" zu sagen. Ich brachte die Worte heraus, aber sie fühlten sich unwahr an. Ich liebte mich nicht. Nicht so, wie ich war. Es gab so viel an mir auszusetzen und rumzumäkeln. Schon immer. Seit ich mich erinnern kann. Im Teenageralter waren es Äußerlichkeiten, im Erwachsenenalter Charakterschwächen. Ich kämpfte gegen mich selbst, weil ich nicht akzeptieren konnte, was sich zeigte. Ich wollte meinen Eltern weder äußerlich noch innerlich ähneln. Aber das Leben meint es gut mit uns. Irgendwann weisen uns unsere Konditionierungen als Kinder unserer Eltern aus und wir können nicht mehr wegschauen. Das passiert meistens zu einer Zeit, wo wir die Reife haben (könnten) zu sehen und zu verstehen, warum unsere Eltern so sind wie sie sind, warum ihre Liebe zueinander gescheitert ist, warum wir so sind wie wir sind, warum unsere Liebe zu uns selbst gescheitert ist und was wir tun können um die ungeliebten, abgelehnten Anteile in uns wieder zu einer Summe zusammenzuführen.

Montag, 10. November 2014

Reset

Lösungsorientiert statt problemorientiert, das ist das Credo, das es gilt zu leben.
Und Leute, ich bemühe mich, redlich und ernsthaft. Aber .... es gibt Dinge, die gehen mir an die Nieren. Was, wenn man die Lösung zum Problem nicht findet?
Da gibt es unterschiedliche Möglichkeiten.
Es gibt Menschen, die haben das Talent sich die Dinge schön zu reden. Dieses Talent geht mir ab.
Eine Freundin schwört auf Erdbeertörtchen in der Badewanne. In Härtefällen gilt es ein Reset zu machen. Unter all den Möglichkeiten gefällt mir das Reset am besten. Da haben nicht nur die Nieren etwas davon, sondern auch die Leber.
Wie das geht? Ganz einfach.
Geh in ein Lokal und trinke etwas mit Alkohol. Wenn das Lokal schließt, ziehe weiter zum nächsten, das länger offen hat. Dort ist dann zufällig Sprizz-Nacht und es gibt geniale Lösungsmöglichkeiten um das Reset ordentlich auszuführen. Dem zweiten Glas folgt das dritte, aber alles ist so ausbalanciert, dass du am nächsten Tag eine Art von Kater hast, der nur mit mittelstarken Kopfschmerzen verbunden ist. Du stolperst durch den Tag und freust dich unglaublich auf dein Bett. Das Problem ist vielleicht nicht gelöst, aber du fühlst dich am nächsten Tag, ohne Kopfschmerzen, wie neugeboren.
Danke, liebe C., dass du mich bei der Ausführung begleitet und unterstützt hast!


Montag, 3. November 2014

Ein liebevolles Plädoyer für die Ehe

Vor 9 Jahren brachte mir mein Mann von einem Messeausflug ein Buch als Geschenk mit. Ein Angestellter des Messekunden las es auf der Heimfahrt im Zug. Der Titel gefiel ihm und er erstand es für mich - oder für uns? -  in der Bahnhofsbuchhandlung. Es war das Buch "Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest" von Eva-Maria Zurhorst. Ein Augen- oder vielleicht auch Herzöffner. Ein Plädoyer FÜR die Ehe. Es erwischte mich genau zum richtigen Zeitpunkt. Beginn der Wechseljahre, Midlifecrisis, Dramaerschöpfungssymptome, Zweifel allerorten. Um mich herum knirschte und krachte es in den Ehen. Ich befand mich in der Zeit, die ein Freund so beschrieb "Da werden die Karten noch einmal völlig neu gemischt". Meine Seele glich einer Wüste und wer war Schuld daran? Selbstverständlich alle anderen, nur nicht ich.
Das Buch von Frau Zurhorst war der erste Schritt in eine Zeit, in der ich sehr viel über mich, meine Sichtweise, meine Muster lernte. Ausgelernt habe ich noch nicht, aber unsere Ehe besteht und nach einer langen, schwelenden Krise befinden wir uns in ruhigerem, liebevollem Gewässer. Danke S.A., dass du damals dieses Buch gelesen hast!
Als mir heute eine Freundin den Link zu einem Blogbeitrag über "9 unterschätzte Gefahren für eine Ehe" schickte, fühlte ich mich tief berührt. Zu finden sind sie im Blog von Kelly Flanagan. Die deutsche Übersetzung gibt es in der Huffington Post.
Ich erlaube mir sie hierher zu kopieren. Für mich sind diese Zeilen wunderschön, ehrlich und wahr. Geschrieben von einem Therapeuten aus dem Herzen eines Ehemannes und Familienvaters.

9 total unterschätzte Gefahren für eine Ehe

Ich habe Mitleid mit ehelicher Kommunikation, denn ihr wird die Schuld an allem gegeben. Seit Generationen haben Paare die eheliche Kommunikation als das Problem Nummer eins in ihrer Ehe angegeben. In einer Umfrage nach der anderen. Doch das ist sie nicht.

Kommunikation in der Ehe hat einen schlechten Ruf. Sie ist das Kind, das sich auf dem Spielplatz wehrt. Die Aufpasser auf dem Spielplatz hören den Tumult und drehen ihre Köpfe genau im richtigen Moment, um seinen Gegenschlag zu sehen. Doch das Kind hat das Problem nicht geschaffen. Es hat auf das Problem reagiert. Trotzdem ist es dieses Kind, das erwischt und ins Büro des Schuldirektors gebracht wird.

Oder, im Fall der ehelichen Kommunikation, ins Büro des Therapeuten.

Ich habe Mitleid mit ehelicher Kommunikation, weil alle sich gegen sie verbünden. Obwohl sie auf dem Spielplatz der Ehe in Wahrheit nur auf einen der Störenfriede reagiert hat. Und die Störenfriede haben den Streit begonnen. Hier sind 9 Gefahren, die eine Ehe wirklich bedrohen:

1. Wir heiraten einen Menschen, weil wir mögen, wer er ist. Menschen verändern sich. Planen Sie das ein. Heiraten Sie jemanden nicht für das, was er ist oder was er Ihrer Ansicht nach werden soll.

Heiraten Sie einen Menschen für das, was er werden möchte. Und dann verbringen Sie ihr Leben damit, ihn dabei zu unterstützen. Genau wie Ihr Partner oder Ihre Partnerin Sie in Ihren Vorhaben unterstützt.

2. Die Ehe nimmt Ihnen nicht die Einsamkeit. Am Leben zu sein, heißt, allein zu sein. Alleinsein ist ein menschlicher Zustand. Eine Ehe kann den menschlichen Zustand nicht ändern. Sie kann uns das Alleinsein nicht vollständig nehmen. Und wenn das der Fall ist, beschuldigen wir unseren Partner, etwas falsch gemacht zu haben oder wir suchen anderswo nach Gesellschaft.

Die Ehe sollte ein Ort sein, an dem zwei Menschen die Erfahrung teilen, allein zu sein und durch diese Erfahrung Momente entstehen lassen, in denen die Einsamkeit verschwindet. Für eine kleine Weile.

3. Scham-Gepäck. Ja, wir tragen es alle mit uns herum. Wir haben den Großteil unserer Jugend und des frühen Erwachsenenalters damit verbracht, so zu tun, als ob unser Schamgefühl nicht existiert. Und wenn die Person, die wir lieben, es in uns auslöst, geben wir ihr die Schuld daran, es geschaffen zu haben.

Und dann erwarten wir, dass sie es in Ordnung bringt. Aber die Wahrheit ist, dass sie es nicht erschaffen hat und es auch nicht in Ordnung bringen kann. Manchmal ist die beste Ehe-Therapie eine individuelle Therapie, in der wir daran arbeiten, unser eigenes Schamgefühl zu heilen. Dann können wir damit aufhören, es auf diejenigen abzuwälzen, die wir lieben.

4. Egoismus. Wir alle haben ihn entwickelt. Vermutlich irgendwann als wir in der vierten Klasse waren und die Kinder anfingen, gemein zu uns zu sein. Vielleicht auch schon eher, wenn Familienmitglieder zuerst gemein zu uns waren.

Das Ego war eine gute Sache. Es beschützte uns vor den emotionalen Schlingen und Spitzen. Aber jetzt, da wir erwachsen und verheiratet sind, ist das Ego eine Wand, die uns voneinander trennt. Es ist an der Zeit, sie einzureißen. Indem wir Offenheit statt Verteidigung, Versöhnlichkeit statt Vergeltung, Entschuldigung statt Tadel, Verletzlichkeit statt Stärke und Gnade statt Macht leben.

5. Das Leben ist chaotisch und die Ehe ist Leben. Die Ehe ist chaotisch. Aber wenn die Dinge nicht länger perfekt laufen, geben wir unserem Partner die Schuld daran. Wir fügen dem ohnehin schon unausweichlichem Chaos aus Leben und Liebe auch noch unnötiges Chaos hinzu. Wir müssen aufhören, mit dem Finger zu zeigen und damit anfangen, die Finger ineinander zu verschränken. Dann können wir gemeinsam durch das Chaos des Lebens gehen. Schuldlos und schamlos.

6. Empathie ist hart. Es ist nur natürlich, dass Empathie nicht gleichzeitig zwischen zwei Menschen geschehen kann. Ein Partner muss den ersten Schritt machen und es gibt keine Garantie dafür, dass die Empathie erwidert wird. Es ist ein Risiko. Es ist ein Opfer.

Deshalb warten die meisten von uns darauf, dass der Partner diesen ersten Schritt macht. Eine lebenslange Empathie-Sackgasse. Und wenn einer der Partner tatsächlich den Empathie-Sprung wagt, ist es in den meisten Fällen ein Bauchklatscher. Die Wahrheit ist, dass die Menschen, die wir lieben, fehlbare Menschen sind und nie der perfekte Spiegel sein werden, den wir uns wünschen. Können wir sie trotzdem lieben, indem wir selbst den Empathie-Sprung wagen?

7. Wir interessieren uns mehr für unsere Kinder als für denjenigen, der uns geholfen hat, sie zu machen. Unsere Kinder sollten uns nie wichtiger sein als unsere Ehe und sie sollten nie weniger wichtig sein.

Wenn sie wichtiger sind, werden die kleinen Schlingel es spüren und dazu benutzen, Keile zwischen die Eltern zu treiben. Wenn sie weniger wichtig sind, werden sie so lange kämpfen, bis man ihnen Prioritäten einräumt. In Familien geht es darum, konstant und beständig daran zu arbeiten, die Balance zu finden.

8. Der versteckte Machtkampf. Die meisten Ehe-Konflikte bestehen zumindest zum Teil aus Verhandlungen darüber, wie stark zwei Liebende vernetzt sind. Männer wollen normalerweise weniger davon. Frauen wollen normalerweise mehr. Manchmal sind diese Rollen umgekehrt.

Trotzdem, wenn Sie zwischen den Zeilen der meisten Auseinandersetzungen lesen, ist das die Frage, die Sie finden: Wer entscheidet darüber, wie viel Abstand es zwischen uns gibt? Wenn wir diese Frage nicht ausdrücklich stellen, werden wir bedingungslos darüber streiten. Für immer.

9. Wir wissen nicht mehr, wie wir das Interesse an einem Menschen oder einer Sache beibehalten können. Wir leben in einer Welt, die unsere Aufmerksamkeit in eine Million unterschiedliche Richtungen lenkt. Die Praxis der Meditation - auf eine Sache achtgeben und unsere Aufmerksamkeit wieder und wieder darauf zurücklenken, wenn wir abgelenkt werden - ist eine essentielle Kunst.

Wir werden ständig dazu ermuntert, den glänzenden Oberflächen von Dingen Aufmerksamkeit zu schenken und weiterzuziehen, sobald wir ein wenig gelangweilt sind. Deshalb ist es ein revolutionärer Akt, wenn wir es schaffen, unser Leben zu einer Meditation um die Person zu machen, die wir lieben. Und es ist absolut notwendig, wenn eine Ehe überleben und gedeihen soll.

Als Therapeut kann ich einem Paar innerhalb von einer Stunde Kommunikation beibringen. Es ist nicht kompliziert. Aber sich mit den Störenfrieden auseinanderzusetzen, die den Streit angefangen haben? Nun ja, das dauert ein Leben lang.

Und dennoch.

Es ist eine ganze Lebenszeit, die uns zu Menschen formt, die immer mehr Liebe schenken können. Die das Gewicht des Alleinseins tragen können. Die das Gewicht der Scham reduziert haben. Die Wände eingerissen haben, um Brücken zu bauen. Die das Chaos des Lebens begrüßt haben, die Empathie riskieren und Enttäuschungen vergeben. Die jeden mit derselben Leidenschaft lieben. Die geben und nehmen und Kompromisse eingehen und die sich einer Lebenszeit voller Präsenz und Bewusstheit und Achtsamkeit verschrieben haben.

Und das ist ein Leben, für das es sich zu kämpfen lohnt.

Sind wir Pussies?

Es gibt Leute, die geben Generationen Bezeichnungen.
Ich gehöre der Generation der Babyboomer an, weil Deutschland damals so reich an Kindern war. Weil es so viele Kinder gab, wuchs ich mit dem Spruch auf "Bilde dir bloß nicht ein, dass du was Besonderes bist".
In der Generation, die heute 20 oder 30 Jahre alt ist, waren die Kinder rarer. Die, die es gab, kamen in der Regel gewollt statt ungewollt und ihnen wurde gesagt "Ihr seid etwas Besonderes".
Der Antrieb meiner Generation war nicht selten der Minderwertigkeitskomplex. Wir wollten zeigen, dass etwas in uns steckt. Auch wenn uns das nicht besonders besonders machte, so wollten wir doch beweisen, dass wir zu etwas taugen. Dass wir nützlich sind.
Menschen, die sich besonders fühlen, müssen nichts mehr beweisen. Ihre Besonderheit muss lediglich entdeckt werden. Unter millionenfachen You-Tube-Videos oder auf anderen Selbstinszenierungsplattformen.
Was aber, wenn sie entdecken, dass sie einer unter vielen besonderen Menschen sind? Was ist dann besonders unter all den Besonderheiten? Und was ist der Antrieb? Gibt es überhaupt einen Antrieb oder führt die Selbstentdeckung der unentdeckten, weil illusionären Besonderheit in eine Depression?
Wie es dazu kommt, dass sich die Generation Y als besonders fühlt, warum auch das nicht zufrieden oder glücklich macht und warum sie und wir von der Kriegsgeneration als Pussies (Weicheier) gesehen werden, das beschreibt sehr schön, einfach und anschaulich, dieser Artikel.