Freitag, 29. Januar 2016

Jein!

Jein! ist ein Buch der praktizierenden Psychotherapeutin Stefanie Stahl. Ich las es auf Empfehlung einer Freundin, die mit dem Wort "Jein" einschlägige Erfahrungen machte. Das Buch war für sie ein Augenöffner.

Die meisten Beziehungsratgeber haben ja die Intention der Beziehungserhaltung. Anders in diesem Buch. Stefanie Stahl macht auf eine Art von Beziehung aufmerksam, die eher selten in einer zufriedenstellenden Beziehung (zumindest für einen der beiden Partner) endet, da einer der Partner eben gar keine Beziehung will. Es geht um Partnerschaften mit Bindungsängstlichen, bzw. Bindungsvermeidern. Jeder von uns hat in seinem Bekannten- oder Freundeskreis mindestens ein oder mehrere solcher Exemplare. Es sind die, die immer wieder auf Partnerschaftsplattformen unterwegs sind und nie wirklich längerfristig fündig werden. Es sind die Prinzessinnen, denen keiner gut genug ist oder die einsamen Wölfe, die ihre Freiheit brauchen. Es sind die Leute, die sagen "Ich liebe dich, aber ... ich bin noch nicht so weit/gerade ist der Job so stressig/ich brauche mehr Freiraum/du machst einfach wirklich gar nichts richtig...". Es sind die, die nicht alleine bleiben, aber eben auch keine verbindliche Beziehung eingehen wollen. Jein eben.

Das Fatale an diesen Beziehungen ist, dass sie genau aus dem Grund, dass sich der/die Beziehungsängstliche nicht wirklich einlassen will, an Reiz und Wert gewinnen. Es gibt Phasen der heißen Leidenschaft, denen völlige Unterkühlung folgt. Das ist oft sehr schwer zu verstehen, wenn man eben die Hintergründe nicht weiß. Und die sind in dem Buch ausführlich beschrieben.

Da eine Beziehung mit einer/einem Beziehungsängstlichen seltenst in eine Beziehung der Vertrautheit und relativen Sicherheit übergeht, bleibt sie für lange Zeit in der Phase des Verliebtseins. Auch das kickt. Aber sehr ungut. Frau Stahl entmystifiziert sehr schön diese Phase des Verliebsteins, deren Zustand biochemisch dem der Prüfungsangst ähnelt. Es ist ein Ausnahmezustand, der es auch bleiben sollte. In einer Beziehung mit einer/einem Beziehungsängstlichen wird diese Phase jedoch zum Allgemeinzustand. Stefanie Stahl zeigt auf, dass dies mit einem enormen Kontrollverlust einhergeht. Man wird süchtig nach dem anderen, weil er einem das, was man möchte, nicht in dem Maß gibt, wie man es gerne hätte. Das, was eben nach der Phase der Verliebtheit kommt. Liebe, Vertrauen, Alltag, mehr Ruhe und Kraft sich auch wieder auf andere Sachen konzentrieren zu können und nicht nur dem Partner zugewandt zu sein. Das ist es, was in Jein-Beziehungen passiert. Alles dreht sich nur um den Partner und wie man ihn ganz und gar für sich gewinnen kann. Das schlaucht auf Dauer. Es macht krank. Und deswegen hat Frau Stahl auch gute Tipps auf Lager, wie man sich aus einer solchen Beziehung ziehen kann. Es hat mit Entzug zu tun!
Es gibt aber auch Hoffnung. Man muss nur wissen, wie man sich mit einem Bindungsvermeider verhalten sollte. Eben nicht so, wie es die meisten tun.

Natürlich ist das Buch auch Aufklärung für diejenigen, die unter einer solchen Angst leiden. Nur hier beißt sich die Maus in den Schwanz. Denn Bindungsvermeider tun alles um eine feste Beziehung zu vermeiden und eben nichts um sie zu erhalten. Deswegen wird dieses Buch wohl eher die Partner der Bindungsängstlichen erreichen.

Interessiert?
Stefanie Stahl: Jein! Bindungsängste erkennen und bewältigen, Hilfe für Betroffene und deren Partner, Ellert & Richter Verlag

Es gibt inzwischen ein Nachfolgebuch mit Übungen: Vom Jein zum Ja! Bindungsangst verstehen und lösen, Eller & Richter Verlag. Ich persönlich habe es noch nicht gelesen. Die Bewertungen auf dem einschlägigen Portal sind sehr gut.


Donnerstag, 28. Januar 2016

Wenn die Helden fehlen

In der neuesten ZEIT-Ausgabe gibt es einen Artikel von Adam Soboczynski. Wie er zugibt, ist ihm dieser Artikel aufgedrängt worden. Von einer Frau. Einer Frau, die fragt, warum sich deutsche Männer nicht um ihre Frauen prügeln. Wo in der Kölner Silvesternacht waren die deutschen Männer? Waren auf dem Platz nur deutsche Frauen, die von Männern nordafrikanischer Herkunft sexuell belästigt und ausgeraubt wurden? Nein, sie waren da. Händchenhaltend mit ihrer Liebsten standen sie auf dem Platz vor dem Hauptbahnhof. Schockiert und wehrlos schauten sie dem Treiben zu. Im Artikel gibt es Bilder von lederleichtbekleideten Männern mit vielen Muskeln. Titelhelden aus Groschenromanen, die ausgedient haben. Welche moderne, emanzipierte Frau wollte noch einen Beschützer an ihrer Seite? Metrosexuell ist gefragt oder Männer mit Heinzelmännchenmützchen, die schick Jack-Wolfskin-verpackt Kinderwägen schieben und vegan kochen. Diese muskelbepackten Männer gibt es ja noch immer in unserer Gesellschaft. Als Mitglied in einem Fitnesscenter sehe ich sie im "Hantelbereich für Männer". Sie trinken Protein-Shakes und stöhnen unter der Last, die sie sich auf die Hantelstangen schrauben. Breitbeinig und mit vom Körper abgespreizten Armen schieben sie sich von Gerät zu Gerät und wischen sich theatralisch den Schweiß von der Stirn. Es wird gepumpt in deutschen Fitnesscentern. Six-Packs sind noch immer sexy. Leider aber sind all diese Muskeln nicht wirklich funktional. Sie sind dazu da um bewundert zu werden. Sie sind nicht dazu da benutzt zu werden. Die meisten dieser jungen Männer wissen nicht einmal mehr, wie man eine richtige Faust ballt. Körperlicher Kampf ist kein Bestandteil unserer Sozialisation. Er wurde ausgemerzt. Wie Herr Adam Soboczynski schreibt: Kleine aggressive Kerlchen, die zum Kampf neigen, sind ein Fall für die Psychologin und eine gute Portion Ritalin.

Ich habe einen Kerl an meiner Seite. Als Frau mit knapp über 1,60 m habe ich mich schon immer wohl gefühlt an der Seite von Bäumen. Mein Baum reicht über die 1,90 m hinaus und als ehemaliger Leistungsschwimmer ist er von stattlicher physischer Präsenz. Wäre das in einer Nacht wie in Köln ausreichend? Würde mich seine Präsenz wirklich schützen?

Letzten Sommer kam ich eines nachts spät aus dem Büro. In einer Seitengasse warf ich die Büropost in einen Briefkasten. Der letzte Sommer war heiß und als europäische Frau darf man sich in T-Shirt und Shorts bewegen. Vor dem Briefkasten steht eine Bank, darauf saßen fünf dunkelhäutige, arabisch aussehende Männer. Ungeniert zogen sie mich mit ihren Blicken aus, machten Bemerkungen in einer Sprache, die ich nicht verstehe und lachten. Sexuelle Belästigung beginnt nicht erst mit Begrapschen. Rechtsfreier Raum beginnt nicht erst dort, wo Frauen angefasst und ausgeraubt werden. Die Würde einer Frau ist immer und überall antastbar. Seit letztem Sommer ist mir klar, dass ich mich immer in einem rechtsfreien Raum bewege. Auch auf den Bänken in unserem Schlossgarten saßen diese Gruppen von Männern. Bisher war der Park eine Oase für mich. Seit dem Erlebnis im letzten Sommer, fahre ich bei Dunkelheit nicht mehr hindurch. Ich habe 8 Jahre Kampfkunst praktiziert und in den 8 Jahren ist mir klar geworden, dass ich als Frau meiner Größe den meisten Männern bereits physisch unterlegen bin. Da braucht es nur zwei Männer und ich bin ziemlich chancenlos. Wenn nun aber fünf sich einig sind, mich vom Rad zu ziehen, ist das eine Übermacht. Ein Mann an meiner Seite, kampfunerprobt, würde mir dann auch nicht helfen. Was mir in den 8 Jahren Praktizieren auch bewusst wurde ist, dass die beste Verteidigung die ist, der aggressiven Energie aus dem Weg zu gehen. Das heißt einen Instinkt zu entwickeln, wo Gefahren lauern könnten und diese Orte zu meiden. Nicht erst mit den arabischen oder nordafrikanischen Männern gibt es aggressive Energie. Die gab es schon immer. Wenn es nicht möglich ist, dieser aggressiven Energie aus dem Weg zu gehen, dann ist die zweitbeste Verteidung das schnelle Weglaufen verbunden mit Schreien.

Das Schreien ist etwas, was besonders Frauen schwer fällt. Wenn ich in unserem Dojo vormittags Trainingsvertretung hatte, waren hauptsächlich Frauen anwesend. Dann habe ich gerne Kiai geübt. Kiai ist der Kampfschrei. Er hilft dabei, nicht in den Lähmungsmodus zu fallen, sondern Energien zu mobilisieren. Er bündelt, lenkt und verlängert die Energie bei einem Schlag. Die Frauen haben es gehasst. Männerschreie haben das Dojo erzittern lassen, von den Frauen kam oft nur ein Piepsen.
Was Frauen, aber auch den heutigen Männern, wirklich schwer fällt, ist das gezielte Zuschlagen. Wir haben eine unglaubliche Hemmschwelle, jemanden überhaupt zu schlagen, geschweige denn ins Gesicht. Das wurde uns abgewöhnt. Das ist böse. Das ist nicht Teil unserer Sozialisation.

Was aber tun, wenn das Böse über uns hereinfällt?

Nach der Kölner Silvesternacht las ich einen Artikel über eine deutsche Auslandskorrespondentin. Sie sagte, dass sie in Indien nie ohne Bambusknüppel unterwegs war, da sich aus dem Nichts Männergruppen zusammenrotteten. Wenn sie den Knüppel mal vergessen hatte, schlug sie die Männer mit der Faust ins Gesicht und schrie dabei. Das schreckte ab, weil sie so ein Gebaren von einer Frau nicht gewohnt waren. Diese Frau war allzeit bereit und immer auf der Hut. Sie wusste um die Gefahr. Leider kommt die Gefahr selten so auf uns zu, dass wir schnell in unser Handtäschchen greifen können, um rechtzeitig das Reizgas rauszuholen und uns so viel Zeit bleibt, um es gezielt auf den oder die Angreifer zu sprühen. Schon solch eine Handlung erfordert Kaltblütigkeit!

Liebe Leser, ich habe, wie so viele andere, auch keine wirkliche Lösung. Ich ahne nur, dass es in Zukunft viel mehr rechtsfreie Räume geben wird. Denn wo Gewalt angewendet werden will, gibt es erst einmal kein Recht, das einen beschützen könnte. Und was nützt mir eine Rechtsprechung DANACH? Die meisten Männer würden oder könnten mich auch nicht beschützen.
Wenn ich ehrlich bin, vertraue ich weder auf unsere Gesetze noch auf unsere Männer. Die meisten unserer Männer sind wie Herr Adam Soboczynski. Bestens sozialisiert ziehen sie es vor, sich nicht zu prügeln. Auch nicht dann, wenn es darum geht, ihre Frauen zu verteidigen.

Ich denke, dass wir Frauen uns an Frauen halten sollten, die uns sagen und zeigen können, wie gefahrenvolle Situationen zu erahnen sind und wie wir uns handlungsfähig halten. Wir brauchen eine Einstellung, die uns nicht zum Opfer macht. Und wir sollten nicht darauf vertrauen, dass uns Gesetze, Institutionen, Parteien, Bürgerwehren oder das starke Geschlecht beschützen. Wir sollten uns wehrhaft machen. Wir sollten körperliche Verteidigung zum Teil unserer Sozialisation machen. 
Unsere Vorfahrinnen und wir haben einiges erreicht. Um das und uns zu schützen, sollten wir den Kiai üben.

***

Reich
ist das Land
das Helden hat.
Arm
ist das Land
das welche braucht.


Van Zan in "Die Herrschaft des Feuers"

Donnerstag, 21. Januar 2016

Ministerium für Glück und Wohlbefinden

Mal ehrlich, wer von euch weiß, dass es hier bei uns ein solches Ministerium gibt? Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen - Ministerium für Glück und Wohlbefinden.

Im Mai 2012 schrieb ich einen Post über Bruttonationalglück und anscheinend war ich im Flow, denn im November 2012 passierte folgendes:
Als die Kampagnenidee des „Ministeriums für Glück und Wohlbefinden“ im November 2012 in Form eines Semesterprojekts an der Fakultät für Gestaltung der Hochschule Mannheim entwickelt wurde, waren wir ein kleines Studententeam, das sich im Fach „Transmediale, integrierte Kommunikation“ der Aufgabe von Prof. Axel Kolaschnik widmete, eine Kampagne zu kreieren, die die Wertehaltung innerhalb unserer Gesellschaft verändert. Während unserer Recherchen sind wir zu dem Entschluss gekommen, uns ein Beispiel an dem kleinen Land Bhutan zu nehmen: Wir brauchen ein Ministerium für Glück und Wohlbefinden in Deutschland, um eine neue Bewegung und ein neues Bewusstsein ins Leben zu rufen und anhand dieser Metapher die wichtigen Fragen zu kommunizieren: Was ist gutes Leben und wie können wir es selbst in die Hand nehmen? Aus diesem Studententeam entschlossen sich Gina Schöler und Daniel Clarens im Dezember 2012 dazu, diese Kampagne weiterzuführen und zum Gegenstand ihrer Masterthesis zu machen: Eine Dokumentation der transmedialen Kommunikationskampagne „Ministerium für Glück und Wohlbefinden", welche im Oktober 2013 sehr erfolgreich abgeschlossen wurde.
So steht es auf der Seite des Ministeriums für Glück und Wohlbefinden über die Geschichte des MFG.
Seitdem ist Gina Schöler als Glücksministerin unterwegs
um mit den Menschen gemeinsam das Glück zu erarbeiten und greifbar zu machen. In Form von Vorträgen, Workshops, Veranstaltungen oder interaktiven Aktionen zeigt sie auf kreative Weise auf, wieviel Spaß es machen kann und wie wichtig es ist, sich um das gute Leben zu kümmern. Sie liebt es, neue Leute kennen zu lernen, die leidenschaftlich bei der Sache sind, die etwas bewegen möchten und mit denen man eine inspirierende Zeit verbringen kann, sowohl privat als auch beruflich.
Hallo? So etwas gibt es bei uns! In Deutschland!
Ich wünsche mir in jeder neuen Ausgabe jeglicher Zeitung, neben all den Katastrophenmeldungen, eine Schlagzeile, die darauf hinweist, was dieses Ministerium macht und erreicht.

Seit 8. Januar diesen Jahres heißt das neueste Projekt "Das erste Buchprojekt startet und du bist mit dabei!" Jeder, der will, kann mitmachen und seine Geschichte schreiben. Es geht um die kleinen Momente im Alltag, die uns ein Lächeln ins Gesicht zaubern.
Das Knacken eines Einmachglases, das Knistern des Schnees, ein Kuss auf die Stirn, eine besondere Begegnung, der Geruch des alten Fahrradschuppens… Was bringt euer Herz zum Singen? Macht mit und werdet im ersten Buch des Ministeriums für Glück und Wohlbefinden verewigt. Lasst uns gemeinsam aufzeigen, wie wundervoll das kleine Glück sein kann!
Gönnen wir uns mal eine kleine Auszeit von den Ökokatastrophen, dem Flüchtlingsleid, den Kriegen, den Vorfällen in Köln, den IS-Anschlägen. Und halten wir mal einen Moment inne, um uns bewusst zu werden, was uns Momente des Glücks beschert. Im Kleinen oder vielleicht auch im Größeren. Irgendwas muss es doch geben, wenn so viele andere dazu bewegt werden, zu uns kommen zu wollen. Auch wir sollten mal eine Zeit lang zu uns kommen.

(Okay, das Ministerium gibt es noch nicht wirklich, es nennt sich nur so, aber vielleicht gibt es das so irgendwann, die Idee dazu ist da. Die Initiative für bewusstes Leben und Glücksbesinnung steht unter den Schlagworten Bewusstsein - Reduktion - Zufriedenheit, denn Konsum allein macht nicht glücklich. Es geht um einen Wertewandel. Weg vom grenzenlosen Wirtschaftswachstum, BIP und Selbstausbeutung, hin zu dem, was Menschen glücklich macht. Das finde ich gut.)