Montag, 24. Oktober 2016

Schlag ins Gesicht

Vor 9 Jahren wurde offensichtlich, dass meine Mutter und ich uns nichts mehr zu sagen hatten.
Ich hörte auf, jede Woche meinen sonntäglichen Pflichtanruf bei ihr zu tätigen und ich beendete die Teilnahme an ihren Audienzen, die sie zwischen ihren vielfältigen Reisen hielt. Auch sie meldete sich nicht mehr bei mir.

Der Kontaktabbruch war jedoch nicht so weit fortgeschritten, dass wir uns nicht auf Familienfeiern begegnet wären.
Die letzte Feier, an der auch ich teilnahm, war die Kommunion meines Patenkindes.
Meine Mutter und ich wurden vorsorglich weit auseinandergesetzt. Zwischen uns stand jedoch meine Tochter. Im wahrsten Sinne des Wortes. Pflichtanrufe und Audienzeinhaltung wird nicht nur von den Kindern, sondern auch von den Enkelkindern erwartet. Meine Tochter hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie diese Anforderungen nicht pünktlich eingehalten hatte und sie versuchte, einer Diskussion aus dem Weg zu gehen.

Zwischen Mittagessen und Kaffee gab es Zeit für Bewegung. Einer der Gäste teilte meinem Mann und mir mit, dass Oma und Enkeltochter vor der Gaststätte eine Diskussion führen und unsere Tochter den Tränen nahe sei. Wir eilten hinunter. Unsere Tochter kämpfte mit den Tränen, sie schickte ihre bestürzten Eltern jedoch weg und meinte, sie würde die Sache selbst mit der Oma klären. Wir beobachteten die Szene aus einiger Entfernung. Ohne zu hören, was gesagt wurde, wusste ich, was passierte. Da meine Mutter nicht mehr an mich herankam, ließ sie unsere Tochter, stellvertretend für mich, zusammenbrechen. Ich kannte diese beleidigte Miene und ich wusste, was sie sagte. Es waren die Riemen der Tyrannenpeitsche.

Ich dachte immer du wärst anders als deine Mutter.
Aber du bist wie sie.
Enttäuschend.
Warum tust du mir das an?
Warum tust auch du mir das an?
Musste ich nicht schon genug leiden in meinem Leben?

Unsere Tochter erzählte uns später, dass sie die Oma anflehte aufzuhören. Dass Omas Mann sie bat aufzuhören. Aber die Peitsche sauste so lange hernieder, bis die Tränen flossen. Abschließend ging meine Mutter mit unserer weinenden Tochter an uns vorbei und sah mir kurz in die Augen. Mit einem Funken Triumph.

Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich den Impuls verspürte, einem Menschen mit der Faust ins Gesicht zu schlagen. Ich tat es nicht.

Gestern erzählte ein Bekannter, dass er als Kind von seinem Vater mit dem Gürtel geschlagen wurde. Weil er einen Kleiderschrank ausgeräumt hatte. Oder anderen Unsinn anstellte. Vor einigen Jahren teilte ihm der Vater während einer Autofahrt Suizidabsichten mit. Weil er das Leben mit der Mutter nicht mehr aushalte. Der Sohn sagte "Das war der Augenblick, in dem ich seine Schwäche erkannte. Ich dachte: Du Arschloch. Du schlägst mich mit dem Gürtel und jetzt willst du mir sagen, dass du dich aus dem Leben schleichen willst, weil du es nicht mehr aushältst? Das war der Moment, an dem ich wusste, dass ich mich nie mehr von ihm schlagen lasse. Falls er es versuchen sollte, würde ich zurückschlagen."

Ein Anrufer erzählte, dass sein Bruder von den Eltern geschlagen wurde. Als einmal das Thema darauf kam, meinten die Eltern "Das hat man damals halt so gemacht."

Das hat man halt gemacht. Da hat man halt mitgemacht. Dient das tatsächlich als Rechtfertigung?

Die Tyrannen dieser Welt leiden fast alle an einer Persönlichkeitsstörung. Wenn man sich ihre Kindheiten anschaut, erfuhren sie fast alle Gewalt. Rechtfertigt das ihre Taten?

***

Dieser Beitrag ist Bestandteil der Themensammlung Verlassendes Kind auf meiner Homepage.

Donnerstag, 20. Oktober 2016

Herz II

Meistens ist es nicht so wichtig WAS wir tun, sondern WIE wir es tun.

Jeder muss seinen eigenen Weg gehen.
Es gibt tausende Wege, auf denen man sich selbst entdecken und zu sich finden kann.
Lass Dir Deinen Weg von niemandem vorschreiben.   

Jeder Weg ist nur einer von Millionen  Wegen.
Deshalb musst Du immer daran denken, dass ein Weg nur ein Weg ist.
Wenn du glaubst, ihm nicht folgen zu dürfen,
dann darfst du unter keinen Umständen  auf diesem Weg bleiben.

Jeder Weg ist nur ein Weg.

Du beleidigst weder Dich noch andere, wenn du ihn verlässt, weil dein Herz es dir befiehlt.
Aber Dein Entschluss, auf dem Weg zu bleiben oder ihn zu verlassen, muss frei sein von Furcht und Ehrgeiz.

Prüfe jeden Weg gewissenhaft und gründlich.

Erprobe ihn, sooft Du es für nötig hältst.

Dann stelle Dir, und nur Dir selbst, die  Frage:

Hat dieser Weg ein Herz?
Alle Wege gleichen sich.
Sie führen nirgendwo hin.
Es sind Wege, die durch das Dickicht, in das Dickicht, oder unter das Dickicht führen.

Die einzige Frage ist, ob dieser Weg ein Herz hat.

Wenn ja, beschreite diesen Weg.
Wenn nein, dann ist der Weg wertlos.

Mittwoch, 12. Oktober 2016

Mein Gewissen ist rein


Mein Gewissen ist rein.

Ich habe es nie benutzt.


So stand es auf einer Postkarte, die mein Mann und ich in unserem letzten Urlaub in einem Shop nahe des Wiener Naschmarktes entdeckten. Ich musste lachen und mit mir lachte der Shopinhaber. Wir stöberten in den zwei Kisten mit Spruchkarten und kauften ein. Karten, in denen wir uns selbst fanden, Karten, von denen wir dachten, dass sich unsere Kinder wiederfinden und Karten für Freunde, die noch analoge Post schätzen. Die Gewissenskarte blieb liegen. Es wäre die passende Karte für meine Mutter gewesen, aber ihr schreibe ich schon lange keine Urlaubspostkarten mehr.

Im Jahr 2007, da war ich 44 Jahre alt und Mutter zweier Teenager, fand ich endlich den Mut, meiner Mutter gegenüber eine Grenze aufzuzeigen. Bis dahin hatte ich nicht geschafft ihr etwas klar zu machen, was mir meine Kinder jeden Tag aufzeigten "Mama, halt dich da raus und lass mich mein Ding machen."
Die Auseinandersetzung entzündete sich an einer Banalität. Ich wollte die nachträgliche Familienfeier anlässlich des Geburtstages meines Sohnes um eine Woche verschieben, da am vereinbarten Termin kurzfristig ein Kampfkunstseminar anberaumt wurde, an dem ich unbedingt teilnehmen wollte. Da meine Mutter jedoch am darauffolgenden Wochenende Besuch erwartete, setzte sie alles daran, mich dazu zu bringen, den vereinbarten Termin einzuhalten. Sie wollte auf keinen Fall auf der Feier fehlen, sie wollte auf keinen Fall den Besuch für eine Stunde in Obhut ihres zweiten Mannes lassen, um auf einen schnellen Kaffee vorbeizuschauen. Sie wollte mich, wie zuvor in meinem Leben, dazu zwingen, ihren Interessen Priorität einzuräumen. Und das erste und letzte Mal in meinem Leben schaffte ich zu sagen "Mutter, du machst die Dinge so, wie du sie für richtig hältst und ich mache sie so, wie ich sie für richtig halte. Die Feier wird verschoben."
Sie reagierte so, wie ich es in all den Jahren bereits gewohnt war, wenn etwas nicht genau nach ihren Vorstellungen lief. Beleidigt. Auf meine Abbitte wartend.
Ich reagierte so, wie ich es in all den Jahren nie getan hatte. Stumm.

Als ich 13 war, zog ich zu einer Feier nicht die Kleider an, die sie sich wünschte, dass ich sie anziehe. Zur Schule durfte ich die abgetragenen Kleidungsstücke eines Jungen aus der Bekanntschaft weiter abtragen. Für den Kirchgang oder Anlässe, an denen sie teilnahm, wurde ich mit Dirndl herausgeputzt. Dieser Tag war der Beginn meiner Rebellion, die mir teuer zu stehen kam. Ich zog den überweiten Pullover meines älteren Bruders an. Dafür wurde ich mit einer Woche Aufmerksamkeitsentzug in Form von Schweigen bestraft. Geredet wurde erst wieder mit mir, nachdem ich mich gebührlich für mein ungebührliches Verhalten entschuldigt hatte.

Mit 44 hatte ich plötzlich keine Lust mehr, mich für eine Sache zu entschuldigen, an der ich keinerlei "Schuld" erkennen konnte. Das Beleidigtsein meiner Mutter hält nun seit 9 Jahren an. Sie schickt Botschafter, die mir sagen, wie sehr sie unter der Situation leidet und dass sie "doch nichts getan hätte".

Meine Mutter trägt ein schweres Schicksal. Sie hat für sich eine Überlebenstaktik entwickelt. Jeder, dem sie ihre Geschichten erzählt und diese Geschichten handeln so gut wie immer vom "Dasein eines Opfers", empfindet Mitleid mit ihr. Vor einigen Jahren fertigte ich eine dreiteilige Collage an. Ich nannte sie "Dem ewigen Opfer wird ewig geopfert". Auf dem zweiten Bild ist meine Mutter als Madonnenfigur auf einem Sockel dargestellt. Sie hat ein Herz aus Stein und fordert mit einem überlangen Arm von mir "Gib!" Ich knie vor ihr in Demutshaltung und halte ihr auf einem Tablett mein blutiges, herausgerissenes Herz hin.
Meine Mutter hat aus dem zutiefst verletzten und verstörten Kind, das sie einmal war, nach und nach einen inneren Tyrannen entwickelt. Diesem Tyrannen konnte man es selten Recht machen. Er schürte bei seinen drei Untertanen, über die er die Macht hatte, den Konkurrenzkampf. So sicherte er sich ein hohes Maß an Aufmerksamkeit, das sich völlig auf ihn fixierte. Die Gunst seiner Untertanen band er an sich mit Worten wie "Euer Vater hat noch nie etwas für euch getan" und den eigenen Selbstwert hob er durch das Niedermachen anderer. Keiner war so gut wie er. Die Untertanen glaubten es. Ein Tyrann macht keine Fehler. Wenn etwas schief läuft, ist immer ein anderer Schuld. Ein Tyrann hat keine Fehler. Alle anderen sind fehlerhaft. Traut sich ein Untertan den Tyrannen auf Unvermögen hinzuweisen, wird er größtmöglich bestraft. Auf den Riemen der Tyrannenpeitsche steht:

Du bist Schuld
Du bist ungenügend
Du bist nicht liebenswert
Du bist nichts Wert
Du bist nichtig

Diese Woche hatte ich eine Nachricht auf meinem AB. Jemand hatte den BR-Beitrag über "Verlassene Eltern" gesehen und auf meiner Homepage nach einer Selbsthilfegruppe für "Verlassende Kinder" gesucht. Er wurde dort nicht fündig und fragte mich nach einem Tipp. Tja, es gibt viele Informationen, Selbsthilfegruppen, Videos, Bücher, Artikel, Beiträge über Verlassene Eltern. Und es gibt nichts über Verlassende Kinder (die tarnen sich in der Regel mit dem Begriff "Kriegsenkel").
Die Verlassenden Kinder sind nichtig.
Ich habe inzwischen viele Artikel über Verlassene Eltern gelesen und im BR-Beitrag kommt ja auch eine Verlassene Mutter zu Wort. In all diesen Beiträgen trifft die Eltern der Kontaktabbruch wie aus dem NICHTS. Es werden Dankes- und Liebesbriefe der Verlassenden Kinder gezeigt und anschaulich gemacht, dass doch mal alles GUT war. Die Mütter und ihre Kinder galten mal als TRAUMPAARE und immer kommt das Wort SCHULD.
"Ich habe doch gar nichts gemacht, ich habe es immer nur gut gemeint, ich verstehe das nicht, es kam so plötzlich, wie aus dem Nichts, da muss ein Missverständnis vorliegen."

Wer die Anliegen seiner Kinder als nichtig erachtet, muss sich nicht wundern, wenn dann der Bruch auch wie aus dem Nicht(s) erscheint. Wer seine Kinder nicht versteht, muss sich nicht wundern, wenn sie sich missverstanden fühlen.

Auch ich habe meiner Mutter zum Muttertag Liebesbriefe geschrieben. Dazu wurden wir ja bereits im Kindergarten und in der Schule angeleitet. Wenn sie sagte "Bilde dir ja nicht ein, dass du etwas Besonderes bist", war ich traurig, habe es ihr aber geglaubt. Ich habe mich angestrengt es ihr Recht zu machen, ihr Genüge zu leisten, eine gute Tochter zu sein, ihr keinen Kummer zu machen.
Als ich älter wurde, merkte ich, wie sehr mich dieses Bemühen auslaugte. Die Dinge waren in Ordnung, so lange alles (mein Äußeres, mein Benehmen, mein Verhalten) den Erwartungen meiner Mutter entsprach. War das nicht der Fall, ließ sie mich mit einem Fingerschnippen zusammenbrechen. Das ist die Fähigkeit, die sich der Tyrann in all den Jahren der Manipulation, des Besitzanspruches, des Machtmissbrauchs und der emotionalen Folter angeeignet hat. Die Fähigkeit zum Systemzusammenbruch des Untertanen.

Menschen, die mit Zerstörung zu tun haben, sei es aktive oder passive Aggression, körperlich oder emotional, haben zwei Möglichkeiten. Entweder sie gehen in die Selbstzerstörung in Form von Depression, Essstörungen, psychischen oder körperlichen Krankheiten, Süchten, Drogenmissbrauch, Suizid. Oder sie wählen den Weg andere zu zerstören. Die Zerstörung anderer läuft oft sehr subtil ab. Es dauert lange, bis die Zerstörten merken, dass es da jemand gibt, der es auf ihre Zerstörung anlegt. Weil dieser Zerstörer nach Außen oft eine völlig andere Person abgibt. Charmant, charismatisch, kompetent. Wie viele der Personen, mit denen ich über die Problematik zwischen meiner Mutter und mir sprach, meinten "Aber deine Mutter ist doch so eine nette, symphatische Person! Bildest du dir da nicht was ein?" So muss es sein. Ich bilde mir was ein! Das habe ich ja von Kindheit an aufgesaugt "Ich bin Schuld!" "Ich sehe das falsch!" "Mit mir stimmt was nicht!"

Vor einigen Jahren kam ich bei Recherchen auf die Website von Kira Cossa und das Kind bekam einen Namen: Narzisstische Persönlichkeitsstörung. Die Seite Töchter Narzisstischer Mütter war für mich eine Offenbarung. Ich las Seite um Seite und begann zu verstehen. Es ist so erleichternd, wenn jemand die Worte findet.

Liebe Verlassene Eltern, liebe Journalisten, Autoren, Moderatoren. Ich hoffe, dass euch meine Zeilen erreichen, wenn mal wieder die Rede davon ist, dass ein Kind den Kontakt aus dem NICHTS abbricht. Ich kann ja nur für mich sprechen, und das ist schon schwierig genug, denn wenn ihr mal auf der Seite von Töchter Narzisstischer Mütter nachlest, dann erkennt ihr, dass die wenigsten narzisstisch gestörten Persönlichkeiten auch eine solche Diagnose erhalten, da sie als Narzissten unfehlbar sind, die Schuld immer bei den anderen liegt, und deswegen auch die anderen zum Therapeuten sollten. Für die Narzissten besteht keinerlei Notwendigkeit.

Das Fatale ist, dass man als Kind emotional an seine Mutter angebunden ist. Die Mutter erhält Energie in Form von Aufmerksamkeit - völlig egal ob anwesend oder abwesend. Jede Beschäftigung mit einer Person aus dem System (der Familie) ist reine Energie und enorm kräftezehrend. Jede dieser Zeilen, in denen ich mich mit meiner Mutter, egal in welcher Form, beschäftige, ist Energie. Energie, Kraft, die in das Thema und damit ihr zufließt und mir in meinem eigenen Leben fehlt.

Der Kontaktabbruch zu den Eltern ist häufig reiner Selbstschutz. Da uns die Strategien und Abwehrmechanismen unserer Eltern meistens fehlen, da es in der Regel keine konstruktive Kommunikation und Auseinandersetzung gibt, bleibt den Verlassenden Kindern oft kein anderer Weg, wenn sie nicht mehr, im Sinne ihrer Eltern, folgen und funktionieren wollen/können.
Viele der Verlassenen Eltern verfügen über die Macht der Destabilisierung. Ich habe es am eigenen Leib und vor allem an eigener Seele erfahren. Es ist so mühsam und kräftezehrend, sich immer wieder in Therapien, Seminaren und Gesprächen zu stabilisieren, um dann bei einem Kontakt mit den Eltern im Handumdrehen erneut destabilisiert zu werden. Es ist ein ermüdender Kreislauf, der den Eltern in keinster Weise bewusst ist und den sie in der Regel nicht wahrnehmen können/wollen.

Heute weiß ich, dass das Verhalten meiner Mutter von ihren Verlustängsten gesteuert wurde. Wer aber einen anderen in einen festen Rahmen pressen will, um sich selbst ein Gefühl von Sicherheit zu schaffen, nimmt ihm den Raum für Entwicklung. Er zwingt den anderen in einen Zustand von Stagnation und Starre. Das macht krank, da wir nicht mehr mit dem Leben schwingen können, dem Leben, das sich in ständiger Veränderung befindet. Man konnte mir als Kind die Flügel stutzen, aber irgendwann bahnte sich mein lebendiges Wesen wieder einen Weg an die Oberfläche und ich war nicht mehr bereit, auf meinen eigenen Wachstum und mein Leben zu verzichten, um meiner Mutter kurzfristige Momente von Sicherheit, Wohlbefinden oder Genugtuung zu verschaffen.

Und hier möchte ich etwas klarstellen. Im BR-Beitrag "Verlassene Eltern: Wenn Kinder den Kontakt abbrechen" spricht der Kommentator davon, dass ich die Kraft gefunden habe, mich von der Vergangenheit zu lösen. Das entspricht nicht ganz meiner Sichtweise. Ich persönlich habe es bisher nicht geschafft, mich komplett von meiner Vergangenheit zu lösen, und ich bin gespannt, ob ich das in Zukunft schaffen werde. Ich brauche die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, um meine Eltern und ihre Verhaltensweisen zu verstehen, damit ich mich und meine Verhaltensweisen verstehen kann. Damit ich verstehen kann, was in meinem Leben wirkt. Verständnis ist für mich wichtig, um loslassen zu können.

Loslassen von meinem eigenen Unverständnis warum die Dinge so sind wie sie sind. Loslassen von meinen kindlichen Erwartungen, dass meine Mutter sich eines Tages ändern wird und mich als ihr Kind annimmt, so wie ich bin. Loslassen von der Hoffnung, dass meine Mutter eines Tages erkennt, dass sie vom Opfer zum Täter wurde. Loslassen der Tränen, die jedes Mal in mir aufsteigen, wenn jemand von seiner schönen Kindheit erzählt. Loslassen von der Enge, die sich in meiner Brust auftut, wenn jemand sagt "Meine Eltern würden alles für mich tun. Sie lieben mich". Loslassen vom Neid, wenn jemand sagt "Ich habe eine ganz herzliche, liebevolle Verbindung zu meiner Mutter". Loslassen von diesem Bild einer "heilen" Familie. Loslassen von meiner Selbstdestruktion. Loslassen der Illusion, dass ich als Mutter meinen Kindern alles geben konnte, was sie brauchten.

"Wenn man an Wiedergeburt glaubt, dann treffen in Familien oft die größten Feinde aus früheren Leben aufeinander, um Hass in Liebe zu transformieren", sagte mal jemand. "Wer sich diesen Plan ausgedacht hat, muss ein beschissener Idealist sein", dachte ich damals.

***

Dieser Beitrag ist Bestandteil der Themensammlung Verlassendes Kind auf meiner Homepage. 




Dienstag, 4. Oktober 2016

BR Fernsehen Frankenschau: Verlassene Eltern - Wenn Kinder den Kontakt abbrechen

Am 2. Oktober 2016 strahlte der BR in der Frankenschau eine kurze Reportage zum Thema "Verlassene Eltern - Wenn Kinder den Kontakt abbrechen aus".
Zu Wort kommen:

eine verlassene Mutter
eine Heilpädagogin des Trauernetz-Consolare e.V.
eine verlassende Tochter
ein Therapeut

Das Video ist zu sehen unter "Verlassene Eltern", allerdings ist in dieser Fassung der Studiogast Prof. Franz Ruppert nicht dabei. Wer seine therapeutische Unterlegung nicht verpassen möchte, müsste sich das Video, eingebettet in die ganze Sendung, unter "Frankenschau" ansehen (Beitrag beginnt bei 8 Minuten) oder den Video "Expertengespräch - Verlassene Eltern" anklicken.

Der BR war der Sender meiner Wahl, als ich zu Beginn dieses Jahres von verschiedenen Fernsehformaten für einen Beitrag angeschrieben wurde. Es kostete mich Überwindung und Mut einen weiteren Schritt an die Öffentlichkeit mit diesem Thema zu wagen (Danke an das großartige BR-Team!).
Nun hatte ich jedoch diesen Appell von Jörg Eikmann im Ohr "Kinder traut euch endlich euren Mund aufzumachen!".
Ich selbst hatte geschrieben "Manchmal frage ich mich, ob bei diesen Dokus, die emotionale Stimmung verbreiten, ein Psychologe drüberschaut."
Kneifen gilt nicht, wenn man herausfinden will, ob man dem nächsten Scheinriesen gegenübersteht.

Und mit dem Studiogast Prof. Franz Ruppert schaute ein Psychologe drüber (leider sehr kurz), der Ahnung hat von Bindungstraumen. Er ist Autor des Buches "Trauma, Bindung und Familienstellen", das ich sehr empfehlen kann.

Wie ihr seht, habe ich es überlebt. Tschakka!