Donnerstag, 20. April 2017

Depression und Familie

Gerade lese ich das Buch "Sie haben es doch gut gemeint – Depression und Familie“ von Josef Giger-Bütler, einem Psychotherapeuten aus der Schweiz, der sich auf die Therapie und Heilung von Depressionen spezialisiert hat. Depression ist in unserer Familie, meines Erachtens, kein Thema. Das Buch hat jemand mitgebracht, in dessen Familie es wohl ein Thema ist. Und es interessierte mich.

Jedes Jahr zu Weihnachten erhalten wir einen Rundbrief, geschrieben von einer Frau mit großer, international verstreuter Familie. Die Frau kenne ich persönlich nicht, sie entstammt dem Bekanntenkreis meines Mannes vor meiner Zeit. Ihre Briefe las ich trotzdem gern, waren sie doch immer so lebendig und voller Abenteuer. So unglaublich positiv und optimistisch. Sie sprühten nur so vor Energie und Lebenslust. Vor wenigen Jahren enthielt der Brief einen Bruch, nämlich die Schilderung, dass das geliebte Wohnmobil verkauft wurde, da ihr Mann an einer Depression leidet und nicht mehr wegfahren will. In den folgenden Jahren war fast spürbar, wie die Depression des Mannes auch der Frau jegliche Kraft und Perspektive entzieht. Letztes Jahr enthielt der Brief nur noch Stichpunkte, die bei mir den Eindruck hinterließen „Ich lebe noch, möchte euch aber ersparen wie“.
Ich kenne aus meiner Jugend Freundinnen, deren Mütter unter Depressionen litten und wir uns deswegen nur flüsternd in einem verdunkelten Haus bewegen durften.
Was Depression tatsächlich bedeutet, war mir nie wirklich ersichtlich. Das Buch klärt mich auf und ich hoffe, dass ich das, was ich bisher so auf dem Schirm hatte, fallen lassen kann. Josef Giger-Bütler räumt auf mit Urteilen und Vorurteilen, die entstehen, wenn man nicht betroffen ist und keine Ahnung hat. Er beschreibt Depression als eine perfide Überlebensstrategie, die bereits in der Kindheit angelegt wird. Als eine Permanent-Überforderung, die der Umgebung erst dann auffällt, wenn der Punkt erreicht ist, an dem nichts mehr geht. Und wie sie das eigene Leben, aber auch das der Nahestehenden zerstören kann. Giger-Bütler bietet Lösungswege an. Er hat sogar Folgebücher geschrieben, in denen er die Depression als heilbar erklärt und Anleitungen zum eigenständigen Ausstieg gibt.

Im Kapitel „Depression entsteht in der Familie – Krank machende Bedingungen in der Kindheit“ gibt es eine Passage, die mich persönlich anspricht, weil sie mir die Antwort auf eine Frage gibt, die zwar nichts mit Depression zu tun hat, wohl aber mit dieser emotionalen Unterversorgung, die so viele von uns betrifft. In diesem Kapitel beschreibt er nach außen „intakte“ Familien, in denen Eltern oder ein Elternteil zwar da sind, aber (aus unterschiedlichsten Gründen) doch nicht da sind. Und wie unter solchen Bedingungen verhaltensunauffällige, funktionierende Kinder entstehen. Brav, lieb, angepasst (und in ihrer Entwicklung gestört).

Oder man könnte auch sagen, dass sich die Eltern gegen die Kinder entscheiden, auch wenn es für sie nie um einen Entscheid geht. Wenn sie sich bewusst entscheiden müssten, dann würden sie sich mit größter Sicherheit in aller Entschiedenheit und Überzeugung für die Kinder entscheiden. Wenn ich trotzdem von einem Entscheid spreche, dann meine ich, dass es sich aus der Sicht der Kinder tatsächlich um eine Entscheidung gegen sie handelt.
Giger-Bütler "Sie haben es doch gut gemeint" Depression und Familie

Jaaa, das ist es. Einatmen, ausatmen, aufatmen.

Das sind genau die beiden unterschiedlichen Sichtweisen, oder besser Fühlweisen, von Eltern und Kindern. Die Eltern würden sich nie gegen uns entscheiden. Und doch tun sie es.

Mein persönliches Fallbeispiel:
Ich war ein unglaublich freiheitsliebendes Kind und am liebsten in der Natur unterwegs, was sich als schwierig gestaltet, wenn man mitten in der Großstadt aufwächst. Mein älterer Bruder und ich verbrachten drei Jahre ganztags in einem Kindergarten. Unser jüngerer Bruder durfte mit der Mama nach Hause, auch dann, als er selbst im Kindergartenalter war. Als ich sie darauf ansprach, warum er und nicht ich, antwortete sie „Weil er sich so schön alleine beschäftigen kann und du eben nicht“. Meine Freiheitsliebe und Naturverbundenheit waren Eigenschaften, die mich unter den Lebensbedingungen, in denen meine Eltern lebten, dazu führten, dass mir meine Freiheit entzogen und ich von der Natur entfernt wurde. Meine Mutter war nicht berufstätig, sie hatte einen kleinen 3-Zimmerhaushalt zu führen, sie hätte jeden Tag mit uns rausgehen können, aber sie konnte nicht, aus verschiedensten Gründen, für die wir Verständnis haben mussten. Andere Dinge gingen vor. Da spielte es auch keine Rolle, dass der Kindergarten eine Erziehungsanstalt war, in der die Kinder nie an die frische Luft durften, bei jedweder Art von Undiszipliniertheit auf dem kalten Klo Strafe stehen mussten oder eingesperrt wurden, bei Erbrechen gezwungen wurden ihre eigene Kotze zu löffeln. Dazu meinte meine Mutter „Ich bin froh, dass ich überhaupt einen Platz für euch bekommen habe“. Sie meinte auch „Meine Kinder sind mein Ein und Alles“. Sie hätte uns nie weggegeben. Und doch hat sie es getan.

Donnerstag, 13. April 2017

Ankündigung Vortrag Franz Ruppert zum Thema "Das Trauma des Krieges - wie Kriege von einer Generation in die nächste wirken" in Bamberg

In Bamberg findet am 19. September 2017 ein Vortrag von Franz Ruppert zum Thema "Das Trauma des Krieges - wie Kriege von einer Generation in die nächste wirken" statt.

Dienstag, 19. September 2017, 18:30 - 20:00 Uhr

Seniorenzentrum Arbeiterwohlfahrt Bamberg
Hauptsmoorstr. 26
96052 Bamberg

Weitere Informationen und Anmeldung: Ernst Wolf 0171–412 6756; ew-bamberg@t-online.de

Dienstag, 11. April 2017

Eine Sichtweise

Eine  Beziehung, in der du nicht authentisch sein darfst,
hat ihren Wert verloren,
denn sie zwingt dich, dich zu verstellen,
dich also nicht zu lieben.
Und wenn du dich nicht liebst,
nimmst du dir die Kraft, andere zu lieben.

A.Antila

Dienstag, 4. April 2017

Schwamm drüber oder die Täter-Opfer-Spaltung

Gestern stellte sich mir eine Frage:

Es gab viele Generationen vor uns, in denen Kinder NICHT von ihren Eltern gewollt und geliebt wurden. Fehlende Verhütungsmittel und die "eheliche Pflicht" erzeugten ungewollte Schwangerschaften. Oft im Übermaß. Was die Kinder nicht wertvoller machte.

Warum also tut sich gerade unsere Generation so schwer damit, wenn sie sich von den Eltern ungeliebt, missverstanden, nicht gesehen, körperlich und emotional missbraucht fühlt? Warum gibt es in unserer Generation diese Funkstille und den Kontaktabbruch? Gab es das früher nicht? Wurde früher wirklich so viel VERZIEHEN? Oft wird ja eingefordert, dass die Kinder das schwere Schicksal der Eltern verstehen und ihnen aus diesem Verständnis heraus vergeben sollten. Schwamm drüber, fordert eine Verlassene Mutter im Thread von Tina Soliman. Du musst verzeihen, erst dann findest du deinen Frieden, das habe ich schon oft gehört. Ist das so? Muss/kann/darf ich jemandem verzeihen, der seine Verfehlungen herunterspielt oder verleugnet? Der sagt "Ich bin unschuldig. Ich hab doch gar nichts gemacht!" Sogar in der katholischen Kirche muss man erst seine Sünden beichten bevor man die Absolution erhält. Der katholische Gott verzeiht nicht einfach so. Wenn nicht einmal Gott das tut, warum wird das von uns verlangt? Ich wurde in einem obskuren katholischen Glauben erzogen und bin somit auch zur Beichte gegangen. Dort galt nicht "Mein Magen hat so geknurrt, deswegen habe ich aus Nachbars Garten Kirschen geklaut. Das müssen Sie verstehen." Das hat der Herr Pfarrer nicht verstanden. Was hast DU GETAN? "Ich habe gestohlen, das tut mir leid, ich werde es nicht mehr tun, auch wenn mir der Magen knurrt". Ein guter Pfarrer erwiderte "Bete dein Vaterunser und geh zum Nachbarn um dich zu entschuldigen." Rechtfertigungen und Rausreden haben einen nicht aus dem Beichtstuhl gebracht.
Besagte Mutter hat ihrem Vater seine Taten verziehen und verlangt das nun auch von ihren Kindern. Schwamm drüber. Die Kinder wollen aber nicht mehr mit dem Schwamm alles auswischen, bevor nicht die Zeche bezahlt wurde und damit die Schulden beglichen sind.
Die Formel nutzen wir bis heute, wenn wir eine unangenehme Angelegenheit abhaken, nicht mehr über sie sprechen oder die ganze Geschichte einfach vergessen wollen.
Auf der Homepage von Professor Ruppert gibt es eine sehr gute Beschreibung der Täter-Opfer Spaltung (vom Opfer durch Verleugnen/Verdrängen zum Täter werden). Ein Auszug:

Wie findet man aus der Opferhaltung heraus?

Anerkennen des eigenen Opfersein, fühlen der eigenen Traumatisierung
Erkennen und Annehmen des entstandenen Schadens
Mitgefühl für sich selbst zulassen
Konkreten Ausgleich für den Schaden vom Täter einfordern, falls noch möglich
Verzicht auf Rache über den Schadensausgleich hinaus
Symbiotisch verstrickte Lösungsversuche

Rache: Täter vernichten und zerstören
Rebellion: gegen Täter blind ankämpfen
Verzeihen: Tätern Schuld und Scham abnehmen
Versöhnen: Harmonieideale jenseits einer Aufarbeitung des Opfer- und Täterseins
Zuflucht in der Spiritualität nehmen
Wie findet man aus der Täterhaltung heraus?

Anerkennen der eigenen Taten
Anerkennen der persönlichen Schuld
Zulassen der eigenen Scham
Mitgefühl für das Leid der Opfer
Bemühen um Ausgleich für den Schaden
Verzicht auf Sühne über den Schadensausgleich hinaus
Leben jenseits der Täter-Opfer-Spaltung
Beziehungssysteme verlassen, die in Täter-Opfer-Dynamiken gefangen sind
Gesunder Selbstbezug, gesunde Autonomie, gute Abgrenzung
Selbstachtung und Konfliktfähigkeit
Konstruktiv symbiotische Beziehungen leben
Win  -win   - statt win-loose-Situationen schaffen
Finden, was gesunde Angst, Wut und Liebe ist

Verzeihen und damit den Tätern Schuld und Scham abnehmen, Versöhnen und damit Harmonieideale jenseits einer Aufarbeitung des Opfer- Täterseins weiterleben - sprich mit dem Schwamm drübergehen - das ist einfach vorbei.

Allen Kindern, die unter ihrer Kindheit im Kreis ihrer Familie leiden, ihre Eltern mit deren Tätertum konfrontieren und bei konsequenter Verweigerung als einzigen Ausweg aus der Spirale der Opfer-Täter-Dynamik in Familien den Kontaktabbruch wählen, sei gedankt dafür, dass sie etwas nicht mehr hinnehmen wollen, was seit Generationen gehandhabt wird - mit dem Schwamm etwas auswischen, was nie angeschaut werden wollte.

Ich möchte behaupten, dass Kontaktabbruch, als Selbstschutz vor verleugnenden Eltern, ein Dienst an der Gesellschaft ist. Das Nicht-mehr-hinnehmen-wollen des Schwamm drüber bedeutet einen Austritt aus der Spirale von Missachtung und Lüge.

Wobei wir nicht vergessen sollten, dass auch wir Verantwortung für unser eigenes Tätertum übernehmen dürfen. Die Spielregeln gelten für alle. Wir sind Opfer und Täter in einem. Ohne Ausnahme.