Donnerstag, 11. Mai 2017

Jesus on youtube

Manchmal frage ich mich, was aus Jesus geworden wäre, wenn er zu Zeiten von Social Media gelebt hätte.

Wieviele Freunde hätte er auf Facebook gehabt? Unermesslich viele, denn auf der Hochzeit von Kana hatte die Braut selbstverständlich die komplette Zeremonie filmen lassen und einer seiner Follower stellte das "Wasser-zu-Wein-Event" postwendend auf youtube. Die Klicks erreichten Milliardenhöhe. Da Jesus sehr im sozialen Bereich beschäftigt war, musste er eine Social Media Agentur beauftragen, die seinen Facebook-Account pflegte, denn leider hatte er nicht nur Bewunderer, sondern auch Hater, die ihn als Scharlatan verunglimpften. Seine Wunderheilungen durch Handauflegen stießen im Netz nicht nur auf positive Bewertungen. Viele beschwerten sich, dass man für eine Terminanfrage stundenlang in der Hotline hing und dann freundlich, aber bestimmt, auf die Warteliste gesetzt wurde. Nächste Terminvergabe beim Wunderheiler: 6 Jahre, 3 Monate und circa 25 Tage. Jesus selbst nahm kein Geld, aber sein Imagecoach riet ihm, dass er Spenden für ein Charity-Projekt verlangen sollte. Ein Ghostwriter veröffentlichte seine Biografie, die auf jeder Bestsellerliste vertreten war und auf Amazon von einem Top-Rezensient zu den 10 wichtigsten Werken des Jahres gekürt wurde. So ziemlich jedes Brautpaar wollte ihn für die Hochzeit buchen, weil sie sich mit seiner Fähigkeit, billiges Wasser in Alkohol zu verwandeln, richtig viel Geld sparten und sich dann Luxus- Flitterwochen leisten konnten. Jesus war sogar Kandidat für den Friedensnobelpreis und hatte Anfragen für Gastauftritte in mehreren Serien. Er sah halt einfach umwerfend gut aus, dichte Haare, schöner Vollbart, er war Vegetarier auf dem Weg zum Veganer, ernährte sich fast nur von Wasser und Brot, was ihm einen asketisch schlanken Körper bescherte und er hatte wunderschöne Augen. Die Frauen liebten ihn und kein Unterkunftaufenthalt ohne Gekreische seiner weltweit existierenden Fanclubs. Vor 3 Jahren hatte er einen Burn-out, weil er so gefragt war und zu den Gut-Menschen zählte, die nicht Nein sagen können. Er musste täglich bis zu 14 Auftritte absolvieren, in Präsenz seiner kompletten Entourage, ständig unter Kamerabeobachtung, was zu Stresssymptomen führte und einer misslungenen Heilung. Jesus machte sich schwere Vorwürfe und erlitt einen Zusammenbruch.

Als er in die Wüste meditieren gehen wollte, um zu sich selbst zurückzufinden, wurde er von unzähligen Drohnen verfolgt und die Fotos von ihm, mit geschlossenen Augen auf einem Berg, gingen durch die Klatschpresse. "Jesus vor dem Aus?" war noch eine der freundlicheren Überschriften. Viele behaupten, dass er seit seinem Zusammenbruch nicht mehr der Alte ist. Von einem gefährlich religiösen Fanatiker ist nun die Rede. Einem uneinsichtigen Weltverbesserer, der die ganze Welt retten will. Wahrscheinlich leidet er an einer grandiosen Naivität und will oder kann die Realität nicht akzeptieren. Online-Ärzte diagnostizieren ihm inzwischen sogar Wahnvorstellungen und manche behaupten, er litte an einer Persönlichkeitsstörung. Wahrscheinlich hat er das Trauma seiner Geburt und die ersten Wochen danach nie verarbeitet. Wer möchte schon auf einer Reise geboren, in Lumpen in einer kalten Futterkrippe liegen und von exotischen Menschen bestaunt werden? Fotos davon gingen rund um die Welt und machten ihn zum berühmtesten Windelpupser. Die Geschenke haben auch nur seinen Eltern genutzt. Für ihn war nichts dabei, nicht einmal ein Laufrad. Später durfte er kein Abitur machen, sondern musste einen Handwerkerberuf erlernen. Dass behauptet wurde, dass sein Vater nicht sein richtiger Vater ist, ihm aber die Existenz seines leiblichen Vaters vorenthalten wurde, machte ihm das Leben bestimmt auch nicht leichter. Seine Mutter war wohl auch nicht ganz dicht, die erzählte immer, dass er von einem Geist gezeugt wurde und machte sich wichtig damit. Hat sie je an ihr Kind gedacht? Wer will schon mit so einer Geschichte aufwachsen? Wahrscheinlich hat er mal "Rosemaries Baby" gesehen und das auf sich projiziert. Kein Wunder, dass er so viele Wunder vollbringen muss. Wahrscheinlich muss er beweisen, dass er nicht auf der dunklen Seite der Macht steht. Er war schon immer ein bisschen sonderlich und seine Geschwister schämten sich für ihn. Das ideale Mobbing-Opfer. Naja, er hatte ja mal den Ruf eines Mystikers, aber das ist schon lange vorbei. Er leidet seit frühester Kindheit an Selbstzweifeln, wie nun seine Mutter in einem Interview erzählte, und einem nicht unerheblichen Minderwertigkeitskomplex. Da er ja kein Geld nehmen will, ist er noch immer Kassenpatient. Wahrscheinlich hatte er einen inkompetenten Therapeuten. Selber Schuld. Er wollte nie akzeptieren, dass Geld den Wert hebt und das Leben einfacher macht. Die Chance hätte er ja gehabt. Jetzt taugt er nur noch für Freak-Shows.

Lass uns ein Bier aufmachen und dann schauen wir uns dieses irre Video auf youtube an, bei dem er mitspielt. Das hat er wohl gemacht, weil er irgendwie über die Runden kommen muss, nachdem einer seiner Jünger, sein Vermögensverwalter, ihn beschissen hat. Der kaufte sich von dem Geld eine Yacht, wurde aber nicht wirklich glücklich und hat sich dann am Mast erhängt. In diesem Video spielt er doch tatsächlich das volle Opfer. Da schleppt er auf einem Walk of Shame so ein Kreuz, an dem man ihn dann zu Tode foltert. Lol.

Dienstag, 9. Mai 2017

Das musst du verstehen!

Oder:

Warum ich einen analytischen Verstand entwickelte


Es gibt Leser meines Blogs, die sich verstanden fühlen und sich bei mir für die Offenheit bedanken.
Und da gibt es zwei Menschen, denen ich im letzten halben Jahr begegnete, die mir offen sagen, dass ich zu verkopft wäre.

Was macht ein verkopfter Mensch? Er macht sich Gedanken darüber, warum er als verkopft gesehen werden könnte. Warum er so viele Bücher über bestimmte Themen liest und theoretisches Wissen anhäuft, das ihm bei der Lösung seines Problems nicht wirklich hilft. Ich kann mit vielen Leuten schreiben und diskutieren - es löst nicht mein Problem. Es macht folgendes: Es lässt mich verstanden fühlen. Und das ist anscheinend etwas, was ich mein Leben lang misste. Ich lebte unter dem Appell: DAS MUSST DU VERSTEHEN! Und ich habe bis zum Erbrechen versucht zu verstehen. Als ich verstand, dass ich mein Leben bisher dieser Überzeugung widmete, kam Wut in mir hoch. Einige Jahre dachte ich, dass ich sie verloren habe, dass sie sich beim Praktizieren von Kampfkunst ausgetobt hätte. So lange war sie meine Vertraute, Begleiterin, mein Antrieb. Ich begann sie zu vermissen. Nun ist sie wieder da. Verändert. Sie fühlt sich weniger wie Ohnmacht und Verzweiflung an, eher wie eine Kraft. WOAAAHHH!!! Eine Woche lang hätte ich laut schreiend auf meinem Fahrrad durch die Fußgängerzone fahren können. Warum?

Mir wurde klar, dass ich immer dann, wenn ich als Kind Verständnis gebraucht hätte, weil ich alleine nicht zurecht kam und somit Hilfe bei den Erwachsenen suchte, zu hören bekam "Das musst du verstehen", weil die Familie, in die ich hineingeboren wurde, mit ihren Leben nicht zurecht kam. Es wurde von mir verlangt dafür Verständnis zu haben, dass die "Erwachsenen" sich nicht in der Lage fühlten mich aus missbräuchlichen Situationen zu befreien, weil es ihnen selber so schlecht ging. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Und was habe ich getan? Ich dachte verstehen zu müssen und bildete einen analytischen Verstand aus, der prima sezieren, analysieren, reflektieren kann. Was bringt es mir, dass ich unter der Überzeugung stehe alles verstehen zu MÜSSEN? Ich beschäftige mich mit Dingen, von denen ich denke, dass ich sie verstehen muss und sammle Wissen - emotional aber verstehe ich viele Dinge noch immer nicht. Es macht mich so wütend, dass das Verständnis, das ich als Kind von den Erwachsenen gebraucht hätte, von mir als Kind FÜR die Erwachsenen gefordert wurde und ich bis heute unter dem Anspruch stehe, dass ich doch alles verstehen MUSS!

Ich habe keine Lust noch mehr Verständnis zu entwickeln. Ich will nichts mehr verstehen müssen, weder die anderen noch die Welt und auch nicht unbedingt mich bis ins kleinste Detail. Es ist wie es ist - ob ich das nun verstehe oder nicht. Egal. Ich möchte mich jetzt mit den Dingen beschäftigen, die ICH wissen WILL.

Was bedeutet, dass ich mir (verkopft) Gedanken darüber machen darf, was ich ablegen möchte, weil ich mich bisher lediglich damit beschäftigte, weil ich den Drang verspürte es wissen zu müssen.

Ne Leute, Schluss damit. Ich fange jetzt mal an hinzuspüren und wenn mein Bauch sagt "Nö, kein Bock", dann lasse ich es einfach sein. Das müsst ihr verstehen!