Dienstag, 9. Mai 2017

Das musst du verstehen!

Oder:

Warum ich einen analytischen Verstand entwickelte


Es gibt Leser meines Blogs, die sich verstanden fühlen und sich bei mir für die Offenheit bedanken.
Und da gibt es zwei Menschen, denen ich im letzten halben Jahr begegnete, die mir offen sagen, dass ich zu verkopft wäre.

Was macht ein verkopfter Mensch? Er macht sich Gedanken darüber, warum er als verkopft gesehen werden könnte. Warum er so viele Bücher über bestimmte Themen liest und theoretisches Wissen anhäuft, das ihm bei der Lösung seines Problems nicht wirklich hilft. Ich kann mit vielen Leuten schreiben und diskutieren - es löst nicht mein Problem. Es macht folgendes: Es lässt mich verstanden fühlen. Und das ist anscheinend etwas, was ich mein Leben lang misste. Ich lebte unter dem Appell: DAS MUSST DU VERSTEHEN! Und ich habe bis zum Erbrechen versucht zu verstehen. Als ich verstand, dass ich mein Leben bisher dieser Überzeugung widmete, kam Wut in mir hoch. Einige Jahre dachte ich, dass ich sie verloren habe, dass sie sich beim Praktizieren von Kampfkunst ausgetobt hätte. So lange war sie meine Vertraute, Begleiterin, mein Antrieb. Ich begann sie zu vermissen. Nun ist sie wieder da. Verändert. Sie fühlt sich weniger wie Ohnmacht und Verzweiflung an, eher wie eine Kraft. WOAAAHHH!!! Eine Woche lang hätte ich laut schreiend auf meinem Fahrrad durch die Fußgängerzone fahren können. Warum?

Mir wurde klar, dass ich immer dann, wenn ich als Kind Verständnis gebraucht hätte, weil ich alleine nicht zurecht kam und somit Hilfe bei den Erwachsenen suchte, zu hören bekam "Das musst du verstehen", weil die Familie, in die ich hineingeboren wurde, mit ihren Leben nicht zurecht kam. Es wurde von mir verlangt dafür Verständnis zu haben, dass die "Erwachsenen" sich nicht in der Lage fühlten mich aus missbräuchlichen Situationen zu befreien, weil es ihnen selber so schlecht ging. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Und was habe ich getan? Ich dachte verstehen zu müssen und bildete einen analytischen Verstand aus, der prima sezieren, analysieren, reflektieren kann. Was bringt es mir, dass ich unter der Überzeugung stehe alles verstehen zu MÜSSEN? Ich beschäftige mich mit Dingen, von denen ich denke, dass ich sie verstehen muss und sammle Wissen - emotional aber verstehe ich viele Dinge noch immer nicht. Es macht mich so wütend, dass das Verständnis, das ich als Kind von den Erwachsenen gebraucht hätte, von mir als Kind FÜR die Erwachsenen gefordert wurde und ich bis heute unter dem Anspruch stehe, dass ich doch alles verstehen MUSS!

Ich habe keine Lust noch mehr Verständnis zu entwickeln. Ich will nichts mehr verstehen müssen, weder die anderen noch die Welt und auch nicht unbedingt mich bis ins kleinste Detail. Es ist wie es ist - ob ich das nun verstehe oder nicht. Egal. Ich möchte mich jetzt mit den Dingen beschäftigen, die ICH wissen WILL.

Was bedeutet, dass ich mir (verkopft) Gedanken darüber machen darf, was ich ablegen möchte, weil ich mich bisher lediglich damit beschäftigte, weil ich den Drang verspürte es wissen zu müssen.

Ne Leute, Schluss damit. Ich fange jetzt mal an hinzuspüren und wenn mein Bauch sagt "Nö, kein Bock", dann lasse ich es einfach sein. Das müsst ihr verstehen!